#SXEU31 #DWAV230800 #SYNOPTISCHE ÜBERSICHT #KURZFRIST ausgegeben am Freitag den 23.10.2026 um 08 UTC
SXEU31 DWAV 230800
S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 23.10.2026 um 08 UTC
GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: SWz mit ganz leichtem Hang zu Wz (Südwest/West zyklonal).
LUISE und MANJA mischen auf – abwechslungsreiches und sehr unbeständiges
Wochenende mit teils kräftigen Regenfällen, Gewittern sowie Wind und Sturm. Am
Sonntag an der Nordsee erst schwerer Süd-, dann schwerer Weststurm!
Synoptische Entwicklung bis Sonntag 24 UTC
Freitag… stehen wir unmittelbar vor einem Wochenende, an dem nicht nur die
Zeit umgestellt wird und die Bayern ins ungeliebte Breisgau zum heimischen SCF
reisen müssen. Nein, auch synoptisch-meteorologisch wird ganz weit oben ins
Regal gegriffen, um allen Anhängern abwechslungsreicher und spannender
Wetterlagen einige Filethappen zu kredenzen. Auch die Diensthabenden werden mal
wieder richtig gefordert, was aber auch gut so ist, damit man nicht in die
klassisch herbstliche Lethargie mit Nebel ja/nein und „sonst nix los“ verfällt.
Einsteigen wollen und müssen wir am heutigen Freitag, an dem wir uns nach einer
vergleichsweise beschaulichen Tagesphase mehr und mehr einem Tief widmen müssen,
das aktuell noch mitten im Ärmelkanal steckt. Die Rede ist von LUISE, die
international auf den Namen Austen getauft wurde. LUISE ist von Beruf Sturmtief,
kein gewöhnliches, sondern ein sogenanntes hybrides, wobei vor allem der warme
Kern ins Auge sticht und das Tief von einem Klassiker der Norwegischen Schule
unterscheidet. Für den Titel echte Shapiro-Keyser-Zyklone (SKZ) reicht es aber
nicht, was an dieser Stelle nicht aber weiter vertieft werden soll. Fakt ist,
dass der Kerndruck heute Morgen etwa zwischen 980 und 985 hPa liegt und das Tief
- obwohl entkoppelt von der mäandrierenden Frontalzone und schon mitten im Trog,
also im kalten Bereich liegend – sich sogar noch geringfügig vertieft respektive
recht lange den Status Quo hält, was u.a. auf die warme Kernstruktur zurückgeht.
Auf alle Fälle wird das Tief in den nächsten Stunden den Ostausgang des Kanals
nehmen und sich wahrscheinlich knapp offshore entlang der niederländischen Küste
entlanghangeln, um am Abend Nordholland bzw. die Zuidersee zu erreichen. Während
die Zugbahn mittlerweile von den Modellen gut und weitgehend kongruent gehändelt
wird, tun sich Mensch und Maschine hinsichtlich der Frontenstruktur schwer.
Heute Nacht wurde noch „klassisch“ analysiert (Warm-/Kaltfront, Okklusion), doch
wird sich dieses Modell nur schwer halten lassen. Vor allem die Kaltfront hat
keine wirkliche Überlebenschance. Neben dem zum Abreißen zum Kernbereich, was ja
nicht untypisch ist für hybride Tiefs, kommt die mangelnde Baroklinität, die das
Detektieren einer Front zunehmend erschwert. Von daher an dieser Stelle gar
nicht so viel Theorie und Konzeption, sondern vielmehr eine praktische
Betrachtungsweise.
Die zeigt uns nämlich schon aktuell, wie die LUISE gestrickt ist. So werden um
den Tiefkern herum mehrere konvektiv geprägte Regenbänder gewickelt, während
vorderseitig so etwas wie skaliger Regen erkennbar ist, der auf den
Warm-Conveyor-Belt zurückgeht. Letzterer wird sich im Tagesverlauf
ost-nordostwärts ausbreiten, ohne dabei nennenswerte Akzente zu setzen. Was von
Westen folgt sind dann mit Unterbrechungen bis weit in die kommende Nacht hinein
die konvektiven und weit intensiveren Anteile. Summiert man das Ganze über 24
Stunden bis Samstagfrüh auf, ergibt sich eine ziemlich ungerechte Verteilung.
Während in der Osthälfte abgesehen vom südöstlichsten Bayern und dem Alpenrand
(dort vor allem in der Nacht Niederschlag, Schneefallgrenze auf etwa 1000 m
sinkend) Schmalhans den Küchenmeister gibt und vielfach noch nicht mal einen
einzigen Millimeter in seine (Koch)Töpfe bringt, wird nach Westen hin,
schwerpunktmäßig in den Staulagen der dortigen Mittelgebirge ganz ordentlich
geklotzt. Teile des Bergischen Lands, des Hunsrücks und der Eifel können bis zu
30, ganz lokal vielleicht 40 l/m² erwarten. Ansonsten stehen zwischen
Saarland/RP und Nordsee gebietsweise 10 bis 15, punktuell bis zu 20 l/m² auf der
Karte. Hinzu könnten heute Nachmittag im Südwesten noch ein oder zwei Gewitter
dazukommen, wenn es nämlich etwas labilisiert und die Spitze des Höhentrogs
näherkommt. Viel CAPE steht nicht zur Verfügung, dafür schert es ganz gut.
WennŽs rumsen sollte, dann könnten Böen 8-9 Bft begleitend mit von der Partie
sein.
Jetzt aber endlich zum wichtigsten Parameter, dem Wind. Der legt nämlich aus
südlichen Richtungen kommend in den nächsten Stunden in der Westhälfte sowie im
zentralen Mittelgebirgsraum kontinuierlich zu. Dabei muss mit Böen 7-8 Bft, im
Bergland je nach Exposition 8 bis 10 Bft, dem Brocken 11 Bft gerechnet werden.
Summa summarum alles noch in normalen herbstlichen Bahnen ohne die ganz großen
Ausschläge. Die kommen dann erst ab den Abendstunden ins Spiel, wenn der
Tiefkern näherkommt, sprich, den Norden Hollands überquert, die ostfriesische
Küste erreicht, um schlussendlich in den Morgenstunden irgendwo im Raum Sylt
anzulanden. Zwar beginnt sich die LUISE onshore reibungsbedingt allmählich
aufzufüllen, der Gradient bleibt aber äußerst veritabel aufgestellt. Noch
imposanter sind allerdings die Höhenwinde, die am Südrand des Kerns
wahrscheinlich in Form eines Cold-Jets (CJ) auftreten: bis 70 Kt auf 850 hPa, je
nach Modell um oder sogar über 50 Kt auf 950 hPa sind wuchtige Zahlen, die von
niederländisch-belgischer Seite auf Teile des Westens zukommen. Die Frage ist,
wie viel von diesem zwischen 1 und 2 km Höhe auftretenden Maximum kann am Ende
runtergemischt werden. Eine Frage, die schwer zu beantworten ist und stark davon
abhängt, wie der Entwicklungsstand des Tiefs (der ja eher leicht absteigend ist)
mit der Labilität und dem Gradienten interagiert. Die Modelle scheinen gegenüber
gestern etwas entspannter dreinzuschauen. Trotzdem sollten wir vor allem von
RP/Saarland bis nach NRW, am späteren Abend dann auch in Teilen von NDS von Böen
9 Bft und vereinzelt auch schweren Sturmböen 10 Bft ausgehen. In einigen
Hochlagen wie z.B. dem Brocken oder auch im Hochschwarzwald kommt es sogar zu
Orkanböen 12 Bft. Mit Verlagerung des schwächelnden Tiefs wandert auch das
Starkwindfeld über den Norden ostwärts, wobei zu einer allmählichen Abschwächung
kommt. Gleichwohl muss noch mit Böen 8 Bft, anfangs vereinzelt 9 Bft gerechnet
werden, wobei der Wind zunehmend auf Südwest dreht.
Kurz noch ein Satz zum Süden, wo in den Abendstunden eine Druckwelle von West
nach Ost durchgeht und den SW-Wind vor allem im Alpenvorland vorübergehend auf
Böen 7-8 Bft anspringen lässt.
Temperaturen: Tagsüber bei guter Durchmischung maximal 11 bis 16°C, nachts 11
bis 4°C, im Bergland z.T. etwas darunter.
Samstag… kommt LUISE über die Kimbrischen Halbinsel nicht hinaus, wo sie sich
mächtig auffüllt und bereits am Mittag nur noch ein bodentrogartiges
Schattendasein fristet. Tja, so schnell kannŽs gehen nicht nur in Hollywood und
auf dem Boulevard, auch die Atmosphäre kann mitunter gnadenlos sein: heute noch
ein vielbeachteter Star im Reigen synoptischer Hauptdarsteller, morgen nur noch
eine kaum mehr beachtete Randerscheinung. Nun gut, langweilen müssen wir uns
deswegen nicht, steht doch mit der werten MANJA bereist die nächste Wuchtbrumme
über dem nahen Atlantik parat. Mit einem Kerndruck von nahe 950 hPa hat das Tief
morgen Mittag gerade eine rapide Zyklogenese oder etwas martialischer
Bombogenese hinter sich, Position nord-nordwestlich von Irland.
Bevor dieses Sturm- respektive Orkantief aber bei uns so richtig ins Geschehen
eingreift, steht erstmal ein zwar nicht ruhiger, im Vergleich aber relativ
überschaubarer Samstag auf dem Zettel. Zwischenhocheinfluss nennt man sowas in
der Regel, was im morgigen Fall aber nur bedingt zutrifft. Nur langsam
verabschiedet sich der abtropfgefährdete Höhentrog gen Osten und der
nachfolgende flache Rücken taugt nicht wirklich, um hier nennenswerten
Druckanstieg zu initiieren. So bleibt es bei einem schmalen, zonal exponierten
Hochkeil über Süddeutschland, der dort zwischen den Wolken ein paar
Sonnenfenster öffnet. Ansonsten bleibt es bei einer wenn auch leicht
antizyklonal konturierten Zonalströmung, die aber nicht verhindern kann, dass
schauerartig geprägter, an den Trog geknüpfter Regen von West nach Ost
durchgeht. Dahinter lockert es zwar etwas auf und bleibt auch für ein paar
Stunden trocken. Zum Abend hin allerdings kündigen sich im Westen schon die
Vorboten von MANJA in Form mehrschichtiger Bewölkung und ersten Tropfen an.
Kurz noch zum Wind, der aus Südwesten bis Westen kommend (im Osten anfangs noch
aus Süden) weiterhin böig auffrischt mit Böen 6-7 Bft, Bergland/Leelagen/Küste
7-9 Bft, Brocken bis 11 Bft. Erst im Laufe des Nachmittags und Abend kehrt dann
ein bisschen Ruhe ein, quasi die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Höchsttemperatur 9
bis 15°C.
In der Nacht zum Sonntag wirdŽs wieder ernst. Das Orkantief passiert den
äußersten Norden Schottlands in Richtung nördliche Nordsee. Mit am Start das
okkludierende Frontensystem, das dem Vorhersageraum schon bedrohlich (sagt man
so, Žne echte Bedrohung ist es natürlich nicht) nahekommt. Äußerst kräftige WLA
setzt ein, mit der von Südwesten her eine milde, vor allem aber fett
feuchtgesättigte Luftmasse von der Biskaya bzw. dem Seegebiet west-südwestlich
zu uns gelangt. T850 steigt im Süden und in der Mitte auf 6 bis 9°C an, doch
weit imposanter sind die Werte des PPWs, das auf 30 mm oder sogar darüber
ansteigt. Auf so etwas haben wir lange warten müssen, werden doch damit die
Voraussetzungen geschaffen, endlich mal „richtiges“ Regenereignis (wir bräuchten
natürlich noch mehr davon) zu generieren. Und auch der Wind lässt sich nicht
lumpen.
Zuerst der Regen, der sich im Laufe der Nacht ostwärts ausbreitet und dabei
besonders nach Mitternacht (man beachte, die zweite Nachthälfte dauert wegen der
Zeitumstellung eine Stunde länger) an Intensität zulegt. Vor allem in den
Staulagen der westlichen Mittelgebirge schüttet es z.T. wie aus Kannen, was in
der morgendlichen Schlussbilanz Mengen zwischen 25 und 40, lokal vielleicht um
50 l/m² innert 6 bis maximal 12 Stunden zur Folge hat. Am frühen Morgen gelangt
der äußerste Nordwesten auf die Rückseite der Okklusion, was das Ende des
skaligen Regens, aber nicht das Ende des Regens per se bedeutet. Grund sind
erste Schauer, die von der Nordsee her das küstennahe Binnenland streifen.
Punkt #2 betrifft den Wind, der zunächst aus südlichen Richtungen weht, später
dann auf Südwest dreht. Von West nach Ost frischt der Wind spürbar auf mit Böen
7-8 Bft in tiefen Lagen (zu mehr dürfte es aufgrund der sehr stabilen Schichtung
noch nicht reichen) und 9 bis 12 Bft je nach Exposition auf den Bergen. Über der
Deutschen Bucht kommt ein schwerer Südsturm in Gang, auf freier See mit
Orkanböen 12 Bft, an den Küsten nicht zuletzt wegen der „ungünstigen“ (in Sachen
Sturmflut sollte man eher von „günstig“ sprechen) maximal 10 Bft. Nach Durchgang
der Okklusion bzw. Kaltfront ebbt der auf SW drehende Wind kurzzeitig ab, um
dann gerade auf und an der Nordsee aber rasch wieder zuzulegen.
Tiefstwerte 11 bis 6, im Südosten bis 2°C.
Sonntag… zieht MENJA in Richtung Seegebiet Viking. Auf dem Weg dorthin hat sie
ihren Karrierehöhepunkt bereits überschritten, was am kongruent überlagerten
Höhentief und der damit verbundenen senkrechten Drehachse erkennbar ist. Trotz
mariner Position füllt es sich allmählich auf, bringt um 12 UTC aber immer noch
beachtliche 960 hPa (oder sogar etwas weniger) auf die barische Waage. Das
reicht dicke, um bei uns einen mehr als veritablen Druckgradienten aufrecht zu
halten, der zudem noch Unterstützung durch die zunehmend labile Schichtung der
frisch einfließenden maritimen Polarluft erfährt (mP; Rückgang T850 auf 4 bis
0°C, T500 Norden/Mitte auf -25 bis -28°C). Die teilokkludierte Kaltfront zieht
aus Deutschland raus, was im Süden aufgrund alpin verursachter fehlender
Barrierefreiheit am längsten dauert.
Dort regnet es auch entsprechend am längsten und intensivsten, erst im Laufe des
Abends zieht sich der Niederschlag in die Alpen zurück. Nun sind es die
Staulagen der südlichen Mittelgebirge sowie das Allgäu, wo es ordentlich
schüttet mit 6- bis 12-stündigen Summen zwischen 25 und 40, im Schwarzwald lokal
bis 50 l/m². Berücksichtigt man, dass es im Schwarzwald schon nachts regnet,
sind dort sogar noch größere Mengen vorstellbar, was bisher aber lediglich von
ICON simuliert wird. Das heißt, die Frage Unwetterwarnung oder ausgereizte
Dauerregenwarnung muss noch etwas verschoben werden. Festhalten können wir, dass
sich im Rest des Landes Schauer und einzelne Graupelgewitter entwickeln, die mit
Böen 8-9 Bft, im Norden bis 10 Bft einhergehen können.
Darüber hinaus frischt der zunehmend auf Südwest bis West drehende Wind
insbesondere in der Nordwesthälfte stark bis stürmisch auf mit Spitzen 7 bis 9
Bft, auf den Bergen und Kuppen bis zu 12 Bft. Der Hauptfokus liegt auf und an
der Nordsee, wo sich der Wind von einem schweren Süd- in einen schweren
Weststurm wandelt. Auf der freien See treten nach wie vor Orkanböen 12 Bft, an
der Küste schwere Sturmböen oder orkanartige Böen 10/11 Bft auf. Im Süden ist
vor allem der Frontdurchgang von Belang (Stichwort Leitplankeneffekt) mit Böen
bis 9 Bft, auf den Bergen mehr.
Höchsttemperatur: 9 bis 15, am Rhein lokal 16 oder 17°C.
Sonntag…
Modellvergleich und -einschätzung
Insgesamt haben sich die Modelle angeglichen was Zugbahn und Intensität der
bestimmenden Tiefdruckgebiete angeht. Die gestern noch in Augenschein genommene
Wahrscheinlichkeit für Böen 11 Bft im Westen heute Abend ist inzwischen auf null
gesunken und auch Böen 10 Bft sind etwas weniger wahrscheinlich geworden. Aber
wie heißt es so schön, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Wir sollten
jedenfalls genau draufschauen, was stromauf bei unseren Nachbarn passiert.
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann