#DWD -> SXEU31 DWAV 191800 SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST ausgegeben am Samstag, den 19.06.2021 um 18 UTC

SXEU31 DWAV 191800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Samstag, den 19.06.2021 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
In der Nacht von Frankreich organisierte Gewitter mit erhöhter Unwettergefahr,
am Sonntagvormittag im Norden und Nordosten auslaufend. Spätestens morgen Abend
im Südwesten der nächste fette Brummer, in der Nacht zum Montag nordostwärts
ziehend.
Ab Wochenanfang zurückgehende Temperaturen, nur im Osten am Montag noch heiß.

Synoptische Entwicklung bis Dienstag 12 UTC

Aktuell … befindet sich Deutschland inmitten einer schwammigen, tendenziell
aber zyklonal angehauchten Druckverteilung. Im Grunde handelt es sich um eine
großräumige, von Südwesteuropa bis nach Skandinavien reichende Tiefdruckrinne,
in der das über Frankreich positionierte flache Tief ULFERT eine prominente
Rolle einnimmt. Es zieht bis morgen früh in Richtung Zuiderzee, wobei es von
einem scharf geschnittenen KW-Trog begleitet wird, der auf seiner Vorderseite
´ne Menge zyklonaler Vorticity advehiert. Die daraus resultierende
synoptisch-skalige Hebung weist ihren Schwerpunkt zwar weiter westlich auf
(heute schon fette Gewitter mit bestätigtem Tornado in Frankreich), gleichwohl
färbt sie auch auf Teile des Vorhersageraums ab.

Damit stehen vor allem die westlichen und nordwestlichen Landesteile, evtl. auch
noch die westliche Mitte vor einer unruhigen Nacht, in der von Frankreich her
etwa gegen Mitternacht ein organisierter Gewittercluster bzw. -linie übergreift,
der mit allen Wassern gewaschen ist. Die PPWs steigen z.T. auf über 40 mm, was
bei leidlicher Labilität MU-CAPE bis 1000 J/kg, teils auch noch darüber zur
Folge hat. Dazu gesellen sich veritable Scherungsbedingungen, bei denen
insbesondere die LLS mit rund 15 m/s und ausgeprägter Richtungsscherung ins Auge
fällt. In Korrelation mit dem stark absinkenden HKN und vor allem nach Norden
hin reichlich vorhandener Helizität (über 300 m²/s²) sind sogar stark rotierende
Formationen bis hin zu Tornados denkbar. Ansonsten gilt es sich mit größerem
Hagel (bis zu 5 cm), Starkregen von locker über 25 l/qm innert kurzer Zeit sowie
(schweren) Sturmböen 9-10 Bft, evtl. sogar orkanartigen Böen
auseinanderzusetzen. Eine entsprechende Vorabinformation wurde am Vormittag
geschaltet und am Nachmittag nach Sichtung neuerer Läufe hochauflösender Modelle
nach Osten erweitert. Der Rest ist Nowcasting, wobei aufgrund der hoffentlich
ausgeprägten Struktur des Clusters mit einer soliden, nicht zu knappen
Vorlaufzeit bei der Ausgabe von Gewitterwarnungen operiert werden kann.

Sonntag … verbleiben wir auf der Vorderseite des über Westeuropa respektive
dem nahen Atlantik positionierten Höhentrogs, der über ein abgeschlossenes
Drehzentrum über der Biskaya verfügt. Mit Abzug des o.e. KW-Troges nimmt die
südwestliche Höhenströmung vorübergehend eine leicht antizyklonale Krümmung ein,
die zumindest tagsüber für relativ gedämpfte konvektive Aktivitäten sorgt.

Auf alle Fälle kreuzt der gute ULFERT die Deutsche Bucht, bevor er ab dem
Nachmittag beginnt, Südskandinavien anzusteuern. Das zugehörige Gewittersystem
überquert den Norden und die Mitte am Morgen und Vormittag unter Abschwächung
ost-nordostwärts, wobei anfangs aber noch Unwetter auftreten können. Dahinter
strömt mit auf Südwest drehendem Wind etwas weniger heiße (T850 14 bis 11°C),
vor allem aber stabilere und trockenere Luft in den Westen und Nordwesten. Bei
wolkigem Wettercharakter bleibt es dort in Großen und Ganzen trocken bei maximal
25 bis 30°C, an der Nordsee lokal noch etwas darunter.

In der Osthälfte scheint zunächst vielerorts die Sonne, bevor die Reste des o.e.
Clusters in die östlichen Bundesländer ziehen. In Verbindung mit einer
konvergenten Windstruktur, die wahrscheinlich aus einer Outflow-Boundary
resultiert, können ab Mittag insbesondere zwischen Vorpommern und Sachsen
einzelne teils kräftige Zellen ausgelöst werden. Ob es für lokale Unwetter
reicht, muss abgewartet werden. Wenn, dann am ehesten durch etwas größeren Hagel
und/oder Starkregen. Auf alle Fälle wird es nochmals bullig heiß mit
Höchstwerten bis zu 36°C an der Grenze zu Polen.

Im Süden sowie im zentralen Mittelgebirgsraum können bei 29 bis 35°C ebenfalls
ein paar wenige Einzelzellen werden. Richtig interessant wird es wahrscheinlich
aber erst ab dem späten Nachmittag bzw. in den Abendstunden, wenn von
Ostfrankreich respektive der Schweiz her abermals ein organisierter
Gewittercluster auf den Südwesten übergreift. Wieder ist ein KW-Trog beteiligt
und ein zuvor sich über Süddeutschland bildendes flaches Tief (teil orografisch,
teils diabatisch) sorgt für gute (Richtungs)Scherung. Außerdem wird, wenn sich
das Tief beginnt zu lösen, eine rückseitige Druckanstiegswelle erzeugt, die
neben einer Windauffrischung auch beim Auslösen von Konvektion mithelfen kann.
Auf alle Fälle spricht Vieles dafür, dass es ordentlich zur Sache geht und die
Palette der allgemein üblichen Begleiterscheinungen voll ausgeschöpft wird.
Expressis verbis wären das großer Hagel, Starkregen und Böen bis in den
Orkanbereich, wobei auch rotierende Wind nicht auszuschließen sind.

In der Nacht zum Montag zieht das langlebige Gewittersystem über die mittleren
Landesteile hinweg nord-nordostwärts, wobei es sich nur langsam abschwächt. Bis
weit in die Nacht hinein zeigt z.B. SuperHD bogenförmige Strukturen in der
Pseudoreflektivität. Trotzdem, irgendwann muss das System der ungünstigen
Tageszeit Tribut zollen und an Dynamik einbüßen, was wiederum das Thema
(extremen) Starkregen noch mehr in den Vordergrund rücken lässt, evtl. auch
mehrstündig. So oder so, für die Nachtdienste wird´s eine ganz unangenehme Nacht
mit viel Arbeit.

Hinzu kommt, dass im Westen von Frankreich her ein weiteres kleines Tief
übergreift, das an den KW-Trog gekoppelt ist. Es sorgt dort und später im
Nordwesten für gewittrige Starkregenfälle, die mit zunehmender Nachtlänge zwar
immer ungewittriger, aber nicht unbedingt schwächer werden. Auch hier ist also
mit erhöhtem Warnmanagement zu rechnen.

Montag … überquert das flache Tief Norddeutschland ostwärts. Dabei kommt es im
Norden am Morgen und am Vormittag noch zu teils gewittrigen Starkregenfällen,
die sich aus dem nächtlichen Gewittercluster und den Starkregenfällen weiter
westlich zusammensetzen. Rückseitig des Tiefs dreht der Wind von Südwest auf
Nordwest bis Nord, wodurch von der Nordsee her kühlere und stabilere Meeresluft
eingesteuert wird. Bis zum Abend sinkt T850 im gesamten Nordwesten auf 10 bis
7°C, wobei es bei wolkigem bis stark bewölkten Himmel gebietsweise immer noch
mal regnen kann und nur noch Maxima von 19 bis 25°C erreicht werden.

Ansonsten gilt es zu konstatieren, dass der Höhentrog über Westeuropa einen
kleinen Satz nach Osten macht, wodurch die südwestliche bis südliche
Höhenströmung etwas zyklonalere Konturen annimmt. Außerdem wird die heiße Luft
sukzessive nach Osten abgedrängt, so dass sich die Zone mit mehr als 30°C auf
den Osten und Südosten beschränkt. Immerhin, im Grenzbereich zu Polen könnte es
noch mal für 33 oder 34°C reichen.

Zwar büßt die Warm- bzw. Heißluft etwas an Energie ein (nicht nur fühlbar,
sondern auch latent), gleichwohl reichen die Bedingungen noch aus, um im Osten
und Süden das eine oder andere Gewitter (lokal Unwetter) mit Starkregen, Hagel
und Sturmböen zu initiieren. Für Details ist es freilich noch zu früh, was auch
auf mögliche, von Frankreich und Belgien auf den Westen übergreifende Schauer
oder Gewitter gilt.

In der Nacht zum Dienstag beruhigt sich die Szenerie im Norden und Osten
zusehends, weil der Druck von Westen her ansteigt und sich ein schmaler
Bodenhochkeil vorarbeitet. Vielerorts lockert die Bewölkung gar auf und im
nordwestdeutschen Binnenland kühlt es z.T. auf 10°C oder etwas darunter ab –
also Fenster auf. Aber auch sonst ist die ganz große Nachthitze erstmal vorbei,
zumindest treten keine Tropennächte mehr auf (Tmin > 20°C).

Was nicht vorbei ist, ist die lästige Gewitterei. So werden mit der
südwestlichen Höhenströmung nicht nur kurzwellige Troganteile nordostwärts
gesteuert, von Süden nähert sich zudem eine zonal exponierte Tiefdruckrinne, in
der es etwa bis in die südliche Mitte vorankommend zu Gewittern sowie
gewittrigen und nicht-gewittrigen (Stark)Regenfällen kommt, bei denen z.T. auch
das mehrstündige Starkregenkriterium zum Tragen kommt.

Dienstag … verbleiben wir auf der Trogvorderseite unter einer zyklonal
konturierten, relativ schwachen südwestlichen Höhenströmung. Über dem nahen
Atlantik hat sich mittlerweile das Azorenhoch in Stellung gebracht, von dem aus
ein Keil bis zur Nordsee bzw. nach Norddeutschland gerichtet ist. Aus dem Hoch
strömt mit nordwestlichem bis nördlichem Wind eine nur noch mäßig bis leicht
kühl temperierte Meeresluft in den Norden (T850 meist 6 bis 10°C), in der es bei
unterschiedlicher Bewölkung (am meisten Sonne im Nordosten) nicht mehr wärmer
als 20 bis 25°C wird (direkt an der Nordsee noch etwas kühler).

Anders die Situation im Süden und bedingt in der Mitte, wo die mit leidlich
labil geschichteter und ausreichend feuchter (PPW 25 bis 35 mm) Luft gefüllte
Rinne eine rege Schauer- und Gewitteraktivität garantiert. Dabei steht
Starkregen vor Hagel und dann erst kommt der Wind. Obwohl die Luftmasse nicht
mehr so energiereich ist wie die Tage zuvor, besteht lokale Unwettergefahr durch
heftigen Starkregen. Die höchste Tagestemperatur wird im Osten und Südosten mit
24 bis 28°C erreicht.

Modellvergleich und -einschätzung

Was die Details der bevorstehenden Gewitterschübe angeht, liegen sowohl beim
Modellvergleich als auch bei der modellinternen Konsistenzbetrachtung nach wie
vor Unschärfen vor. Von daher wurde in er Übersicht relativ allgemein
argumentiert unter Berücksichtigung konzeptioneller Überlegungen. Im Falle des
am Sonntagabend auf den Südwesten übergreifenden, nordostwärts ziehenden
Gewittersystems sollte man am Sonntag über eine mögliche Vorabinfo nachdenken.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann