#SXEU31 #DWAV020800 #SYNOPTISCHE ÜBERSICHT #KURZFRIST ausgegeben am Dienstag den 02.06.2026 um 08 UTC
SXEU31 DWAV 020800
S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 02.06.2026 um 08 UTC
GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: Ww (Winkelwest) mit Übergang zu TrW (Trog Westeuropa)
NESRIN und PEGGY auf Krawall gebürstet – klare Dominanz atlantischer
Tiefdruckgebiete mit sehr wechselhaftem und synoptisch herausforderndem Wetter.
Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 24 UTC
Dienstag… Morgen, der Luftdruck fällt, unweigerliches Zeichen, dass was im
Busche ist. Und tatsächlich, noch ein paar Stunden Galgenfrist, dann gehtŽs los.
Zwischenhoch CORNELIUS und der korrespondierende Höhenrücken werden nach Osten
verabschiedet und machen Platz für die nächste zyklonale Mischpoke, bestehend
aus dem Doppel-Tief NESRIN mit Kernen über Schottland und nordwestlich davon
(etwas unter 1000 hPa), dem zugehörigen Frontensystem mit Kaltfront als
Protagonistin und on topp einem scharf geschnittenen, leicht negativ (also nach
SO) geneigten KW-Trog mit diffluenter Vorderseite. Mit so einem Setup lässt sich
durchaus was anfangen, auch wenn die präfrontal bei uns einströmende Luftmasse
nicht unbedingt aus dem Premiumregal kommt. Dazu holt der Trog zu wenig nach
Süden aus, um Žne richtige hochenergetische Subtropikluft anzuzapfen, mit der
man das ganz fette Spektakel abfackeln könnte. Auf der anderen Seite wollen wir
die einströmende Warmluft (xS/mS); T850 10 bis 15°C) aber auch nicht schlechter
machen, als sie ist. Potenzielle Instabilität ist ebenso vorhanden wie
Wasserdampf, der vor allem in der Westhälfte (Stichwort Feuchteflusskonvergenz)
permanent zunimmt, was in PPWs bis zu 30 mm oder gar etwas darüber und
spezifischen Grundschichtfeuchten um 10 g/kg mündet. Kurzum, es ist angerichtet,
um Teilen des Landes ein markantes Schauspiel zu präsentieren, gespickt mit
einigen regional begrenzten Unwetter-Hotspots.
Der Versuch einer Chronologie: Es geht beschaulich los mit einem vielerorts
aufgelockerten Wolkenbild, das freilich noch dem scheidenden CORNELIUS
geschuldet ist. Vor allem in der Westhälfte tummeln sich aber schon einige,
teils stratiforme Wolkenfelder (schwache WLA), die am Vormittag – vorübergehend
- mehr werden. Grund ist ein ganz flacher, dem Haupttrog vorauslaufender
Sekundärtrog, der von Ostfrankreich bzw. der Schweiz kommend nord-nordostwärts
schwenkt. Dabei wird hier und da etwas Regen induziert, auch erste ungeduldige
Gewitter können nicht ausgeschlossen werden, schließlich klopfen die ersten von
Benelux her schon an. Bevor dann zum Nachmittag hin die Kaltfront von Westen
übergreift und den Hauptakt einleitet, könnte es im Westen und Südwesten nochmal
kurz aufgehen, was der energetischen Aufbereitung der Warmluft zuträglich wäre.
Allzu sehr in die Vollen wirdŽs zwar nicht gehen, aber es dürfte reichen, um in
der Westhälfte zumindest gebietsweise zwischen 500 und 900 J/kg MU-CAPE zu
generieren. Die Scherwerte fallen zunächst dürftig aus, was sich mit Annäherung
der Front respektive dem Haupttrog (ausgewiesenes PVA-Maximum auf der
Vorderseite, nur teilkompensiert durch vorlaufende KLA) im Laufe des Nachmittags
aber ändert. Insbesondere die LLS zieht an (bis zu 15 m/s), aber auch bei der
DLS lässt sich zumindest im äußersten Südwesten ein Maximum zwischen 20 und 30
m/s ausmachen.
Kurzum, etwa ab den Mittagsstunden kommt es zunächst in den westlichen
Landesteilen zu konvektiven Umlagerungen, die später auch den Südwesten, den
Süden und die Mitte erfassen. Zum Teil werden sich die Gewitter organisieren,
wobei neben kleineren Linien-/Bogensegmenten auch rotierende Zellen ihren Besuch
angekündigt haben. Gespielt wird grundsätzlich in der markanten Liga („bleib
locker, zieh ocker“; kleiner Insider), heißt, Starkregen zwischen 15 und 25 l/m²
innert kurzer Zeit, kleiner Hagel sowie Böen 8-9 Bft sollten der Standard sein.
Lokal bestehen aber berechtige Aufstiegshoffnungen in die „Rote“ Liga, sprich,
in den Unwetterbereich, sei es durch Starkregen > 25 l/m² und/oder Hagel bis zu
3 cm Korngröße. Gerade nach Südwesten hin sind auch schwere Sturmböen 10 Bft
nicht ganz ausgeschlossen (inverses V) – formell zwar kein WU-Kriterium, aber
gerade im Sommer ein nicht zu vernachlässigender High-Impact-Faktor.
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass bevor die ganze Chose losgeht, auch aus
den Alpen heraus schauerartige Regenfälle und einzelne Gewitter auf das südliche
Vorland übergreifen können. Gänzlich über jeden Zweifel erhaben bleiben heute
tagsüber weite Teile Norddeutschlands, vor allem der Nordosten, die östliche
Mitte und auch der Südosten. Zwar können am Nachmittag ein paar vereinzelte
Schauer nicht ganz ausgeschlossen werden, im Großen und Ganzen bleibt es bis zum
Abend aber trocken. Dazu scheint noch längere Zeit die Sonne, was die Luft auf
bis zu 27°C erwärmt. Ansonsten stehen maximal 22 bis 26°C auf der Karte, rund um
die Eifel sowie an den Küsten um 20°C.
In der Nacht zum Mittwoch schwenkt der Trog zu uns rein, wobei der sich immer
weiter verschlankt, indem er seine Amplitude nach Südosten ausweitet. Auf seiner
Vorderseite schiebt er die Kaltfront vor sich her in Richtung Nordosten.
Eingebettet in einen gut definierten Bodentrog wird sie dort in klassischer
Winkelwest-Manier aber immer weiter abgebremst, so dass Oder und Neiße bis zum
Frühstück nicht überschritten werden. Nichtsdestotrotz, Regenfälle und Gewitter
verlagern sich ost-nordostwärts, wobei die Wahrscheinlichkeit elektrischer
Entladungen mit zunehmender Nachtlänge abnimmt. Das Ganze geht dann mehr und
mehr in ungewittrigen Regen über, anfangs noch mit Starkregenpotenzial, dessen
Wahrscheinlichkeit bis zum Morgen ebenfalls abnimmt.
Postfrontal strömt ein Schwall subpolarer Meeresluft (mPs; Rückgang T850 bis auf
5°C) in weite Landesteile ein (nur der äußerste Nordosten bleibt noch
präfrontal). Hier und da lockert die Wolkendecke auf, unter dem Trog können sich
aber noch einzelne Schauer entwickeln. Thermisch gehtŽs runter auf 16 bis 10°C
(am wärmsten im Osten und Nordosten), in den Mittelgebirgen teils einstellige
Tiefstwerte.
Mittwoch… schiebt sich ein schmaler Azorenhochkeil bis zu den Alpen und dem
südlichen Süddeutschland vor, der den Anschein von leichtem Zwischenhocheinfluss
versprüht. Die große Nummer ist aber nicht zu erwarten, da der Trog über uns
andere Pläne verfolgt. Er hat nicht vor, den Vorhersageraum zügig zu verlassen.
Im Zeitlupentempo verlagert er sich ein bisschen nach Nordosten, so dass das
Potenzial von Westen her nur sehr zögerlich ansteigen kann. Ähnlich wie dem Trog
ergeht es auch der teilokkludierten Kaltfront im Nordosten, die mit ihrem
frontalen Regenband nur sehr unwillig unter Androhung von Strafen die
deutsch-polnische Grenze überschreitet bzw. zur Ostsee rauszieht. Zuvor regnet
es z.T. für längere Zeit, was Ostsachsen und der Lausitz durchaus rund 10 l/m²
Niederschlag bringen kann. Es soll allerdings nicht verschwiegen werden, dass
die meisten externen Modelle die Front und den Regen etwas flotter ins Exil
schicken, was dann auch Konsequenzen auf die Mengen hätte, nämlich weniger.
Der große Rest der Republik darf sich morgen auf abwechslungsreiche Abläufe und
ein mäßig warmes, hier und da sogar leicht kühles Temperaturniveau (17 bis 23°C)
einstellen. Mal scheint die Sonne zwischen Wolken durch, dann wieder nicht und
es muss mit der ein oder anderen Husche gerechnet werden. Auch einzelne Gewitter
stehen auf der Karte, da durch den Trog ausreichend Labilität erhalten bleibt
(nur sehr zögernd baut sich im Westen und Südwesten eine schwache Sperrschicht
auf) und der Tagesgang das Übrige tut. Meist handelt es sich um kurze
Basisgewitter Marke „gelb“, vereinzelt kann aber auch ein markantes Exemplar mit
SR um 15 l/m², kleinem Hagel und Böen bis 8 Bft nicht ausgeschlossen werden. Der
westliche Wind lebt gradient- und labilitätsbedingt mitunter leicht böig auf,
wobei in höheren Lagen inkl. des südlichen Alpenvorlands auch mal ein paar
steife Böen 7 Bft auftreten können. Ob das schlussendlich für eine Warnung
reicht, bleibt abzuwarten.
In der Nacht zum Donnerstag geht der Blick bereits wieder nach Westen, wo wir –
ausgestattet mit Feldstecher und BIF-Brille – PEGGY am Horizont sichten können.
Die Rede ist vom nächsten Tiefdruckgebiet, das bereits tagsüber bei den Hebriden
anlandet und in der Nacht als sehr solider Sommerwirbel (Kerndruck soll auf
unter 985 hPa sinken) Schottland Richtung Nordsee passiert. Zusammenarbeiten tut
PEGGY mit einem recht breit angelegten Potenzialtrog, der am Folgetag aber noch
etwas in seine Amplitude investiert. Ein Frontensystem ist freilich auch mit von
der Partie und das lässt sich auch gar nicht lange bitten, um uns auf die Pelle
zu rücken. Warmfront, Kaltfront, Okklusion, alles dabei, wobei der Kaltfront
sicherlich die größte Bedeutung zukommt. Sie wird uns nämlich den ganzen
Donnerstag beschäftigen, weil sie leicht ins Wellen kommt respektive durch eine
flache Zyklogenese über Spanien zurückhängt.
Zunächst mal gestaltet sich die Angelegenheit aber so, dass sich in der Nacht
erst leichter und diffus organisierter Warmfrontregen von Westen ostwärts
vorarbeitet. Danach folgt im Westen und Nordwesten Kaltfrontregen, wobei dessen
Intensität und räumliche Ausdehnung noch Fragen aufwirft. Von „gewittrig
durchsetzt“ bis „Rohrkrepierer“ scheint noch alles drin. Fakt ist, dass der auf
Südwest bis Süd rückdrehende Wind über der Deutschen Bucht sowie in den höheren
Lagen der westlichen Mittelgebirge zulegt mit Böen 7, vereinzelt 8 Bft.
Donnerstag… (Fronleichnam) steht uns die nächste synoptische Herausforderung
ins Haus und wer angesichts des (Teil)Feiertags größere Outdoor-Aktivitäten
plant, sollte den Wetterbericht etwas genauer studieren (macht kaum noch einer,
weil „meine App kann ja alles“). Egal, ob Bericht oder App, beide sollten auf
dem Schirm haben, dass da was geht in Sachen Wetter. Dabei ist weniger von
Bedeutung, dass sich das Tief PEGGY über der westlichen Nordsee sowie im
Seegebiet nördlich Schottlands in zwei Kerne aufsplittet (etwas unter 990 hPa).
Relevanter scheint die Tatsache, dass wir zunehmend auf die sehr
hebungsintensive Vorderseite des o.e. Trogs gelangen, der nicht nur für sich
arbeitet, sondern zudem noch von nordostwärts ablaufenden Sekundäranteilen
unterstützt wird. Darüber hinaus bohrt sich ein gut ausgebildeter Jetstreak in
den Westen und Norden hinein, der unter seinem linken Ausgang im Nordwesten ein
Hebungsmaximum aufweist. Berücksichtig man nun noch, dass sich im Tagesverlauf
zunehmend eine harmonische Interaktion des Troges mit der diagonal über
Deutschland liegenden, nach Südwesten zurückhängenden Kaltfront einstellt, wird
einem schnell klar, dass wir am Donnerstag nicht über „heiter bis wolkig und
trocken“ reden.
Es ist eine recht komplizierte Gemengelage, die sich da einstellt, wobei wir
bisher noch kein Wort über die Luftmasseneigenschaften verloren haben. Die sind
nämlich zweigeteilt bzw. es liegen zunächst zwei verschiedene Luftmassen vor:
präfrontale Warmluft im Süden und Osten (T850 10 bis 14°C), postfrontale
Kaltluft sonst (T850 8 bis 5°C). Die Hauptwetteraktivität spielt sich auf der
„kalten“ Seite ab (die natürlich nicht wirklich kalt ist), während in der
Warmluft wenig bis nichts passiert. Allerdings wird die Warmluft im Tagesverlauf
zusehend aus Deutschland abgedrängt, so dass die kalte, die wetterwirksame Seite
immer mehr an Raum gewinnt.
Bleibt „nur noch“ die Frage, ja wie wird denn das Wetter nun? Nach dem
nächtlichen Geplänkel, das sich bis in den Vormittag reinzieht, kommt es im
Tagesverlauf ausgehend vom Westen vermehrt zu schauerartigen Regenfällen und
teils kräftigen Gewittern. Und das, obwohl der Energiegehalt der Luftmasse alles
andere als üppig ist. Vor allem der fühlbare Anteil ist limitiert, während
latent durchaus was geboten ist. Ausreichend labil ist die subpolare Meeresluft
auch, so dass am Ende zwar nur einige hundert Joule pro Kilogramm CAPE zur
Verfügung stehen. Die reichen aber angesichts der dynamischen Rahmenbedingungen
und der mordsmäßig hohen Scherung dicke aus, um kräftige und nicht selten
organisierte Überentwicklungen zu generieren – klassischer Fall von „Low Cape,
High Shear“. Als Begleitparameter steht dabei eindeutig der Wind/Sturm im Fokus,
nicht allein wegen der Organisation, sondern auch wegen der Höhenwinde (um 40 Kt
auf 850 hPa). Gerade in sehr wahrscheinlich auftretenden Linien- und
Bogensegmenten muss mit (schweren) Sturmböen 9-10 Bft gerechnet werden. Außerdem
erkennt man gerade zur Mitte hin, teils aber auch im Nordwesten, gekurvte
Hodographen im unteren Troposphärenbereich bei gleichzeitig niedrigem HKN –
Nachtigall, ick hör dir trapsen. Das ominöse T-Wort, auch wenn wir den Teufel
hier noch nicht an die Wand malen wollen. Hagel und Starkregen sollen nicht
unter den Tisch fallen, spielen aufgrund der Rahmenbedingungen (wenig CAPE,
zügig ziehende Gewitter) aber nur eine Nebenrolle.
Nach Südwesten hin deutet sich im Tagesverlauf weniger konvektiver als vielmehr
stratiformer Regen an, der durch die wellende Kaltfront induziert wird
(Anacharakter). Hier gibt es aber noch Modellunterschiede.
Bliebe nur noch zu konstatieren, dass der Südwestwind auch abseits der
Konvektion mitunter stark böig auffrischt und die Range der Höchsttemperatur von
17/18°C an der Nordsee bis 25°C in der Lausitz und in SO-Bayern reicht.
Modellvergleich und -einschätzung
Die äußerst abwechslungsreiche Abfolge ausgehend von ausgereiften atlantischen
Systemen wird in der Basis sehr ähnlich von den diversen Modellen simuliert.
Dass die Details dabei unterschiedlich wegkommen, liegt in der Natur der Sache.
Das impliziert natürlich auch, dass die Wetterlage mal mehr, mal weniger ein
gewisses Überraschungspotenzial birgt. Langweilig wirdŽs jedenfalls nicht.
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann