S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T ausgegeben am Donnerstag den 22.09.2022 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 22.09.2022 um 10.30 UTC

Unbeständige, kühle Trogwetterlage: Kein Altweibersommer, aber auch kein
verfrühter Wintereinbruch. Im Süden und Südosten Dauerregenrisiko.

Synoptische Entwicklung bis zum Donnerstag, den 29.09.2022

Die Mittelfrist ist gekennzeichnet durch eine Meridionalisierung der
Großwetterlage über dem nordatlantischen Raum, gleichbedeutend mit einer
negativen Phase NAO- der Nordatlantischen Zirkulation. Ausgangspunkt ist die
extratropische Umwandlung von Hurrikan FIONA vor Neufundland, mit der eine
Amplifizierung der Rossby-Wellen stromab begünstigt wird. Dieses
„Downstream-Development“ sorgt für das Aufwölben eines markanten Rückens über
dem Nordatlantik und gleichzeitig ein kaum weniger markanter Trogvorstoß über
Nord-, West- und Mitteleuropa. Damit steht uns unbeständiges, kühles Wetter mit
reichlich Regen bevor, wenngleich die Unsicherheiten bezüglich des genauen
Wetterablaufes durchaus signifikant sind, nicht zuletzt auch wegen des
Einflusses mehrerer tropischer Systeme.

Am Sonntag greift die Achse eines stark positiv geneigten Troges auf den Norden
und Nordwesten Deutschlands über. Er stützt eine Tiefdruckrinne, die im
Tagesverlauf über Deutschland ostwärts zieht. Im Umfeld dieser Rinne kommt es in
feuchter, instabil geschichteter Luftmasse gebietsweise zu schauerartigen
Regenfällen, die im Süden und Südosten auch mal etwas kräftiger ausfallen
können. Dort werden in höherreichend labiler Luft zudem wenige Hundert J/kg CAPE
generiert, sodass auch einzelne Gewitter möglich sind. Es handelt sich bei eher
schwacher Scherung eher um Einzelzellen, die kaum mit markanten
Begleiterscheinungen verbunden sind. Im Nordwesten fließt rückseitig einer
schwachen Kaltfront etwas stabilere Luft ein, sodass kaum Schauer auftreten. Bei
T850 zwischen 3 und 7 Grad liegen die Höchstwerte bei 13 bis 18 Grad.

Am Montag erfolgt ein Trogvorstoß vom Nordmeer über die Nordsee bis nach
Frankreich. Der vorgelagerte Randtrog wird über Deutschland unter starken
Konturverlust ostwärts gesteuert, sodass sich eine leicht zyklonal konturierte
südwestliche Höhenströmung einstellt. Rückseitig der nach Osten abziehenden
Rinne kommt die Kaltfront bzw. die stabilere und etwas kühlere Luft bis zur
Mitte voran. Nach Süden und Südosten zu halten sich Reste der feuchteren Luft,
sodass bevorzugt dort erneut mit einigen Schauern, vereinzelt auch wieder mit
Blitz und Donner zu rechnen ist. Im Tagesverlauf nähert sich bereits das
okkludierende Frontensystem des mit dem neuen Trog korrespondierenden, zur
Nordsee ziehenden Tiefs, sodass im Nordwesten und Westen Regen einsetzt. Im
Vorfeld frischt der auf Südwest drehende Wind auf und könnte an der Nordsee
stürmische Böen bringen. Am Temperaturniveau ändert sich wenig.

Am Dienstag tropft der Trog nach IFS-Lesart über Benelux und Ostfrankreich ab.
Da er einen über dem westlichen Mittelmeer befindlichen Randtrog integriert,
kann er sich zugleich weit nach Süden bis Nordafrika ausdehnen. Das
korrespondierende Tief gelangt unter das Drehzentrum des Höhentroges und zieht
folglich unter Auffüllungstendenzen nach Benelux. Das Frontensystem wird dabei
über der Westhälfte Deutschlands zurückgehalten. Während es dort zeitweise
regnet, entwickeln sich sonst zunächst nur einzelne Schauer, eventuell auch das
ein oder andere kurze Gewitter. Es bleibt kühl bei Höchsttemperaturen um oder
knapp unter 15 Grad.

Im Tagesverlauf, spätestens in der Nacht zum Mittwoch sollen dann von Süden
allmählich Aufgleitprozesse in Gang kommen. Ursache ist eine Zyklogenese auf der
Vorderseite des zum Alpenraum ziehenden Cut-Offs über Oberitalien bzw. im Lee
des östlichen Alpengebietes. Dieses Tief soll am Mittwoch auf Vb-artiger Zugbahn
ins östliche Mitteleuropa verlagert werden. Folglich ist zunächst im Süden,
später dann auch im Südosten und Osten länger anhaltender und mitunter
ergiebiger Regen möglich. IFS00Z simuliert beispielsweise für Teile Süd- und
Südostbayerns 24-stündige Mengen von 40 bis 70 mm. Damit wäre das
Unwetterkriterium erfüllt. Die Schneefallgrenze sinkt in den Alpen im Verlauf
auf 1500 bis 1200 m ab.
In den übrigen Regionen gibt es in Form einiger Schauer zwar auch Niederschläge,
Warnrelevanz haben diese aber nicht. Im etwaigen Dauerregen werden kaum 10 Grad
erreicht, was selbst für Ende September doch reichlich unterkühlt ist. Auch
sonst sind wir mit maximalen Werten um 15 Grad weit von Altweibersommer
entfernt.

Am Donnerstag kann sich vorderseitig eines nach Westeuropa ziehenden Randtroges
vorübergehend ein flacher Rücken über Deutschland durchsetzen. Dieser dämpft die
Konvektion in feucht-labiler Meeresluft in Form recht zahlreicher Schauer aber
kaum.

In der erweiterten Mittelfrist bleibt zunächst eine diffuse, langwellige
Trogstruktur wirksam. Danach soll die Großwetterlage über dem Nordatlantik und
Nordeuropa zonalisieren. Nach IFS-Lesart soll die Frontalzone sehr weit nördlich
verlaufen und Mitteleuropa in den Einflussbereich deiner Geopotenzial- bzw.
Hochdruckbrücke gelangen, die spätestens am übernächsten Wochenende für eine
Wetterberuhigung und einen leichten Temperaturanstieg sorgen.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Im Hinblick auf die großräumigen Strukturen rechnet IFS bis zu Wochenbeginn (Tag
3-5) recht konsistent, wenn man von kleineren Phasenverschiebungen des
Trog-Keil-Musters absieht. Uns steht im Wesentlichen Trogeinfluss und damit
unbeständiges Wetter mit zeitweiligen Niederschlägen bevor, wobei die
Wahrscheinlichkeiten für markante Wettererscheinungen zunächst gering sind.
Zur Wochenmitte (ab Tag 6) divergieren die IFS-Läufe etwas stärker. Der jüngste
IFS-00Z-Lauf simuliert wie schon sein Vorgänger von 12Z einen Abtropfprozess
über Mitteleuropa bzw. dem Alpenraum, während der gestrige Lauf von 00Z eher
eine Trogpassage favorisierte. Dies hat insofern Prognoserelevanz, als dass über
Deutschland Aufgleitprozesse über längere Zeit aufrecht gehalten werden können
und eine Vb-artige Tiefdruckentwicklung mit teils ergiebigen Regenfällen bis in
den Unwetterbereich begünstigt wird. Dies beträfe vor allem den Südosten des
Landes.
Es sei aber an dieser Stelle angemerkt, dass diese Entwicklung sehr unsicher ist
und von den anderen Modellen kaum gestützt wird (siehe nächster Absatz).

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Bis Montag sind die Modelldiskrepanzen verhältnismäßig gering. Allerdings fallen
die schauerartigen Niederschläge mit Passage des Randtroges in der Nacht zum
Montag im Süden und Südosten bei ICON und GFS etwas stärker aus, sodass
gebietsweise Warnschwellen für Dauerregen knapp gerissen werden.
Ab Dienstag zeigen sich dann aber doch deutliche Unterschiede. Im Gegensatz zum
IFS-Szenario mit einem sehr südlich ansetzenden Abtropfprozess, tendieren alle
anderen Modelle (ICON, GFS, UKMET, GEM/CMC) eher zu einer Trogstruktur über
Südskandinavien bzw. über der Nordsee und dem Nordmeer. Dies würde eher
klassisches Trog-Schauerwetter ohne signifikante Regenmengen bedeuten, dafür
aber – je nach Lage der korrespondieren Tiefs über Nordeuropa – eine Sturmlage
an den Küsten und im höheren Bergland.
In der erweiterten Mittelfrist sieht GFS wie IFS den Aufbau einer
Hochdruckbrücke über Mitteleuropa. GEM simuliert zwar auch eine Zonalisierung,
allerdings mit deutlich südlicher verlaufender Frontalzone über West- und
Mitteleuropa. Demnach wäre die Wetterberuhigung allenfalls von kurzer Dauer.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die Rauchfahnen des IFS-EPS verlaufen bis einschließlich Montag sehr eng
gebündelt. Der deterministische Lauf sowie der Kontrolllauf sind dabei gut in
die Memberschar eingebettet. Die Temperatur auf 850 hPa zeigt nur wenig
Schwankung und liegt im Mittel bei 5 Grad (im Nordwesten ein paar Grad darunter,
im Südosten ein paar Grad darüber). Die Regensignale zeigen vor allem im Süden
ein Maximum am Sonntag mit Passage des ersten Randtroges. Warnwürdige
Regenmengen haben aber nur vereinzelte Member im Programm.
Dienstag und Mittwoch nimmt die Streubreite im Süden und Osten, sowohl von
Temperatur als auch Geopotenzial vorübergehend zu deutlich zu, was die
Unsicherheiten im Hinblick auf den abtropfenden Trog und die damit in Verbindung
stehende, potenzielle Vb-artige Tiefdruckentwicklung unterstreicht. Zwar findet
sich der deterministische Lauf bezüglich Geopotenzial vor allem im Südosten eher
im unteren, bezüglich der Temperatur im oberen Bereich, dennoch ist er insgesamt
recht gut in die Memberschar eingebettet. Bei den Niederschlagssignalen zeigt
sich ein etwas anderes Bild. Der deterministische Lauf gehört im Südosten zu den
nassesten Läufen, wenngleich er adäquate Unterstützung von immerhin 10-20% der
Member erhält. Der Median des Niederschlags zwischen Dienstag und Mittwoch liegt
allerdings knapp unter der Warnschwelle von 30 l/qm innert 24 Stunden.
In der erweiterten Mittelfrist steigen die Mediane von Temperatur und
Geopotenzial an (im Norden auf etwa 7 Grad, im Süden auf rund 10 Grad),
allerdings bei zunehmender, sehr starker Streuung und nicht zu
vernachlässigenden Niederschlagssignalen einiger Member.

Im Zeitraum +120-168 h werden 6 Cluster gebildet, von denen 5 Cluster der Klasse
NAO- angehören und 1 Cluster der Klasse „Blocking“. Sie unterschieden sich vor
allem im Hinblick auf den Abtropfprozess.
Im Zeitraum +192-240 h werden 5 Cluster angeboten, jeweils 2 davon gehören der
Klasse NAO- und Blocking an, in einem Cluster vollzieht der der Übergang zu
NAO+.

FAZIT: Es steht außer Frage, dass sich ab dem Wochenende bis mindestens zur
Mitte der kommenden Woche sehr wechselhaftes und kühles Wetter einstellt.
Während die Temperaturen am Tage teils sehr deutlich unter den vieljährigen
Mittelwerten liegen, sorgt der Tiefdruckeinfluss zumindest dafür, dass Luft- und
Bodenfröste in den Nächten eher die Ausnahme bleiben. Fraglich bleibt, wie viel
Regen es tatsächlich gibt. Im Fokus stehen dabei der Sonntag (GFS, ICON) sowie
der Dienstag und Mittwoch (IFS), wobei die Modelluneinigkeit die Abschätzung der
Wahrscheinlichkeit für Dauerregen deutlich erschwert. Eine etwaige Sturmlage am
Dienstag und Mittwoch an der See und im Bergland ist auch noch nicht ganz vom
Tisch.
Die zweite Wochenhälfte ist von einem leichten Temperaturanstieg geprägt, ob
unter Hoch- (IFS, GFS) oder Tiefdruckeinfluss (GEM) ist allerdings unklar.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

DAUERREGEN:
Am Sonntag im Süden Dauerregen mit Mengen um 30 l/qm binnen 12 Stunden gering
wahrscheinlich.
Am Dienstag und Mittwoch vor allem im Südosten Dauerregen mit Mengen zwischen 30
und 50 l/qm innerhalb von 24 bis 36 Stunden gering wahrscheinlich, ergiebiger
Dauerregen (UNWETTER) mit Mengen zwischen 50 und 80 l/qm nicht ganz
ausgeschlossen.

GEWITTER/STARKREGEN:
Vor allem am Sonntag und Montag im Süden und Südosten einzelne Gewitter mit
lokalem Starkregen und/oder stürmischen Böen wenig wahrscheinlich.

STURM:
Am Montag an der Nordsee Sturmböen Bft 8-9 möglich.
Am Dienstag und Mittwoch Sturmböen Bft 8-9 an der Küste sowie im oberen Bergland
nicht ausgeschlossen.

SCHNEE:
Am Dienstag und Mittwoch an den Alpen oberhalb von 1500 m markante
Neuschneemengen (>20 cm/24 h) wenig wahrscheinlich.

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS det./EPS (bis Montag), danach Modell- und MOS-MIX.

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Adrian Leyser