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SXEU31 DWAV 141800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Samstag, den 14.08.2021 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Am Sonntag außer ganz im Norden noch mal sommerlich mit einzelnen Gewittern im
Süden. Am Montag Kaltfrontpassage und nachfolgend Höhentrog mit polarer
Meeresluft.

Synoptische Entwicklung bis Dienstag 12 UTC

Aktuell … befindet sich Deutschland unterhalb einer westlichen, im Norden
recht flotten, im Süden eher etwas träge daherkommenden westlichen
Höhenströmung. Über Südskandinavien ist gar ein kleines Jetmaximum zu erkennen,
das sich im Laufe der Nacht aber allmählich auflöst. Ein Mitgrund dafür ist eine
einsetzende Austrogung unweit von Irland, deren Impulsgeber das hochreichende
Tief LUCIANO ist, das sich langsam dem Irischen Festland nähert. Ansonsten ist
noch der mehrkernige Tiefkomplex KURT über Nordeuropa zu erwähnen, auf dessen
Südflanke wolkenreiche und leicht mindertemperierte (T850 6 bis 9°C) Meeresluft
in den äußersten Norden gesteuert wird. Mit Hilfe von Westen zunehmender WLA –
hier kündigt sich die Annäherung der zu Tief LUCIANO gehörenden Warmfront an –
kommt es sogar zu Regenfällen, die im Nordseeumfeld akkumuliert über 12 h
durchaus bis zu 10 l/m² zusammenbringen können. Dagegen nimmt der Südwest- bis
Westwind an der Küste aufgrund einer leichten Gradientaufweichung ab, gleichwohl
sind an exponierten Stellen der Nordfriesischen Küste sowie der Ostseeküste noch
die eine oder andere steife Böe 7 Bft drin.

Und sonst so? – Nun, im Süden bleibt uns bei geringen Luftdruckgegensätzen die
„unsichtbare“ Luftmassengrenze erhalten, die sehr feuchte und potenziell
instabile Subtropikluft (T850 17 bis 20°C, Taupunkt teils um 20°C) ganz im Süden
von trockenerer und stabilerer Warmluft (T850 10 bis 16°C, Taupunkt gebietsweise
unter 15°C) in der breiten Mitte trennt. „Unsichtbar“ deswegen, weil die Front
keinerlei Wetter-, ja noch nicht mal Wolkenaktivität an den Tag legt und sich
rein aus dem pseudopotenziellen Temperaturgradienten ableitet. Die anfangs im
Süden noch auftretenden wenigen konvektiven Umlagerungen fallen alsbald dem
Tagesgang zum Opfer und auch sonst ist wenig los „uff de Gass“. Klarer Himmel,
ein paar flache Nebelfelder und im Süden etwas zu hohe Minima (freilich
subjektiv), die das nächtliche Lüften erschweren – das war´s.

Sonntag … setzt sich die o.e. Austrogung über dem Westen Europas fort. Heraus
kommt ein recht scharf geschnittener KW-Trog, dessen positiv geneigte Achse um
18 UTC über dem Ärmelkanal zu finden ist. Auf seiner Vorderseite dreht die
Höhenströmung bei uns peu a peu auf West-Südwest rück, wobei sie zunächst
weiterhin ziemlich glatt konturiert bleibt. Am Boden bleibt das Umfeld bei uns
weiterhin gradientschwach, selbst an der See ist windtechnisch nichts
Warnwürdiges mehr rauszuholen. Der sich auffüllende LUCIANO passiert England in
Richtung Nordsee, wobei die zugehörige Warmfront auf ihrem Weg gen Norden Teile
Norddeutschlands traktiert. Neben dichten Wolken fällt mitunter Regen, vor allem
zum Nachmittag nehmen die Chancen für Wolkenauflockerungen bei Höchstwerten von
20 bis 24°C (dass Rückdrehen der Strömung bewirkt eine leichte
Temperaturzunahme) aber zu.

Vom Norden straight foreward in den Süden, wo die sehr warme bis heiße und
potenziell instabile Subtropikluft gegenüber heute etwas Boden nach Norden
gutmacht. Die konvektionsfördernden Zutaten sehen dabei äußerst imposant aus:
steile Lapse-Rates sowie hohes PPW (teils um 35 mm) und hohe spezifische
Grundschichtfeuchte (punktuell bis 15 g/kg), dazu reichlich Sonneneinstrahlung
lassen weitgehend ungedeckeltes ML-CAPE entstehen, das gebietsweise über 2000
J/kg erreicht. Nicht schlecht Herr Specht, vor allem wenn man bedenkt, dass sich
im Laufe des Nachmittags auch noch solide bis gute Scherung dazugesellt (DLS um
15 m/s, LLS bis 10 m/s). Da sollte man doch meinen, dass die Luzie ordentlich
abgeht, was das konvektive Geschehen angeht. Was nach wie vor fehlt sind
synoptisch-skalige Antriebe. Der Trog ist noch zu weit weg, die Front (die
„unsichtbare“) erzeugt keinerlei Querzirkulation und großräumige Konvergenzen
sind auch nicht auszumachen. Also kommen vornehmlich die Orografie und
vielleicht noch regionale Windkonvergenzen als Initiatoren für Überentwicklungen
in Frage, was von der Numerik offensichtlich auch so gesehen wird. So muss
morgen Nachmittag etwa südlich einer Linie Nahe-Main mit teils organisierten
Einzel- oder Multizellen gerechnet werden, die rasch die hohen Ockerkriterien
zumindest in puncto Starkregen und Hagel erfüllen. Sollte sich eine isolierte
Superzelle entwickeln, was durchaus möglich ist, besteht ganz schnell
Unwettergefahr, wobei neben Starkregen und etwas größerem Hagel (2-3 cm) auch
die Komponente „(schwerer) Sturm“ angesichts inverser V-Strukturen in der
Grundschicht nicht außerachtgelassen werden sollten. Vor den Gewittern steigt
die Temperatur im Süden auf 28 bis 33°C.

Gänzlich unspektakulär geht es in der Zone zwischen konvektionsanfälligen Süden
und dem wolkigen Norden zu, wo abgesehen von ein paar dekorativen Wölkchen den
ganzen Tag die Sonne scheint bei sommerlichen Temperaturmaxima von 26 bis 32°C.

Gehen wir in die Nacht zum Montag, wo besagter KW-Trog immer dichter an den
Vorhersageraum heranrückt bzw. den Westen und Südwesten desselben in den frühen
Morgenstunden erreicht. Vorderseitig wird eine ordentliche Portion PVA
induziert, die allerdings von über die Trogachse hinweglaufender KLA
teilkompensiert wird. Von daher ist schwierig einzuschätzen, wie viel
synoptische Hebungsimpulse am Ende zur Verfügung stehen. Dass welche zur
Verfügung stehen, scheint auf Basis der numerischen Prognosen unstrittig zu
sein, zumal dem Trog auch noch die Kaltfront des zur Nordsee ziehenden Tiefs
LUCIANO vorgeschaltet ist.

Kurzum, vornehmlich im Süden (BW/Bayern), evtl. auch noch im Süden Thüringens
sowie dem Vogtland und dem Erzgebirgsraum stehen einige kräftige Gewitter auf
der Karte, die bei weiterhin guten, sich sogar noch leicht verbessernden
Scherungsbedingungen organisiert sein und Superzellenniveau erreichen können.
Lokale Unwetter sind dann vor allem durch Starkregen, eingangs der Nacht aber
auch durch Hagel möglich. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass die Modelle
dieses Gewitter zwar simulieren, in Bezug auf Häufigkeit respektive räumlicher
Ausdehnung nach wie vor auf eine defensive Strategie setzen.

Die zweite Hinguckerzone neben dem Süden liegt im äußersten Norden und
Nordwesten, wo von der Nordsee her etwas Höhenkaltluft herangespült wird, in der
sich einzelne (Kaltluft)Gewitter bilden können. Bei mäßiger bis frischer
südwestlicher Grundströmung steht dabei der Wind (Böen 7-8 Bft) als begleitender
Parameter ganz oben auf dem Zettel, gefolgt von Starkregen. Auch abseits der
Konvektion sind an der Küste einzelne Böen 7 Bft möglich, nach einer größeren
Warnlage sieht es aber noch nicht aus.

Montag … schwenkt die Kaltfront des „Nordseetiefs“ LUCIANO recht zügig über
den Vorhersageraum hinweg südostwärts. Ganz genau steht der Fahrplan aber
offensichtlich noch nicht, was daran erkennbar ist, dass der neueste Lauf von 12
UTC wieder mehr etwas mehr starke Gewitter in den Resten der potenziell
instabilen Warmluft im äußersten Süden (Alpenrand/Vorland) simuliert als das um
00 und 06 UTC noch der Fall war. Hier bestehen also noch Unsicherheiten. Gut
vorstellbar ist auch gewittrig durchsetzter Regen, bei dem eine mehrstündige
Starkregenwarnung oder vielleicht sogar eine kurze Dauerregenwarnung vonnöten
ist. Die deterministischen Prognosen simulieren an den Alpen und im höheren
Vorland durch die Bank weg 12h-Mengen bis 25 l/m² mit Peaks von rund 40 l/m².

Fakt ist, dass dem guten LUCIANO über der Nordsee mehr und mehr die Luft
ausgeht, dafür aber über dem Skagerrak eine frische Zyklogenese angestoßen wird,
dessen Resultat ein grundsolides 1000-hPa-Tief am Abend über Südschweden zu
finden ist. Fakt ist auch, dass das Drehzentrum des Höhentrogs in den
Abendstunden von der Deutschen Bucht zur westlichen Ostsee zieht. Dadurch büßt
die Trogachse zunehmend von ihrer positiven Neigung ein und der gesamte Trog
legt sich mitten über Deutschland. Dabei gelangt in den Norden und Nordwesten
hochreichend maritime Kaltluft polaren Ursprungs (T500 -20 bis -24°C, T850 um
+5°C), in der sich zahlreiche Schauer und auch einige Gewitter entwickeln.
Darüber hinaus breitet sich auf der Trogvorderseite schauerartiger Regen von
Nordwesten her bis in die mittleren Landesteile aus, ohne dass dabei warnwürdige
Mengen zusammenkommen. Die Gewitter können bei sehr guten Scherungsbedingungen
(LLS um 15 m/s, DLS phasenweise bis 30 m/s) durchaus organisiert sein (vor allem
linienartig), wobei die markante Schwelle wegen des Windes (Böen 8-9 Bft)
problemlos überschritten werden dürfte.

Apropos Wind, im Zuge der o.e. Zyklogenese verschärft sich der Gradient
sukzessive, insbesondere auf Süd- und Südwestflanke des neuen Tiefs.
Folgerichtig frischt der von Südwest auf West bis Nordwest drehende Wind im
Tagesverlauf auf, wobei aber noch nicht ganz klar ist, wie flächig das
Überschreiten der unteren Warnschwelle (7 Bft) ausfällt. Auf alle Fälle passiert
das an der See und im küstennahen Binnenland sowie wahrscheinlich in Teilen der
Norddeutschen Tiefebene und allgemein in höheren Lagen. Während an der Ostsee
Böen 8 Bft eher Seltenheitswert haben, nimmt die Wahrscheinlichkeit dafür an der
Nordsee am Nachmittag immer mehr zu. Dort stehen dann auch einige Sturmböen 9
Bft auf der Karte.

Noch ein Satz zur Temperatur, dessen Formkurve in der frisch einfließenden
polaren Meeresluft deutlich nach unten zeigt. Auf 850 hPa stehen am Abend im
Nordwesten nur noch rund 4°C zu Buche, während es südlich der Donau noch knapp
über 10°C sind. Projiziert auf die Tageshöchsttemperatur in 2 Meter Höhe
bedeutet das im Nordwesten keine 20°C mehr, im Süden und Osten dagegen noch mal
22 bis 25°C, vielleicht lokal 26°C.

In der Nacht zum Dienstag beruhigt sich die Lage keinesfalls. Vor allem im
Norden bleibt es südlich des nur schleppend nach Osten vorankommenden Tiefs
windig, an der See auch stürmisch. Außerdem schwenkt im Norden ein markanter
WK-Trog ostwärts hinweg. In der weiterhin labilen Meeresluft kommt es zu einem
merklichen Absinken des HKN, was bei gleichzeitig guter bis sehr guter LLS
(teils etwas über 15 m/s) nicht nur die Gewitterneigung hochhält, sondern sogar
Typ2-Tornados nicht völlig unmöglich erscheinen lässt.

Ansonsten kommen die schauerartigen Regenfälle aus der Mitte bis in den Süden
voran, die Mengen bleiben aber überschaubar.

Dienstag … beginnt der Höhentrog, ganz langsam nach Osten zu schwenken. Das
Drehzentrum peilt mit dem korrespondierenden Bodentief die Ostschwedische
Küstenregion an. Für den Norden und Osten bedeutet das einen sehr windigen
Dienstag mit Böen 7 Bft, im nordostdeutschen Binnenland sowie im Bergland 8 Bft,
exponiert sowie an der Ostsee 9 Bft, jeweils aus westlichen Richtungen.

Rechnet man dann noch die im Norden wiederholt auftretenden Schauer und kurzen
Gewitter sowie die lausigen Höchstwerte von 17 bis maximal 20°C dazu, lässt sich
hier mit Fug und Recht von den ersten Vorboten des irgendwann Einzug haltenden
Frühherbstes sprechen.

Richtung Süden und Südwesten kommt es nicht ganz so krass, sorgt doch der Keil
eines sich über dem nahen Atlantik etablierenden Hochs für eine gewisse
Beruhigung. Bei wechselnder, an den Alpen anfangs noch starker Bewölkung bleibt
es vielfach trocken (an den Alpen Restschauer aus der Nacht) bei immerhin 18 bis
22°C.

Modellvergleich und -einschätzung

Der grobe Fahrplan steht, sofern die Atmosphäre nicht zu streiken beginnt. Heute
hat es wider Erwarten nicht geklappt mit den Überentwicklungen im Süden, morgen
sollte es aber langen. Weitere noch vorhandene Unschärfen wurden im Text
weitgehend angerissen.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann