S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T ausgegeben am Donnerstag, den 14.07.2022 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 14.07.2022 um 10.30 UTC

In der kommenden Woche heiß und zunächst trocken, in der zweiten Wochenhälfte
Gewitter möglich.

Synoptische Entwicklung bis zum Donnerstag, den 21.07.2022

Während in der aktuellen Kurzfrist die Rede von einer Kaltfront ist, die
irgendwo zwischen Baum und Borke in der Mitte Deutschlands herumwabert, bis zum
morgigen Freitag aber die Alpen erreicht, gilt es sich mittelfristig mal wieder
mit dem Thema Hitze auseinanderzusetzen. Dabei ist schon seit Längerem
unstrittig, dass uns in der nächsten Woche eine Portion afrikanischer Heißluft
heimsucht. Relativ wahrscheinlich ist auch, dass die Hitze nach dem Höhepunkt am
Dienstag/Mittwoch im Laufe der zweiten Wochenhälfte wieder gestutzt wird. Offen
ist u.a. hingegen immer noch, wie heiß es in der Spitze schlussendlich wird und
in welcher Form die Heißluft am Ende ausgeräumt bzw. wie weit die Hitze wieder
runtergefahren wird. Doch der Reihe nach…

…, wo wir uns zu Beginn des mittelfristigen Prognosezeitraums am kommenden
Sonntag noch auf einem insgesamt moderaten Temperaturniveau bewegen. Dabei
liegen wir unter einer zunehmend indifferenten bis leicht antizyklonal
konturierten Höhenströmung, die von einem Trog über Nordost- bzw. dem nahen
Osteuropa und einem sich von Nordwestafrika bis nach Norwegen erstreckenden
Rücken generiert wird. Das korrespondierende Bodenhoch verlagert sein Zentrum
(um 1025 hPa) von UK zur Nordsee. Am Rande des Hochs strömt zunächst noch eine
gemäßigte und leicht angefeuchtete Meeresluft in den Norden und Osten (T850 7
bis 11°C), in der sich mal mehr, mal weniger dichte Wolken bilden. Es bleibt
aber weitgehend trocken, was freilich auch für die gesamte Südwesthälfte gilt.
Dort ist die Luft trockener und wärmer (T850 11 bis 15°C am Mittag), was eine
deutliche höhere Sonnenscheindauer als im Norden zur Folge hat.

Am Montag wölbt sich der Südteil des Rückens zusehends auf, während das bis dato
knapp westlich Portugals positionierte Höhentief zum Westrand der Biskaya zieht.
Vorderseitig beginnt der Luftdruck zunächst über der Biskaya und Westfrankreich
zu fallen, während gleichzeitig der Schwerpunkt des Hochs über Mitteldeutschland
hinweg langsam gen Osten wandert. Zwischen dem tiefen und dem hohen Luftdruck
wird eine Zunge niedertroposphärischer Warmluft afrikanischer Herkunft weit nach
Norden geführt. Die 20°C-Isotherme auf 850 hPa erreicht Nordirland und
Mittelengland, die „25°C“ überquert knapp die Pyrenäen und über der Iberischen
Halbinsel blinkt z.T. die „30“ auf. Bei uns reicht die Spanne am Abend von 11°C
in Vorpommern bis zu 20°C im südlichen Oberrheingraben. Vorher scheint
verbreitet die Sonne von einem nach Südwesten meist wolkenlosen, nach Nordosten
zeitweise wolkigen Himmel.

Am Dienstag rücken und besagter Rücken nebst „850-hPa-Zunge“ immer dichter auf
die Pelle, wobei wird den Tag aber noch an ihrem Ostrand verbringen. Bis zum
Abend steigt T850 auf 13°C an der Oder und 22°C in Südbaden. Bei Sonne satt (im
Norden und Nordosten wahrscheinlich nur noch lockere Wolken) gehtŽs thermisch
langsam in die Vollen. Weniger als 30°C dürfte nur noch dem äußersten Norden und
Nordosten vorbehalten sein. Ansonsten erhitzt sich die Luft auf 30 bis 35°C, im
Westen und Südwesten lokal sogar noch etwas darüber (wahrscheinlich bis zu
37°C).

Am Mittwoch legen sich Rücken und „Zunge“ – die Meteorologie wird auch immer
anatomischer – genau über den Vorhersageraum, während wir luftdrucktechnisch ein
wenig zwischen den Stühlen hängen. Kleinen Hochs über der Ostsee und den Alpen
steht ein Tief über UK/Irland gegenüber, von dem aus eine Rinne bis nach
Frankreich und Benelux reicht. Inwieweit diese Rinne in der Lage ist, bei uns
schon Akzente zu setzen – sei es durch Bewölkung, durch Schauer/Gewitter
und/oder beginnendem Temperaturrückgang -, kann heute och nicht abschließend
beantwortet werden. Fakt ist, dass IFS um 18 UTC die 20°C-Isotherme bis zu einer
Linie Deutschen Bucht-mittleres Erzgebirge vorankommen lässt. Nordöstlich davon
stehen „nur“ 17 bis 20°C auf der Karte, wohingegen im Süden punktuell 24°C
gerechnet werden. Sollte sich das bewahrheiten, bestünde dort tatsächlich die
reelle Chance auf eine Tageshöchsttemperatur um 40°C, auch wenn die in der
Spitze eher dämpfenden MOS-Verfahren diese Werte (noch?) nicht auf dem Radar
haben.

Am Donnerstag wandert der Rücken nach Osten ab und wir gelangen in den
Wirkungsradius eines hochreichenden Tiefs über der Nordsee. Ausgehend vom Tief
kommt es zu einer Kaltfrontpassage, mit der die heißeste Luft südostwärts
abgedrängt wird. Gleichwohl werden am Abend im Süden und Südosten noch immer
T850 um 19°C simuliert, was alles andere als „kühle“ Temperaturen bedeuten
würde. Unsicher ist auch noch, welche Wetterentwicklung sich aus dem
Frontdurchgang ergibt. IFS rechnet im Südosten und im Nordwesten Niederschlag
(teils gewittrig), dazwischen wenig bis nichts – bitter, sehr bitter.

In der erweiterten Mittelfrist deutet sich für den Norden wechselhaftes Wetter
mit zeitweiligen Regenfällen und gemäßigten Temperaturen an. Nach Süden hin
steht dagegen weitgehend trockenes und sehr warmes bis heißes Wetter auf der
Karte.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die Konsistenz des IFS-Modells vom ECMF ist mittlerweile als gut bis sehr gut zu
bezeichnen. So zeigen die Basisfelder des heutigen 00-UTC-Lauf keine
nennenswerten Abweichungen zu seinen direkten Vorgängern. Kleinere Abweichungen
sind meist infinitesimaler Natur und ändern nichts an der grundsätzlichen
Entwicklung. Die sieht von Sonntag an einen stetigen Temperaturanstieg vor,
deren Höhepunkt je nach Region und genauem Timing am Dienstag bzw. Mittwoch zu
erwarten ist (nach Westen hin könnte das Maximum schon am Dienstag erreicht
werden).
Noch nicht abschließend zu beantworten ist die Frage, wie heiß es am Ende
tatsächlich wird. Dass die 40°C-Marke lokal irgendwo substanziell überschritten
wird, ist Stand heute unwahrscheinlich. Dass sie irgendwo erreicht wird, ist
hingegen durchaus möglich. Schlussendlich ist die Frage nach 37, 39 oder 41°C
aber eher ein mediales Thema. Fakt ist, dass es in weiten Landesteilen heiß bis
sehr heiß wird und Fakt ist leider auch, dass Trockenheit und Dürre vielerorts
andauern. In welcher Form und wie nachhaltig die Hitze dann im Laufe der zweiten
Wochenhälfte wieder weggeschafft oder gestutzt wird, ist noch offen. Allerdings
sind die numerischen Prognosen alles andere als ermutigend, als dass wir auf den
großen Regen hoffen können. Einige Gewitter ja, auch schwere Geschütze, aber was
bringt das in der Fläche?

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Die anderen, an dieser Stelle für gewöhnlich auf dem Prüfstand stehenden
Globalmodelle – namentlich ICON, GFS, GEM und UKMO – lassen keine Zweifel an der
auf Basis von IFS geschilderten Entwicklung. Die Frage, wie hoch die
Spitzentemperaturen ausfallen werden und wie die Hitze danach wieder abgebaut
wird, kann trotzdem nicht beantwortet werden. ICON und GFS steigen ab Donnerstag
aus der Prognose aus und GFS lässt alle auf Regen Hoffenden eher traurig
dreinblicken. Einzig GEM bietet beim Kaltfrontdurchgang gebietsweise etwas mehr
Niederschlag an. Bei den 850-hPa-Temperturen liegen die Werte tendenziell etwas
unter denen von IFS.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die IFS-EPS-Rauchfahnen verschiedener deutscher Städte stützen das Szenario des
Hauptlaufs. Dabei nimmt der Spread im Laufe der nächsten Woche graduell zu, was
dem geschilderten Trend aber keinen Abbruch tut. Vorsichtig ermutigend ist die
Zunahme der Regensignale ab dem kommenden Mittwoch in allen Regionen, auch wenn
es noch genug Ensemblemitglieder gibt, die mit Regen oder Gewittern nichts am
Hut haben.

Bei der Clusterung wartet IFS-EPS im ersten Zeitraum t+72…96h (Sonntag/Montag)
mit fünf Clustern auf, die sich bezogen auf den Vorhersageraum gar nicht oder
nur marginal unterscheiden. Von Dienstag bis Donnerstag (T+120…168h) wird auf
einen einzigen Cluster zurückgeschaltet, bevor danach (T+192…240h, Freitag bis
Sonntag) vier Schubladen aufgemacht werden. Sie zeigen alle einen mal mehr, mal
weniger bis nach Mitteleuropa vorstoßenden Keil eines kräftigen Hochs über dem
nahen Atlantik. Für den Norden würde das in der Tendenz wechselhaftes Wetter auf
gemäßigtem Temperaturniveau bedeuten, während sich der Süden auf warme bis heiße
und überwiegend trockene Bedingungen einstellen müsste.

FAZIT: Auf Basis sowohl der deterministischen Läufe als auch der
probabilistischen Anschlussverfahren ist der grundlegende Fahrplan ausreichend
abgesichert. Die noch offenen, weiter oben schon gestellten Fragen
(Temperaturspitzen, erweiterte Mittelfrist) müssen noch etwas geschoben werden.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Das Hauptaugenmerk signifikanter Wettererscheinungen liegt zunächst auf der in
der kommenden Woche zunehmenden Hitze sowie der andauernden Trockenheit. Zu den
Temperaturen wurde diesbezüglich schon viel geschrieben, trotzdem noch ein paar
Ergänzungen. Wie hoch die Spitzen ausfallen, die am Dienstag und Mittwoch
erwartet werden, hängt von sehr vielen Faktoren ab, von denen in der Folge
einige genannt werden (Liste garantiert keine Vollständigkeit:

  • wie hoch fällt die 850-hPa-Temperatur aus und wie ist das Timing (geht das
    Maximum am Abend oder in der Nacht durch, fallen 2m-Temperaturen am Tage
    geringer aus
  • wie hoch liegt die 850-hPa-Fläche (je höher, desto heißer unten)
  • dämpft evtl. hohe Bewölkung die Temperatur oder kommt gar Saharastaub ins
    Spiel (die Vorhersagen deuten es zumindest an)
  • wie hoch ist der Verdunstungsfaktor (die Böden sind verbreitet sehr trocken,
    so dass ein Großteil der zur Verfügung stehenden Energie in die den fühlbaren
    Bereich geht und somit zur Temperaturerhöhung beiträgt
  • was macht der Wind, wie stark kann sich eine bodennahe Überadiabate aufbauen.

Wie man leicht sieht, alles nicht so einfach, genauso wie es nicht einfach ist,
die in der ab Mittwoch möglicherweise auftretenden Regenfälle und Gewitter
richtig einzuschätzen. Natürlich wäre es „normal“, wenn die Hitze mit Pauken und
Trompeten beendet bzw. runtergebraten würde. Es hat in der Vergangenheit aber
auch schon Fäll gegeben, wo die Umstellung weitgehend trocken vonstattengegangen
ist. Derzeit ist aufgrund der numerischen Prognosen von teils kräftigen
Gewittern mit lokalem Starkregen und möglichen Überschwemmungen auszugehen,
während flächiger und gar mehrtägiger Regen mit Ausnahme Norddeutschlands
(vielleicht!) nicht wirklich in Sicht ist.

Basis für Mittelfristvorhersage
MOS-Mix mit IFS-EPS und Modelle.

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Jens Hoffmann