S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T ausgegeben am Freitag, den 10.06.2022 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 10.06.2022 um 10.30 UTC

Im Norden leicht wechselhaft, sonst sommerlich und abseits der Alpen kaum
Gewitter. Am dritten Juniwochenende kurze und heftige Hitzewelle möglich.

Synoptische Entwicklung bis zum Freitag, den 17.06.2022

Am Montag liegt Deutschland unter einer west-nordwestlichen Strömung, die durch
einen breiten, aber relativ flachen Rücken zunehmend antizyklonaler wird. Im
Bodendruckfeld stellt sich dieser Prozess in Form einer Hochbrücke dar, die sich
vom Azorenraum zum nördlichen Mitteleuropa erstreckt und weiter nach Osten
ausweitet. Ein über Polen nach Osten abziehender Trog lässt am Montag im Norden
und Nordosten bis in den Erzgebirgsraum hinein die Schauertätigkeit aufleben,
bevor am Dienstag auch dort Wetterberuhigung einsetzt. Abgesehen von einzelnen,
vor allem inneralpin auftretenden Gewittern bleibt es ansonsten trocken. Im
Norden wird es lediglich mäßig warm, nach Süden hin wird die 25 Grad-Marke
vermehrt überschritten. Am Mittwoch überquert der Rücken unter Abflachung
Mitteleuropa. Großräumiges Absinken und weitgehend ungehinderte Einstrahlung
lässt die Temperatur ansteigen, im Süden sind dann Höchsttemperaturen etwas über
30 Grad möglich.
In der Nacht zum Donnerstag wird in der nach wie vor west-nordwestlichen
Strömung ein schwacher Trog über den Norden Deutschlands hinweg ostwärts
gesteuert. Zur tagesgangsbedingt aktivsten Zeit liegt dieser Trog bereits weit
über Polen. Dennoch dürften im Norden und Nordosten Schauer zustande kommen; für
Gewitter sollte die Labilität nicht hinreichend sein. Im Laufe des Donnerstags
sollten auch in den nordöstlichen Landesteilen die Schauer abklingen.
Danach, d.h. zum Freitag hin, greift ein vor der Iberischen Halbinsel liegendes
Höhentief in unser Wettergeschehen ein. Kräftige Warmluftadvektion an dessen
Vorderseite generiert über den Britischen Inseln Geopotentialgewinn, was die
Strömung über Mitteleuropa dann auf Nordwest drehen lässt. In dieser Strömung
läuft ein weiterer Trog über Polen hinweg nach Südosten ab, wodurch im Norden
und Nordosten Deutschlands wieder vermehrt Schauer auftreten dürften. Wie beim
vorherigen Trog setzt auch am Freitag zur tagesgangsbedingt interessantesten
Zeit bereits wieder Stabilisierung ein. Im Süden setzt ab Donnerstag beginnend
ein vorübergehender und leichter, im Norden ein etwas ausgeprägterer
Temperaturrückgang ein, in Küstennähe und im Nordosten liegen am Freitag die
Temperaturmaxima unter der 20 Grad-Marke.
Im erweiterten mittelfristigen Vorhersagezeitraum interagiert das vor der
Iberischen Halbinsel liegende Höhentief mit einem von Südgrönland in den
mittleren Nordatlantik vorstoßenden Trog. Dieser holt dann die Subtropikluft mit
Temperaturen, die im 850 hPa-Niveau zwischen 20 und 25 Grad liegen, von der
Iberischen Halbinsel nach Mitteleuropa. Die Folge wäre eine kurze, aber heftige
Hitzewelle mit Temperaturen am Samstag im Südwesten und Westen und am Sonntag
nahezu in ganz Deutschland von deutlich über 35 Grad, gefolgt von einer
ausgewachsenen Schwergewitterlage beginnend in der Nacht zum Montag.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Bis einschließlich Freitag ist der aktuelle Modelllauf gegenüber den beiden
gestrigen Modellrechnungen weitgehend konsistent. Prognoserelevante Unterschiede
lassen sich bis dahin nicht ableiten. Geringe Unterschiede ergeben sich
lediglich hinsichtlich der Phasenlage und Amplitude der nach Ost-Südost
ablaufenden flachen Kurzwellentröge. Auf die Finalprognose sollte dies jedoch
keinen Einfluss haben.
Im erweiterten mittelfristigen Vorhersagezeitraum wurde der Rücken, der vom
aktuellen Modelllauf über Mitteleuropa aufgewölbt wird, vom gestrigen 00
UTC-Lauf knapp 1000 km weiter westlich erwartet. Eine Hitzewelle wäre demnach
unwahrscheinlich. Der gestrige 12 UTC-Lauf hatte eine west-nordwestliche und
leicht zyklonale Strömung im Programm, wodurch die Subtropikluft nur den Süden
Deutschlands erfassen würde. Demzufolge steht die oben beschriebene Hitzewelle
noch auf unsicheren Füßen.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Bis einschließlich Mittwoch stützen die verfügbaren Modelle weitgehend die oben
beschriebene Entwicklung. Bereits am Donnerstag ergeben sich größere
Unterschiede. ICON lässt über die Britischen Inseln auf die Nordsee einen
markanten Trog übergreifen, was die nach diesem Modell im Nordwesten einsetzende
verstärkte Schauertätigkeit erklärt. Nach GFS bringt sich dann über der Biskaya
ein Höhentief in Position, was (in abgeschwächter Form) faktisch eine
Vorwegnahme der Entwicklung ist, die nach EZMW erst im erweiterten
mittelfristigen Vorhersagezeitraum einsetzt. Das Modell des kanadischen
Wetterdienstes ist am ehesten mit der EZMW-Version vergleichbar. Am Freitag
nähern sich ICON und EZMW an, wogegen GFS einen Höhenrücken über Mitteleuropa
unter Abflachung nach Osten verlagert.
Im erweiterten mittelfristigen Vorhersagezeitraum verlagert GFS am Sonntag den
Trog über die Britischen Inseln hinweg rascher nach Osten, wonach die Hitzewelle
(mit weniger hohen Temperaturen als bei EZMW) auf den Osten und Süden beschränkt
wäre. Eine Schwergewitterlage würde auch nach GFS nicht ausbleiben. Das
kanadische Modell stützt weiterhin die oben beschriebene Version, wobei sich
bereits am Samstag der Höhepunkt der Hitzewelle abzeichnen würde.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Beim EPS des GFS lässt sich zwar auch ein Temperaturanstieg nachvollziehen, aber
hinsichtlich der Hitzewelle (die beim GFS nicht so ausgeprägt ist wie bei EZMW)
ist der Hauptlauf des GFS am oberen Rand der Verteilung zu finden. Ein ähnliches
Verhalten wird auch von weiter zurückliegenden Modellläufen gezeigt.
Anders dagegen beim Modell des kanadischen Wetterdienstes – da nimmt der
Hauptlauf keine Außenseiterrolle ein; im Süden Deutschlands zeigen mehrere (von
20) EPS-Membern sogar Temperaturen im 850 hPa-Niveau von 25 Grad.

Das EPS des EZMW stützt die oben beschriebene Entwicklung. Selbst das (nicht
allzu ausgedehnte) Höhentief vor der Iberischen Halbinsel, das die Hitzewelle
einleitet, wird durch das EPS-Mittel abgebildet. Somit würde nach dem
EPS-Mittelwert die 15 Grad-Isotherme im 850 hPa-Niveau bis in den nördlichen
Mittelgebirgsraum vordringen. Immerhin 22 Member in 2 Clustern deuten eine
kurze, aber heftige Hitzewelle an. Allerdings setzt das am stärksten besetzte
Cluster auf eine westliche antizyklonale Strömung, was auf eine
Erhaltungsneigung hinauslaufen würde.
Mit nur geringer Wahrscheinlichkeit (7 von 51 Membern) käme das Szenario des
ICON zum Tragen, wonach sich eine nordwestliche Strömung einstellen würde.
Demnach bleibe es im weitaus größten Teil Deutschlands allenfalls mäßig warm.
Das wäre auch die Version des gestrigen 00 UTC-Laufes, wogegen auch der 12
UTC-Lauf bereits die Hitzewelle im Angebot hatte.
Betrachtet man die Rauchfahnen, liegt im erweiterten mittelfristigen
Vorhersagezeitraum hinsichtlich der 850-er Temperatur der Haupt- und auch der
Kontrolllauf am oberen Rand der Verteilung. Allerdings bewegt sich die Mehrzahl
der EPS-Member zumindest im Süden in 850 hPa in der Nähe des 20
Grad-Temperaturniveaus, was Tageshöchsttemperaturen bis 35 Grad bedeuten würde.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Am Montag sind im äußersten Nordosten, vor allem in Vorpommern, einzelne kurze
Kaltluftgewitter möglich, wobei die Wahrscheinlichkeit für stürmische Böen
selbst an der Ostsee relativ gering ist. Außerdem können sich im Tagesverlauf
unmittelbar an den Alpen bzw. inneralpin Gewitter entwickeln, wobei Starkregen
nicht auszuschließen ist.
Von Dienstag bis Donnerstag sind wahrscheinlich keine markant zu bewarnenden
Wetterereignisse zu erwarten. Am Freitag sind im Nordosten wiederholt Schauer,
in Vorpommern auch kurze Kaltluftgewitter zu erwarten, an der Ostsee können mit
geringer Wahrscheinlichkeit stürmische Böen auftreten.
Am dritten Juniwochenende deutet sich eine kurze, aber heftige Hitzewelle an,
die von einer Schwergewitterlage abgelöst wird.

Basis für Mittelfristvorhersage
EPS, anfangs MOS

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Thomas Schumann