S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T ausgegeben am Dienstag, den 28.06.2022 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 28.06.2022 um 10.30 UTC

Zur nächsten Woche sehr wahrscheinlich Umstellung der Großwetterlage. Unter der
Ägide eines Azorenhochkeils weniger warm bzw. heiß und weniger gewitterträchtig.

Synoptische Entwicklung bis zum Dienstag, den 05.07.2022

Angesichts der aktuellen Witterung mit den täglich wiederkehrenden
„Keiner-weiß-wieŽs-genau-läuft-Gewittern“, die nicht nur viel Arbeit machen,
sondern z.T. auch noch sehr schadensträchtig sind, stellt sich die nicht
unberechtigte Frage: Wie lange geht das noch so? Immerhin befinden wir uns
gerade am Anfang der neuralgischen Siebenschläferzeit, die sich ja
bekanntermaßen nicht auf einen einzigen Lostag beschränkt, sondern einen etwa
zweiwöchigen Zeitraum Ende Juni/Anfang Juli markiert. Tja, und was soll ich
sagen, es deutet Vieles darauf hin, dass sich in den nächsten Tagen respektive
in der kommenden Woche tatsächlich was tut in der Atmosphäre. Oder mit anderen
Worten, die Großwetterlage scheint sich umzustellen. Man braucht nur einen
flüchtigen Blick auf die großräumige Potenzialverteilung zu werfen um zu
erkennen, dass das Strömungsmuster leicht progressiv ist. Konkret verlagert sich
der Langwellentrog vom nahen Atlantik peu a peu nach Osten Richtung Kontinent,
bevor sich im Laufe der kommenden Woche eine Zonalisierung mit leicht in
Richtung Mitteleuropa oszillierendem (mal etwas vor, mal etwas zurück)
Azorenhochkeil andeutet. Zwar ist die Roadmap dahin noch nicht bis aufs Letzte
ausgearbeitet, die wesentlichen Punkt scheinen aber mit einer gewissen
Signifikanz gesetzt zu sein.

Die Entwicklung im Einzelnen:
Zu Beginn des mittelfristigen Prognosezeitraums am kommenden Freitag geht es
gleich mal mit einem Paukenschlag los. So überquert uns eine baroklin sehr
prominent aufgestellte Kaltfront von West nach Ost, gefolgt von einem negativ
geneigten (also nach Südosten ausgerichteten) Höhentrog. Dieser ist zwar ein
wesentlicher Bestandteil des o.e. LW-Troges, so dass man meinen könnte, die
Progression des Strömungsmusters wäre schon weit gediehen. Dem ist aber nicht
so, weil der Haupttrog durch rückseitig einlaufende Kurzwellen rasch regeneriert
wird und wir das Wochenende weiterhin auf seiner Vorderseite verbringen. Doch
kurz noch mal zurück zum Kaltfrontdurchgang am Freitag, der aufgrund
harmonischer Zusammenarbeit mit dem Tagesgang insbesondere im Osten und
Nordosten, bedingt wohl aber auch in der Mitte und in Teilen Süddeutschlands zu
einer Schwergewitterlage führen wird. Details erspart sich der Verfasser an
dieser Stelle, weil zu viel Konjunktiv und Spökenkiekerei. Fakt ist, dass
rückseitig ein Schwall subpolarer Meeresluft (T850 um 7°C) sie zuvor wirksame
Subtropikluft (T850 um 15°C) ersetzt. Sie kommt rasch unter den Einfluss eines
ostwärts vorstoßenden Hochkeils („Wurmfortsatz“ des nach Norden verschobenen
Azorenhochs).

Am Wochenende deutet sich Zwischenhocheinfluss an. Mit Hilfe eines flachen
Rückens kräftig sich der Hochkeil, bevor er sich am Sonntag vom Mutterhoch löst
und langsam nach Osten wandert. Das führt dazu, dass von Süden her nochmalig
Warmluft angezapft wird, bei der die 15°C-Isotherme auf 850 hPa bis zur Mitte
vorstößt (am Samstag in der Mitte 8-10°C). Gleichzeitig sorgt Druckfall für den
Aufbau einer flachen, meridional exponierten Rinne, die zunächst aber keine
große Wetterwirksamkeit offenbart. Erst zum Montag hin, wenn von Nordwesten her
eine schleifende, nach Südwesten zurückhängende Kaltfront übergreift, deutet
sich wieder mehr Wetter (Schauer/Gewitter) vornehmlich im Süden und Osten in der
präfrontalen Warmluft an. Wie intensiv das Ganze wird, hängt u.a. auch vom o.e.
LW-Trog ab, der sich in zwei Teile aufspaltet. Während der Südteil vor der
Iberischen Halbinsel abtropft, schiebt der nördliche Part den die Kaltfront an
und überquert bis Dienstag den Vorhersageraum.

Ab Dienstag deutet sich über dem mittleren Nordatlantik eine zunehmende
Zonalisierung der Höhenströmung bis hin zur Bildung eines sommerlichen Jets an.
Auf dessen diffluenter Vorderseite gelangt Deutschland unter überwiegend
nordwestliche Höhenwinde, während am Boden der bis zum östlichen Mitteleuropa
Keil des Azorenhochs die Wetterkarten bestimmt. Vor allem nördlich der
Divergenzachse – also je nach Lage im Norden, mitunter aber auch in der Mitte –
gestaltet sich der Wetterablauf wechselhaft und kühl bis mäßig warm (T850
zeitweise nur um 5°C). Weiter südlich ist es wärmer (aber nicht heiß) und
beständiger, über und an den Alpen schwebt aber immer das Damoklesschwert
möglicher Tagesgangschauer oder -gewitter.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die Konsistenz von IFS (ECMF) kann summa summarum als gut bezeichnet werden. Gut
deswegen, weil der von den Vorgängerversionen eingeschlagene Generalkurs klar
bestätigt wird. Ein „sehr gut“ wird insbesondere nach hinten raus (etwa ab
Beginn der kommenden Woche) durch zunehmende Unschärfen hinsichtlich Geometrie,
Phase und Timing der kurzen Wellen verhindert, was grundsätzlich aber nichts
Unnormales in einer mittelfristigen Wettervorhersage darstellt. Von daher gilt
folgende Aussage – auch unter Berücksichtigung des Vergleichs mit anderen
Globalmodellen – als gesichert: Übergang zu einem weniger warmen bzw. heißen und
nicht mehr so gewitterträchtigen Witterungsabschnitt. Und das genau zur
Siebenschläferzeit…

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Wie im Kapitel zuvor bereits angedeutet verfolgen die für gewöhnlich auf dem
Prüfstand stehenden Globalmodelle die gleichen Absichten wie IFS. Heißt nichts
anderes, dass die Änderung der GWL hin zu einer Mischung aus NWz und NWa
(Nordwest zyklonal/antizyklonal) rein auf deterministischer Basis belastbar
prognostiziert wird. Dass der Weg dorthin jeweils individuell etwas anders
gegangen wird, ist normal, ändert aber nichts an der grundsätzlichen
Kursausrichtung.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Bis einschließlich Samstag zeigen die IFS-EPS-Rauchfahnen verschiedener
deutscher Städte einen eng gebündelten Verlauf, in dem sich auch der
deterministische Lauf wiederfindet. Ab Sonntag beginnen die Kurven zu streuen,
allerdings nicht vogelwild, sondern mit einem gewissen System. So ist am Sonntag
scheinbar noch nicht abschließend klar, wie deutlich die Reinkarnation der
Warmluft ausfällt und wie weit sie schlussendlich nach Norden vorstößt. Haupt-
und Kontrolllauf sind mit am wärmsten aufgestellt und setzen zudem relativ spät
mit der Abkühlung ein. Dass es im Laufe der nächsten Woche abkühlt, ist auf
Basis der EPS-Prognosen nahezu sicher. Einzig die Frage, wie weit die
Temperaturen am Ende nach unten gehen, lässt sich noch nicht abschließend
beantworten. Nimmt man z.B. Offenbach, pendelt sich das Gros der
850-hPa-Temperatur im Laufe der Woche zwischen 5 und 10°C ein. In Freiburg liegt
das Niveau etwas darüber, in Leipzig und Berlin etwas darunter. Interessant die
Kurven im Nordwesten – hier repräsentiert durch Hamburg und Wangerooge -, wo
sich ab Wochenmitte mit etwas Fantasie ein leicht bifokaler Verlauf ablesen
lässt: ein Ast um 7/8°C und ein zweiter um 3/4°C herum. Abwarten! Auf alle Fälle
werden immer wieder RR-Signale angeboten, die aber in der Regel nicht so
intensiv ausfallen wie z.B. für den kommenden Freitag. Außerdem ist die
Signaldichte geringer (also weniger Ensemblemitglieder, die Regen anzeigen).

Zu den Clustern, die am Freitag/Samstag (T+72…96h) mit drei Szenarien aufwarten.
Alle zeigen eine Blockierungslage mit einem veritablen Rücken knapp westlich von
uns und einem nach Osten vorstoßenden Azorenhochkeil. Die Unterschiede bezogen
auf den Vorhersageraum sind marginal bzw. nicht erkennbar. Von Sonntag bis
Dienstag (T+120…168h) wird nur noch ein einziger Cluster feilgeboten, der die
beschriebene Progression des abgetropften Troges widerspiegelt. Ein Cluster auch
nur in der erweiterten Mittelfrist T+192…240h (Mittwoch bis Freitag). Dabei
werden die allmähliche Zonalisierung der Höhenströmung genauso wie der
Durchbruch des Azorenhochkeils angezeigt.

FAZIT: Sowohl auf Basis der Modelle als auch der statistischen
Anschlussverfahren ist eine Umstellung der GWL unstrittig. Der Weg dorthin
obliegt freilich noch gewissen Ausschmückungspotenzialen.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Hinsichtlich signifikanter Wettererscheinungen fallen zuerst der Freitag und
dann der kommende Montag ins Auge. Gerade für Freitag deuten sich in der
Osthälfte gebietsweise schwere Gewitter, evtl. auch mehrstündiger Starkregen an.
Etwas gemäßigter sieht die Sache am Montag im Osten und Süden aus, wo ebenfalls
Schauer und Gewitter zu erwarten sind. Am Wochenende sieht es hingegen ruhig aus
und auch im Laufe der nächsten Woche sind die ganz großen Konvektionssprünge
erst mal vorbei.

Basis für Mittelfristvorhersage
MOS-Mix mit IFS-MOS und IFS-EPS sowie Modellmix.

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Jens Hoffmann