#SXEU31 #DWAV #251800 S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T ausgegeben am Freitag, den 27.05.2022 um 18 UTC

SXEU31 DWAV 271800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 27.05.2022 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Zunächst vor allem in der Nordosthälfte vor allem tagsüber noch windig bis
stürmisch. Ansonsten gebietsweise Kaltluftgewitter, anfangs auch noch mit
stürmischen Böen oder Sturmböen.

Synoptische Entwicklung bis Montag 12 UTC

Aktuell … richtet sich das Hauptaugenmerk gen Norden, wo uns auf den frischen
(und alten) Wetterkarten ein breit angelegter Trog serviert wird. Dieser reicht
von Island bis nach Norddeutschland und bis in den Nordwesten Russlands. Im
Laufe der Nacht weitet sich der Trog durch neue kurzwellige Anteile noch ein
wenig bis in die Mitte Deutschlands aus. Am Boden ist er mit Tiefkomplex HANNAH
bzw. durch eine Kurzwelle mit dem Tief INGE verbunden, letztere beide sind
jedoch bereits in die östliche Ostsee weitergezogen. Die Kaltfront von INGE hat
sich aktuell bis fast zur Donaulinie vorgearbeitet, ist momentan aber nur
schwach wetterwirksam. Viel mehr als ein paar dichtere Wolkenfelder und 1 bis 2
l/qm bringt sie derzeit nicht zustande. In der Nacht erreicht die Kaltfront dann
die Alpen, dort wird sie einerseits durch Staueffekte und andererseits durch die
Amplifizierung des Trogs wieder etwas aktiviert. Direkt am Alpenrand fallen
daher 2 bis 10, lokal bis nahe 15 l/qm Regen bis zum Morgen. Auf den
allerhöchsten Alpengipfeln kann es sogar Schnee geben.
Hinter der Kaltfront lockern die Wolken auf und es bleibt trocken.
Im Norden dagegen bleiben die labilen Verhältnisse durch die neue Kurzwelle
erhalten, sodass in der norddeutschen Tiefebene unterstützt durch PVA und WLA
mit Schauern zu rechnen ist, an den Küsten auch mit kurzen Gewittern. Dabei sind
meist 1 bis 5 l/qm Regen zu erwarten, an den Küsten oder bei wiederholten
Schauern vereinzelt etwas mehr. Für Starkregen reicht es hingegen kaum, sprechen
doch die PPW’s mit unter 15 l/qm, der fehlende Tagesgang und die recht hohe
Zuggeschwindigkeit dagegen.
Diese ist angesichts des Gradienten in der Nähe zum Tief HANNAH erhöht, spiegelt
sich aber auch am Boden durch erhöhte Windgeschwindigkeiten wieder. Weil nun
jedoch der Tagesgang fehlt, beschränken sich stürmische Böen um 65 km/h (Bft 8)
um West auf die Küstengebiete, während starke Böen um 55 km/h (Bft 7) im
Binnenland im Norden nur lokal und bevorzugt im Zusammenhang mit Schauern
auftreten. In der Mitte und im Süden weht sowieso meist nur schwacher bis
mäßiger Wind, ebenfalls um West.
Die Temperaturen gehen in der frisch eingeflossenen Meereskaltluft auf 10 Grad
im Süden unter Wolken und bis 2 Grad in der Eifel zurück.

Samstag … dehnt sich der Trog an seiner Südwestseite durch nachlaufende
Anteile noch etwas nach Benelux und Nordost-Frankreich aus. Gleichzeitig wölbt
sich weiter westlich ein dort gelegener Rücken noch weiter nach Norden aus.
Damit wird auf der einen Seite die stromabwärtige Bewegung der nachlaufenden
Troganteile über der Nordsee verstärkt, auf der anderen Seite kräftigt sich aber
auch das Hoch BURKHART I, dessen Schwerpunkt zwischen Island und Schottland zu
finden ist. Ein Keil dieses Hochs greift bis in den Süden Deutschlands aus,
bildet dort eine eigene Zelle aus, die mit BURKHART II sogar mit einem eigenen
Namen gewürdigt wurde und die für die Auflösung der an den Alpen liegenden
Kaltfront des Tiefs INGE sorgt. Die Niederschläge dort kommen also zum Erliegen.
In den anderen Regionen ist durch den Trog bzw. den kurzwelligen Anteilen mit
Schauern und Gewittern zu rechnen. Dabei sind die Schauer in der Nordosthälfte
zahlreicher, da dort die Zyklonalität stärker ist. In der Mitte ist dagegen die
stärkste Labilität zu finden, sodass es dort am ehesten Gewitter gibt, auch wenn
das Absinken des Hochkeils schon etwas dagegen spricht.
Bei den Begleiterscheinungen der Gewitter ist wieder der Wind im Fokus. Aufgrund
des nach wie vor vorhandenen Gradienten ist bereits der Grundwind in der
Nordosthälfte erneut kräftig, was dort im Binnenland zu starken, lokal bzw. an
der See zu stürmischen Böen aus West führt. Bei kräftiger Konvektion kann ein um
etwa 1 Bft stärkerer Wind erwartet werden, womit bei Schauern und Gewittern Bft
7 bis 8 und bei sehr kräftigen Entwicklungen im Nordosten ganz vereinzelt Bft 9
denkbar sind. Beim ICON-D2 sind die Wahrscheinlichkeiten für Bft 9 allerdings
nur sehr gering in der östlichen Mitte vorhanden. Im Südwesten weht abseits von
Schauern oder Gewittern meist nur schwacher bis mäßiger Wind um West.
Bezüglich des Regens ist erneut von recht rasch ziehenden Zellen auszugehen, die
bei PPW’s knapp unter 15 mm eher nicht für Starkregen gut sind. Die Modelle
belassen die Regenmengen daher meist bei 1 bis 5 l/qm, im Nordosten können lokal
um 10 l/qm zusammenkommen.
Die Temperaturen liegen in der nördlichen Strömung zwischen Hoch BURKHART I und
dem weiter über Skandinavien vorhandenen Tiefkomplex zwischen 13 Grad an der
Nordsee und 20 Grad am Oberrhein.

In der Nacht zum Sonntag wird der Trog zu einem Multi-Höhentief-Komplex, zum
Sonntagmorgen werden von ICON bis zu 5 Drehzentren darin simuliert. Dabei weitet
sich der Komplex noch etwas in südwestliche Richtung über Nordostfrankreich aus
und erreicht auch die Osthälfte der Britischen Inseln. Der Schwerpunkt des Hochs
BURKHART I verlagert sich folglich langsam in Richtung Island. Da der
Tiefdruckkomplex über Skandinavien erhalten bleibt, hält die nördliche Strömung
unvermindert an und die T850 hPa sinken gebietsweise auf 0 Grad.
Der Gradient wird durch die Nordwanderung des Hochs allerdings etwas
auseinandergezogen, womit der Wind aus West bis Nordwest bei nachlassendem
Tagesgang bald abflaut. Dann ist nur noch an der Nordsee mit starken Böen um 55
km/h (Bft 7) zu rechnen.
Durch den fehlenden Tagesgang lässt zudem die Schauertätigkeit nach. Im Norden
werden dagegen neue Schauer ausgelöst, die durch schwache Hebungsimpulse eines
über der Nordsee ankommenden Höhentiefs generiert werden, vornehmlich durch PVA.
Im Laufe der Nacht ziehen die schwachen Schauer mit Regenmengen von meist nur 1
bis 5 l/qm bis zum Mittelgebirgsrand. Über Benelux reicht die Hebung und
Labilität ICON-D2 zufolge sogar für Gewitter mit lokalem Starkregen. Vielleicht
erreicht ein Gewitter sogar deutsches Hoheitsgebiet, Starkregen scheint
angesichts der nicht sehr feuchten Luftmasse mit PPW’s kaum über 15 mm aber
utopisch, auch wenn die Zuggeschwindigkeit etwas nachlässt. Dass ICON-D2 bei den
Regenmengen in Gewittern gerne etwas übertreibt, ist jedoch bekannt.
Bliebe noch zu erwähnen, dass eine Schauerstaffel abends über der Mitte
Deutschlands in den Süden zieht, sich dort aber immer mehr abschwächt und meist
nicht mehr als 1 bis 3, lokal bis 5 l/qm bringt.
In den anderen Regionen ist es meist nur locker bewölkt, sodass sich die Luft
auf 10 Grad an der Ostsee und bis 1 Grad in einigen exponierten Berglagen
abkühlt. Dort ist lokaler Frost in Bodennähe möglich.

Sonntag … drehen sich die zahlreichen Höhentiefs (zeitweise sind es sogar 6)
des Multi-Höhentief-Komplexes um das gemeinsame Drehzentrum etwa über Dänemark.
Dadurch zieht das Höhentief über der Nordsee nach Benelux, ein weiteres kleines
wird im Tagesverlauf über der nördlichen Mitte simuliert. Das facht die
Konvektion durch Hebung (PVA) im Zusammenspiel mit dem Tagesgang wieder an,
sodass es im Norden und in der Mitte einige Schauer gibt. Zudem sorgt ein über
den Süden Deutschlands nach Osten laufender Randtrog auch im Südosten für
Schauer. Die Labilität ist im Süden am stärksten, sodass Gewitter vornehmlich
dort und zum Teil noch in der vorkommen. Im Norden ist die Luftmasse dagegen
etwas stabiler. Auf der anderen Seite liegen die PPW’s in der Mitte und im Süden
meist unter 12 mm, womit bei den Kaltluftgewittern Starkregen weiterhin kein
großes Thema ist. Da nun aber auch der Gradient keine Rolle mehr spielt, gibt es
allerhöchstens mal eine starke Böe bei den Gewittern. Ansonsten weht schwacher
bis mäßiger Wind aus West bis Nordwest.
Am ehesten trocken bleibt es in einem Streifen vom Saarland und
Baden-Württemberg bis ins nördliche Bayern.
Bei Höchsttemperaturen von 11 bis 18 Grad entfaltet die Kaltluft nun ihre volle
Wirkung.

In der Nacht zum Montag geht der Kreisverkehr munter weiter, wobei sich die
Anzahl der Höhentiefs auf 3 oder 4 reduziert. Das Höhentief über Benelux zieht
es nach Norddeutschland, das über der nördlichen Mitte dafür nach Nord-Polen.
Der Randtrog im Süden schwenkt nach Osten durch, dafür lauert über
Nordost-Frankreich bereits der nächste.
Niederschlagstechnisch bedeutet das: Schauer vor allem im Nordosten, vereinzelt
auch in der Mitte, im Südosten dagegen abklingende Niederschläge. In den Alpen
sinkt die Schneefallgrenze sogar bis auf 1500 m, es reicht jedoch höchstens für
eine geringe Neuschneedecke.
In den Regionen abseits der bereits genannten Gebiete mit Niederschlägen bleibt
es meist trocken, wobei es nach Süden hin geringer bewölkt ist als nach Norden.
Der Wind weht nur noch schwach aus zunehmend unterschiedlichen Richtungen.
Die Tiefsttemperaturen liegen zwischen 10 Grad an der Ostsee und 1 Grad im
Bergland, dort besteht erneut Bodenfrostgefahr.

Montag … nimmt der Multi-Höhentief-Komplex etwas Fahrt auf, sodass das
gemeinsame Drehzentrum Kurs auf die Nordsee nimmt. Die Anzahl der Höhentiefs
reduziert sich auf 2 oder 3.
Das Höhentief über Norddeutschland verschwindet von der Bildfläche, das über
Nord-Polen macht sich auf den Weg nach Südschweden. Der Randtrog über Frankreich
läuft über Süddeutschland unter Abflachung nach Osten.
Dadurch gibt es vor allem im Nordosten Schauer und einzelne Gewitter, zum Teil
aber auch in der Mitte und an den Alpen. Dazwischen ist es häufig trocken und
bei der Bewölkung gilt wie in der Nacht zuvor: Im Süden weniger als im Norden.
Wie stark werden die Gewitter? Die PPW’s liegen bei etwa 12 bis 16 mm, Gradient
ist kaum vorhanden. So könnte es lokal für Starkregen über 15 l/qm reichen, die
(bisher nicht konvektionserlaubenden) Modelle bleiben mit meist 1 bis 5, lokal
bis 8 l/qm aber noch deutlich darunter.
Der Wind weht im schwachgradientigem Umfeld meist nur schwach, vereinzelt mäßig
aus unterschiedlichen Richtungen.
Die Temperaturen steigen bei weiter nicht vorhandenem Austausch der Luftmasse
erneut nur auf 12 bis 19 Grad.

Modellvergleich und -einschätzung

Die Modelle simulieren die grobe Lage ähnlich. Wie bei Höhentiefs üblich gibt es
aber Diskrepanzen in der Vorhersage, was sich auf die oben detailliert
beschriebenen Niederschläge vor allem in räumlicher Exposition noch auswirken
könnte. Da die Gewitter allerdings allesamt der Marke Kaltluft zuzuordnen sind,
dürfte das auf das generelle Warnmanagement keine allzu großen Auswirkungen
haben.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Simon Trippler