S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T ausgegeben am Dienstag, den 19.07.2022 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 19.07.2022 um 10.30 UTC

Norden mäßig bis sommerlich warm, im Süden hochsommerlich warm bis heiß. Nur
vorübergehend leicht wechselhaft mit Schauern/Gewittern. Vielerorts anhaltende
„flash drought“.

Synoptische Entwicklung bis zum Dienstag, den 26.07.2022

Die Mittelfrist vom Freitag, den 22. bis Dienstag, den 26. Juli kann als „leicht
progressiv“ mit „anhaltendem Nord-Süd Temperaturgefälle“ und „zu trocken“
zusammengefasst werden.

Schaut man sich die 30-tägige Geopotenzialanomalie in 500 hPa von Mitte Juni bis
Mitte Juli zirkumpolar an, so fällt die ungewöhnlich kräftige positive Anomalie
mit teils mehr als 10 dam zum 91-20 Klimamittel südöstlich der Südspitze
Grönlands auf, sowie durchweg zu hohes Geopotenzial in weiten Bereichen
Westeuropas. Hinzu kam eine beständig negative Anomalie vor Portugal,
hervorgerufen durch langlebige cut-offs, die zwischen den positiven Anomalien
mehr oder weniger gefangen waren. Aus dieser Geopotenzialanomalie heraus
entwickelte sich die „flash drought“ in weiten Bereichen West- und
Mitteleuropas, die teils fließend in langjährige negative Feuchteanomalien
überging, die ausgangs 2021 bereits Südeuropa betroffen haben. Seit Februar/März
2022 dehnten sich diese neg. Feuchteanomaliewerte zunehmend auch auf Westeuropa
und in der Folge rasant ab Mai/Juni auch auf Mitteleuropa aus dank mehrerer
markanter Hitzewellen (Mai/Juni in Südwest-/Westeuropa, Juli auch in Osteuropa
und Teilen Skandinaviens). Daher ist ein Verzahnen der anhaltenden Dürre mit den
aus der Synoptik heraus forcierten frühen Hitzewellen als Grund für die nun
umfassenden negativen Feuchteanomalien in vielen Bereichen Europas auszumachen.

Da nun in West- und Mitteleuropa auch die Vegetation immer mehr Stress in Form
verminderter Photosynthese zeigt, greifen die „feebacks“ immer weiter
ineinander: austrocknende Böden/Vegetation bedeuten verminderte
Evapotranspiration (Erhöhung der sensiblen Wärme und somit auch die Magnitude
von Hitzewellen, neben weiteren klimat. Effekten) sowie Abtrocknung der
Luftmassen (besonders grenzschichtnah).
Behalten wir diese Hintergrundinformation zusammen mit den zu warmen/trockenen
Juli-Septembervorhersagen für Mittel-/Westeuropa von mehreren Modellrechnungen
im Hinterkopf, so sollte mit keiner zügigen Besserung zu rechnen sein. Diese
Information fließt auch in Tendenzabschätzungen dieser Mittelfrist mit ein.

Abgesehen von diesen Bedingungen ergeben sich beim Blick auf die jüngsten 7 Tage
keine nennenswerten Wellenflüsse vom Nordpazifik, was auch durch ein
Nordpazifikjetdiagramm nahe des Nullpunktes hervorgehoben wird. Die über dem
Nordatlantik analysierten Wellenflüsse wiesen bisher starke meridionale
Richtungskomponenten auf, was auch die beständige troglastige Tendenz vor den
Toren Südwesteuropas erklärt. Die zonale Windvorhersage im Übergangsbereich der
Troposphäre zur Stratosphäre zeigt vergleichsweise geringe Geschwindigkeiten vom
Pazifik bis zum Nordatlantik an, wobei die Geopotenzialanomalien ebenfalls recht
schwach ausfallen. Die Folge ist ein recht progressives Verhalten der Wellen
dank verkürzter Wellenamplitude mit durchweg positiven Anomaliewerten beim
Geopotenzial über Südeuropa. Die zeitweise leicht zonal angehauchte Westströmung
(im NAO Index mit erhöhter Memberstreuung bis in den leicht positiven Bereich
hinterlegt) stützt das Azorenhoch bzw. dessen Keil weiter, der in Richtung
Südeuropa gerichtet ist und dort den feedback Prozess immer weiter antreibt mit
Hitze, Trockenheit und sehr hoher bis regional sehr extremer Waldbrandgefahr.
Der Übergangsbereich zu dieser hitzigen Luftmasse verbleibt die Mittelfrist über
mehr oder weniger von den Pyrenäen über die Alpen bis in den Balkan und wird je
nach Wellenpassage temporär auch nach Norden ausgelenkt, sodass jede WLA gleich
mit sehr heißen Luftmassen einhergeht.

Doch wie gestaltet sich nun unsere Mittelfrist?

Zum Beginn der Mittelfrist, am Freitag, steht eine progressive Wellenpassage
vor, wobei die Trogachse eingangs der Nacht zum Samstag noch über
Belgien/Ostfrankreich verbleibt. Eine bereits nach Deutschland eingelaufene
Kaltfront (einer vorherigen Welle) bleibt entlang der nördlichen zentralen
Mittelgebirge liegen und wandelt sich stromab des nahenden Troges von Westen in
eine nordostwärts schwenkende Warmfront um. Daher startet der Tag sonnig oder
freundlich, bevor im Tagesverlauf von Westen die Bewölkung zunimmt und abends im
Westen erste Schauer und Gewitter zu erwarten sind. Inwieweit die Warmfront
ebenfalls „aktiviert“ wird muss noch abgewartet werden, die Luftmasse sieht aber
auch mit Blick auf die mittlere Troposphäre recht trocken aus, sodass die
Wahrscheinlichkeiten sehr gering erscheinen.
In der Nacht zum Samstag erfolgt dann die Trogpassage und damit einhergehend
entwickeln sich über der Mitte und im Süden einzelne, teils kräftige Gewitter
mit dem Wind als Hauptparameter dank der trockenen Luftmasse. Feinheiten dann
aber in Richtung Kurzfrist.

Am Samstag passiert der Trog den Osten Deutschlands, sodass dort noch einige
Schauer/Gewitter auftreten, bevor jedoch nachfolgend mit Druckanstieg von Westen
rasch Wetterberuhigung eintritt. Vielerorts wird es im Westen wieder ein
freundlicher oder sonniger Tag.

Daran ändert sich auch am Sonntag und Montag tagsüber wenig, wo unter
progressiver Keilachsen- bzw. Bodenhochpassage deutschlandweit störungsfreies
und sonniges (nachts natürlich klares) Wetter zu erwarten ist.

Inwieweit ab der Nacht zum Dienstag eine zögernde Trogannäherung von Westen die
Schauer- Gewitteraktivität erhöht ist noch unsicher. Zumeist wird auch der
Dienstag ein freundlicher bzw. sonniger Tag sein, jedoch mit erhöhtem
Konvektionspotenzial im Tagesverlauf.

Bezüglich der Temperaturvorhersage trennt eine bis Sonntag vorherrschende
Luftmassengrenze über der Mitte Deutschlands sehr unterschiedliche Luftmassen,
bevor diese zum Wochenbeginn durch großräumige WLA aus Südwest verwaschen wird.

Das bedeutet im Norden von Freitag bis Sonntag angenehmes Sommerwetter bei
zunächst mäßig warmen 20 bis 25 Grad und zum Sonntag zunehmend hochsommerlichen
24 bis 29 Grad. Ausgenommen davon bleiben die Küsten, wo eine tendenziell
auflandige Windkomponente die Temperatur noch etwas weiter drückt, wobei sich
dieser Effekt zum Sonntag im Umfeld der Deutschen Bucht abschwächt. Dank des
trockenen Charakters der stark modifizierten marinen Polarluft kühlt es nachts
auf angenehme 14 bis 9 Grad ab, bevor diese zum Ende der Mittelfrist mit
Übergreifen feuchterer subtropischer Luftmassen wieder auf über 15 Grad
ansteigen (wobei dann die Höchstwerte am Montag/Dienstag ebenfalls bei schwülen
25-30 Grad liegen).

Entlang/südlich der Luftmassengrenze (grob im Umfeld und südlich des Mains)
schwanken die 850 hPa Temperaturwerte meist zwischen 14 und 16 Grad und steigen
bei jeder Trogpassage auf Ü20-Werte an (am Montag auf teils 24 Grad im Süden).
Die genaue Intensität dieser Werte hängt von der finalen Geometrie der Wellen
ab, doch kann zusammengefasst werden, dass es Maxima durchweg im Ü30-Bereich
geben wird und ab Sonntag auch Ü35-Werte zu erwarten sind. Selbst im MOS sind
entlang des Oberrheins die 35/36 Grad am Sonntag/Montag zu erkennen und dank der
Vorgeschichte würde mich ein weiteres Aufschaukeln dieser Werte nicht wundern,
wenngleich die (im Vergleich zum aktuellen Keil) geringere Schichtdicke wohl
keine zu signifikanten Ausschläge ermöglichen sollte (vielleicht lokal 37/38
Grad). Die Nächte sind auf dem Land mit Werten um 15 Grad recht mild, in
Ballungsräumen und entlang des Oberrheins wird es aber sicherlich die eine oder
andere Tropennacht geben.

Flächendeckende Niederschläge sind keine in Sicht, sodass man sich mit den
leicht wechselhaften und konvektiven Perioden zufriedengeben muss. Waldbrand und
Trockenheit bleiben vielerorts unverändert ein großes Problem/Thema.

In der erweiterten Mittelfrist passiert der Trog Deutschland und nachfolgend
tendieren die jüngsten IFS-Läufe wieder eher in Richtung Absenkung des
Geopotenzials vor der Biskaya/Portugal, was ein bekanntes Grundmuster darstellen
würde. Allerdings dauert das progressive Wellenmuster über dem Nordatlantik in
Richtung Skandinavien weiter an, sodass in Mitteleuropa nach einer
vorübergehenden Abkühlung in der kommenden Woche (besonders in Norddeutschland)
tendenziell das Potenzial weiterer kräftiger und kurzer Hitzewellen gegeben ist,
die besonders Süddeutschland beeinflussen würden. In Südeuropa dauert der Hitze
unverändert an.
Aber bei all der Wärme soll nochmal hervorgehoben werden: die Zeichen für eine
vorübergehend kräftigere Abkühlung zum Ende des Monats (Mittwoch nächster Woche
bis zum Ende der Woche) für weite Bereiche Deutschlands sehen recht gut aus.
Alles jedoch ohne größere Niederschlagsmengen.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die Konsistenz der jüngsten 4 IFS Läufe kann als „gut“ zusammengefasst werden,
wenngleich es geringe Diskrepanzen bei der Phase der Wellen gibt. Demnach
beginnt die Mittelfrist mit einer Trogpassage und endet mit der nächsten
Keilaufwölbung, die nach Mitteluropa gerichtet ist. Zum Ende der Mittelfrist
(kommenden Dienstag) ergeben sich gröbere Strukturunterschiede beim Blick auf
den nächsten Atlantiktrog, wobei von der Numerik immer mehr ein erneuter
Abtropfprozess vor der Biskaya/Portugal ins Visier genommen wird.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Nichts anderes ergibt sich beim Blick auf die internationale Modellpalette.
Insgesamt recht gute Übereinstimmung mit geringen Phasenunterschieden und zum
Ende der Mittelfrist mit zunehmenden geometrischen Unterschieden beim Blick auf
den nächsten Atlantiktrog (besonders bei der Frage, inwieweit dieser vor
Südwesteuropa abtropft).

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die Cluster deuten ein Abklingen des klimat. Regimes „Blockierung“ während
dieser Mittelfrist an mit einem nachfolgenden Überhang zu NAO + (die jedoch
insgesamt recht verhalten ausfällt). In den Clustern (Anzahl von 2 auf 3
zunehmend) spiegelt sich das progressive Wellenverhalten mit einer weiteren
kräftigen Keilpassage zum Wochenbeginn gut wider und wird von einem Großteil der
Member gestützt.

In der erweiterten Mittelfrist deutet sich erst ein Wechsel zum klim. Regime
„Atlantikrücken / NAO +“ an, wobei bei der angenommenen
Geopotenzialkonfiguration vorübergehend gemäßigtes Sommerwetter besonders auf
den Norden Deutschlands übergreifen kann, bevor zum Ende der kommenden Woche
wieder tendenziell eine erneute Trogvorderseite angedeutet wird mit dem Rückfall
in das Regime „Blockierung“. Dies wird auch in der jüngsten Ensemblevorhersage
der Wetterregime-Vorhersage hervorgehoben.

Die Meteogramme zeigen durchweg ähnliche Verläufe: im Norden erst mäßig warm mit
zunehmend hochsommerlichen Werten zum Wochenbeginn. Dabei kaum
Niederschlagssignale.
Ab dem Main südwärts liegen die Maxima meist in greifbarer Nähe oder etwas über
der 30 Grad-Marke und steigen zum Wochenbeginn wieder auf um 35 Grad an. Die
Box-Whiskers-Plots weisen einen recht geringen spread auf, sodass der
angesprochenen Temperaturverlauf recht sicher erscheint. Das
Niederschlagsmaximum erfolgt über der Mitte und im Süden in der Nacht zum
Samstag in Folge ostwärts ziehender Konvektion.
In der erweiterten Mittelfrist gehen die Maxima im Norden auf rund 20 Grad
zurück, während sie im Süden bei hochsommerlichen 24 bis 29 Grad verbleiben.
Abgesehen von etwas mehr Konvektion im Süden dauern aber auch hier die (auf die
Fläche gesehen) meist trockenen Verhältnisse weiter an.

Die Rauchfahnen der 850 hPa Temperatur heben die Spitze mit rund 21-24 Grad im
Kontroll-, dem det. Lauf und den meisten Membern zum Wochenbeginn gut hervor (im
Norden rund 18 Grad). In der Folge gehen diese mit geringer Spreadzunahme auf 6
bis 10 Grad im Norden und 12 bis 15 Grad im Süden zurück. Das Nord-Süd-Gefälle
der Temperatur dauert also weiter an.

Im GEFS wird die Temperaturspitze zum Wochenbeginn noch nicht so deutlich
hervorgehoben (bzw. mit einer höheren Memberspreizung), doch ansonsten ähneln
sich beide Ensemblevorhersagen sehr. Der GFS 00Z Kontrolllauf hebt das
grundsätzliche Potenzial weiterer Hitzewellen eindrucksvoll hervor, wenngleich
(bisher) ohne weitere Unterstützung anderer Member.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

GEWITTER:

In der Nacht zum Samstag überqueren den Süden und die Mitte teils kräftige
Gewitter ostwärts mit Hagel und Sturmböen. Inwieweit das Unwetterpotenzial
erhöht ist muss noch abgewartet werden, da der thermodynamische Part aus
heutiger Sicht eher gemäßigt ausfällt. Im EFI fallen entsprechende Hinweise auch
sehr überschaubar aus.

HITZE/TROCKENHEIT:
Am Freitag deutet der EFI in Süddeutschland leicht erhöhte Werte an, bevor zum
Wochenbeginn eine neue Hitzewelle mit EFI-Werten von 0.8 im Süden Deutschlands
ansteht (wobei sich die Anomalien unter Abschwächung auf ganz Deutschland
ausweiten, jedoch betragsmäßig (noch) geringer ausfallen als bei der aktuellen
Hitzewelle).

Waldbrand bleibt ebenso ein Thema wie in immer größerem Ausmaß die Trockenheit.
Die Signaturen der (teils überlagernden) „flash drought“ dauern weiter an bzw.
werden immer ausgeprägter.

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS, IFS-ENS, MOSMIX, GEFS

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Helge Tuschy