#DWD -> #SYNOPTISCHE UEBERSICHT #MITTELFRIST Samstag, den 17.07.2021 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Samstag, den 17.07.2021 um 10.30 UTC

Unter Hochdruckeinfluss ruhig. Zum Wochenende zunehmende Gewittergefahr mit
Unwetterpotenzial.

Synoptische Entwicklung bis zum Samstag, den 24.07.2021

Die überwiegend ruhig verlaufende Mittelfrist wird von mehreren Faktoren
beeinflusst.

Der erste Faktor ist eine sich erneut über dem Nordwesten der USA aufbauende
Hitzewelle – dieses Mal jedoch etwas östlicher über Montana ansetzend. Diese
Hitzewelle geht mit einem anormal kräftigen Rücken einher, der sich fast bis zum
Polarkreis erstreckt und auch in Kanada mit sehr hohen Temperaturwerten
einhergehen wird. Stromab dieses Keils beginnt die Strömung in Folge des
„downstream development“ über dem Nordatlantik stärker zu verwellen. Mit der
Entwicklung eines Langwellentroges über dem Nordosten der USA wird auch ein
weitere Langwellentrog vor Irland verstärkt, der allmählich ostwärts nach Europa
vorankommt. Auch dieser Trog fand seinen Ursprung bei rund 80/90 Grad West und
auch die folgenden Wellen scheinen sich in diesem Bereich bilden zu wollen.

Der zweite Faktor könnte die MJO sein, die nun aus Phase 3 zunehmend in die 4
und 5 wandert. Von der dritten Phase ausgehend mit einer Verzögerung von grob 10
Tagen findet statistisch gesehen eine verminderte Blockierungsfreude im
europäischen Sektor statt mit einer allgemeinen Geopotenzialzunahme vom
östlichen tropischen Atlantik bis hin zum westlichen Mittelmeer. Allerdings ist
diese Anomalie im GFS deutlich stärker ausgeprägt als bei IFS, was daran liegen
könnte, dass GEFS wiederholt versucht diese MJO progressiv und mit
Amplitudengewinn nach Osten laufen lassen, während IFS-EPS das alles eher
gedämpfter und stationärer sieht. Dennoch sehen beide Modellketten dieses
Anomaliemuster ähnlich und deuten zudem ein kräftiges Azorenhoch an, sodass
grundsätzlich die Hintergrundbedingungen für eine progressivere
Wellenverlagerung über dem Nordatlantik sprechen. Zudem „unterdrückt“ der
Geopotenzialgewinn über Nordwestafrika einen möglichen Amplitudengewinn des
Troges, was jedoch innerhalb der Numerik mit größeren Unsicherheiten gezeigt
wird.

Zwar verbleibt die NAO vorerst im leicht negativen Bereich, allerdings mit einer
Tendenz in Richtung „Nullmeridian“ bzw. „positiver NAO“ im Verlauf der
Mittelfrist. Die AO verbleibt derweilen im leicht positiven Bereich und die
nordhemisphärische Wellenzahl liegt mit 5 bis 6 im hohen/kurzwelligeren Bereich.

Fasst man diese Informationen zusammen, so gibt es einige Anzeichen für eine
etwas progressivere Wellenverschiebung im nordatlantisch-europäischen Sektor,
wenngleich die weiterhin zu Blockierung (vor allem in höheren Breiten) neigende
Lage die Wellenzüge nur langsam nach Osten wandern lässt.

Der Dienstag (Beginn der Mittelfrist) und Mittwoch fungieren dabei als
Übergangstage. Rückseitig eines nach Osteuropa abziehenden Langwellentroges
macht sich von Westen die Keilachse immer deutlicher bemerkbar. Allerdings liegt
der Schwerpunkt des umfangreichen, nicht aber robusten Bodenhochs zwischen
Island und Schottland, sodass wir peripher a dessen Ostrand wiederholt Störungen
in Form schwacher Fronten erwarten, die besonders den Norden und Osten mit
dichten Wolken und etwas Regen erfassen. Zudem weht der Nordwestwind im
Küstenumfeld zeitweise böig.
Deutlich freundlicher sieht es südlich der zentralen Mittelgebirge aus und hier
scheint die Sonne teils von einem wolkenlosen Himmel. Niederschlag fällt hier
keiner.
Die Höchstwerte liegen bei einem schwachen bis mäßigen Nord- bis Nordwestwind je
nach Bewölkungsverteilung zwischen 19 und 24 Grad, im Südwesten um 25 Grad und
entlang des Oberrheins vielleicht auch etwas darüber.

Zum Donnerstag und Freitag lockert die bis dahin dichte Bewölkung im Norden
immer stärker auf und die Sonne kann sich auch hier für längere Zeit zeigen,
während es im Süden meist sonnig bleibt. Inwieweit zum Freitagabend von
Frankreich her erste Gewitter aufziehen bleibt noch abzuwarten und wird von IFS
nicht gestützt. Die Höchstwerte liegen am Donnerstag bei 22 bis 27 Grad und am
Freitag bei 24 bis 30 Grad (mit den höchsten Werten im Südwesten).

Dann kommt das Wochenende. Der Keil wandert weiter nach Osten und macht einem
kräftigen Trog über dem Nordostatlantik Platz. Klar ist, dass dieser Trog
ausreichend Zeit haben wird unmodifizierte, tropische Luftmassen mit TPWs
jenseits der 40 mm aufzunehmen und diesen Schwall an feuchter und labil
geschichteter Luft nach Mitteleuropa zu drücken. Es gibt noch einige
Fragezeichen: genaue Zugbahn oder Verlagerungsgeschwindigkeit (auch mitbestimmt
durch eine neue Trogbildung stromauf) gehören dazu. Das Grundmuster zeigt aber
erneut eine gemächliche Ostverlagerung mit einer labilen und sehr feuchten
Vorderseite. Zudem blitzt in den Clustern immer wieder eine erneute Blockierung
über Skandinavien auf – ein Muster, das wir sehr wohl kennen. Aber warten wir
noch die kommenden Tage ab, bis sich hoffentlich die oben gestellten Fragen
klären.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass zum Samstag und auch darüber hinaus die
Unwettergefahr durch heftige Gewitter deutlich zunimmt. Dabei wird es
schwül-heiß mit 27 bis 32 Grad.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die progressive Verlagerung der Wellen wird von IFS in den vergangenen drei
Läufen sehr gut erfasst. Es gibt keine nennenswerten Diskrepanzen, wenngleich
Feinheiten wie die Intensität des nach Mitteleuropa wandernden Keils noch
geringen Schwankungen unterworfen ist.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Eine ähnlich dankbare (homogene) Vorhersage wird beim Blick auf die andere
Modellketten deutlich. Ja, es gibt Diskrepanzen bei mehreren Kurwellen, die zum
Beginn der Mittelfrist den Keil an seiner Ostflanke umrunden. Die Auswirkungen
auf unser Wetter bleiben jedoch überschaubar (nur zeitliche Unterschiede bei den
schwachen Niederschlägen im Norden und Osten).
Zum kommenden Wochenende nehmen die Unsicherheiten etwas zu und beschränken sich
auf den von Westen nahenden Langwellentrog. GFS und IFS gehen Hand in Hand bei
dessen Verlagerung, während GEM/ICON eine südlichere Verlagerung andeuten
(nichts, was wir sehen wollen, denn von abtropfenden Systemen haben wir
mittlerweile genug).
Das Fazit ist: eine stabil vorhergesagte und bis zum Freitag auch ruhige
Mittelfrist, die in der Folge wieder ungemütlicher (gewittriger) wird.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die Meteogramme im Norden und Osten zeigen bis Mittwoch geringe
Niederschlagsspitzen und ein gedämpftes Temperaturniveau knapp über 20 Grad,
bevor auch hier mit einer deutlichen Erwärmung zu rechnen ist.
Im Süden und Westen bleibt es meist trocken mit etwas höheren Temperaturwerten
am Dienstag/Mittwoch. Zum Freitag wird es auch hier sommerlich warm bis heiß.
Bei allen Meteogrammen nimmt zum Wochenende nicht nur das Niederschlagspotenzial
zu, sondern auch die Anzahl der Member mit kräftigen Niederschlagsmengen (ein
Anzeichen für Gewittercluster, wenn die vergleichsweise geringe Auflösung darauf
anspringt).
Die Rauchfahnen der 850 hPa Temperatur und des 500 hPa Geopotenzials verbleiben
durchweg eng gebündelt und spreizen sich erst nach der Mittelfrist im Zuge der
Unsicherheiten mit dem von Westen hereinschwenkenden Trog.

Die Cluster stützen diese sichere Mittelfrist, allerdings mit (in meinen Augen)
einer zu geringen Clusteranzahl, denn bis zur Stunde 360 gibt es nur einen
Cluster, dessen klimat. Regime von „Atlantikrücken“ zu „Blockade“ wechselt. Dies
scheint konträr zu dem genannten Verhalten der durchziehenden
konvektionshemmenden Phase der MJO, aber diese Blockierungen setzen sehr
nördlich an mit ebenfalls gezeigten positiven Geopotenzialanomalien über dem
östlichen Atlantik und Nordwestafrika. Zudem war IFS auf der schwächeren Seite
der MJO Entwicklung, sodass dessen Auswirkungen hier geringer ausfallen sollten.

Der Trog schwenkt in den Clustern zögernd nach Osten und wird flankiert von
positiven Anomalien. Besonders die Blockierung im skandinavischen Sektor wird
erneut serviert, die den Trog über Mitteleuropa parken lassen würde – eine
Tendenz, die man wirklich nicht gerne sieht. Aber es ist noch ein bisschen Zeit
bis dahin und ich kann mir vorstellen, dass in den folgenden Clusterläufen auch
weitere Optionen zur Verfügung gestellt werden, die momentan dem „zu gering
dispersiven“ Verhalten des Ensembles zum Opfer fallen.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Über Deutschland springt der EFI die Mittelfrist über nicht an. Dennoch sei
darauf hingewiesen, dass der EFI „Feuchtefluss“ am Südrand des Troges über dem
Atlantik maximale Werte aufweist (sehr effektiver Feuchtetransport in das
System) und am Wochenende in Frankreich „CAPE“ und „CAPE/shear“ ebenfalls rasch
zunehmen. Nach GEFS liegt die Wahrscheinlichkeit am Samstag für mehr als 2000
J/kg CAPE bei 40-60% in Süddeutschland mit ähnlichen (nicht prozentualen) Werten
im det. Lauf des IFS. Gepaart mit mäßiger Scherung sind organisierte Gewitter
bis in den Unwetterbereich möglich. Das Wort „Unwetterpotenzial“ wurde explizit
mit in die Überschrift eingebaut, deutet das IFS-EPS ab Samstag doch bereits
jetzt erhöhtes Starkregenpotenzial an (selbst mit geringen Wahrscheinlichkeiten
für mehr als 80 l/qm/24h). Auch wenn das nur schwache Signale sind – umgemünzt
auf konvektive Ereignisse zeigt das auf jeden Fall das mögliche
Starkregenpotenzial dieser Gewitter (neben TPWs von 30 bis 40 mm, die von
Frankreich auf Deutschland übergreifen).

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS, IFS-EPS, MOSMIX, GEFS

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Helge Tuschy