#DWD -> #SYNOPTISCHE UEBERSICHT #MITTELFRIST Donnerstag, den 09.09.2021 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 09.09.2021 um 10.30 UTC

Nach kurzer Wetterberuhigung ab der Wochenmitte zunehmende Schauer- und
Gewitteraktivität mit Starkregen.

Synoptische Entwicklung bis zum Donnerstag, den 16.09.2021

Die nun anstehende Mittelfrist wird durch eine außertropische
Tiefdruckumwandlung/-übergang (engl. „extratropical transition, ET“) geprägt und
auch wenn die Unsicherheiten größer ausfallen könnten sorgt die ET dennoch für
einige Fragezeichen.
Selbst der momentan allmählich in die Gänge kommende und laut der letzten
Vorhersage zunächst dem Klimamittel folgende stratosphärische Polarwirbel könnte
durch die ET beeinflusst werden, wenngleich nur in abgeschwächter Form.

Hurrikan LARRY ist das tropische System, das als gewaltiger und langlebiger
Hurrikan der Kategorie 3 seit Tagen über den offenen Nordatlantik zog. LARRY
wird sich zum Beginn der Mittelfrist zwischen Neufundland und Grönland in voller
ET befindet. Wie bereits erwähnt könnte sein Einfluss auf das europäische Wetter
umfangreicher/direkter ausfallen, doch glücklicherweise verbleibt das im
weiteren Verlauf als Ex-LARRY geführte Sturmtief im Seegebiet zwischen Grönland
und Island und schwächt sich dort auch ab.

Dennoch wirkt sich so ein umfangreicher/kräftiger tropischer Sturm natürlich auf
die Strömungskonfiguration aus. Betrachtet man den sog. „irrotational wind“, als
den Anteil vom Wind, der keine Rotation, sondern nur Vergenzen aufweist, so
erkennt man eine substanzielle Antwort durch LARRY in Form eines sich bis weit
in die Arktis aufwölbenden Keils.

Zunächst fällt auf, dass die synoptische Konfiguration beinahe lehrbuchreif zu
sein scheint für eine kräftige ET, wobei die Eckdaten aus einer
wissenschaftlichen Ausarbeitung (Archambault et al., 2015) stark
verkürzt/vereinfacht herangezogen werden. LARRY wird dabei knapp vor Beginn der
Mittelfrist vorderseitig eines kräftigen und breiten ostkanadischen
Langwellentroges östlich von (über?) Neufundland nach Nordosten geführt und
interagiert mit diesem. Sowohl der hohe Feuchtegehalt der mitgeführten
tropischen Luftmasse (indirekt durch Freisetzung latenter Wärme in dem sich
entwickelnden „warmen Förderband“), als auch der diabatisch forcierte Outflow in
der Höhe verschärfen ein supergeostrophisches Jetmaximum polwärts von LARRY. Der
kräftige Trog und das zeitlich perfekte Einbinden eines intensiven tropischen
Systems sind alles Kriterien für eine agile ET – und hier beginnt nun auch
unsere Mittelfrist.

Ein Teil der Energie in Form verschärfter Jetwinde erreicht einen Trog über dem
östlichen Atlantik, der im weiteren Verlauf abtropft und zur Wochenmitte dann
auch das Wetter in Deutschland beeinflusst.
Der Hauptschwung an Energie wird jedoch in die Keilaufwölbung gesteckt, die sich
während der Mittelfrist in Richtung Spitzbergen ausdehnt und von dem durch die
ET ausgelösten zyklonalen Wellenbrechen im Mittelfristverlauf bis in die Karasee
bzw. Laptewsee getragen wird. Dort wird in der Nähe zum Pol eine (vorerst noch)
schwache Geopotenzialbrücke aufgespannt, die mit einer kräftigen Blockierung
über dem östlichen Asien Kontakt aufnimmt.
Dadurch wird besonders der troposphärische Polarwirbel im skandinavischen /
westasiatischen Sektor geschwächt und formiert sich eher im kanadischen Bereich.
(Geht man noch etwas in die Theorie, dann wird die Intensivierung des trop.
Polarwirbes im paz./kanadischen Sektor auch durch das sog. „wave forcing“
verschärft, das u.a. durch die aktuell bei uns noch anzutreffende
„Hoch-über-Tief-Blockierung“ in Richtung Asien / Nordpazifik gerichtet ist und
dort mit zahlreichen progressiven Wellen und einem kräftigen Polarfrontjet
wechselhaftes und teils stürmisches Wetter bringt).

Das Resultat aus all dem ist, dass vereinfacht gesagt, die Schubkraft aus West
nachlässt und sich die bildenden Rossby-Wellen über Grönland und Russland
quasi-stationär einrichten.
Von daher ist grundsätzlich das Potenzial für Abtropfprozesse im europäischen
Sektor erhöht, und der Fokus richtet sich mehr auf Kurzwellenpassagen bzw. auf
Tröge mit geringer Amplitude. Sollte die grönländische Rossby-Welle in der Tat
dominieren, wäre auch eine Fortdauer der Zufuhr milder Luftmassen aus Süd bis
Südwest zu erwarten, mit den ersten winterlichen Grüßen in Teilen Skandinaviens
und Russland.

Die beschriebene Entwicklung zeigt sich auch schön im Hovmöller-Diagramm der
v-Windkomponente zwischen 30 und 60 Grad Nord. Der durch LARRY ausgelöste
Wellenzug läuft bis zum Mittelfristbeginn bis ins äußerste westliche Europa,
bevor dessen Energie sich an einer über dem mittleren/südlichen Europa
entwickelnden Omega-Blockierung abschwächt bzw. die Hauptenergie über das
westliche Mittelmeer/Nordafrika in den Trog über dem östlichen Mittelmeer
geführt wird. Diese Entwicklung bringt uns den „Omegakeil“ und somit wenigstens
vorübergehend eine Wetterberuhigung.

Die NAO und AO pendeln um den Nullmeridian herum und heben mit einer zügigen
Spreizung der Member die Unsicherheiten bei der Entwicklung hervor.

Wie sieht nun die Entwicklung für Deutschland aus?

Der Sonntag steht noch im Zeichen einer skandinavischen Trogpassage, an deren
südlichen Spitze ein besonders im thermischen Feld (500 hPa) erkennbarer,
schwacher Kaltlufttropfen über Deutschland nach Osten geführt wird inklusive
einer wetterinaktiven Kaltfront, die südwärts in Richtung Mitte Deutschlands
gedrückt wird. Zahlreiche Schauer sind die Folge, die im Verlauf der Nacht zum
Montag von Westen abklingen und lokalen Nebelfeldern Platz machen.

Am Montag steigt das Geopotenzial an, sodass die Bewölkung im Tagesverlauf immer
weiter auflockert mit einem nur noch sehr lokalen/schwachen Schauerrisiko.
Dieses könnte im Umfeld einer zonal über der Mitte liegenden, quasi-stationären
Front geringfügig erhöht sein, zumal der schwache Kaltlufttropfen über den Osten
in Richtung Tschechien und somit über die Front „eiert“ –
Niederschlagsschwerpunkte sind jedoch bei einem herumeiernden Kaltlufttropfen
der Marke „schwache Intensität“ leider besonders schwer herauszuarbeiten.
Besonders im Südwesten deutet sich ein schöner Sommertag an, während über der
Mitte nordwärts noch zahlreiche, teils ausgedehnte Wolkenfelder über den Himmel
ziehen.

Am Dienstag liegt der breite, wenngleich nicht allzu kräftige Keil über
Deutschland, sodass meist ein freundlicher, im Westen und Norden gar sonniger
Tag zu erwarten ist. Die größten Unsicherheiten ergeben sich im Südosten, wo das
von Tschechien nach Österreich driftende Kaltluftei im Umfeld der Orografie noch
den einen oder anderen Schauer (vielleicht kurz gewittrig?) hervorrufen dürfte.
Alles in allem aber deutschlandweit ein schöner und sommerlich warmer Tag (etwas
frischer bei Seewind im Küstenumfeld).

Ab nun nehmen die Unsicherheiten stärker zu, denn wie bereits beschrieben wird
ein Trog vor den Toren Westeuropas durch die ET von LARRY intensiviert, wobei
diese Tendenz in den letzten Modellläufen für ein verlangsamtes Übergreifen auf
Mitteleuropa und für einen Amplitudengewinn gesorgt hat. Gehen wir nach dem
jüngsten Lauf, so würde im Tagesverlauf die Bewölkung von Südwesten dichter
werden mit einem zunehmenden Schauer- und Gewitterpotenzial zum Nachmittag/Abend
und in der Nacht zum Donnerstag. Schwerpunkt wäre der gesamte Südwesten. Nur als
Hinweis – Modelle wie GFS sind da deutlich aggressiver. Aber nach der
IFS-Version würden abgesehen vom Südwesten weite Bereiche Deutschlands noch
einmal einen sonnigen und sommerlich warmen bzw. trockenen Tag erleben.

Zum Donnerstag schiebt sich der abschwächende atlantische Trog über Frankreich
in Richtung Norditalien, sodass abgesehen vom Norden die meisten Regionen
Deutschlands in den Genuss einer feucht-warmen und schauer- bzw.
gewitteranfälligen Luftmasse gelangen. Starkregen (teils mehrstündig) wäre das
konvektive Hauptthema. PPWs von 30 bis 35 mm und eine langsame Zellverlagerung
stützen diese These.

Die Höchstwerte liegen durchweg meist zwischen 20 und 25 Grad, im Südwesten auch
etwas darüber.

In der erweiterten Mittelfrist scheint dieser Trog sehr langsam Deutschland
ostwärts überqueren zu wollen, bevor zum Sonntag der nächste Keil von Westen
folgt. Insgesamt also eine Fortdauer der zeitweise wechselhaften Witterung mit
kurzen stabilen Abschnitten, wobei die Höchstwerte etwas auf rund 20 Grad
zurückgehen.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die allgemeine Entwicklung der großräumigen Wellenkonfiguration wird innerhalb
der letzten 4 IFS-Läufe konstant gezeigt, allerdings ergeben sich weiterhin
zeitliche Unschärfen, besonders zum Ende der Mittelfrist.

Ein sich immer weiter nach Mitteleuropa aufwölbender Höhenkeil wird bis zur
kommenden Wochenmitte über Deutschland nach Osten geführt, bevor sich zum Ende
der Mittelfrist (Mittwoch/Donnerstag) von Westen der nächste atlantische Trog
nähert. Dabei ergeben sich mit diesem Trog die größten Unsicherheiten, denn das
Übergreifen auf Mitteluropa wird von Lauf zu Lauf immer weiter verzögert, sodass
er (Stand heute) erst ab der Wochenmitte so richtig auf Deutschland übergreifen
dürfte. Bis dahin ergeben sich noch kleinere Diskrepanzen, z.B. wie schnell der
Keil wandert bzw., wie weit er sich nordwärts aufwölbt, sodass besonders der
Sonntag, zum Beginn der Mittelfrist, noch wechselhaft verlaufen könnte.
Alles in allem deutet sich also nur eine vorübergehende Stabilisierung an, bevor
aber der Nacht zum Mittwoch von Südwesten die Niederschlagsneigung erneut
zunimmt. Die dabei eingebundene subtropische Luftmasse dürfte mit den heute
gezeigten Werten dann auch wieder für Gewitter mit Starkregen bzw. regional
mehrstündigen Starkregen gut sein.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Die andere Globalmodelle sehen die Entwicklung sehr ähnlich zu IFS und auch hier
gibt es jeweils geringe Diskrepanzen der Wellenpassagen. Den größten Unterschied
gibt es zum Ende der Mittelfrist mit Blick auf die Annäherung des atlantischen
Troges von Westen. Dieser greift nach Leseart von GFS zügiger auf Deutschland
über, sodass dort die Schauer und Gewitter bereits am Mittwoch auch auf den
Norden übergreifen. Es muss wohl noch abgewartet werden, wie dieser Trog durch
die ET von LARRY beeinflusst wird und welches Modell den richtigen Riecher hat.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die Cluster von IFS beginnen die Mittelfrist mit dem klimat. Regime
„Blockierung“ und mit 2 Clustern, wobei der det. und der Kontrolllauf beide im
ersten Cluster zu finden sind. Die Einbindung von LARRY wird recht gut/homogen
erfasst, sodass auch die Wellenresonanz stromab gut übereinstimmt. Für
Deutschland ergeben sich nur geringe Diskrepanzen. Die größte Unsicherheit
dürfte der schwache Kaltlufttropfen darstellen, dieser wird jedoch im Ensemble
„herausgeglättet“.

In der Folge ergeben sich dann 6 Cluster, wobei das Regime „Blockierung“
überwiegt. Der Kontrolllauf und der det. Lauf befinden sich beide im zweiten
Cluster. Hier zeigen sich nun doch die Auswirkungen von LARRY. Einerseits wird
der Trog über dem Ostatlantik (vor der Iberischen Halbinseln) variabel gezeigt
(Energietransfer?), andererseits gibt es auch Unsicherheiten beim Ablauf des
zyklonalen Wellenbrechens vor Grönland und der Intensität der stromab
aufgespannten Geopotenzialbrücke in der Nähe des Nordpols.
Für Deutschland ist besonders die Intensität/Geometrie des ostatlantischen
Troges von Bedeutung, die wiederum die Ausprägung des Keils über Mitteleuropa
diktiert. Zahlreiche andere Cluster zeigen einen deutlich gesünderen Keil als
Cluster 1 und 2 und somit stabilere Verhältnisse auch über die Wochenmitte
hinaus. Die Zuversicht ist jedoch gegeben, dass mit/direkt nach der ET von LARRY
diese Unsicherheiten nachlassen dürften.

In der erweiterten Mittelfrist setzt der Großteil der Custer (3 von 4) auf eine
kräftige positive Geopotenzialanomalie in der Nähe des Nordpols mit einer eher
schwachen Geopotenzialverteilung im europäischen Sektor. Mit dem sich
verstärkenden kanadischen trop. Polarwirbel scheint auch die Rossby-Welle über
Grönland die dominierende zu sein, sodass insgesamt die Zufuhr milder bzw.
warmer Luftmasse überwiegt. Allerdings sehe ich bei dieser Konstellation
durchaus das Potenzial von abgetropften Höhentiefs, die bei „günstiger“
Konstellation (langsame Verlagerung und feuchte Luftmassen) bzgl. kräftiger
Niederschläge warntechnisch relevant werden könnten. In den Clustern sind solche
Varianten bisher nur vereinzelt zu erkennen, es werden solche Entwicklungen aber
auch gerne herausgeglättet. Beenden wir diesen Abschnitt aber positiv und heben
lieber hervor, dass das Grundmuster eher für eine Fortdauer der mäßig-warmen bis
teils sommerlich warmen Witterung spricht.

Die in Deutschland ausgewählten Meteogramme ergeben keinen nennenswerten Input
an neuen Informationen. So zeigt sich nach einem trockenen Abschnitt (Montag auf
Dienstag) ab Mittwoch eine Zunahme der Schauer-/Gewitterneigung. Das
Temperaturniveau verbleibt durchweg bei um oder über 20 Grad. Kontroll- und det.
Lauf sind beide gut in die Memberschar eingebettet und liegen erst zum Ende der
Mittelfrist eher am oberen Rand (850 hPa Temperatur und 500 hPa Geopotenzial).

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Der EFI zeigt durchweg eine ruhige Mittelfrist und hebt eher Südwesteuropa mit
teils erhöhtem Unwetterpotenzial (Gewitter) hervor.

Dennoch muss man auch bei uns ab der Wochenmitte mit Durchzug von Gewittern
lokal mit Starkregen rechnen, der punktuell auch unwetterartig ausfallen kann.
Eine überregionale Unwetterlage ist jedoch nicht zu erkennen.

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS-EPS, IFS, MOSMIX

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Helge Tuschy