#SXEU31 #DWAV #111800 S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T ausgegeben am Montag, den 11.07.2022 um 18 UTC

SXEU31 DWAV 111800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Montag, den 11.07.2022 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Bis auf Weiteres keine markanten Wettererscheinungen bei steigenden
Temperaturen.

Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 12 UTC

Aktuell … ist das Wetter bei uns derart unspannend, dass alle Experten und
die, die sich dafür halten, ausreichend Zeit haben, mit Heiß-Heißer-Am
Heißesten-Prognosen für die kommende Woche um sich zu werfen, als gäbe es kein
Morgen mehr. Keine Frage, die Signale dafür, dass es nach dem kommenden
Wochenende in Deutschland heiß oder gar sehr heiß wird (beim DWD liegt die
Demarkationslinie zwischen diesen beiden Zuständen bei 35°C, aber dieser Wert
ist rein subjektiv), sind ausreichend vorhanden. Wann und wo es genau wie heiß
wird, steht aber mitnichten schon fest, dazu reicht ein Blick auf die Ensembles
sowohl von IFS als auch GFS für die erweiterte Mittelfrist. Da turnen durchaus
auch noch einige gemäßigte Szenarien in den Charts herum, die man nicht einfach
negieren sollte. Nur weil GFS in irgendeinem 06-UTC-Lauf mal Žne +27 oder 28°C
auf 850 hPa über Deutschland hinklatscht, sollten nicht gleich die Pferde
verrückt gemacht werden. Aber Hauptsache, es reicht für Schlagzeilen (wobei
Deutschlands ach so toller „Investigativjournalismus“ das Spielchen in vielen
Fällen bereitwillig mitspielt), auch wenn man dann unten im „Kleingedruckten“
lesen muss, dass die Wahrscheinlichkeit für 45°C nur bei 10 bis 20% liegt.

Kommen wir zur Kurzfrist, die – nomen est omen – heute tatsächlich
vergleichsweise kurzgehalten werden kann. Aktuell befindet sich Deutschland am
Rande eines von der Biskaya bis nach Norwegen gerichteten Höhenrückens, der
langsam südostwärts kippt. Da gleichzeitig das über dem nahen Osteuropa
befindliche Höhentief etwas nach Osten ausweicht, dreht die Höhenströmung bei
uns in den nächsten Stunden von Nordwest auf Nord, ohne dass das monumentale
Verrückungen im Wettergeschehen zur Folge hätte. Im Bereich des inzwischen nicht
mehr allzu kräftig aufgestellten Hochs IOSIF (nur noch etwas über 1020 hPa) gilt
es nach wie vor den breiten Wolkenstreifen zu beschreiben, der sich von der
Nordsee respektive Benelux über die Mitte bis nach Oberbayern erstreckt. Er wird
sich in der kommenden Nacht zwar nicht gänzlich auflösen, wohl aber mehr oder
weniger große Lücken bekommen und sich außerdem etwas nach Osten verlagern.
Darüber hinaus nimmt die Wahrscheinlichkeit schwacher Regenfälle, wie sie
tagsüber gebietsweise noch aufgetreten sind, ab. An den Flanken im Nordosten
sowie im Südwesten verläuft die Nacht gering bewölkt oder klar. Die
Tiefsttemperatur liegt deutschlandweit je nach Bewölkung und topografischer Lage
zwischen 16 und 7°C.

Dienstag … macht der o.e. Rücken weitere Fortschritte gen Osten, so dass er am
Abend quasi das ganze Land überdeckt. Er sorgt für Absinken, was dem inzwischen
sowieso schon angeschlagenen Wolkenstreifen nicht wirklich behagt. Kurzum, es
kommt zu einer weiteren Abtrocknung von oben, aber auch in der Grenzschicht
nimmt die Feuchte ab, so dass die Bewölkung mehr und mehr in weitgehend
aufgelockerte Quellungen mutiert. Dazu gesellen sich im Westen und Nordwesten
später noch Cirren, quasi die Vorboten einer Kaltfront, der wir uns an anderer
Stelle noch etwas genauer widmen. Es bleibt überwiegend trocken, einzig über den
östlichen und südöstlichen Mittelgebirgen sowie am östlichen Alpenrand
(Inversion hier bei 700 hPa) ist eine ganz geringe Schauerneigung gegeben. Die
meisten Sonnenstunden sind nach wie vor an den Flanken des (ehemaligen)
Wolkenstreifens im Südwesten und im Nordosten zu erwarten.

Da T850 absinkbedingt kontinuierlich steigt von 6 bis 13°C am Morgen auf 10 bis
15°C am Abend, legt auch die 2m-Temperatur ordentlich zu. Am Rhein und seinen
Nebenflüssen gehtŽs hoch auf 27 bis 31°C, sonst auf 24 bis 29°C. Selbst an den
Küsten stehen die Chancen, die 20°C-Marke zu knacken oder gar knapp zu
überschreiten aufgrund des rückdrehenden Windes sehr gut.

In der Nacht zum Mittwoch wandert der Rücken langsam weiter ostwärts, wobei er
von leichter WLA (=> vor allem hohe Wolken) überlaufen wird. Rückseitig beginnt
die Höhenströmung von Westen her zu zonalisieren. Gleichzeitig nähert sich die
bereits erwähnte Kaltfront der Deutschen Bucht respektive der deutschen
Nordseeküste. Sie gehört zu dem für sommerliche Verhältnisse gut im Futter
stehenden Tief ANIJ (zeitweise unter 985 hPa im Kern), die heute knapp südlich
an Island vorbeizieht und in der Folge die Norwegische See ansteuert.
Vorderseitig nimmt die Bewölkung im äußersten Nordwesten zu und am frühen Morgen
sind über und an der Nordsee sowie in SH einzelne schwache Schauer möglich.
Meist bleibt es aber trocken und mit lokal 19°C im Westen und Nordwesten bis zu
9°C in einigen „Kältelöchern“ Süddeutschlands bleibt die Nacht tendenziell
wärmer als die Nächte zuvor.

Mittwoch … macht die Kaltfront zwar „landfall“, allerdings steht noch nicht
fest, wie weit sie unter der zonalen Höhenströmung am Ende des Tages nach Süden
vorstößt. Auf alle Fälle sollte man sich in der Nordhälfte auf wechselnde,
mitunter starke Bewölkung einstellen. Wer daran die Hoffnung auf Regen knüpft,
muss allerdings enttäuscht werden. Zum einen fehlt es der Front selbst an
Substanz bzw. an Unterstützung aus der Höhe, zum anderen ist die Luftmasse nicht
ausreichend labil und feucht genug, um nennenswerte konvektive Akzente zu
setzen. Für mehr als ein paar wenige schwache Schauer im Norden und in der Mitte
wird es nicht reichen, da ist sich die Numerik weitgehend einig. In der
postfrontal in den Norden einfließenden erwärmten Meereskaltluft (T850 um 9°C)
lockert die Bewölkung von der See sogar wieder auf, so dass insbesondere die
küstennahen Gebiete mit erhöhter Einstrahlung rechnen können. Der auf Nordwest
drehende Wind frischt im Norden auf, wobei aber noch nicht ganz klar ist, wie
stark. Insbesondere IFS und IFS-EPS fahren eine recht offensive Variante mit
vermehrt Böen 7 Bft bis in die Norddeutsche Tiefebene ausgreifend. ICON dagegen
agiert zurückhaltender und belässt es bei einigen steifen Böen direkt an der See
(vor allem an der Ostsee) und das auch erst in der Nacht zum Donnerstag.

Süddeutschland bleibt von dem ganzen Geschehen im Norden weitgehend abgekoppelt.
Potenzielle Bewölkung dürfte sich im Wesentlichen auf transparente Cirren
beschränken, so dass die Sonne ordentlich einheizen kann. Bei weiter steigenden
850-hPa-Temperaturen auf bis zu 18°C im äußersten Südwesten wird es auch auf
irdischem Niveau immer wärmer bzw. heißer. So liegen die Tageshöchstwerte im
Süden und in der Mitte zwischen 28 und 34°C, während im Norden 23 bis 29°C auf
der Karte stehen (je weiter weg von der Küste, desto wärmer). An der
Nordseeküste lässt der Nordwestwind nur Werte um 20°C, was aber – sofern man den
Strandkorb richtig positioniert – vollkommen ausreichend ist.

In der Nacht zum Donnerstag kommt die Kaltfront wahrscheinlich bis etwa zur
nördlichen Mitte voran, wobei sie bezogen aufs Wetter weiterhin sehr inaktiv
operiert. Ein paar frontale und postfrontale Wolken, aus denen aber kaum ein
Spritzer Regen fällt, das warŽs. Aus thermischer Perspektive allerdings hat die
Front ihren Namen mehr als verdient, baut sich doch ein äußerst veritables
Süd-Nord-Gefälle der niedertroposphärischen Temperatur auf. Am Donnerstagmorgen
reicht die Spanne auf 850 hPa von satten 19°C in Südbaden bis zu 5°C im Norden
SHs. Der stärkste Gradient befindet sich dabei in der Mitte, also im
Frontbereich, wie es sich gehört. Bei den 2m-Minima ist Unterschied nicht ganz
so groß, hier reicht das Intervall von lokal 20°C im Südwesten bis zu 9°C in der
Lüneburger Heide. Wie bereits erwähnt frischt der West-Nordwestwind insbesondere
an der Ostsee, bedingt auch noch an der Nordseeküste SHs auf mit einigen Böen 7
Bft.

Donnerstag … bleibt die Kaltfront in den mittleren Landesteilen hängen, wobei
sie leicht verwellt. Nach wie vor trennt sie heiße und relativ trockene Luft im
Süden von gemäßigter Meeresluft im Norden. Insgesamt deutet sich eine leichte
Aktivierung der Luftmassengrenze an, weil im Norden ein flacher Randtrog
durchschwenkt, was eine moderate Zyklonalisierung der Höhenströmung zur Folge
hat. Die Modelle reagieren darauf mit einer geringfügig! erhöhten
Schaueraktivität im Frontbereich sowie knapp südlich davon, wobei laut IFS sogar
ein vereinzeltes Gewitter nicht ausgeschlossen ist – abwarten. Einzelne Schauer
sind auch in Küstennähe drin, wo es durch die Trogpassage zu einer mäßigen
Labilisierung der maritimen Luftmasse kommt.

Ansonsten lässt sich aber konstatieren, dass trotz Wolken häufig die Sonne
scheint, wobei die Bilanz im Süden besser ausfällt als im Norden. Und das,
obwohl sich ausgehend vom neuen Hoch JÜRGEN über dem nahen Atlantik ein Keil bis
in die Norddeutsche Tiefebene schiebt. An dessen Nordostflanke weht übrigens ein
mäßiger, an der Ostsee auch frischer West-Nordwestwind mit Böen 7 Bft. Bei den
Tageshöchsttemperaturen muss das ganz große Fass geöffnet werden: im Süden 29
bis 34°C, in der Mitte 24 bis 29°C, im Norden 20 bis 25°C und direkt an der See
z.T. noch etwas darunter.

Modellvergleich und -einschätzung

Der beschriebene Generalkurs ist unstrittig. Einzelne Unschärfen (z.B. die
genaue Position der Kaltfront ab Mittwoch) halten sich im handelsüblichen
Rahmen, wurden im Text angerissen und sind nicht wirklich prognoserelevant.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann