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SXEU31 DWAV 301800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Mittwoch, den 30.06.2021 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Im Norden und Nordosten gewittrige Starkregenfälle im Mantel einer bis in den
Donnerstag laufenden Dauerregenwarnung. Ab Donnerstagnachmittag Beruhigung.

Synoptische Entwicklung bis Samstag 12 UTC

Aktuell … bestimmt ein Höhentief mit Drehzentrum über dem RMG respektive
Unterfranken unser Wetter, das per se schon alles andere als sympathisch
daherkommt. Sowohl das Wetter ist nur wenig berauschend und auch die Vorhersage
macht aufgrund der Unberechenbarkeit nicht wirklich Spaß. Und als ob das nicht
schon genug wäre, greifen nun auch noch weitere „Eier“ ins Geschehen ein –
mitten in der Siebenschläferzeit, wodurch uns nun sieben Woche wildeste Eierei
beim Wetter drohen? – Nun, soweit würde sich der Verfasser nicht aus dem Fenster
lehnen, aber kurzfristig stimmt das schon. Zunächst verlagert sich ein
kurzwelliger Minitrog von NW-Polen nach Vorpommern, der bis zum Morgen den
Status eines „Kleineis“ (kein Eis zum Schlecken, sondern Genitiv von Ei), also
eines kleinen sekundären Höhentiefs einnimmt. Und dann kommt noch ein drittes
Exemplar in die Show, das von Skandinavien her Jütland ansteuert. Am Ende steht
in den Morgenstunden ein Tripol auf der Karte, das weite Teile des
Vorhersageraums überdeckt.

Schaut man sich das korrespondierende Bodendruckfeld dazu an, fällt sofort das
kleine Tief XERO ins Auge, das mit dem o.e. Minitrog korreliert und von NW-Polen
her kommend in Richtung Rügen zieht. Dabei soll es sich noch etwas vertiefen auf
knapp über 1000 hPa. Von diesem Tief aus reicht eine Rinne nach Westen bis nach
SH bzw. zur Deutschen Bucht, in der mehrere konvergente Windstrukturen zu finden
sind. Diese sind tagsüber auf „fruchtbaren Boden“ in Form sehr feuchter und noch
leidlich labil geschichteter Luft gestoßen (im Grunde handelt es sich um die
Reste des Gewitterclusters, der von gestern bis heute von Südwestdeutschland her
weite Landesteile passiert und traktiert hat, teils mit bösem Impact), so dass
sich tagsüber gerade im Nordosten einige kräftige Gewitter entwickelt haben.
Etwas weiter südlich, wo die Luftmasse nicht mehr ausreichend labil war, kam es
zu ungewittrigen (Stark)Regenfällen von z.T. 30 bis 50 l/m in 6 h (12 UTC).

Wer nun glaubt, in der Nacht sei das Ganze vorbei, der irrt. Die Die Luftmasse
büßt nur wenig von ihrer latenten Energie ein (PPWs 35 bis 40 mm, fett
gesättigte Vertikalprofile), die synoptisch-skaligen Hebungsprozesse dauern an
und die Quasistationarität des gesamten Setups setzt dem Ganzen die Krone auf.
Schwerpunkt des Geschehens wird ein von Vorpommern und Nordbrandenburg über das
östliche und mittlere Niedersachsen bis nach HH und SH verlaufender Korridor
sein, wo es zu weiteren Starkregenfällen und sich zusehends verclusternden
Gewittern kommt. Gebietsweise fallen 30 bis 60 l/qm in mehreren Stunden, lokal
(Gewitter) auch noch etwas mehr. Tendenziell lässt die Wahrscheinlichkeit für
extreme Unwetter im Laufe der Nacht aber nach. Dafür kann der nördliche Wind an
der vorpommerschen Küste mitunter merklich auffrischen und Böen der Stärke 7-8
Bft produzieren.

Im Süden steigt der Luftdruck zwar etwas an, was die Bildung eines schwachen
Hochkeils forciert. Dieser ist aber bei Weitem nicht potent genug, das
Niederschlagsgeschehen zu beruhigen. Okay, die anfänglich vereinzelt noch
auftretenden Gewitter werden tagesgangbedingt geschluckt, darüber hinaus kommt
es auf der Südflanke des Haupt-Höhentiefs zu zeitweiligen Regenfällen, die sich
ostwärts ausweiten (gebietsweise 5 bis 10 l/qm innert 12 h, lokal etwas mehr).

Donnerstag … eiern die zwei größeren Höhentiefs um das kleine, über der
vorpommerschen Bucht verweilende Tief gegen den Uhrzeigersinn herum. Dadurch
wird das ursprüngliche Haupttief nach Tschechien abgeschoben, während das
skandinavische Exemplar auf die Nordsee zieht. Von Südwesten her steigt das
Potenzial an und induziert einen schwachen Rücken, der sich bis zum Abend bis in
die östlichen Landesteile vorarbeitet und ganz allmählich eine Stabilisierung
einleitet. Das erkennt man u.a. auch daran, dass der Bodenhochkeil über
Süddeutschland etwas breiter wird.

Im Süden reicht das aus, um die Luftmasse von Westen her ganz allmählich
abzutrocknen, was wiederum eine abnehmende Regenwahrscheinlichkeit zur Folge
hat. Die nächtlichen Niederschläge ziehen sich ost-südostwärts zurück, wovon der
östliche Alpenrand nebst Vorland nichts haben. Dort muss bis in die Abendstunden
mit zumindest leichtem Regen gerechnet werden. Ansonsten etabliert sich im
Südwesten bei rund 800 hPa eine schwache Inversion, an der sich reichlich SC-
und CU-Bewölkung ausbreiten kann, so dass die Sonne nur wenig bis gar keine
Entfaltungsmöglichkeiten bekommt.

Das trifft freilich auch für die anderen Landesteile zu, die unter den Fittichen
des wie festgenagelt über der Vorpommerschen Bucht verweilenden Tiefs XERO (wie
soll es da auch wegkommen, wenn das korrespondierende Höhentief ebenfalls
Sitzfleisch hat) mit dichter Bewölkung und weiteren Regenfällen zu kämpfen
haben. Immerhin wird die potenziell instabilste Luft allmählich aus Deutschland
abgedrängt, was für eine abnehmende Gewitterneigung sorgt. Der latente
Energieanteil ist aber immer noch hoch genug (PPW um 35 mm), um in
Gemeinschaftsproduktion mit dem stationären Tief veritable (Stark)Regenfälle
mindestens bis in die Mittagsstunden zu gewährleisten, insbesondere im Nordosten
(nördliches BB, Vorpommern). Wie viel dabei noch fällt, wird von der Numerik
recht heterogen gesehen. Aktuell läuft bis 12 UTC eine Dauerregenwarnung
wechselnder Intensität, die bis 80 l/qm in 20 h ausgereizt ist. Sollte sich
bereits in der Nacht abzeichnen, dass irgendwo (nicht nur vereinzelt) noch mehr
fällt, müsste die Unwetterwarnung von den Nachtdiensten ggf. auf „extrem“
hochgestuft werden.

Ansonsten muss noch konstatiert werden, dass die Regenfälle weiter westlich
nicht mehr so intensiv ausfallen, was lokalen Starkregen gerade am Vormittag
aber nicht ganz ausschließt. Diese Regenfälle verlagern sich im Tagesverlauf
unter allmählicher Abschwächung langsam bis in die mittleren Landesteile, nach
Osten hin sogar bis nach Franken.

Der anfänglich im äußersten Nordosten zeitweise noch aufmuckende Wind lässt im
Tagesverlauf nach. Bei 850-hPa-Temperaturen von 6 bis 10°C werden in der
gemäßigten maritimen Luftmasse nur noch Höchstwerte von 17 bis 23°C angepeilt.

In der Nacht zum Freitag wird der Tripol zusehends auseinandergerissen. Der
östliche Part zieht von Tschechien zur Slowakei, der westliche steuert via
Doggerbank Mittelengland an und das kleine fiese Drehzentrum dazwischen
orientiert sich von der Pommerschen Bucht in Richtung Kattegat. Bei uns
resultiert daraus eine schwache, diffluent angeordnete westliche bis südliche
Höhenströmung, die kaum synoptische Wirkung ausstrahlt. Da außerdem auch das
Bodentief den Gedanken hegt, mal etwas „Sport zu treiben“, indem es gen Jütland
zieht, deutet sich die Fortsetzung der am Tage begonnenen Wetterberuhigung an.

Im Klartext bedeutet das für weite Landesteile eine weitgehend trockene Nacht,
lediglich in der östlichen Mitte sowie im Südosten kann es bis zum Morgen immer
noch mal regnen. Die Mengen bleiben aber – gemessen was heute und in den
vergangenen Tagen vielerorts runtergekommen ist – unbedeutend.

Freitag … scheint sich das westliche Höhentief zu besinnen und doch nicht nach
Mittelengland zu „reisen“, was angesichts des gestrigen Abends verständlich ist.
Über der Nordsee ist es ja auch viel schöner und so verbringt das Tief einen
„Seetag“, wobei ein Randtrog bis in die Norddeutsche Tiefebene ausstrahlt.
Dagegen gelangen der Süden und die Mitte unter einen schwachen Rücken, der sich
zwischen dem Nordseetief und dem in Richtung Rumänien abziehenden alten
Höhentief auftut. Der Rücken stützt eine schwache Bodenhochdruckzone, die jetzt
zwar nicht die ganz große Offenbarung darstellt,

Immerhin reicht es, die Wolkendecke an der einen oder anderen Stelle zu
perforieren, was mal mehr, mal weniger gelingt. Die meisten sonnigen Abschnitte
dürften die Ostseeküste sowie der Südwesten abbekommen. Ansonsten hält sich aber
noch recht viel SC- oder CU-Bewölkung unterhalb 800 bis 750 hPa. Nach Osten und
Südosten hin fällt anfangs noch etwas Regen und auch im Nordwesten, wo der
Höhentrog greift und die Inversion schwächer ausgeprägt bzw. höher liegt, muss
mit einzelnen Schauern gerechnet werden. Auf alle Fälle können die
Warnmeteorologen bei wieder steigenden Temperaturen (19 bis 24°C, Oberrhein bis
zu 26°C) mal wieder durchpusten und sich auf die nächsten Herausforderungen
vorbereiten.

In der Nacht zum Samstag verstärkt sich der Hochdruckeinfluss noch etwas, indem
sich mit Ausnahme des Nordwestens eine Potenzialbrücke zwischen dem bereits bei
uns anwesenden Rücken und einem umfangreichen Höhenhoch über Nordeuropa bildet.
Im Bodendruckfeld resultiert daraus eine meridional exponierte Hochdruckzone, in
der es abgesehen von anfänglichen Restschauern trocken bleibt. Bei 15 bis 9°C
bildet sich stellenweise Nebel.

Samstag … beginnt es von Westen her wieder zyklonaler zu werden. Die Brücke
wird allerdings nur zögerlich nach Osten verschoben, so dass fraglich ist, wie
weit die Zyklonalität durchgreift. Fakt ist, dass der Westen auf die diffluente
Vorderseite eines Troges über dem nahen Atlantik gelangt bei gleichzeitig
einsickernder feuchter und potenziell instabiler Luft. Entsprechend nehmen
Schauer- und Gewitterneigung zu, ohne jetzt schon ins Detail zu gehen.

Ansonsten gestaltet sich der Tag meist heiter mit einigen Quellungen und warm
mit 23 bis 28°C.

Modellvergleich und -einschätzung

Mit dem kleinen Tief vor Rügen haben die Modelle so ihre Probleme, insbesondere
was die Wirkung angeht. So differieren die Niederschlagsprognosen bis morgen
Nachmittag, was das Warnmanagement nicht einfacher macht. Mit Hilfe von recht
konsistenten ICON-D2-EPS-Vorhersagen wurde eine etwas untypische
Dauerregenwarnung für den Nordosten ausgegeben, die nicht den klassischen
Ansprüchen eines „Landregenereignis“ entspricht. Das Hauptanliegen besteht
darin, eine Aussage über die die bis Donnerstag zu erwartenden Regenmengen zu
treffen. Dass dabei Starkregen quasi weggefiltert wird, wird bewusst in Kauf
genommen. Auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Gewitter zunehmend eine
Außenreiterrolle einnehmen sollen, ist eine Dauerregenwarnung mit wechselnder
Intensität ein plausibles Medium, die großen Mengen über einen längeren Zeitraum
von über 12 h zum Ausdruck zu bringen. Besser jedenfalls, als sich von
Starkregenwarnung zu Starkregenwarnung zu hangeln.
Trotzdem, dort, wo noch Gewitter auftreten, müssen diese gemäß ihrer Intensität
und unabhängig davon, ob eine RR-Warnung vorliegt oder nicht, bewarnt werden.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann