#DWD -> SXEU31 DWAV 111800 SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST ausgegeben am Freitag, den 18.06.2021 um 18 UTC

SXEU31 DWAV 181800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 18.06.2021 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Weiterhin heiß mit einzelnen Gewittern. In der Nacht zum Sonntag von Südwesten
her Gefahr eines organisierten Gewitterclusters mit evtl. fettem Impact. Auch am
Sonntag und in der Nacht zum Montag Gefahr schwerer Gewitter, derzeit aber noch
mit diffuser Aura.

Synoptische Entwicklung bis Montag 12 UTC

Aktuell … zeigt die großräumige Potenzialverteilung ein abgeschlossenes
Höhenhoch mit Zentrum über den Baltischen Staaten bzw. Belarus, das eine
zaghafte Verbindung zu einem Rücken über dem westlichen Mittelmeer und
Nordwestafrika pflegt. Das zugehörige Bodenhoch, wir reden über ZOE, hat es sich
über dem Westen Russlands gemütlich gemacht, von wo aus sie immer noch Kontakte
bis in unseren Raum pflegt. Allerdings, und damit wären wir den zyklonalen
Protagonisten auf der Wetterkarte, wird sie von Westen her von einer meridional
exponierten Tiefdruckrinne sowie einem abgetropften Höhentrog attackiert, was
angesichts fehlender Dynamik aber ein eher schleichender Prozess ist. Die Herren
der Schöpfung, die diese Rinne prägen – von Süd nach Nord sind das ULFERT,
THANANONT und STEFAN – sind alles andere Kraftpakete, sondern wirken eher etwas
unscheinbar, fast linkisch. Dabei haben es die Kameraden z.T. faustdick hinter
den Ohren, sorgen sie doch für ordentlich Bambule in Form von kräftigen
Gewittern, die bisher aber weitgehend bei unseren westlichen Nachbarn
niedergegangen sind.

Bei uns hat es heute Nachmittag aber auch örtlich gerumst, wobei die Orografie
und eine gut ausgeprägte Konvergenz als Impulsgeber harmonisch
zusammengearbeitet haben. Dabei sind am frühen Nachmittag über dem Taunus und
unweit von Paderborn zwei knackige und hochreichende Superzellen entstanden,
teils mit Meso-Marker und Doppler-Signatur. Später sind weitere
Überentwicklungen dazugekommen, insgesamt und bezogen auf ganz Deutschland hielt
sich die Gewitterei aber auch heute in Grenzen, weil die heiße Luft trotz
ausreichend Labilität über die gesamte Vertikale gesehen meist noch zu trocken
war. Von daher stehen die verbreitet extrem hohen Temperaturen, deren Epizentrum
heute in Sachsen-Anhalt und BB zu finden war mit Spitzen von rund 36°C,
schlagzeilenmäßig über den zweifelsohne imposanten Gewittern.

In der Nacht zum Samstag tut sich vergleichsweise wenig an der großräumigen
Strömungskonfiguration. Das flache Tief THANANONT erreicht von Nordfrankreich
her die südwestliche Nordsee, begleitet von einem flachen KW-Trog, der in der
unteren Troposphäre (Referenz 700 hPa) etwas stärker konturiert ist als weiter
oben. Auf alle Fälle wird Konvektion initiiert, deren Schwerpunkte eher im Land
der Elftal sowie insbesondere über der Nordsee zu finden sind. Allerdings ist
auch unser Nordwesten sowie SH nicht ganz raus aus der Nummer, auch wenn
organisierte Gewitter im größeren Stil nicht mehr besonders wahrscheinlich sind.
Gleichwohl können Einzelzellen durchaus noch unwetterartig ausfallen, sei es
durch Starkregen, sei es durch größeren Hagel. Tendenziell nimmt die
Wahrscheinlichkeit für Gewitter im Laufe der Nacht aber ab, auch wenn es im
Schlepptau der langsam nach Osten schwenkenden Konvergenz anfangs noch mal
blitzen und donnern kann.

Mit Tiefstwerten zwischen 23 und 16°C gelingt das Lüften überhitzter Innenräume
nur mit teils erheblichen Einschränkungen, einzig im Südosten sowie in einigen
Mittelgebirgstälern kühlt etwas stärker ab.

Samstag … verbringt Deutschland weiterhin unter einer schwachen
süd-südwestlichen Höhenströmung, die nach Abzug des o.e. KW-Troges wieder etwas
antizyklonalere Konturen annimmt. Ansonsten ändert sich an der o.e.
Potenzialverteilung nicht viel, wenn man mal davon absieht, dass das gesamte
Muster eine geringfügige Progression an den Tag legt. Am Boden überquert das
flache Tief THANANONT die Nordsee in Richtung Südskandinavien. Die zugehörige
schwache, ihren Namen eigentlich nicht verdienende (siehe unten) Kaltfront
überquert Nordwestdeutschland ostwärts, wird aber zur Mitte hin ausgebremst,
weil sie in die Warmfront des nicht minder flachen Nachfolgetiefs ULFERT (morgen
Mittag über der Biskaya) übergeht. Wichtiger als die Präsenz der Kaltfront
scheint aber die Tatsache, dass die vorlaufende Konvergenz wahrscheinlich noch
im Laufe des Vormittags nach Polen rausläuft und der Wind in der Nordhälfte auf
westliche Richtungen dreht. Damit wird der weiterhin sehr warmen bis heißen
Luftmasse etwas an Energie genommen, was nicht ganz ohne Wirkung auf die morgige
Wetterentwicklung bleibt.

Da gehen wir zunächst mal in den Westen und Norden, quasi in den postfrontalen
Raum, wo morgen etwas weniger heiße, aber nicht wirklich kühle Luft einströmt
(T850 nahe 15°C). Im Gegensatz zu zurückliegenden Simulationen wird nun weniger
Bewölkung und auch weniger Wind gerechnet, so dass das Überschreiten der
30°C-Marke bis auf wenige Ausnahmen gewährleistet bleibt – ein zweifelhaftes
Vergnügen, wie der Verfasser findet. Lediglich vom Grenzbereich zu BeNe über
Ost- bis nach Nordfriesland stehen „nur“ hohe Zwanziger auf der Karte und
unmittelbar an der See bei auflandiger Windkomponente und etwas dichterer tiefer
Bewölkung z.T. nur rund 20°C. Auf jeden Fall bleibt es überall gewitter- und
regenfrei.

Das lässt sich vom großen Rest der Republik, die sich zu großen Teilen seelisch
und moralisch auf einen extrem schwierigen Fußballabend vorbereitet, nicht so
einfach behaupten. Vor allem in einem bogenförmigen Areal, das sich von MV über
die östlichen Bundesländer und den zentralen Mittelgebirgsraum bis in die
Gebiete nördlich der Donau erstreckt, entwickeln sich nach einem ruhigen
Vormittag mit viel Einstrahlung einzelne Schauer und Gewitter. Labilität und
Feuchte passen (2-4 km-Lapse-Rates um
-0,7 K/100 m, PPW um 35 mm, spez. Grundschichtfeuchte 9 bis 12 g/kg), so dass
durchaus veritable ML-CAPE-Werte bis zu 1500 J/kg, lokal noch etwas mehr
generiert werden können. Klingt nach ordentlich Pauken und Trompeten, allerdings
hat der „Maestro“ konvektiver Umlagerungen keinen richtigen Taktstock zur
Verfügung, meint, es mangelt etwas an den erforderlichen Auslösemechanismen.
Synoptisch-skalig geht nichts, die Konvergenz ist raus und die Kaltfront ´ne
schlappe Gurke. Bleiben also mal wieder die Orografie sowie die diabatische
Komponente übrig, denn die hohe Auslösetemperatur von 32 bis 35°C wird ja
problemlos erreicht. Kurzum, zum Nachmittag hin dürfen wir auch morgen einige
Überentwicklungen begrüßen, bei denen aufgrund weitgehend fehlender Scherung der
Starkregen verstärkt in den Fokus gerät, lokale Unwetter inklusive. Hagel und
(schwere) Sturmböen (weiterhin inverses V in der Grundschicht) können freilich
auch nicht ausgeschlossen werden, aber was kann man schon ausschließen auf
dieser Welt.

Auf alle Fälle zeichnet sich ab, dass die Regionen südlich der Donau deutlich
weniger gewitteranfällig sind. Zwar ist die Labilität dort am stärksten
ausgeprägt, dafür ist die Luft trockener und CIN-behaftet. Darüber hinaus liegt
die Nordspitze des mediterranen Rückens genau über diesem Gebiet.
Blieben zum Schluss also nur noch die Höchsttemperaturen des morgigen Tages, die
verbreitet zwischen 31 und 36°C liegen. Die höchsten Werte treten in BB und
unmittelbarer Nachbarschaft auf, wobei nicht auszuschließen ist (schon wieder),
dass Richtung polnischer Grenze sogar eine „37“ aufblinkt, wenn vielleicht auch
nur gerundet.

In der Nacht zum Sonntag könnte es nach einem hoffentlich erfolgreichen
Fußballabend (die Gretchenfrage ist ja, wer soll bei uns die Tore oder – seien
wir bescheiden – das Tor schießen, aber andere Baustelle) auch beim Wetter so
richtig interessant werden. So rückt zunächst mal der westlich von uns
positionierte Höhentrog dichter an den Vorhersageraum heran, was die nochmalige
Zufuhr hochtemperierter Luftmassen nordafrikanischen Ursprungs insbesondere in
den Süden und Südosten des Landes forciert. So steigt die 850-hPa-Temperatur
dort bis zum Morgen auf sagenumwobene 20 bis 24°C, was aufgrund fehlender
Einstrahlung freilich nicht in fühlbare Wärme umgesetzt werden kann – Gott sei
Dank!

Wichtig als das ist aber die Tatsache, dass über Frankreich ein scharf
geschnittener KW-Trog mit dem zugehörigen Bodentief ULFERT nordwärts schwenkt,
deren Ausläufer bis in deutsches Hoheitsgebiet reichen. Oder mit anderen Worten,
es spricht Einiges, ja sogar Vieles dafür, dass sich in der noch mal stark
angefeuchteten feuchtlabilen Luftmasse (PPW über 40 mm, s.F. teils 13 bis 14
g/kg => MU-CAPE um oder etwas über 1000 J/kg) bei gleichzeitig ausgezeichneter
(Richtungs)Scherung (LLS teils um 15 m/s, DLS teils etwas über 20 m/s) eine
organisierte Gewitterlinie oder ein MCS bildet, die bereits in den Abendstunden
auf den Südwesten übergreifen, um sich von dort weiter nord-nordostwärts über
die Mitte (wie weit nach Osten ausgreifend ???) bis nach Norddeutschland
vorzuarbeiten. Noch sind sich die Modelle hinsichtlich der Details nicht einig
(räumliche Expansion, Timing, Geometrie der Linie), aber die Signaldichte, dass
da die Luzie ordentlich abgehen kann, ist schon recht hoch. Neben größerem Hagel
und Starkregen spielt der Wind bzw. Sturm im Fall der Fälle eine prominente
Rolle, wobei sogar von orkanartigen Böen oder Orkanböen 11 bis 12 Bft
ausgegangen werden muss, was natürlich einen hohen Impact zur Folge hätte. Auch
Tornados wären aufgrund deutlich absinkender HKNs sowie hoher Helizität
respektive „günstiger“ Hodographen mit ausgeprägter Rechtsdrehung keine
Überraschung. Man darf gespannt sein, inwieweit sich die Numerik in den nächsten
Läufen anpasst. Sollte dieses Szenario weiterhin in den Simulationen erhalten
bleiben, wäre eine Vorabinformation nach der morgendlichen Frühkonferenz
zwingend erforderlich.

Der Rest der Nation, der von dieser Geschichte nichts abbekommt, muss sich dafür
wieder mit hohen Nachtemperaturen herumschlagen, die in vielen Regionen einmal
mehr nicht die 20°C-Marke unterschreiten (Tropennacht).

Sonntag … sei zunächst mal angemerkt, dass die vorliegenden numerischen
Prognosen für diesen Tag jeweils auf ihrer individuellen Lösung der nächtlichen
Passage des Gewitterclusters aufbauen. Läuft diese Aktion etwas anders ab als im
jeweiligen Modell gerechnet, könnte das große Konsequenzen auf die
Sonntagsentwicklung haben. Von daher wird der Verfasser an dieser Stelle auf
eine zu detaillierte Schilderung verzichten und stattdessen einen groben Ablauf
skizzieren, wie er sich nach Sichtung verschiedener Vorhersagen darstellen
könnte (Achtung, Konjunktiv).

Zunächst mal muss der Gewittercluster aus Norddeutschland nordwärts rausziehen,
was im Laufe des Vormittags aber geschehen sein sollte. Die Höhenströmung bleibt
auf Süd-Südwest bis leicht zyklonalem Touch, das flache Tief ULFERT passiert die
Nordsee gen Südnorwegen. Die zugehörige Kaltfront schwenkt aufgrund fehlender
frontsenkrechter Komponente sehr langsam über den Vorhersageraum ostwärts, wobei
sie nach Süden hin zurückhängt. Rückseitig gelangt eine Portion nicht mehr so
heißer (T850 am Abend nur noch 11 bis 14°C), vor allem aber trockenerer und
allmählich stabilerer Luft in den Westen und Nordwesten, so dass dort vielleicht
gar nicht mehr so viel geht in Sachen Konvektion.

Ansonsten könnten sich nach der üblichen vormittäglichen Depression zunächst im
Bereich der Kaltfront bzw. im unmittelbar präfrontalen Bereich Gewitter
entwickeln, die bei weiterhin solider Scherung organisiert, vielleicht
linienartig sein und auch unwetterartig ausfallen können mit den üblichen
Schikanen. Fraglich ist, wie weit diese Gewitter auf den Osten und den Süden
übergreifen, gilt es hier doch einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Im
Osten bereitet die immer noch aus dem osteuropäischen Hoch ausfließende trockene
Heißluft Schwierigkeiten, im Süden die trocknende Wirkung des leichten Föhns,
der aufkommt (zwar viel CAPE, aber auch viel CIN). Apropos Föhn, über
Südostbayern soll sich ein flaches Tief bilden (ob hier die Orografie den
größeren Einfluss hat oder die Hitze, sei mal dahingestellt), das im Laufe des
Nachmittags ost-nordostwärts abzieht und eine Druckwelle hinter sich „herzieht“.
Dabei kann nicht nur der Wind kurzzeitig stark böig, vielleicht sogar stürmisch
auffrischen, durch die stark konvergente Struktur (Ostwind vs. West bis Nord)
könnten sogar Gewitter ausgelöst werden.

Weniger Konjunktiv, dafür mehr Indikativ abschließend noch bei den Temperaturen,
die in der Osthälfte bei T850 zwischen 18 und 23°C noch mal auf 31 bis 37°C
hochschießen. Weiter westlich hingegen wird das allmähliche Ende der ersten
Hitzewelle des Jahres eingeleitet, auch wenn die Höchstwerte noch in den (hohen)
Zwanzigern angesiedelt sind.

In der Nacht zum Montag geht es sehr wahrscheinlich hochinteressant und brisant
weiter, wenn nämlich die Kaltfront auf ihrem Weg nach Osten geblockt wird und
noch mal alle Kräfte bündelt. Außerdem könnte zudem noch ein flaches Tief im
Norden dazukommen (IFS, GFS), welches entsprechende Hebungsimpulse aussendet.
Kurzum, bei aller noch gebotenen Vorsicht könnt es wieder ordentlich zur Sache
gehen bis hin zu regionalen, über mehrere Stunden andauernden gewittrigen
Starkregenereignissen. Wo, wann, wieviel, dazu hoffentlich morgen mehr.

Montag … Keine Lust mehr auf Konjunktiv – sehr wahrscheinlich wechselhaft mit
weiteren Schauern und Gewittern auf nicht mehr so hohem Temperaturniveau. 30°C
oder etwas mehr wohl nur noch im Osten und Südosten, dafür im Nordwesten unter
25°C. So, das reicht.

Modellvergleich und -einschätzung

Global betrachtet ziehen die Modelle an einem Strang. Da wir uns aber bis auf
Weiteres in einem gradientschwachem Umfeld mit stark konvektiver Prägung
bewegen, sind Unschärfen die logische Konsequenz. Diese nehmen zum Ende der
Kurzfrist deutlich zu, was allein die 12h-RR-Simulation für die Nacht zum Montag
belegt. Hier gibt es noch viel zu tun. Packt´s an, liebe Modelle.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann