SXEU31 DWAV 201800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 20.12.2022 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Übergang in eine zyklonale Westlage (Wz) mit den typischen Attributen „mild,
windig und nass“. Nur anfangs im Südosten noch resistente Kaltluftreste mit
Frost und Glättegefahr.

Synoptische Entwicklung bis Freitag 12 UTC

Aktuell … hat die Milderung in weiten Teilen Deutschlands weitere, teils
rasante Fortschritte gemacht. So wurden heute im Westen und Südwesten mit Hilfe
eines spürbaren Südwestwinds sowie einiger temporärer Sonnenfenster punktuell 15
oder gar 16°C (beim Herrn Streich in Freiburg) gemessen und das genau einen Tag
vor der Wintersonnenwende. Ja, ja, am Mittwoch, den 21.12. um 22:47 beginnt
offiziell der astronomische oder auch kalendarische Winter, aber offensichtlich
interessiert das die Atmosphäre einen Sch…dreck. Klar, es wurde in den
vergangenen 1-2 Wochen ja schon ordentlich Winterpulver verschossen und darüber
hinaus gilt es in alter Tradition den Witterungsregelfall (Singularität) des
Weihnachtstauwetters zu bedienen. Also, ita est ergo ita sit, wir können es
ohnehin nicht ändern. Außerdem gibt es ja noch einige Regionen im Lande, die
sich dem allgemeinen Erwärmungstrend nicht so einfach anschließen und fast schon
krampfhaft an der den Resten der Kaltluft der vergangenen Tage festhalten. Zum
einen handelt es sich dabei um das Erzgebirge, wo der Böhmische Wind noch den
Nachschub frostiger Luftmassen aus dem Böhmischen Becken gewährleistet. Zum
anderen reden wir von Teilen Bayerns und BaWü, vornehmlich den Donauniederungen,
stellenweise aber auch von Franken, der Oberpfalz sowie Nieder- und Oberbayern.
Dort, wo ein kaum merklicher Südostwind zaghaft und ohne jedwede Turbulenz
(Stichwort Durchmischung) über die zähe und schwere Kaltluft streicht, ist die
Temperatur heute auf maximal 0°C gestiegen. Teils blieb es sogar bei leichtem
Dauerfrost, was nicht ganz ohne Bedeutung für die weitere Entwicklung ist.

Zunächst aber mal zur Wetterlage, die Deutschland im Übergangsbereich eines nach
Osten abwandernden Höhenrücken zu einem sich vom nahen Atlantik nähernden Trog
sieht. Unter dem Strich ergibt das eine relativ glatt konturierte südwestliche
Höhenströmung, unter der sich aktuell eine Kaltfront müht, Deutschland
südostwärts zu überqueren. Dass das ein relativ zähes Unterfangen ist angesichts
der höhenströmungsparallelen Exposition, der Neigung Wellen zu schlagen sowie
dem Mangel an frontsenkrechter Schubkomponente, ist kein Geheimnis. Die
Kaltfront ist Bestandteil eines Frontensystems, das dem Sturmtief FRANZISKA
angegliedert ist. FRANZISKA wird im Laufe der Nacht nördlich an den Hebriden
vorbei in Richtung Färöers ziehen und dabei nur wenig von ihrem stattlichen
Kerndruck von etwas unter 975 hPa einbüßen. Derweil schwenkt die Kaltfront
langsam über Nordwestdeutschland südostwärts, was in gleichem Maße für den
präfrontalen Regen gilt. Wie weit das sehr heterogen organisierte Regengebiet
tatsächlich bis zum Morgen vorankommt, sprich, wo genau die Vorderkante landet,
ist schwer zu sagen (wahrscheinlich bleibt es südlich der Donau sowie in Teilen
Niederbayerns und der Oberpfalz trocken). Dabei wäre es so wichtig, denn wenn
der Regen die frostigen Gebiete in Bayern und Sachsen trifft, könnte es kritisch
werden. Zwar sind die Frostwerte im Boden nicht mehr so imposant wie noch einige
Tage zuvor und zudem soll ja auch die Belagstemperatur immer weiter ansteigen
(sinkende Wolkenuntergrenze => zunehmende Gegenstrahlung). Doch der Teufel
steckt ja bekanntermaßen im Detail und ist auch nicht immer der Freund der
Modellierung. Lass es stellenweise kurz vorher noch mal etwas aufgehen und schon
sinkt die Temperatur etwas ab (siehe gestern Teile Mitteldeutschlands inkl.
RMG). Damit hat man schon mal gefrierende Nässe, auch wenn noch gar kein
Niederschlag da ist. Ansonsten bleibt uns nichts anderes übrig, als die Bewegung
des Regengebietes genau zu monitoren und bei Bedarf möglichst rechtzeitig und
mit einigermaßen Vorlauf zu handeln (im Erzgebirge und in Nordbayern wurde das
bereits gemacht). Ob die Warnung vor gefrierendem Regen mit Glatteis
schlussendlich markant ausfällt oder zur roten Karte gegriffen werden muss oder
vielleicht gar nicht gehandelt werden muss, bleibt abzuwarten und hängt u.a.
davon ab, wie intensiv der Regen fällt, bis wohin er vorankommt und wie sich bis
dahin die Temperatur entwickelt hat.

Ansonsten gilt es noch zu konstatieren, dass der frontale Regen gebietsweise 5
bis 10 l/m², in Staulagen lokal 15 bis 20 l/m² zustande bringt. Im äußersten
Nordwesten, etwa vom nördlichen Emsland bis hinüber zur Kieler Bucht, bleibt es
meist trocken und die Wolkendecke lockert teilweise auf. Postfrontal strömt ein
Schwall erwärmter Meereskaltluft subpolaren Ursprungs ein, in der T850 auf rund
0°C zurückgeht. In Bodennähe macht sich der Luftmassenwechsel thermisch kaum
bemerkbar, sprich, im Nordwesten wie auch in vielen anderen Landesteilen bleibt
die Nacht frostfrei. Nur in den oben bereits erwähnten Gebieten (Erzgebirge,
Teile Bayerns) steht ein Minuszeichen vor der Temperatur. Der südöstlich bis
südwestliche Wind lässt auf der Nordsee postfrontal vorübergehend nach
(Gradientaufweichung). Dafür bleibt es in einigen exponierten Kamm- und
Kuppenlagen der Mittelgebirge stürmisch (Brocken bis 10 Bft) und auch der
Böhmische Wind in Ostsachsen gibt noch nicht auf (7, vereinzelt 8 Bft).

Mittwoch … erreicht der atlantische Höhentrog den Vorhersageraum im Laufe des
Tages, wobei er mächtig an Amplitude eingebüßt hat. Immerhin reicht es noch, um
die Kaltfront der nördlich von Schottland stark abbauenden FRANZISKA (am
Tagesende wahrscheinlich nur noch bei 990 hPa im Kern) langsam ost-südostwärts
vor sich herzuschieben. Außerdem landet ein korrespondierender thermischer Trog
über Nord- und Nordwestdeutschland (T500 -26 bis -29°C), der für eine deutliche
Labilisierung der subpolaren Luftmasse sorgt. Am Nachmittag und Abend greift
dann auch eine Schauerlinie von der Nordsee und den Niederlanden über, nachdem
zuvor die Wolkendecke einige Auflockerungen gewährt hat.

Während im Nordwesten also Warten auf die Schauer angesagt ist, verlagert sich
der frontale Regen unter Abschwächung immer weiter nach Südosten, bis er
schlussendlich die Alpen erreicht. Am Morgen und am Vormittag besteht
insbesondere in den Donauniederungen Niederbayerns Glatteisgefahr, wobei
warntechnisch-handwerklich weiterhin in situ agiert werden muss. Ansonsten
steigt die Temperatur in der einfließenden Meeresluft (T850 -1 bis +4°C)
aufgrund halbwegs solider Durchmischung verbreitet auf 6 bis 10°C, im Rheintal
vielfach auf 10 bis 13°C. Nach wie vor gibt sich der Südosten zurückhaltender,
wo nur 1 bis 6°C auf der Karte stehen. Für einen Eistag wird es wohl nicht mehr
reichen (irgendwann geht auch mal den tapfersten Galliern die Kraft aus). Der
Wind weht meist schwach bis mäßig, wobei sich zunehmend die Südwestkomponente
durchsetzt. Das führt letztlich auch dazu, dass der Böhmische Wind mehr und mehr
in die Knie geht. Dafür bleibt es in einigen exponierten Hochlagen stürmisch und
auch über der Nordsee legt der Wind allmählich wieder zu.

In der Nacht zum Donnerstag nähert sich in der inzwischen stark zonalisierten
Höhenströmung die nächste kurze Welle, die von Westen her auf den Vorhersageraum
zurollt. Sie bringt in der zweiten Nachthälfte neuen Regen, insbesondere im
Westen und Nordwesten sowie Teilen der Mitte. Es sei aber schon hier der Hinweis
erlaubt, dass GFS und UK10 (jeweils von 06 UTC) die Welle etwas weiter südlich
ansetzen, was dann natürlich auf für den Regen gelten würde. Zudem gibt es noch
Unschärfen beim Timing. Auf alle Fälle kann gebietsweise von 5 bis 10, in
einigen Staulagen lokal um 15 l/m² innert 12 h ausgegangen werden. Sollte der
Regen bis in den Südosten vordringen, wäre dort zumindest lokal auch noch mal
die Gefahr von Glatteis gegeben.

Darüber hinaus gilt es noch zu berichten, dass vor dem neuen Regen die
Schauerlinie aus dem Nordwesten noch etwas landeinwärts vorankommt. Außerdem
beginnt der südwestliche Wind im Westen und Südwesten aufzufrischen mit ersten
Böen 7 Bft bis in tiefe Lagen und Böen 8-9 Bft weiter oben (Brocken 10 Bft). Die
Temperatur geht auf 8 bis 3°C, im Südosten auf 3 bis 0°C zurück. Auch wenn dort
der Regen nicht ankommen sollte, lokale Glätte durch gefrierende Nässe ist
allemal noch mal drin.

Donnerstag … setzt sich die zyklonale Westlage nahtlos fort. Kaum ist die eine
Welle mit dem zugehörigen Regen durch, steht die nächste schon ante portas. Dass
dabei die Modelle hinsichtlich Phase und genauer Zugbahn nicht zu 100% auf einer
Linie agieren, liegt in der Natur der numerischen Wettervorhersage. Von daher
sollte die Entwicklung an dieser Stelle auch nicht bis zum Letzten filetiert und
entgrätet werden. Fakt ist, dass das eine Regengebiet recht zügig
ost-nordostwärts durchgereicht wird und das nächste am Nachmittag schon wieder
auf den Westen und Südwesten übergreift. Gebietsweise kommen über den Tag 5 bis
10, in einigen Staulagen lokal um oder etwas über 15 l/m² zusammen. Am wenigsten
Regen bekommen wahrscheinlich der äußerste Norden und Nordwesten sowie die
alpennahen Regionen und das südliche Alpenvorland ab. Dort im Süden lockert es
öfters auch mal auf mit sonnigen Abschnitten.

Darüber hinaus frischt der Südwestwind vor allem in der Mitte und im Süden (also
auf der Südflanke der im Norden durchziehenden ersten Welle) merklich auf mit
Böen 7-8 Bft in tiefen Lagen und je nach Exposition 8 bis 11 Bft im höheren
Bergland. Aufgrund der guten bis sehr guten Durchmischungsbedingungen steigt die
Temperatur in der subpolaren Atlantikluft (T850 zwischen -1°C im Norden und +4°C
im Süden) auf 5 oder 6°C in Ostvorpommern sowie in Teilen Ostbayerns bis zu 14
oder gar 15°C am Oberrhein.

In der Nacht zum Freitag schwenkt die nächste Welle voraussichtlich wieder über
den Norden ostwärts hinweg. Der zugehörige Regen breitet sich rasch nach Osten
aus, wobei es vor allem in der Südhälfte ganz ordentlich – und möglicherweise
sogar gewittrig verstärkt – schütten kann. Gebietsweise 10 bis 20 l/m², in
Staulagen noch mehr, wären keine Sensation. Und vor dem Hintergrund schon
gefallener und noch erwarteter Regenfälle sowie der Zusatzkomponente
Schneeschmelze/Tauwetter sollte man schon vorher über eine vielleicht mehrtägige
Dauerregenwarnung respektive Tauwetterwarnung (da, wo noch ausreichend Schnee
liegt) nachdenken. Natürlich immer in der Hoffnung, dass sich die
Modellprognosen bis dahin noch besser anpassen.

Mit Durchgang der neuen Welle frischt der Südwestwind nach einer kurzen
Verschnaufpause erneut auf, vor allem im Süden und in Teilen der Mitte (Böen 7-8
Bft, in höheren Lagen entsprechend mehr). Frost und Glätte dürften bei diesen
Bedingungen keine Rolle mehr spielen.

Freitag … setzt sich zumindest de jure leichter Zwischenhocheinfluss durch. In
der Höhe wandert ein zugegeben sehr flacher Rücken über uns hinweg und im
Bodendruckfeld wölben sich die Isobaren etwas nach Norden auf. De facto werden
die Auswirkungen nur sehr gering sein, im Gegenteil. Von Südwesten her setzen
rasch neue Aufgleitregenfälle ein, die von kräftiger WLA im Vorfeld einer sich
von der Biskaya und Frankreich nähernden Warmfront ausgelöst werden. Die
Warmfront gehört übrigens zu einem Tief, das in diesen Stunden über dem
Seegebiet östlich von Neufundland geboren wird und von der BWK/FU Berlin auf den
Namen HONGHIA getauft wird. Zwar kommt das Tief, das sich gar nicht mal so stark
entwickeln soll, bis Freitag dichter an Europa heran. Trotzdem liegt es über dem
Ostatlantik noch so weit von uns weg, dass man es fast nicht glauben mag, dass
es so einen starken Einfluss auf den Vorhersageraum ausüben kann.

Tut es aber doch (was wohl auch an einem wahrscheinlich irgendwo bei UK/Irland
entstehenden Teiltief liegt), und so breiten sich von Südwesten her neue, teils
mäßige Regenfälle nordostwärts aus, deren Intensität von den Modellen derzeit
noch recht unterschiedlich simuliert wird. Als Bestandteil einer länger
andauernden Regenphase (siehe auch Bemerkung weiter oben) taugen sie aber
allemal, ihren Teil zu einer möglichen Dauerregenwarnung beizutragen. Darüber
hinaus frischt der Südwestwind erneut merklich auf, allerdings vornehmlich in
der Südwesthälfte.

Zuletzt noch ein Wort zur Luftmasse, die von der Biskaya herangeschaufelt wird
und fast schon unverschämt mild daherkommt. Die 0°C-Grenze steigt auf etwa 2500
m, die Schneefallgrenze auf nahe 2000 m oder sogar etwas darüber. Am Hochrhein
sowie im südlichen Oberrheingraben stehen punktuell 15 oder 16°C auf der Karte,
was den Genuss erfrischender Kaltgetränke wahrscheinlicher macht als die
Einnahme heiß dampfenden Glühweins. In diesem Sinne allseits fröhliche
Weihnachten!

Modellvergleich und -einschätzung

Dass wir in den nächsten Tagen in den „Genuss“ einer zyklonalen Westlage mit
wiederholten und in der Summe gar nicht mal so unergiebigen Regenfällen kommen,
ist unstrittig. Genauso unstrittig ist, dass die Temperaturen gegenüber dem
vieljährigen Mittel z.T. deutlich zu hoch ausfallen und dass der meist aus
Südwesten kommende Wind mitunter ordentlich durchlädt. Ob sich eine der Wellen
vielleicht auch mal stärker entwickelt als im Text erwähnt, ist nicht ganz
ausgeschlossen. In den vergangenen Läufen gab es immer mal wieder Einzellösungen
dieser Art. Insgesamt sieht es aber so aus, dass die Wellen etwas zu weit
entfernt sind vom entwicklungsgünstigen linken Ausgang der Frontalzone. Abwarten
heißt hier die Devise.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann