#DWD -> #SYNOPTISCHE UEBERSICHT #MITTELFRIST Donnerstag, den 25.11.2021 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 25.11.2021 um 10.30 UTC

Endlich „Wetter“ mit winterlichen Komponenten, vor allem im Bergland, sonst
nasskalt. Zudem zeitweise windig, teils stürmisch.

Synoptische Entwicklung bis zum Donnerstag, den 02.12.2021

Nachdem das Wetter über weite Strecken des Novembers mehr oder weniger
undynamisch, ja fast schon lustlos vor sich hingeplätschert ist, scheint sich
das nun zum Ende respektive zum Monatswechsel substanziell zu ändern. Jetzt
heißt es erst mal für einige Zeit „statisches Grenzschichtlotto“ ade,
„dynamische Zyklonalität“ willkommen. Okay, zu Beginn des Mittelfristzeitraums
am kommenden Sonntag ist es mit der Dynamik noch nicht so weit her, aber was
nicht ist, kann in der kommenden Woche ja noch kommen. Die Abläufe im Einzelnen:

Am Sonntag befinden sich weite Teile Mitteleuropas, darunter auch Deutschland,
unter einem monumentalen Langwellentrog, der sich vom Nordpolarmeer bis hinunter
nach Nordafrika erstreckt. Angefüllt ist der Trog mit hochreichend kalter,
maritimer Polarluft (T850 um -6°C, T500 -30 bis -35°C), die für einen
wolkenreichen und nasskalten Wettercharakter sorgt. Als Hauptimpulsgeber
fungiert ein Bodentief, das Vb-artig aus dem östlichen Alpenraum über den
Grenzbereich Tschechien/Slowakei gen Polen zieht und in der Nacht zum Montag die
südöstliche Ostsee erreicht. Auf der Westflanke des Tiefs kommt es in den
östlichen Landesteilen zu Aufgleitprozessen (Gegenstrom) und folglich
stratiformen Niederschlägen, die aufgrund der Intensitäten sowie der thermischen
Rahmenbedingungen und trotz des wärmenden Ostseeeinflusses bis ganz runter
zumindest als nasser Schnee fallen können. Der Konjunktiv deswegen, weil das
Szenario im Modellvergleich noch unsicher ist (siehe später „Vergleich mit
anderen Modellen“). Niederschläge, häufig schauerartig und im Bergland durchweg,
weiter unten teilweise als Schnee, fallen auch in den übrigen Regionen, wobei
von der Nordsee über die Mitte bis nach Nordbayern ein Minimum gerechnet wird.

Zu Beginn der neuen Woche beginnt der Höhentrog sich ganz allmählich nach Osten
zu verlagern. Dadurch gelangen wir zunehmend in seinen Westteil unter eine
nord-nordwestliche Höhenströmung, die in den westlichen Landesteilen eine
Erwärmung der mittleren und oberen Troposphäre bringt (Anstieg T500 auf über
-30°C). In den unteren Schichten hingegen findet noch kein Luftmassenwechsel
statt. Zwischen dem zu den baltischen Staaten abziehenden Tief und einem von
Frankreich bis zu den Alpen vorstoßenden Hochkeil gelangt mit
west-nordwestlicher Strömung weiterhin maritime Polarluft zu uns, die auf 850
hPa um -6°C kalt ist. Es kommt zu schauerartigen, im Bergland durch Stau z.T.
auch länger andauernden Niederschlägen, die oberhalb 200 bis 400 m als Schnee,
darunter – je nach Tageszeit und Intensität – teils als Regen, teils als Schnee
und vorübergehend auch mal in der Mischphase fallen. Im Norden soll es
weitgehend trocken bleiben und die Wolkendecke sogar einige Lücken bekommen.

Am Dienstag zieht der Langwellentrog endgültig aus Deutschland heraus. Da aber
der umfangreiche Höhenrücken über dem Ostatlantik die Gunst der Stunde nicht
nutzt, indem er den freiwerdenden Platz einnimmt, verbleiben wir unter einer
leicht flatternden nordwestlichen Höhenströmung, die allerdings gegenüber dem
Vortag etwas rückdreht. Im Bodenfeld rückt ein Wellentief in den Fokus, das von
Südnorwegen kommend über Dänemark und Südschweden ost-südostwärts zieht. Auf
seiner Südflanke kommt bei uns ein flotter, im Bergland und an der See
stürmischer West-Südwestwind in die Gänge, der insbesondere im Westen und Süden
nicht mehr ganz so kalte, eher subpolare Meeresluft heranführt. Zum Tagesende
verläuft die 0°C-Isotherme auf 850 hPa vom Emsland bis zum Bodensee, während im
Norden und Osten noch rund -5°C registriert werden. Es kommt verbreitet zu teils
kräftigen Niederschlägen (akkumuliert über 24 h in den Mittelgebirgen vielfach
20 bis 30 l/m², im Westen und Nordwesten 10 bis 20 l/m²), die anfangs bis in
tiefe Lagen als Schnee fallen können. Im Tagesverlauf steigt die
Schneefallgrenze zwar an, gerade im höheren Bergland reicht es aber
wahrscheinlich ´ne ordentliche Hucke Neuschnee, wobei man sich ganz ober sogar
Gedanken über Verwehungen machen muss.

Am Mittwoch setzt sich der rasante und hochinteressante bis spannende
Wetterablauf fort, wenn nämlich ein weiteres Tief – diesmal von der Nordsee
kommend – auf Norddeutschland übergreift. Nach Lesart von IFS handelt es sich um
ein längliches, stark elliptisch geformtes Tief, das um 12 UTC zonal über der
Norddeutschen Tiefebene liegen soll. Während südlich davon mit lebhafter, teils
stürmischer Südwestströmung relativ milde Atlantikluft advehiert wird (T850 um
0°C), wird nördlich der Konvergenzachse mit östlicher Strömung Kaltluft
angesaugt (T850 bis rund -6°C im Ostseeküstenbereich). Gerade im
Konvergenzbereich des Tiefs (also rund um die zonal ausgerichtete Längsachse)
könnte es zu kräftigen Niederschlägen kommen, die auf der kalten Seite als z.T.
nasser Schnee fallen. Weiter südlich freilich steigt die Schneefallgrenze bis in
die höchsten Lagen der Mittelgebirge oder sogar noch darüber hinaus.
Zugegeben, die Lage hätte was, wenn sie denn tatsächlich eintreten würde wie
eben beschrieben. Das Problem dabei: Weder die Konsistenz ist berauschend noch
gibt es Unterstützung von den Modellkollegen, so dass wohl eher von einer
krassen Außenseiterlösung gesprochen werden muss. Aber, liebe Vollwetterfreaks,
auch krasse Außenseiter setzen sich mitunter durch, siehe letzten Freitag in
Augsburg.

Nur ganz kurz noch der Donnerstag, an dem sich vorübergehend ein Keil des
Azorenhochs über den Vorhersageraum legt, der aber schon bald wieder von einer
Warmfront überlaufen wird. Im weiteren Verlauf bis zum Wochenende (erweiterte
Mittelfrist) deutet sich eine Fortsetzung der dynamischen West-Nordwestlage an,
die zum Sonntag hin sogar wieder in eine neuerliche Troglage münden könnte.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

In Hinsicht auf die großräumigen Basisfelder kann IFS (ECMF) eine gute
Konsistenz attestiert werden. So gesehen scheint die Abfolge der Großwetterlagen

  • zunächst Trog-, dann zyklonale Nordwest- bis Westlage – unstrittig.
    Witterungstechnisch bedeutet das nasskalte, vor allem im Bergland teils
    frühwinterliche Bedingungen mit wiederholten Niederschlägen (in tiefen Lagen
    häufig Regen oder nasser Schnee, in mittleren und höheren Lagen überwiegend
    Schnee) und zeitweise lebhaftem Wind.
    Die Krux der Vorhersage liegt wie so oft in der Behandlung der kurzen Wellen,
    die eigentlich die Musik machen und von Modelllauf zu Modelllauf etwas anders
    simuliert werden. Oder mit anderen Worten, gerade beim Thema „Niederschlag“
    (räumliche Verteilung, Timing, Intensität, Schneefallgrenze) weist die Prognose
    Unschärfen auf, so dass wir vor Überraschungen nicht gefeit sind. Gleiches gilt
    übrigens für den Wind, wo im Laufe der nächsten Woche durchaus Potenzial für
    eine „knackige Entwicklung“ vorhanden ist.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Was die großräumige Entwicklung angeht, sind die für gewöhnlich an dieser Stelle
begutachteten Globalmodelle weitgehend einer Meinung (erst LW-Trog, dann
zyklonale West-Nordwestlage). Allerdings gilt auch hier wie schon bei der
Konsistenzbetrachtung, dass im Detail sehr wohl Unschärfen oder auch
Unterschiede zutage treten. Nun macht es in der Regel wenig Sinn, die ganze
Litanei der Differenzen an dieser Stelle herunterzubeten, weil die Sache morgen
schon wieder etwas anders aussieht. Es soll aber trotzdem nicht unerwähnt
bleiben, dass weder die o.e. Vb-artige Entwicklung am Sonntag (mit möglichen
Schneefällen bis ganz runter) noch das elliptische Tief am Mittwoch über
Norddeutschland mitgetragen werden. Muss aber nichts heißen, auf alle Fälle sind
Überraschungen auch nach Lesart der anderen Globalmodelle (auf Basis des
gesamten Strömungssetups) nicht unwahrscheinlich.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die IFS-EPS-Rauchfahnen verschiedener deutscher Städte zeigen bei der
850-hPa-Temperatur bis Montag, beim Potenzial in 500 hPa sogar bis Dienstag
einen enggebündelten Verlauf. Auffallend beim Blick auf die östlichen Vertreter
(Leipzig, Berlin) sind die überwiegend schwachen Niederschläge am Sonntag
(Median bei etwa 2 l/m² innert 24 h), die gegen die geschilderte Variante
sprechen. Allerdings gibt es auch ein paar wenige Ensembles, die noch mehr
Niederschlag simulieren als der progressiv auftretende Hauptlauf. Wie auch
immer, im weiteren Verlauf nimmt die Streuung allgemein zu, wobei der Trend bei
T850 bis Mittwoch eindeutig nach oben zeigt. Danach gleitet die Temperatur ins
Indifferente, wobei die Einzelläufe z.T. stark volatile Ausschläge aufweisen.
Gleichbleibend hingegen ist die hohe Signaldichte bei den Niederschlägen.

Bei den Clustern wird in allen Zeitfenstern durchweg das Strömungsregime
„Atlantic ridge“ bedient. Gestartet wird am Sonntag/Montag (T+72…96h) mit drei
Clustern, die hinsichtlich der Trogkonfiguration aber sehr ähnlich sind. Von
Dienstag bis Donnerstag (T+120…168h) erhöht sich die Anzahl auf vier (17 Fälle,
15 +HL/KL, 10, 9), die alle auf W-NW umswitchen. CL 1 und 3 deuten zum Ende hin
eine neuerliche Austrogung über Mitteleuropa an, während CL 2 und 4 auf eine
zonalere Variante setzen. Ab Freitag (T+192…240h) sind es dann nur noch drei
Schubladen, die geöffnet werden. CL 1 (23 Fälle) setzt auf W/NWz (West/Nordwest
zyklonal), während CL 2 (19 Fälle + HL/KL) TrM (Trog Mitteleuropa) favorisiert.
CL 3 (9 Fälle) sieht eine Mischform mit einem abtropfenden Trog vor. So oder so,
auch die erweiterte Mittelfrist scheint stark zyklonal geprägt zu sein.

FAZIT: Der von IFS vorgeschlagene Generalkurs wird sowohl deterministisch als
auch probabilistisch unterstützt. Die bereits erwähnten Detailunterschiede
können damit aber nicht getilgt werden.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Im gesamten Mittelfristzeitraum kommt es immer wieder zu Niederschlägen, die im
Bergland zu einer mehr oder weniger großen Schneeakkumulation führen. Wo genau
wie viel fällt, ist noch genau so unsicher wie die Frage, wie viel im Zuge der
in der nächsten Woche erwarteten (vorübergehenden??) Milderung davon wieder
wegtaut (und das vielleicht sogar zu einem Problem durch regionales Hochwasser
führt).
Zweiter Punkt ist der Wind, der in der nächsten Woche immer mal wieder merklich
anzieht und zumindest im Küstenbereich und auf den Bergen zeitweise Sturmstärke
erreicht. Das Potenzial, dass auch abseits dieser exponierten Regionen in Sachen
Sturm was geht, ist auf alle Fälle vorhanden. Lassen wir uns überraschen…

Basis für Mittelfristvorhersage
MOS-Mix mit IFS-EPS.

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Jens Hoffmann