#DWD -> SYNOPTISCHE UEBERSICHT MITTELFRIST Mitwoch, den 16.06.2021 um 10.30 UTCt

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Mittwoch, den 16.06.2021 um 10.30 UTC

Schwere Gewitterlage, dazu heiß bis sehr heiß. Ab Dienstag Wetterberuhigung und
Abkühlung

Synoptische Entwicklung bis zum Mittwoch, den 23.06.2021

Der aktuelle 00 Uhr IFS Lauf liegt nicht vor, so dass die synoptische Übersicht
mit den gestrigen 12-Uhr-Lauf erfolgt.

Am Samstag liegt Deutschland auf der Vorderseite eines Troges, der sich von
Island bis ins Seegebiet westlich von Irland erstreckt und eine Verbindung mit
einem Höhentief über Portugal aufnimmt. Diese Troglage wird von einem
blockierenden Hochkeil flankiert, der von Tunesien über Norditalien bis nach
Westrussland reicht. Die Folge ist eine südwestliche Strömung, in der sehr warme
bis heiße Luft subtropischen Ursprungs nach Deutschland geführt wird. Diese
Luftmasse ist hochgradig labil geschichtet, zudem läuft ein Kurzwellentrog mit
korrespondierendem Bodentief über die Deutsche Bucht nach Südskandinavien ab.
Die dazugehörige Kaltfront bzw. die postfrontal einfließende maritime Luftmasse
sorgen im Nordwestdeutschland für eine Stabilisierung und Abkühlung. Der Osten
und Süden des Landes verbleiben in der schwülheißen Luft, in der sich,
begünstigt durch eine Konvergenz, schwere Gewitter ausbilden können. Die
Gewitter können mit Großhagel um 4 cm, heftigem Starkregen über 25 l/qm und
schweren Sturmböen um 100 km/h einhergehen. Zudem kann sich zwischen dem nach
Südschweden abziehenden Bodentief und dem sich bildenden Hoch über der
westlichen Nordsee ein saftiger Gradient ausbilden, so dass vor allem an der
Nordsee Sturmböen um 80 km/h um West auftreten können.

Am Sonntag wird der über der Iberischen Halbinsel liegende Trog durch einen vom
mittleren Nordatlantik hereinstoßenden markanten Trog regeneriert, so dass der
südliche Teil des über der Iberischen Halbinsel liegenden Troges nunmehr mit
seiner „Spitze“ zu den Balearen schwenkt. Dies lässt die Strömung nahezu auf Süd
zurückdrehen, so dass die sehr warme bis heiße Luft in den „abgekühlten
Nordwesten“ Deutschlands zurückkehren kann. Über Frankreich bildet sich eine
Tiefdruckrinne, die dann in der Nacht zum Montag auf Westdeutschland übergreift.
Zuvor ist die Schichtung durch die starke Warmluftadvektion (die 850er-Werte
steigen teils auf über 20 Grad an) stark gedeckelt, was die Auslöse von
Gewittern zunächst dämpft und auf die Orografie begrenzt. Erst zum Abend hin
bzw. in der Nacht zum Montag erreicht mit der Annäherung des Troges bzw. der
Tiefdruckrinne ein großräumiges Hebungsgebiet die Westhälfte Deutschlands. Die
CAPE-Werte steigen zum Teil auf über 3000 J/kg an und die Scherung nimmt auch
deutlich zu, so dass einer schweren Gewitterlage nichts mehr im Wege steht. Von
vorlaufenden Superzellen bis Multizellen (MCS/Squallline) ist alles dabei.
Großhagel um 5 cm sind in Einzelentwicklungen durchaus denkbar und bei der
Squallline sind Böen bis Orkanstarke wahrscheinlich. Die unwetterartigen
Gewitter erreichen mit der Ostverlagerung der Tiefdruckrinne bzw. des Troges
auch die östlichen Gebiete, wobei hier aber noch nicht ganz sicher ist, wie
progressiv die Entwicklung ist.

Am Montag gelangt der Westen und Südwesten in den Trogbereich bzw. auf die
Rückseite der Tiefdruckrinne in den Zustrom einer eher gemäßigteren Luftmasse.
Die Osthälfte des Landes verbleibt zunächst noch im Bereich der Tiefdruckrinne
bzw. auf seiner Vorderseite, in der nochmal schwere Gewitter entstehen können.
Durch die langsame Verlagerung der Tiefdruckrinne aufgrund des blockierenden
Hoch im Osten Europas rückt (extrem) heftiger Starkregen mehr in den Fokus als
die anderen Begleiterscheinungen.

Am Dienstag erfolgt eine Entspannung der Schwergewitterlage. Allerdings wird
durch den über Deutschland hinweg nordostwärts schwenkenden Höhentrog ein
markanter Bodentrog induziert. In der Nacht zum Dienstag würde dieser zunächst
im Westen und tagsüber dann auf den Nordwesten und Norden übergreifen, was eine
Gradientverschärfung mit Sturmböen bis in tiefe Lagen zur Folge hat. Im
Südwesten und nachfolgend auch im Westen setzt sich rasch Hochdruckeinfluss
durch.

Am Mittwoch verbleibt Deutschland weiterhin im Trogbereich bzw. an seiner
Vorderseite. Zwar stellt sich am Boden durch den Ableger des Azorenhochs mehr
Hochdruckeinfluss ein, so dass von Westen her nur mäßig warme Luft herangeführt
wird. Trotz des Hochs am Boden bleibt das Wetter wechselhaft mit einzelnen
Schauern und Gewittern bei nur geringer Unwettergefahr.

Im erweiterten mittelfristigen Vorhersagezeitraum könnte es durch einen
Cut-Off-Prozess in den Alpen zu Aufgleitniederschläge im Süddeutschland kommen.
Die übrigen Regionen profitieren vom Azorenhochkeil. Aber diese Prognose ist
noch sehr unsicher.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Bis einschließlich Sonntag ist der gestrigen 12-Uhr-Modelllauf im Vergleich zu
den 00-Uhr-Simulationen weitgehend konsistent. Relevante Unterschiede lassen
sich bis dahin nicht ableiten. In der Nacht zum Montag allerdings nehmen die
Unterschiede hinsichtlich der Verlagerung des Troges über Frankreich zu. Der
Trog im 00-Uhr-Lauf ist deutlich schärfer konturiert als im 12-Uhr-Lauf, dessen
Amplitude breiter ist. Am Boden hängt das korrespondierende Bodentief laut
00-Uhr-Verison am Montag 00 Uhr noch an der Grenze zu Frankreich, während es im
12-Uhr-Lauf 200 km östlicher liegt. Das kann vor allem am Montag zu großen
Diskrepanzen in der Prognose führen bezüglich des Schwerpunkts der
unwetterartigen Gewitter (in der Hinsicht, ob nur der Osten oder auch noch die
Mitte von den schweren Gewittern betroffen sind).
Am Dienstag nehmen die Unterschiede noch mehr zu. Im 12-Uhr-Lauf verlaufen die
Isohypsen über Deutschland deutlich flacher als im gestrigen 00-Uhr-Lauf. Im
ersten Fall haben wir am Boden einen Hochkeil, im zweiten das Tief über
Südskandinavien, das noch das Wetter im Norddeutschland beeinflusst.
Im erweiterten mittelfristigen Vorhersagezeitraum ergeben sehr große
Unterschiede zwischen den Läufen. Vor allem in der Höhe bleibt Deutschland im
Einflussbereich des Langwellentroges über West- bzw. im westlichen Mitteleuropa.
Der wechselhafte Charakter bleibt bestehen. Die Temperaturen pendeln sich im
Normalbereich ein.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Die anderen Modelle (ICON, GFS, GEM) stützen im Großen und Ganzen die
(Unwetter)-Entwicklung bis Sonntag ebenso wie die vorübergehende
Wetterberuhigung am Samstag im Nordwesten des Landes. Ab Sonntagabend gehend die
Modelle hinsichtlich der Verlagerung der markanten Tiefdruckrinne deutlich
auseinander. Im gestrigen 12-Uhr-IFS Lauf ist die Ostverlagerung deutlich
schneller als bei ICON und GFS (heutige 00 Uhr). Nach den beiden Modellen wären
am Montag große Teile Deutschlands immer noch im Bereich der Tiefdruckrinne und
auf der Vorderseite des Troges, in der schwere Gewitter nochmal entstehen
können. Nach IFS wäre nur Ostdeutschland dran. Ab Dienstag bleibt Deutschland
nach allen Modellen im Trogbereich. Die Geometrie des Troges wird von den
Modellen unterschiedlich gerechnet, entsprechend heterogen gestaltet sich die
Druckverteilung am Boden. Trotzdem, bei allen Modellen scheint der
Azorenhochkeil bis nach Mitteleuropa vorstoßen zu können.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Das EPS des GFS (heutiger 00-Uhr-Lauf) stützt weitgehend die Version des
deterministischen IFS-Modells (gestern 12 Uhr). Beide sehen die kleine
Temperaturdämpfung im Nordwesten und den kurzen, aber heftigen Peak am Sonntag,
bevor dann ein Temperaturrückgang in Richtung des 30-jähriges Mittels simuliert
wird. Die Niederschlagssignale weisen in beiden EPS-Versionen (IFS und GFS) auf
eine eher unbeständige Wetterentwicklung hin (Trog über dem Britischen Inseln
bzw. Westeuropa). Diese werden auch von der IFS-EPS-Clusterung (gestriger
12-Uhr-Lauf) unterstützt, die auch bis in den erweiterten Mittelfristzeitraum
eine zyklonale West- bis Südwestlage zeigt.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

An einer ausgewachsenen Schwergewitterlage führt kein Weg mehr vorbei. Der EFI
signalisiert selbst bis zum 5. Folgetag noch sehr ausgeprägte Signale für hohe
Werte für CAPE und Scherung, wie man sie selten über Mitteleuropa sieht. Dies
ist als Signal für Superzellen zu sehen, die aufgrund der hohen Scherung auch
größeren Hagel zustande bringen können. Durchweg und modellübergreifend werden
CAPE-Werte bis weit über 2000 J/kg und ein Gehalt an niederschlagbarem Wasser
bis über 40 mm gezeigt.

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS und EPS (gestrige 12 und 00 Uhr Lauf), aktuelle GFS und EPS, ICON und GEM
Lauf

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Marco Manitta