#SXEU31 #DWAV S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T ausgegeben am Mittwoch, den 20.07.2022 um 18 UTC

SXEU31 DWAV 201800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Mittwoch, den 20.07.2022 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Nach der Hitze zunehmende Schwüle und Gewitter (anfangs lokal UNWETTER). Nach
kurzer Wetterberuhigung am Freitag zum Samstag erneut Schauer und Gewitter.
Weiterhin hochsommerliches Temperaturniveau, nur im Nordwesten kühler. Nicht
überall Linderung der Trockenheit.

Synoptische Entwicklung bis Samstag 12 UTC

Aktuell … hat die Hitzewelle auch im Norden und der Mitte zu etlichen
Stationsrekorden geführt. Mit 40,1 Grad in Hamburg-Neuwiedenthal war es nicht
nur der wärmste Tag des Jahres, sondern auch der alte Stationsrekord von 37,0
Grad aus dem Jahre 1992 wurde quasi pulverisiert. Ähnlich steht es um die 40,0
Grad in Barsinghausen-Hohenbostel (Niedersachsen), 40,0 Grad in Huy-Pabstorf
(Sachsen-Anhalt) und 39,4 Grad in Boizenburg (Mecklenburg-Vorpommern).

Die vorlaufende Konvergenz reicht inzwischen von der Lübecker Bucht bis nach
Mittelfranken. Während die Luft vorderseitig mit der südöstlichen Strömung noch
heiß und sehr trocken ist (Taupunkte häufig noch einstellig) fließt rückseitig
mit den westlichen Winden deutlich schwülere Luft ein mit Taupunkten teils über
15 Grad.

Eine weitere Linie mit zaghafter Konvektion hat sich von NRW über den Taunus bis
zur Alb gebildet, wo die Winde weit hinter der Konvergenz und im Vorfeld des
Tiefs über Nordfrankreich beginnen rückzudrehen. Durch das nun in den kommenden
Stunden Übergreifen der Trogachse, die vor allem über Ostfrankreich sehr scharf
ausgebildet ist, kommt es von Südwesten nun verstärkt zu teils schweren
Gewittern, die zunehmend verclustern. Dabei verschiebt sich der Schwerpunkt von
BaWü und RPL zunehmend über Hessen nach NRW und ins angrenzende Niedersachsen
bei gleichzeitiger Verschiebung der Begleiterscheinungen von anfänglich teils
schweren Sturmböen und größerem Hagel immer mehr hin zu heftigem und teils
mehrstündigem Starkregen.

Ein bisschen Obacht muss man noch geben, wenn sich eine Böenfront als kühler
Outflow gerade über Franken sehr weit von den Gewittern zu entfernen droht und
dennoch warnwürdige Böen verzeichnet werden – wie es der aktuelle Lauf des
ICON-D2 plausibel nahelegt. Bezüglich der Böen im Bereich der Elbmündung lag es
heute schließlich schon einmal goldrichtig.

Im neuesten ICON-D2-EPS erhärten sich die Hinweise für NRW mit
Wahrscheinlichkeiten teils über 80% für mehr als 25 mm binnen 12h und bis zu 40%
für mehr als 40 mm im gleichen Zeitraum. Die Vorabinformation hat also weiterhin
ihre Berechtigung. Auch die EPS Verfahren der Globalmodelle rechnen für diese
Region bis ins Emsland hinein weiterhin mit nennenswerten Wahrscheinlichkeiten
für mindestens markanten Starkregen. Die operationellen Läufe der externen
Modelle bieten ebenfalls verbreitet 20 bis 40, lokal bis 60 mm an. Ob der
Schwerpunkt aber mehr Richtung Ostwestfalen oder doch Richtung Eifel liegt, wird
sich letztlich nur im Nowcasting klären lassen. Etwas defensiver ist das AROME
aufgestellt, dass gerade mal 30-40 mm im östlichen Ruhrgebiet als Maximum
anvisiert. Der 0z Lauf war da mit einem Streifen über 50 mm von der Kölner Bucht
bis zum westlichen Münsterland noch stärker aufgestellt.

Schlussendlich sollte es gebietsweise schon im Westen für unwetterartigen
Starkregen reichen, für markanten wohl großflächig. Letztlich wird das Ereignis
aber wohl warntechnisch mit ad hoc Gewitterwarnungen (teils über mehrere Stunden
hinweg) erschlagen.

Während in Bayern, Thüringen und dem östlichen Niedersachsen wohl nur einzelne
abgehobene Schauer- oder gewitterstaffeln ankommen (allenfalls punktuell und
vereinzelt mit Starkregen), bleibt es östlich der Elbe noch weitgehend trocken.
Einzelne mittelhohe Wolkenfelder, die aus dem MCS über Westdeutschland
herausdriften, dämpfen allerdings das Temperaturniveau spürbar, so dass in
vielen Städten Ostdeutschland eine Tropennacht mit Minima knapp über 20 Grad
droht. Mit dem kräftigen regen im Westen kühlt es bis auf 15 Grad ab.

Donnerstag … ist der Rücken bereits über Polen angelangt und das Höhentief
verlagert sich von der Rheinmündung langsam nordostwärts nach
Schleswig-Holstein. Bodennah ist das vorlaufende Tief in der Rinne mit unter
1015 hPa um die Mittagszeit über Seeland. An dessen Südflanke geht die
Konvergenz in den Vormittagsstunden trocken im Osten des Landes durch und sorgt
zumindest für einen geringfügige „Abkühlung“. Anders ausgedrückt: Es wird zwar
nicht mehr rekordverdächtig heiß, dafür aber zunehmend schwül mit T850, die
unter 20 Grad zurückgehen. Ein weiterer schwächerer Kern hängt über Benelux
zurück. Das ist auch der Bereich, in dem die eigentliche Kaltfront liegt, hinter
der von der Nordsee am Nachmittag mit T850 um 10 Grad eine deutlich kühlere und
vor allem stabiler geschichtete Luftmasse einfließt. Quietschfeucht bleibt es
trotzdem. Daher nehmen die konvektiv durchsetzten Regenfälle im Tagesverlauf von
Nordwesten zunehmend stratiformen Charakter an.

Einzelne Gewitter bilden sich im Tagesverlauf bevorzugt vom Hamburger Raum und
dem Wendland weiter ostwärts, die auch bei reduzierter Einstrahlung durch die
trogvorderseitige Hebung initiiert werden. Je weiter nach Osten, desto höher
dabei die Zuggeschwindigkeit. Von daher sollten die meisten Entwicklungen eher
im markanten Bereich liegen mit lokalem Starkregen bis 25 l/qm binnen einer
Stunde, stürmischen Böen und kleinkörnigem Hagel. Bezüglich des Starkregens sind
vor allem Richtung Niedersachsen und Schleswig-Holstein aber punktuelle Unwetter
bezüglich Starkregens nicht ganz ausgeschlossen. Spannend wird, ob eine sich
neuerlich ausbildende Konvergenz gerade noch am Nachmittag kurz vor der Oder mit
schöner Scherung und CAPE überlappt, was eine nette Linie zur Folge haben könnte
mit stärkerem Böenpotential. Es könnte aber auch sein, dass die größte Labilität
schon ostwärts abgedrängt ist.

Ein weiterer Gewitterschwerpunkt zeichnet sich von Niederbayern bis zum
östlichen Alpenrand ab, wo die gewitterträchtige Luftmasse bei nachlassendem
Gradient nur schwerlich ausgeräumt wird. Allerdings fehlt dort zunehmend die
dynamische Unterstützung und Scherung. Für einzelne Überentwicklungen mit teils
heftigem Starkregen bei PPW’s um 40 mm könnte es Richtung Österreichische Grenze
dennoch reichen. Eine Rolle wird dabei aber auch spielen, inwieweit sich
Niederschläge aus der Nacht dort tagsüber noch „austoben“ und ob überhaupt
ausreichend ML CAPE noch mithilfe der Einstrahlung generiert werden kann.

Sonst trocknet die Luftmasse durch kompensatorisches Absinken langsam ab und bei
einem Mix aus Sonne und Wolken bleibt es überwiegend trocken. Im Osten und am
Oberrhein ist bei schwülen 30-33 Grad nochmals eine starke Wärmebelastung zu
erwarten. Sonst werden hochsommerliche, aber nicht minder schwüle 25 bis 29 Grad
erreicht. Nur im Nordwesten ist die Luft am Nachmittag mit um oder knapp über 20
Grad angenehmer temperiert.

In der Nacht zum Freitag zieht das Höhentief von Schleswig-Holstein nach
Südschweden ab. An dessen Südflanke hält sich allerdings noch zäh die Trogachse
über Norddeutschland, die erst am Morgen die Uckermark und Vorpommern erreicht.
Insofern schwächen sich Schauer und Gewitter tagesgangbedingt und durch die NVA
von Westen immer mehr ab, ohne aber komplett abzuebben. Letztlich ist die
Starkregengefahr in Mecklenburg-Vorpommern bis in die 2. Nachthälfte noch nicht
gebannt bei PPW’s um 35 mm und nur langsamer Zuggeschwindigkeit. Als
hebungsfördernd erweist sich außerdem noch die von der Nordsee südostwärts
vorstoßende Kaltfront, die bis zum Morgen im Osten Lübeck und Magdeburg
erreicht, nach Süden die Mittelgebirgsschwelle. Der nachfolgende Druckanstieg
könnte an exponierten Küstenabschnitten (insbesondere in Nordfriesland) noch für
die ein oder andere Windböe reichen.

Über der Nordhälfte bleibt es meist noch bewölkt, während es mit Annäherung
eines flachen Hochkeils des korrespondierenden Hochs über Schottland in der
Südhälfte südlich der Divergenzachse vermehrt aufklart. Bei Tiefstwerten
zwischen 18 und 11 Grad kann landesweit endlich wieder gut durchgelüftet werden.

Freitag … wird der dem Trog folgende Höhenkeil unter leichter Aufsteilung über
Deutschland ostwärts gesteuert und der Westen des Landes gelangt zum Abend
bereits auf die nächste Trogvorderseite. Die bereits erwähnte Kaltfront gelangt
mit der westlichen Strömung über der Mitte ins Schleifen bzw. Stocken,
wohingegen sie über MeckPom und Brandenburg rasch ostwärts hinwegzieht – unter
Hochdruckeinfluss allerdings ohne große Wetteraktivität. Neben dichteren Wolken,
die auch postfrontal von der Nordsee bis ins südliche Niedersachsen unterhalb
der Absinkinversion bei 900 hPa zahlreich vorkommen werden, fällt nur vereinzelt
etwas Regen. Auffällig ist, dass die Luft unterhalb der Inversion beim ICON
nicht gesättigt ist, was bei GFS, IFS und UK aber der Fall ist. Daher sind die
Auflockerungen im ICON vor allem schon am Vormittag and er Nordsee wohl zu
optimistisch.

Die LMG trennt stabil geschichtete, vergleichsweise kühle Meeresluft im Norden
(T850 um 10 Grad) von warmer, aber bodennah sowie in der mittleren Troposphäre
abgetrockneter deutlich wärmerer Luft im Süden (T850 > 15 Grad, an den Alpen
nahe 20 Grad). Die PPW’s liegen dafür noch recht moderat bei rund 25 mm im
Süden.

Mithilfe der Orographie und insbesondere mit Annäherung des Troges in den
Abendstunden sind im Alpenraum und im Schwarzwald sowie in den westlichen
Mittelgebirgen später einzelne Schauer und Gewitter möglich. Sonst scheint in
der Südhälfte überwiegend die Sonne.

Entsprechend groß ist das Temperaturgefälle über Deutschland mit kaum 20 Grad an
der Nordsee, 21 bis 25 Grad im Norden, 25 bis 30 Grad über der Mitte und heißen
30 bis 35 Grad im Süden. Damit ist gleichzeitig auch klar, dass die Hitze im
Süden letztlich nie komplett ausgeräumt wird.

Im Norden frischt der West- bis Nordwestwind mitunter kräftig auf. An der See
kann es an exponierten Abschnitten weiterhin für einzelne Böen 6 bis 7 Bft
reichen.

In der Nacht zum Samstag schwenkt der in der oberen Troposphäre gut definierte,
in tieferen Niveaus zunehmend verwaschene Kurzwellentrog in der Westen
Deutschlands, womit auch der Osten auf dessen Vorderseite in eine südwestliche
Höhenströmung gelangt. Bei nur schwachen Luftdruckgegensätzen am Boden beginnt
auch der Temperaturgegensatz an der LMG über der Mitte immer mehr zu verwaschen.

Hochreichende gute Scherung, dynamische Hebung und etwas MU CAPE < 100 J/kg führen zu schauerartigen Regenfällen, die vereinzelt auch mit eingelagerten Gewittern einhergehen können und sich von Westen und Süden bis zur Mitte ausweiten. Am größten ist die Gewitterwahrscheinlichkeit südlich der Donau, wo ein kleines Mesotief ostwärts zieht und die Luftmasse auch am feuchtesten und labilsten ist (Lapse Rates bis -0.8K/100m und CAPE teils > 500 J/kg). In der
Fläche sind in diesem Zusammenhang immerhin 3 bis 10, lokal auch bis 20 mm zu
erwarten. Mengen, die angesichts der Trockenheit sehr willkommen sind.

Im Norden und Osten bleibt es noch weitgehend trocken, wenngleich vielfach
bewölkt. Die Tiefstwerte liegen im Norden bei 15 bis 10 Grad, im Süden bei
milderen 19 bis 15 Grad.

Samstag … schwenkt der doch inzwischen relativ flache Trog unter Abschwächung
nordostwärts über Deutschland hinweg und in der zweiten Tageshälfte setzt von
Westen Potentialanstieg ein. Ein eingebettetes gut definiertes IPV Komma auf 320
K schwenkt vor allem über die Nordhälfte hinweg. Dort ist demzufolge der
Hebungsantrieb zwar am stärksten, die Luftmasse im Süden bezüglich Konvektion
aber deutlich brauchbarer.

So wird trotz leichter „Aufsteilung“ der Luftmasse Richtung Sachsen und
Brandenburg dort kaum nennenswertes ML CAPE generiert. Durch die Hebung steigt
der Feuchtegehalt aber weiter an. Sie überschreiten die PPW’s im Osten zunehmend
die 30 mm, im Südosten Bayerns erreichen sie ihr Maximum mit 40 mm. Dort liegt
das ML Cape auch gebietsweise über 1000 J/kg, wobei noch unsicher ist, inwieweit
die Bewölkungsverhältnisse auch derartige Mengen zu generieren imstande sind.
Auch wenn es in der Regel wohl eher markante Gewitter sind, so ist vor allem im
Südosten die Unwettergefahr erhöht durch heftigen Starkregen über 30 mm binnen
kurzer Zeit und auch größeren Hagel. Bei der Durchfeuchtung und den schlappen
Oberwinden sind die Böen wohl eher von untergeordneter Rolle. Insgesamt sind in
der Südosthälfte erneut um 5 mm, gebietsweise auch 10 bis 20 mm an 12h
Regensummen zu erwarten.

Im Westen setzen sich mit Annäherung des Rückens vermehrt Auflockerungen durch
und es bleibt meist trocken. In Küstennähe hält sich mit der nordwestlichen
Bodenströmung in der Grenzschicht feuchte und zu Sc-Bewölkung neigende
Nordseeluft.

Die Höchstwerte liegen zur Abwechslung mal im sommerlich durchschnittlichen
Bereich zwischen 20 und 25 Grad im Norden und zwischen 25 und 30 Grad im Rest
des Landes.

Modellvergleich und -einschätzung

In den Basisfeldern sind sich die Modelle weitgehend einig. Kleinere
Diskrepanzen gibt es vor allem bei der Niederschlagsverteilung.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Robert Hausen