#SXEU31 #DWAV #301800 S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T ausgegeben am Donnerstag, den 30.06.2022 um 18 UTC

SXEU31 DWAV 301800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 30.06.2022 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Von Südwesten her, an den Alpen und auf den Westen übergreifend vermehrt schwere
Gewitter. Unwettergefahr durch heftigen Starkregen, zudem durch größeren Hagel
und (schwere) Sturmböen. In der ersten Nachthälfte teils auch mehrstündiger
Starkregen. Bis Freitagfrüh mit abnehmender Wahrscheinlichkeit für Unwetter bis
zu einer Linie Cuxhaven-Rhön-Regensburg vorankommend.
Am Freitag dann zwischen Ostsee und Lausitz sowie in Alpennähe schwere Gewitter
mit Unwettergefahr, dort zum Abend hin bereits Wetterberuhigung. Am Wochenende
abgesehen von einzelnen Gewittern unmittelbar an den Alpen keine markanten
Wettergefahren.

Synoptische Entwicklung bis Sonntag 12 UTC

Aktuell … liegt Deutschland an der Vorderseite eines Troges, der von
Ostgrönland mit seiner Hauptachse über England hinweg bis ins westliche
Mittelmeer reicht. Als Gegenspieler hat sich ein Höhenkeil etabliert, der sich
von der Adria über den Finnischen Meerbusen hinweg bis in die Barents-See
erstreckt. Als Folge ergibt sich über Mitteleuropa eine steile süd-südwestliche
Strömung, mit welcher feuchtlabile Subtropikluft aus dem westlichen
Mittelmeerraum nach Deutschland gelangt. Diese Luftmasse hat alle Eigenschaften,
die für eine ausgewachsene Schwergewitterlage erforderlich sind als da wären ein
Gehalt an niederschlagbarem Wasser zwischen 30 und 40 mm (was bereits ein
Anhaltspunkt für die in Verbindung mit Gewittern zu erwartenden Niederschläge
ist). CAPE (MU, KK) erreicht im Süden, über dem Mittelgebirgsraum und vor allem
zu den Alpen hin 1500 bis ca. 3000 J/kg. Was fehlt, ist dynamisch bedingte
Hebung. Auch Scherung ist kaum vorhanden, so dass für die Auslösung in erster
Linie orografischer Antrieb (in Form der Gebirge) in frage kommt.
Das ändert sich in der Nacht zum Freitag, wenn in die Westflanke des Troges von
Ostgrönland her ein Kurzwellentrog hineinläuft. Dieser bringt den o.g. Trog in
Bewegung, so dass sich letzterer mit seinem Südteil relativ rasch nach Osten bis
nach Ostfrankreich verlagert. Dann nimmt auch die Scherung zu. Die Kaltfront,
die diesem Trog vorgelagert ist, greift bereits in der ersten Nachthälfte auf
den Westen Deutschlands über. Präfrontal entwickelt sich eine Tiefdruckrinne,
die durch bodennahe Konvergenz einen zusätzlichen Hebungsantrieb liefert. In
deren Bereich kommen von Südwesten und Westen her vermehrt Gewitter auf. Diese
können auch weiter in die Warmluft ausgreifen als dass dies in den Vorhersagen
der hoch auflösenden Modelle zu sehen ist. Im Südwesten und aus den Alpen heraus
können vor allem ab dem Abend diese Gewitter neben heftigen Starkregen mit
größerem Hagel einhergehen, auch schwere Sturmböen, bedingt durch den sich dann
ausbildenden Kältepool, sind nicht auszuschließen.
Bis Freitagfrüh hat diese Tiefdruckrinne bereits die Elbe überquert und erreicht
die Linie Flensburg – Görlitz. Die Kaltfront nimmt dann Anacharakter an,
Gewitter sind dann am warmen Rand des Niederschlagsgebietes zu erwarten, wogegen
nachfolgend diese Niederschläge, bedingt durch die rasch bis zur Mitte
Deutschlands ausgreifende Stabilisierung, skaligen Charakter annehmen. Während
in der ersten Nachthälfte durchaus noch Unwettergefahr durch zum Teil auch
mehrstündigen Starkregen besteht, nimmt danach die Wahrscheinlichkeit für
Unwetter rasch ab. Was heißen soll, dass dann markant zu bewarnender
(mehrstündiger) Starkregen durchaus noch auftreten kann.
Der Osten, d.h. die Gebiete von der Ostsee bis zum Erzgebirge werden von dieser
Entwicklung noch verschont. Genauso setzt auch im Westen bereits Entspannung ein
und die Niederschläge lassen nach.

Freitag … greift der Trog zunächst auf den Südwesten über und schwenkt mit
seinem Südteil rascher nach Osten als mit seinem Nordteil, so dass sich dessen
Achse am Abend vom Münsterland nach Oberfranken erstreckt. Folglich bleibt
alles, was davon östlich liegt, noch unter der Trogvorderseite. Da die Trogachse
von Kaltluftadvektion überlaufen wird, wird der ansonsten für Schwergewitter wie
geschaffene Lage entschärft. Die Tiefdruckrinne liegt bereits gegen Mittag über
Polen, Entrainment trockener und stabilerer Luft macht der Konvektion weitgehend
den Garaus. Da kann dann auch die signifikant zunehmende Scherung nichts mehr
ausrichten. Rückseitig der abziehenden Tiefdruckrinne frischt der Wind aus
Nordwest auf, wodurch Windböen und an der Ostsee, mit geringerer
Wahrscheinlichkeit auch im Binnenland, stürmische Böen zustande kommen.
Abgesehen vielleicht von Vorpommern über den östlichen Berliner Raum bis in die
Oberlausitz hinein – dort wird die feuchtlabile Luft noch nicht so rasch
herausgedrückt, so dass dort der Tagesgang noch etwas greifen kann. In diesen
Gebieten sind Gewitter bis hin zum Unwetter (vor allem durch heftigen Starkregen
und (schwere) Sturmböen, größerer Hagel geht weiter im Osten über Polen nieder).
Zum Abend hin sollte dann aber auch vom Greifswalder Bodden bis zum Lausitzer
Bergland Entspannung einsetzen.
Ansonsten handelt es sich im Nordosten, hauptsächlich östlich der Elbe, um
skalige Niederschläge, die weiter nach Osten hin noch konvektiv durchsetzt sind.
Im Grenzbereich hin zur labileren Luft zwischen Vorpommern und der Lausitz ist
noch teils mehrstündiger Starkregen vorstellbar, wobei die Wahrscheinlichkeit
für unwetterartige Regenmengen gerade zur tagesgangsbedingt aktivsten Zeit
geringer wird.
Von Westen her setzt sich rasch Hochdruckeinfluss durch. Zwar wird es im Bereich
des hereinschwenkenden Troges noch einmal etwas labiler, auch wird ein wenig
CAPE generiert, aber dieser Trog bringt maximal leichte Schauer zustande. Im
Tagesverlauf setzen sich von Westen her bis in die mittleren Regionen
Deutschlands auch vermehrt Auflockerungen durch.
Postfrontal setzt sich im weitaus größten Teil Deutschlands eine gemäßigte
Luftmasse mit Tageshöchsttemperaturen zwischen 18 und 24 Grad durch. Nur ganz im
Nordosten, wie zuvor beschrieben, von Vorpommern bis in die Lausitz, werden in
schwülwarmer Luft nochmals 25 bis 30 Grad erreicht.

In der Nacht zum Samstag werden dann auch aus dem äußersten Nordosten die Reste
feuchtlabiler Luft herausgedrückt, so dass auch in diesen Gebieten nach letzten
Schauern in der ersten Nachthälfte Wetterberuhigung einsetzt. In der Mitte und
im Süden stellt sich eine schwachgradientige Lage ein, so dass sich stellenweise
(vor allem dort, wo es zuvor kräftige Niederschläge gegeben hatte) flache
Nebelfelder bilden. Mit Tiefsttemperaturen zwischen 13 und 7 Grad kühlt es sich
bis Samstagfrüh so weit ab wie schon lange nicht mehr.

Samstag … liegt Deutschland unter einem flachen Rücken, der sich zwischen dem
nach Polen abziehenden Trog und einem nachfolgenden, auf die Irische See
übergreifenden Trog ausbilden konnte. Durch diesen Rücken wird ein ausgedehntes
Bodenhoch gestützt, dessen Schwerpunkt sich über Deutschland hinweg nach Polen
verlagert. Allerdings passiert die Achse des Rückens rasch das Vorhersagegebiet,
so dass sich im Tagesverlauf bereits wieder eine südwestliche Strömung
einstellt. Mit dieser wird erneut wärmere Luft advehiert, die jedoch nur
unmittelbar an den Alpen (gedeckelt) leicht labil geschichtet ist. Ein paar
Wolkenfelder streifen allenfalls den Nordwesten, ansonsten ist nahezu
ungehinderte Einstrahlung zu erwarten. Gegenüber Freitag erfolgt somit wieder
ein Temperaturanstieg auf 24 bis 29 Grad, wobei es dann in tieferen Lagen
Südwestdeutschlands am wärmsten wird. In Küstennähe und im äußersten Nordwesten
werden 19 bis 24 Grad erreicht.

In der Nacht zum Sonntag schwenkt der Trog zur Bretagne. Erneut läuft von
Ostgrönland ein Kurzwellentrog ab, was die Verlagerung des zuerst genannten
Troges beschleunigt. Demzufolge beginnt die Strömung über Mitteleuropa
aufzusteilen. Dies ist aber vorerst ohne Folgen. Im Süden, Westen und in der
Mitte können sich bei geringen Luftdruckgegensätzen noch einmal flache
Nebelfelder bilden. Mit Tiefsttemperaturen zwischen 17 und 12 Grad und um 10
Grad im Bergland stellt sich dann wieder ein hochsommerliches Niveau ein.

Sonntag … verlagert sich der Trog mit seinem nördlichen Teil in die westliche
Nordsee, hängt aber mit seiner Trogspitze zurück, die erst gegen Abend die
Bretagne überquert hat. Folglich steilt die Strömung noch ein wenig auf. Mit dem
Ergebnis, dass in den Süden und in die Mitte sowie in die östlichen Landesteile
wieder verstärkt labilere Luft gelangt. Der Gehalt an niederschlagbarem Wasser
steigt auf Werte um 25, im Südwesten bis 30 mm, CAPE (KK) erreicht im Süden und
Südosten wenngleich noch leicht gedeckelt, 1000 bis 1500, an den Alpen bis 2000
J/kg. Das wäre bereits wieder hinreichend für die nächste Schwergewitterlage.
Zwar bildet sich in der labilen Luft erneut eine flache Tiefdruckrinne. Diese
wird allerdings von Kaltluftadvektion überlaufen und kann daher nicht viel
ausrichten. Von Westen her kräftigt sich alsbald wieder Hochdruckeinfluss.
Hierdurch drehen die bodennahen Winde auf Nordwest.
Zudem ist die Strömung relativ glatt und beginnt noch nicht zu flattern, so dass
für die Auslösung orografische Unterstützung erforderlich ist. Diese ist am
ehesten unmittelbar am Alpenrand, eher sogar inneralpin, gegeben, so dass sich
dort sowie zum Abend hin auch aus den Alpen heraus einzelne kräftige Gewitter
entwickeln können, wobei aufgrund der eher noch gemäßigten Luftmasse, die eher
von der Biskaya, aber nicht aus dem westlichen Mittelmeerraum herangeführt wird,
Unwetter wenig wahrscheinlich, aber nicht ganz auszuschließen sind.
Aufgrund der Nähe zur Frontalzone, die durch den sich nähernden Trog bedingt
ist, wird der Nordwesten von Wolkenfeldern gestreift. Für ein paar Schauer
reicht es nur in Nordseenähe und mit geringerer Wahrscheinlichkeit auch an der
Mecklenburgischen Ostseeküste. Ansonsten erfolgt nahezu ungehinderte
Einstrahlung, was die Temperaturen wieder auf hochsommerliche 25 bis 30 Grad und
aufgrund der Bewölkung im Nordwesten sowie ganz im Westen auf 19 bis 24 Grad
steigen lässt.

Modellvergleich und -einschätzung

Die vorliegenden Modelle stützen weitgehend die oben beschriebene Entwicklung.
Anhand der synoptischen Basisfelder lassen sich keine prognoserelevanten
Unterschiede ableiten. Auch von Seiten der hochauflösenden Modelle ergeben sich
keine vom obigen Szenario abweichenden Ergebnisse.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Thomas Schumann