#SXEU31 #DWAV S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T ausgegeben am Samstag, den 17.09.2022 um 18 UTC

SXEU31 DWAV 171800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Samstag, den 17.09.2022 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Superbayern in bayerisch Schwaben rasiert, was ist das los?
Ansonsten Fortdauer der kühlen und unbeständigen, teils windigen Troglage.
Anfang der Woche von Westen her zögernde Wetterberuhigung.

Synoptische Entwicklung bis Dienstag 12 UTC

Aktuell … ist die großräumige Potenzialverteilung vergleichsweise einfach und
überschaubar: auf der östlichen Seite ein LW-Trog, der vom Nordpolarmeer bis
hinunter in den zentralen Mittelmeerraum reicht. Auf der westlichen Seite ein
LW-Rücken, der weite Teile des nahen Atlantiks überdeckt und bis hoch nach
Grönland reicht. Beide Systeme korrelieren mit prominenten Vertretern im
Bodendruckfeld, die ebenfalls über eine immense Ausdehnung verfügen: im Westen
Hoch STEFAN mit 1025-hPa-Zentrum über Irland, im (Nord)Osten Tief QUEENIE mit
990-hPa-Doppelkern über Finnland. Beide, sowohl das Hoch als auch das Tief, sind
nicht die sportlichsten, was sich aber nur auf ihren Bewegungsradius bezieht.
Dieser ist nämlich erheblich eingeschränkt, so dass getrost von einer
stationären Großwetterlage gesprochen werden kann.

Dass das Wettergeschehen trotzdem alles andere als statisch ist, sondern im
Gegenteil sehr abwechslungsreich, hat verschiedene Gründe, auf die in den
nächsten Abschnitten eingegangen wird. Ein Grund ist auf alle Fälle die derzeit
wetterbestimmende Luftmasse, die der o.e. Konstellation entsprechend permanent
aus hohen Breiten zu uns geschaufelt wird. Es handelt sich um eine hochreichende
und labil geschichtete Meeresluft polaren Ursprungs, die auf relativ direktem
Wege nach Mitteleuropa und noch darüber hinaus herantransportiert wird. T850 um
+2°C, T500 um -24/-25°C sprechen eine eindeutige Sprache –
unterdurchschnittlich, auf der anderen Seite aber auch nicht ungewöhnlich für
den Monat September. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass die Sonne trotz
absteigender Kurve noch genug Power besitzt, die Kaltluft energetisch zu
animieren respektive aufsteigen zu lassen und zusätzlich noch die
überdurchschnittlichen hohen Wassertemperaturen der umliegenden Meere
berücksichtig, benötigt man selbst als meteorologisch nur mittelmäßig geschulter
Zeitgenosse wenig Fantasie um sich auszumalen, dass mit dieser Rezeptur
wettertechnisch was geht. Komplettiert wird das Setup durch kurze Wellen, in der
Regel Randtröge in der Höhe, teils gepaart mit Bodentrögen, die zusätzliche,
synoptisch-skalige Hebungsantriebe liefern und das gar nicht mal so knapp.

Aktuell ist ein solcher Randtrog (Boden und Höhe) gerade dabei, Ostdeutschland
in Richtung Polen zu überqueren. Er ist gekoppelt mit einem kleinen, skalig
anmutenden (WLA), konvektiv aber durchsetzen Regengebiet sowie einem kleinen
Windmaximum direkt auf der Südwestflanke, hervorgerufen durch eine leichte
Deformation (Verengung) der Isobaren. Böen 7-8 Bft zwischen Harz und Erzgebirge
sowie gebietsweise bis zu 10, lokal vielleicht 15 l/m² innert 6 Stunden sind die
Ausbeute, mit der hier zu rechnen ist. Ansonsten beruhigt sich das konvektive
Geschehen tagesgangbedingt vorübergehend und auch der Wind legt vor allem im
Flachland eine Pause ein. Keine Regel ohne Ausnahmen. So muss z.B. an den Küsten
(Ostsee mehr als Nordsee) weiterhin mit einigen diabatisch getriggerten
Gewittern gerechnet werden und an den Alpen regnet bzw. schneit es gemütlich
leicht bis mäßig vor sich hin, was in den bestehenden Warnungen schon
eingepreist ist. Die Schneefallgrenze, die bei rund 1500 m liegt, sinkt in der
Nacht etwas unter die genannte Marke ab, um tagsüber etwas darüber anzusteigen.
Ausnahmen gibt es auch beim Wind, der vor allem über der Deutschen Bucht aus
Nordwesten kommend weiter stürmisch unterwegs ist. Glatte Sturmböen 9 Bft sind
dann aber nur noch selten anzutreffen. Auch in exponierten Hochlagen bleibt es
stürmisch. Windzahmer gibt sich die Ostseeküste, wo lediglich von SH bis in die
Mecklenburger Bucht die eine oder andere 7 Bft auftritt.

In der zweiten Nachthälfte macht sich bereits die nächste Kurzwelle auf den Weg
nach Deutschland. Von Südnorwegen kommend zieht ein sich intensivierender
Randtrog in Richtung Dänische Inseln. Bei hoher Auflösung erkennt man sogar eine
abgeschlossene Zirkulation in den Potenzialfeldern. Auf der Süd-Südwestflanke
signalisieren die Diagnosekarten eine Überlappung von PVA und WLA, entsprechend
beginnt es im Westen und Nordwesten skalig zu regnen, während der konvektive
Anteil aufgrund zunehmender Stabilisierung (T850 konservativ, T500 rund -22°C)
limitiert ist. Mehr als 5 l/m² dürften bis zum Morgen nicht zusammenkommen.

Sonntag … schwenkt der Randtrog bzw. das kleine Höhentief, angefüllt mit rund
-28°C (500 hPa) temperierter Kaltluft, langsam über den Norden und Nordosten gen
Polen, wo er aber erst in der Nacht zum Montag aufschlägt. Gegen Mittag erreicht
dann auch der korrespondierende, recht scharf geschnittene Bodentrog den
deutsch-dänischen Grenzbereich, um von dort die gleiche Reise wie sein Pendant
in der Höhe anzutreten. Tagesgangbedingt entwickeln sich im Norden und Osten,
also im Bereich der höchsten Labilität, zahlreiche Schauer und einzelne
Graupelgewitter mit steifen, nach Nordwesen hin wegen der höheren Oberwinde auch
stürmischen Böen, an der Nordsee vereinzelt Sturmböen. Lokaler Starkregen um
oder etwas über 15 l/m² innert kurzer Zeit ist zwar nicht ausgeschlossen,
letztlich aber nur gering wahrscheinlich, weil die Luft etwas trockener scheint
als heute. Abseits der Konvektion bleibt es an der Nordsee stürmisch mit Böen
8-9 Bft aus Nordwesten. Die Ostsee ist nur in seinem Westteil betroffen,
allerdings mit 1-2 Windstärken darunter. Gleiches gilt für die Norddeutsche
Tiefebene und das ostdeutsche Tiefland sowie Teile NRWs, wo der westliche Wind
mitunter böig auffrischt.

Vom Norden und Osten in die Mitte, wo sich bei deutlich stabileren Verhältnissen
der überwiegend skalige Regen aus dem Westen ost-südostwärts über die mittleren
Landesteile bis nach Franken ausbreitet. Akkumuliert über den Tag kommen rund
10, in Staulagen sowie im Falle konvektiver Verstärkungen um 20 l/m² zusammen.
Zwar lebt der westliche Wind ebenso wie im Süden mitunter böig auf, Warnungen
dürften aber nicht flächendeckend, sondern nur für freie Lagen bzw. das Bergland
erforderlich sein.

Abschließend noch in den Süden, wo es im Bereich des bis zu den Alpen
vorstoßenden Bodenhochkeils beginnt, von Südwesten her abzutrocknen. Damit
einher geht auch ein Nachlassen der Niederschläge am westlichen Alpenrand,
während es nach Osten hin noch längere Zeit regnet bzw. schneit (die aktuellen
Warnungen sind entsprechend zeitlich gestaffelt).

Mit 9 bis 15°C bleibt Schmalhans thermischer Küchenmeister, lediglich im
südlichen Oberrheingraben sind in Auflockerungen ein oder zwei Grad mehr drin.

In der Nacht zum Montag verabschiedet sich das Höhentief nach Polen und – man
glaubt es kaum – es folgt nicht schon das nächste Exemplar. Stattdessen stellt
sich eine indifferente bis leicht zyklonal konturierte Nordwest- bis
Nordströmung ein, in der die ganz großen Hebungsantriebe fehlen. Trotzdem geht
die Wetteraktivität nicht auf null zurück. So kommt es auf der Südwestflanke des
Höhentiefs noch relativ lange zu konvektiven Umlageringen inkl. einzelner
Gewitter, im Stau des Erzgebirges auch zu andauerndem Regen mit z.T. über 10
l/m² pro Nacht. Auch in Küstennähe muss mit diabatisch getriggerten Gewittern
gerechnet werden. Derweil verlagert sich das skalige Regengebiet über
Süddeutschland in Richtung Alpen, wo es wieder etwas stärker anfängt zu regnen
und zu schneien. Ob es dafür eine neue Warnung braucht, ist angesichts derzeit
apostrophierter Mengen von 10-20, in exponierten Staulagen um 25 l/m², ist
fraglich und kann eher defenisiv angegangen werden. Zumindest aber wird die
Schneefallwarnung am östlichen Alpenrand an die dortige Dauerregenwarnung
zeitlich angepasst werden.

Der West- bis Nordwestwind lässt tendenziell nach, auch an der Nordsee gehtŽs
allmählich runter auf nur noch 6-7 Bft in Böen. Frisch wird es überall, an der
See um 10°C, im Binnenland im Falle längerer Auflockerungen und einschlafenden
Windes bis zu 3°C.

Montag … verschiebt sich die Hauptachse des LW-Troges etwas nach Osten.
Gleichwohl hat es der atlantische Rücken schwer, substanziell Boden nach Osten
hin gutzumachen. Die Folge ist ein leichtes Rechtdrehen des Höhenwindes auf fast
glatt Nord. Darin eingelagert ist flacher, im Gegensatz zu seinen Vorgängern
deutlich schwächer entwickelter KW-Trog, der von Skandinavien her auf
Nordostdeutschland übergreift. Immerhin bringt er es auf rund -26°C auf 500 hPa,
was bei konservativen +2°C auf 850 hPa ausreichend Labilität bedeutet, um in der
gesamten Nord- und Osthälfte eine sehr solide konvektive Aktivität mit
zahlreichen Schauern und Graupelgewittern zu initiieren. Mit leichter
Rechtdrehung des nicht mehr ganz so lebhaften Nordwestwindes (wahrscheinlich nur
noch 7er-Böen zwischen Nordsee und den östlichen Mittelgebirgen, kaum noch
„8er“) steigen die Chancen auf ein skandiföhnbedingtes Sonnenfenster in SH und
Mecklenburg, was offensichtlich auch MOS-Mix so sieht.

Sonnenscheinreicher wird es sehr wahrscheinlich auch im äußersten Südwesten,
insbesondere in Südbaden, wo der Hochkeil etwas an Gewicht auf knapp über 1020
hPa zulegt. Die Luftmasse trocknet allgemein im Süden und Südwesten immer weiter
ab, was mit einer abnehmenden Niederschlagsneigung einhergeht.

Thermisch geht es im ganzen Land bergauf, wobei die Tops im Oberrheingraben mit
bis zu 18°C zu erwarten sind. Ob es auch sonst in der Nord- und Westhälfte schon
verbreitet für 16 oder 17°C reicht, wie von MOS-Mix apostrophiert, muss
angesichts des noch recht hohen Wolkenanteils und eines nicht gegebenen
Luftmassenwechsels noch mit einem Fragezeichen versehen werden.

Die Nacht zum Dienstag in Kurzform: leichter Druck- und Potenzialanstieg bei
gleichzeitiger Gradientauffächerung => nachlassende Niederschläge außer im
Südosten sowie in Küstennähe (dort auch Gewitter) sowie nachlassender Wind. In
windgeschützten Tal- und Muldenlagen könnte es bei entsprechend langer
Wolkenarmut für leichten Frost in Bodennähe reichen.

Dienstag … findet die schleppende Progression des Potenzialmusters seine
Fortsetzung. Und auch das Bodenhoch bekommt immer mehr Zugriff auf den
Vorhersageraum, so dass man oberflächlich von einem „freundlichen“ Tag sprechen
könnte (ich weiß, freundlich ist subjektiv, aber landläufig sagt man das nun mal
häufig). Bei genauerem Hinsehen muss man dann aber schnell erkennen, dass die
„Freundlichkeit“ vielfach nur Maske ist und es kommt einem eine Weisheit
altvorderer Meteorologen in den Sinn „Kaltluft bleibt Kaltluft“. Gemeint ist,
dass sich trotz zunehmenden Hochdruckeinflusses in der eingeflossenen respektive
nach Osten hin immer noch einfließenden Meereskaltluft viele Wolken und z.T.
sogar Schauer und kurze Gewitter bilden und eine vielleicht erwartete oder
erhoffte Erwärmung ausbleibt. Auch die Numerik fällt darauf manchmal rein und
bietet zu viel Sonne und zu hohe Temperaturen an.

Also, für den Dienstag nicht zu optimistisch sein, auch wenn gerade im Norden
sowie im äußersten Südwesten sich die Sonne nicht lumpen lässt. Eher lausig
dagegen der Südosten, wo bei Schauern und wenig bis keine Sonne gerade mal 10
bis 13°C auf der Karte stehen.

Modellvergleich und -einschätzung

Es ist alles gesagt.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann