#SXEU31 #DWAV #181800 S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T ausgegeben am Mittwoch, den 29.06.2022 um 18 UTC

SXEU31 DWAV 291800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Mittwoch, den 29.06.2022 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Kommende Nacht im äußersten Osten Regen und Gewitter mit Starkregengefahr. Am
Donnerstag zunächst recht ruhig, am Nachmittag und Abend vor allem im Westen und
Südwesten sowie an den Alpen zunehmende Gewitterneigung mit Unwettergefahr. Zum
Freitag hin dann Durchgang einer Kaltfront mit Regen/Gewittern und markantem
Luftmassenwechsel, am Samstag Hochdruckeinfluss.

Synoptische Entwicklung bis Samstag 12 UTC

Aktuell … zeigt sich die großräumige Potenzialverteilung nach wie vor extrem
meridional aufgestellt. Als Protagonisten fungiert auf der einen Seite ein
äußerst ausladender Rücken, der sich vom zentralen Mittelmeer über den Balkan
und das östliche Mitteleuropa hinweg bis zur Barentssee erstreckt. Ihm gegenüber
steht auf der anderen Seite ein nicht minder imposanter Langwellentrog, der von
Grönland über den nahen Atlantik hinweg bis hinunter zur Iberischen Halbinsel
reicht. Eingelagert ist ein hochreichendes Drehzentrum knapp nördlich der
Hebriden (TINA; Kerndruck etwas unter 1005 hPa), das sich ohne nennenswerte
Intensitätsänderung langsam in Richtung Island orientiert. Für uns ändert sich
dadurch zunächst nicht viel, erst ab dem morgigen Donnerstag gilt es sich sehr
viel genauer mit dem Trog und dem Tief und was sonst noch so dranhängt zu
beschäftigen.

Die kommende Nacht zum Donnerstag verbringen wir unter einer indifferent bis
leicht zyklonal konturierten südlichen Höhenströmung, mit der ein kleiner
Randtrog über Österreich hinweg nordwärts gesteuert wird. Zwar verliert er dabei
an Kontur, trotzdem wird etwas Hebung generiert, die auf vergleichsweise
„fruchtbaren“ Boden stößt. Gemeint ist die Luftmasse, die im Osten und Südosten
ziemlich feucht (PPW über 30 mm, ganz im Osten nahe 40 mm) und oberhalb rund 800
hPa leidlich labil geschichtet ist. Was gänzlich fehlt ist Scherung, die erst
knapp östlich des Vorhersageraums angeboten wird. Dort simulieren die meisten
Modelle dann auch das Hauptniederschlags- und Gewittergeschehen (von Tschechien
auf Polen übergreifender teilorganisierter Cluster), was aber nicht automatisch
bedeutet, dass auf deutscher Seite nichts passiert. Vor allem zwischen
Osterzgebirge und Ostbrandenburg gilt es die Augen offen zu behalten, wobei
wegen der abgehobenen Labilität und der langsamen Verlagerungsgeschwindigkeit
Starkregen als Begleitparameter ganz oben auf der Agenda steht. Räumlich eng
begrenzt sind auch Unwetter nicht ausgeschlossen (mehr als 25 l/m² innerhalb
kurzer Zeit respektive mehr als 40 l/m² innert weniger Stunden).

Ansonsten gilt es nur noch berichten, dass die etwas weiter westlich
auftretenden fiesen kleinen Einzelzellen (tagsüber teils Unwetter wegen
Starkregen) bald dem Tagesgang zum Opfer fallen. Im Westen und Norden, wo die
Luftmasse trockener und stabiler ist, ist man ohnehin über jeden Zweifel erhaben
und öffnet völlig risikolos die Schlafzimmerfenster, um etwas von der sich auf
17 bis 11°C abkühlenden Luft in die Häuser zu holen.

Donnerstag … zieht der Randtrog im Laufe des Vormittags nordwärts ab. Im
Schlepptau die korrespondierenden schauerartig verstärkten Regenfälle und
Gewitter, die von Ostbrandenburg via Vorpommern ebenfalls das Weite suchen.
Ansonsten zeigt sich der letzte Tag des Junis bei geringen Luftdruckgegensätzen
über weite Strecken des Tages zunächst recht beschaulich mit Žner Menge
Sonnenschein und einigen Wolken. Bei kontinuierlich steigender
850-hPa-Temperatur (am Morgen meist 11 bis 15°C, am Nachmittag dann 13 bis 18°C)
erwärmt sich die Luft ziemlich rasch auf hohe „Zwanziger“, vielfach auch auf
30°C oder etwas darüber.

Ab den Mittagsstunden wird es dann allmählich interessanter, wobei es zunächst
mal einen schmalen Korridor in Augenschein zu nehmen gilt, der etwa von Sachsen
bis hinüber ins westliche Niedersachsen reicht. Hier soll sich eine flache Rinne
mit Windkonvergenz bilden, in der einzelne Schauer und Gewitter ausgelöst
werden. Zwar ist die Labilität nicht überbordend, mit Hilfe der Feuchte (PPW um
30 mm) wird aber ausreichend ML-CAPE generiert, die – teils mit Unterstützung
der Orografie – in konvektive Umlagerungen transformiert werden kann. Scherung
ist kaum vorhanden, so dass von pulsierenden, schwach ziehenden Einzelzellen mit
Starkregengefahr ausgegangen werden kann. Insbesondere über dem Bergland ist
dabei eine lokale Unwettergefahr nicht wegzudiskutieren.

Im weiteren Verlauf des Nachmittags, vor allem aber in den Abendstunden kommen
dann noch weitere Areale auf die Watchliste. Gemeint sind der äußerste Westen
und Südwesten sowie der Alpenrand und das südliche Vorland. Dort sind, zunächst
im Wesentlichen getriggert durch die Orografie, ebenfalls die ersten
Überentwicklungen zu erwarten. Diese operieren quasi als Vorboten weiterer,
teils schwerer Gewitter in der Nacht zum und am Freitag. Verantwortlich dafür
sind der o.e. Höhentrog, der in seinem Südteil langsam ostwärts schwenkt und
dabei eine schleifende Kaltfront (gehört zur inzwischen bei Island angekommenen
TINA) vor sich herschiebt. Diese erreicht mit einer vorlaufenden weiteren Rinne
und Windkonvergenz im Laufe des Abends die westlichen Landesteile, wodurch die
anfänglichen Zündel-Bemühungen des Berglands substanzielle Unterstützung
erfahren dürften. Die Luftmasse jedenfalls ist bereit, wie PPWs von 30 bis 40
mm, Lapse-Rates um -0,7 K/100 m und ML-CAPE von gebietsweise 1000 bis 1500 J/kg
eindrucksvoll illustrieren. Hinzu kommen zunehmend „günstige“
Scherungsbedingungen: Im Westen und Südwesten steigt die DLS auf 20 bis 30 m/s,
an den Alpen ist es eher die bodennahe Richtungsscherung mit bodennahen
Ostwinden, die ins Auge fällt. Kurzum, die Wahrscheinlichkeit organisierter
Gewitter bis hin zu Superzellen mit Unwetterpotenzial nimmt sukzessive zu, wobei
neben Starkregen auch größerer Hagel und/oder (schwere) Sturmböen (Stichwort
inverse V-Struktur in der Grundschicht) ins Kalkül zu ziehen sind.

In der Nacht zum Freitag kommen Trog und Kaltfront ostwärts voran, wobei die
beiden o.e. vorlaufenden Rinnen zu einer verschmelzen. Welcher Wetterablauf sich
daraus genau generiert, ist aktuell noch nicht abschließend zu beantworten. Es
deutet Einiges darauf hin, dass sich eine Art nicht geschlossener Linie
ausbildet, in der gerade am Anfang einzelne Bogensegmente eingelagert sind. Das
wiederum spricht für eine große Sturmgefahr, aber auch größerer Hagel ist gerade
am Anfang aufgrund der ordentlichen Scherung noch möglich. Mit zunehmender
Nachtlänge deutet sich eine Stabilisierung der Grundschicht ergo abgehobene
Labilität an, was die Parameter Hagel und Sturm zunehmend in den Hintergrund
treten lässt. Dafür könnte dann der Starkregen stärker ins Geschäft kommen,
allerdings sprechen die recht zügige Progression der Front – angetrieben durch
eine sehr solide Druckanstiegswelle inkl. Cold-Pool nebst Mesohoch – gegen allzu
hohe Regenmengen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass hinter der
konvektiv geprägten Zone auf der kalten Seite der Front (Stichwort Anacharakter)
noch ein Streifen mit „stabilem“ Regen nachfolgt. Die stärksten Hinweise für
Starkregen bis in den Unwetterbereich liefert die Numerik für den Südwesten, wo
die Front durch ein flaches Tief über der Iberischen Halbinsel gebremst wird und
zudem sehr harmonisch mit der hebungsintensiven Trogspitze interagiert.

Völlig unbeeindruckt von den Ereignissen weiter westlich bleiben bis zum Morgen
die Regionen zwischen Sachsen und Ostsee, wo die Nacht überwiegend gering
bewölkt oder klar verläuft. Und auch von Oberbayern bis hoch zur Oberpfalz
dürfte abgesehen von ein paar Einzelentwicklungen noch nicht allzu viel gehen.
Ganz im Westen zieht der Regen im Laufe der zweiten Nachthälfte nach Osten ab,
was mit einem spürbaren Luftmassenwechsel einhergeht. Die feuchte Subtropikluft
wird mit Winddrehung auf West durch einen Schwall gemäßigter, ja fast schon als
kühl zu bezeichnender Atlantikluft ersetzt, in der T850 um rund 10 Grad
zurückgeht (von etwa 15/16°C am Donnerstagnachmittag auf rund 6°C am
Freitagmorgen). Entsprechend liegen die Frühtemperaturen gebietsweise unter
15°C, in den westlichen Mittelgebirgen lokal gar nur um 10°C.

Freitag … schwenkt der zunehmend negativ geneigte Höhentrog ost-nordostwärts
über den Vorhersageraum hinweg. Dabei schiebt er weiterhin Kaltfront und Rinne
vor sich her, während sich rückseitig eine abgeschlossene Hochparzelle
(wahrscheinlich HARTMUT) mit etwas über 1020 hPa von Frankreich her ostwärts
ausweitet. Die große Frage ist nun, in wie weit die in den Morgenstunden in ein
Minimum laufenden Gewitter im Osten und Südosten tagsüber noch mal reanimiert
werden können. Je schneller die Verlagerung, desto „ungünstiger“ die Bedingungen
für schwere Konvektion. Rasch zunehmende Bewölkung und nicht ganz so hohe
Temperaturen würden den Energieinput beschneiden (=> wenige CAPE) und der auf
West bis Nordwest drehende Wind würde von unten für eine einsetzende
Stabilisierung sorgen. Trotzdem, eigentlich alle Modelle simulieren, dass im
Osten und Südosten noch was geht in Sachen Gewitter, teils sogar in
organisierter Form (mangelnde Scherung ist nicht das Problem), wahrscheinlich
sogar bis in den Unwetterbereich.

Auf alle Fälle wird auf der kalten Seite der Front weiterhin skaliger,
ungewittriger Regen simuliert, der zumindest einen bescheidenen Beitrag zur
Verbesserung der in den meisten Regionen (stark) defizitären Wasserbilanz
leisten kann. Im Westen wird es damit aber nichts werden, weil die
Niederschlagswahrscheinlichkeit in der neuen Luftmasse sehr gering ist. Zwar ist
die Grundschicht unterhalb einer sich zwischen 700 und 800 hPa etablierenden
ausreichend labil, um Quellungen zu generieren, für mehr als ein paar
vereinzelte schwache Schauer reicht es aber nicht – wenn überhaupt.

Während die Temperatur ganz im Osten (etwa Ostsachsen bis Vorpommern) noch mal
auf 25 bis 29°C, an der Grenze zu Polen lokal vielleicht 30°C steigt, muss man
sich im großen Rest mit 17 bis 23°C begnügen (die niedrigsten Werte im Bergland
sowie dort, wo es für längere Zeit regnet).

In der Nacht zum Samstag zieht der Trog nach Nordosten ab. Ihm folgt ein flacher
Rücken, der das sich weiter nach Osten ausdehnende Bodenhoch stützt. Regenfälle
und Gewitter ziehen ab, was im Nordosten noch am längsten dauert. Bis zum
Frühstück sollte die Luft dann aber rein sein, deutschlandweit und im wahrsten
Sinne des Wortes. So setzt sich überall eine klare und recht frische (T850 6 bis
10°C) Atlantikluft durch, die bei schwachen Windverhältnissen und vielfach
klarem Tiefstwerte zwischen 13 und 7°C zulässt. In einigen Mulden und Senken des
westlichen und südlichen Berglands kann es noch etwas kühler werden, während es
direkt an der See sowie im erst spät auflockernden Nordosten etwas milder
bleibt.

Samstag … verbringt Deutschland unter Hochdruckeinfluss. Zwar verlagern sich
der Rücken und das Bodenhoch ganz langsam gen Osten, gleichwohl behalten sie
ihren Einfluss auf den gesamten Vorhersageraum. Absinken drückt die Inversion
auf rund 800 hPa, im Süden etwas darunter. Die Grenzschicht darunter ist
neutral, also trockenadiabatisch geschichtet, auf der anderen Seite aber auch
recht trocken, was die Quellwolkenbildung hemmt. Vor allem im Süden werden nur
wenige Exemplare zu sehen sein, während im Norden ein paar mehr den Himmel
zieren. Es bleibt trocken, nur ganz im Norden ist eine geringe Neigung für einen
oder zwei schwache Schauer nicht zu leugnen. Die 850-hPa-Temperatur steigt
absinkbedingt, aber auch advektiv bereits wieder an auf 7°C an der Grenze zu
Dänemark und bis zu 16°C im südlichen Alpenvorland am Abend. Auf 2 Meter
bedeutet das Tagesmaxima zwischen 24 und 29°C, ganz im Norden 21 bis 24°C.

Modellvergleich und -einschätzung

Der grobe Fahrplan passt, bei den Details zum Niederschlag und zur Konvektion
stehen noch ein paar Fragezeichen auf der Karte. Hier ist einmal mehr Nowcasting
gefragt.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann