S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T ausgegeben am Samstag, den 23.07.2022 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Samstag, den 23.07.2022 um 10.30 UTC

Wetterberuhigung, zunächst kühler, ab Freitag im Süden gebietsweise
Schauer/Gewitter. Zum Ende erneut Hochdruck wahrscheinlicher, sommerlich warm
bis heiß.

Synoptische Entwicklung bis zum Samstag, den 30.07.2022

Bei Betrachtung der nordhemisphärischen Zirkulation fallen in den mittleren,
teils bis in hohe Breiten zirkumpolar mehrere Wellenzüge auf, die regional
differenziert durch erhöhte Wellenaktivität (vorwiegend meridionale, aber auch
zonale Impuls- und Wärmeflüsse) geprägt sind. Das führt natürlich gerade bei
meridionaler Ausrichtung der Wellenflüsse und bei überwiegend langwelligen
planetaren Wellen weiterhin zu einer erhöhten Blockierungstendenz. Ansätze
liefern die Modelle dafür z.B. Ende ab Mitte nächster Woche im
NE-Nordpazifik/NW-Nordamerika mit einem kräftigen Höhenrücken. Auch stromab tut
sich etwas, indem die Frontalzone und Tiefdruckaktivität über dem Nordatlantik
zunächst durch einlaufende zonale Impulsflüsse gestärkt wird (PV-Maxima in 320 K
Fr/Sa südlich von Grönland bis in Raum Island bzw. südlich davon). Nicht
verwunderlich reagiert die NAO-Prognose mit einem ordentlich positiven Schub bis
ca. Ende des Monats (Werte in 500 hPa bei einigen Membern teils deutlich über +1
im Index).

Diese Entwicklung, einschließlich möglicher rapider Zyklogenese im Raum Island
Fr/Sa könnte dazu führen, dass der Jet-Ausgang des möglichen Stormtracks
irgendwo im nördlichen Ostatlantik landet mit der Konsequenz, dass sich auf der
Vorderseite (Achse Skandinavien-Mitteleuropa) durch Advektion negativer PV
(massive WLA in der mittleren und oberen Troposphäre) ein veritabler Rücken
aufbaut (ICON, GEFS, später auch IFS, wenn auch zunächst flacher).

Zuvor ist die Mittelfrist aber auch nicht so ereignisarm. Zu Beginn zieht am
Dienstag die Kaltfront eines Skandinavientiefs allmählich südostwärts, gerät
aber in Alpennähe ins Schleifen, sodass sich dort die instabil geschichtete
Warmluft weitgehend halten kann. Die Trogachse des nachfolgenden LW-Troges soll
Mittwochmorgen bereits leicht östlich von Deutschland liegen. Ein weiterer
Randtrog mit einem kleinräumigen Tief über Südskandinavien folgt nach. Die 850
hPa-Temperatur liegt am Mittwoch bei 5 Grad ganz im Norden und Nordwesten bis
knapp 15 Grad ganz im Süden. Eine nachrückende Hochdruckzone (gestützt von einem
flachen Höhenrücken) über der Nordsee beschert uns zunächst eine antizyklonal
geprägte nordwestliche Strömung.

Am Donnerstag und Freitag verlagert sich ein LW-Trog über die Britischen Inseln
mehr nach West-, im Verlauf nach Mitteleuropa. Dieser wird mittlerweile von den
betrachteten Globalmodellen (IFS, ICON und GFS) relativ ähnlich gesehen und
teilweise auch positioniert (einschl. Wellenphase, bei der Amplitude bestehen
weiterhin Unterschiede, auch setzt IFS generell weiter südlich an, s.u.).
Vorderseitig amplifiziert der Höhenrücken von Mitteleuropa bis nach Skandinavien
etwas, wodurch sich die Warmluft wieder nordwärts ausbreitet (850hPa-Temperatur
bis auf die Küsten über 10 Grad, im Süden um 15 Grad). Gleichzeitig verbessern
sich durch PVA vorderseitig sowohl die Hebungsimpulse als auch der
Feuchtenachschub aus Südwesten. Während allerdings ICON die Strömung stärker
aufsteilen lässt (einschl. möglicher (Lee-)Tiefentwicklungen), findet man bei
GFS und IFS flachere Trog-Rückenstrukturen und folglich bei den
Hebungsbedingungen über die Feuchte in 700 hPa ausgedrückt überwiegend die
Südhälfte mit niederschlagsrelevanten Maxima vertreten. Im Übrigen soll dort
laut IFS im Wesentlichen auch die labilste Luft verbleiben (siehe MUCAPE IFS,
bei 800 bis 1000 J/kg und moderater Scherung).

Am Wochenende soll der Trog unter weiterem Konturverlust allmählich ost- bzw.
südostwärts abgedrängt werden. Nachfolgend breitet sich eine Zone hohen
Geopotenzials zonal ausgerichtet von den Azoren bis nach West- und Mitteleuropa
aus. Die 850-hPa-Temperatur soll am Sonntag bei 13 bis 15 Grad im Süden sowie 10
bis 13 Grad nach Norden hin liegen.

In der erweiterten Mittelfrist soll der zunächst zonal ausgerichtete Höhenrücken
weiter nach Mitteleuropa wandern und durch eine weiteren meridionalen
Trogvorstoß über dem östlichen Nordatlantik (siehe oben, Prognose PV-Maximum in
320 K von GFS südöstlich von Island) in Richtung Skandinavien amplifizieren. Bei
IFS bedeutet dieser Umstand der Übergang zur atlantischen GWL Europeen Blocking.
Diese Tendenz hat sich ggü. dem gestrigen Lauf noch etwas verstetigt.
Interessant ist hierbei, dass IFS diese Lösung mit mittlerweile nur einem
gruppierten Cluster (t+120 bis +168 h) würdigt, wohingegen bei GEFS hier bereits
zonalere (einschl. zyklonaler Lösungen) präsent sind. Weitere Details dazu
weiter unten im Text.

FAZIT: Eine neue antizyklonale Blockierungslage ist wahrscheinlich, deren Dauer
und Ausprägung derzeit aber nur schwer abzuschätzen ist. Hier wird auf den
größeren Ensemble-Spread von GEFS verwiesen, der die suggerierte
Modellsicherheit bei IFS (siehe Rauchfahnen) etwas relativieren dürfte.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die Konsistenz des aktuellen IFS-Laufes ist bis Donnerstag recht gut, danach
wird die Trogverlagerung südlich der Britischen Inseln ähnlich wie bei ICON und
GFS, wenn auch etwas weiter südlich angesetzt, aber nicht wie in den Vorläufen
quasistationär vor der Iberischen HI, sondern progressiv ausgerichtet. Das
dürfte bevorzugt für die Südhälfte Deutschlands deutlich mehr Niederschläge
bringen, wenn auch überwiegend konvektiv. Nach Abzug des Troges ist eine
deutliche Amplifizierung der Strömung drin, mit Tendenz zu erneutem Blocking.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Der Vergleich mit den anderen betrachteten Globalmodellen (ICON und GFS) wurde
im Wesentlichen bereits weiter oben im Text geführt. Ein Detail vielleicht noch:
GFS hat am nächsten Wochenende im deterministischen Lauf zwar auch die
Blockierungstendenz drin, hier ist aber im Vergleich zu IFS auch
Nordskandinavien noch im Bereich des Höhenrückens, den IFS bereits wieder vom
Ostatlantik her abbauen lässt. Dementsprechend hat IFS später in der
Deterministik auch die Variante Trog Skandinavien auf der Agenda, wo sich GFS
zumindest im Hauptlauf entsprechend schwertut. Fakt ist, dass die Prognose des
NAO-Index Anfang August mit großer Streuung, aber auch im Median wieder gen Null
tendiert, einige Member gehen direkt in den Keller. Damit reiht sich die oben
beschriebene Deterministik ein in diese Unsicherheit.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Bei den Clustern in der erweiterten Mittelfrist (t+192 bis +240 h) hat IFS
anders als GEFS nur ein Cluster zu bieten, wie bereits beschrieben. Bei GEFS
erfolgt ein allmählicher Übergang zum Trog Skandinavien und Abdrängen des
Rückens nach Osten, obwohl etwa 20% der Member den Rücken länger stützen (wie
der Hauptlauf). Einige Member machen bei GEFS Anfang August auch zyklonalere
Muster bei uns wie Trog Westeuropa (TrW), die bei IFS bisher nur sehr spärlich
vorkommen. Insgesamt verläuft bei GEFS die Frontalzone auch weiter südlich.

Beim letzten Cluster von IFS (t+264 bis +360 h) tauchen nun die oben erwähnten
zyklonalen Muster ebenso auf, allerdings setzt die Mehrheit der Member (wenn man
Clustergruppe zwei und drei so zusammenfassen kann) auf Blockierungslösungen
unterschiedlicher Lesart, d.h. entweder mehr zonal oder meridional ausgeprägt.
GEFS setzt weiter neben neuen Wellenzügen vom Nordatlantik her (meridionale und
teils antizyklonale Muster) auch mit wenigen Membern auf zyklonale Lösungen für
Mitteleuropa.

Nun noch kurz zu den Rauchfahnen. Gewählt wird eine beliebige Flachlandstation
in Mitteldeutschland, mit folgendem Ergebnis:

Bezüglich der 850 hPa-Temperatur liegen die Werte bis Mitte der Woche bei 8 bis
10 Grad und steigen hiernach auf Werte zwischen 13 und 15 Grad (Haupt- und
Kontrolllauf), bei nicht allzu großem Spread. Dort verharren letztere auch bis
Anfang August.

Beim Niederschlag gibt es zunächst kaum etwas zu verzeichnen, bevor ein kurzer
Peak am Fr/Sa folgt (Kontrollauf mal über 10 l/qm in 24 bzw. 12 h). Danach haben
nur noch wenige Member schwache Niederschlagssignale.

Beim Geopotenzial sieht der Trend ähnlich aus wie bei der 850 hPa-Temperatur –
nach relativ niedrigem Geopot zu Beginn (ca. 565 bis 570 gpdam) steigt letzteres
kontinuierlich bis auf etwa 580 gpdam Anfang August an (Haupt- und
Kontrolllauf). Auch hier ist der Spread angesichts des Vorhersagehorizonts
überschaubar.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Gewitter:
Am Dienstag werden in Süddeutschland (südlich der Donau) noch teils kräftige
Gewitter mit Unwetterpotenzial erwartet. Auch im Norden und Nordwesten sind
kurze Gewitter mit stürmischen Böen möglich.

Auch in den Folgetagen besteht die Gefahr von einzelnen Gewittern im
Alpenvorland, zum Freitag hin generell in Süddeutschland, dann gebietsweise,
Unwetterpotenzial im Süden v.a. durch Starkregen, auch mehrstündig. Ausbreitung
nach Norden unsicher.

Wind/Sturm:
Am Dienstag im Küstenumfeld stürmische Böen (Bft 8) aus West bis Nordwest
wahrscheinlich.

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS-EPS, GEFS, ICON, MOSMIX, NOAA-NAO

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Dr. Jens Bonewitz