#DWD -> SYNOPTISCHE UEBERSICHT MITTELFRIST Samstag, den 05.06.2021 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Samstag, den 05.06.2021 um 10.30 UTC

Besonders im Süden und Osten Gewitter mit Starkregen, regional auch
mehrstündiger Starkregen. Nachfolgend von Nordwesten vorübergehend etwas
stabiler. Sommerlich warm.

Synoptische Entwicklung bis zum Samstag, den 12.06.2021

Die Mittelfrist (Dienstag, der 8. Juni bis Samstag, der 12 Juni) verläuft
vergleichsweise überschaubar.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die globalen Einflüsse dann sind auch hier
kaum nennenswerte Faktoren auszumachen. Die MJO verbleibt in Phase 6/7 und somit
über dem westlichen Pazifik. Die dadurch möglicherweise geförderte Bildung
tropischer Zyklone spielt, wenn überhaupt, erst in der erweiterten Mittelfrist
einen indirekten Einfluss. Zudem liegt die MJO nahe des Zentralkreises (auf dem
real-time Multivariate Index) mit entsprechend geringer Intensität. ENSO ist
mittlerweile in den neutralen Zustand übergegangen und auch die NAO pendelt um
die Nulllinie. Vielleicht ein bisschen auffälliger ist momentan der NAM Index
(Northern Annular Mode Index), der die höchsten positiven Werte seit Mitte/Ende
März aufweist. Das hängt wohl mit verbreitet negativen (wenngleich allmählich
abschwächenden) Bodendruckanomalien zwischen Kanada und Sibirien zusammen (mit
einem dominanten zyklonalen Wirbel zwischen der Laptewsee und der Karasee sowie
einem weitern, schwächeren, jedoch auch recht mobilen Wirbel, der von Kanada in
Richtung Grönland/Island zieht). Daher wohl auch ein erneutes Ansteigen der
Ensemble-Members bei der mittelfristigen NAO-Vorhersage in den positiven
Bereich.

Dabei bildet sich die Mittelfrist über zwar eine recht überschaubares planetares
Wellenmuster (K=3 mit geringer zonaler Verlagerung) aus, das jedoch peripher von
kleineren Wellen begleitet wird. Im Zeit-Längengrad Diagramm der
Monatsvorhersage (IFS) wird dies durch einen kräftigen Rossby-Wellenzug
hervorgehoben, der während der Mittelfrist vom Nordpazifik über
Nordamerika/Kanada zunehmend in den Nordatlantik/Bereich Grönland wandert. Ein
Blick auf die V-Winde im Niveau der Tropopause (30 bis 60 Grad Nord) deutet an,
dass diese Energie nur stark abgeschwächt bis nach Mitteleuropa vorankommt,
jedoch dort eine Wellenverschiebung und gleichzeitig auch -intensivierung
hervorruft. Mit negativen v-Winden wird die sich über Westeuropa bildende
Antizyklone hervorgehoben. Imposant ist, dass seit Ende Mai und innerhalb der
aktuellen Vorhersage bis mindestens Mitte Juni bei rund 30 Grad Ost ein
stehender Wellenzug auftrat und weiterhin erwartet wird, der jegliche Energie
von Westen komplett blockiert.

Mit dem nun eintreffenden Wellenzug wird das Wetter über dem Nordatlantik nun
dynamischer, allerdings gehaftet an den jahreszeitentypischen recht weit
polwärts verschobenen und schwachen troposphärischen Polarwirbel (der jedoch
wiederum momentan etwas über der Klimatologie agiert). Daher verwundern die in
der Numerik wiederholt gezeigten Sturmtiefs zwischen Südgrönland und Island
wenig. Mit dem stationären Wellenzug über Osteuropa/Westrussland dominiert über
Europa vorerst nur die durch die erhöhte Dynamik ausgelöste WLA und erst zum
Ende der Mittelfrist macht sich auch niedertroposphärisch in West- und
Mitteleuropa der durch die Dynamik forcierte integrierte Wasserdampftransport
mit zunehmender Feuchte bemerkbar.

Was heißt das nun für unsere Mittelfrist?

Im Großen und Ganzen wenig Änderung. Mit einer über Nordfrankreich
positionierten schwach positiven Geopotenzialanomalie bedeutet das allerdings
eine Anfälligkeit für temporäres Einbinden etwas stabiler geschichteter
Luftmassen von der Nordsee mit einer einhergehend vorübergehenden Abnahme der
Konvektion (besonders im Norden und Westen).

Für den Dienstag und Mittwoch bedeutet das im Süden und Osten weiterhin rege
Schauer- und Gewitteraktivität, die dank langsamer Zellverlagerung und einer
feucht-labilen Luftmasse kräftigen Starkregen bringen kann (markant bis
unwetterartig). Bedeutend ist dabei, wie sich eine kleinräumig negative
niedertroposphärische Druckanomalie über Bayern etablieren kann, die innerhalb
der vergangenen 3 IFS-Läufe recht konstant berechnet wurde und am Montag gar mit
erhöhten Standardabweichungen im IFS-EPS über der Mitte Deutschlands
hervorgehoben wurde (Dienstag nur noch durch eine breit gelaufene Abweichung im
Osten/Südosten, jedoch für ein Globalmodell weiterhin nicht vernachlässigbar).
Je nach Geometrie und entsprechend ausgerichteter Konvergenz fächert die
Niederschlagsbereich weiter nach Norden (Mitte Deutschlands) auf, oder er
fokussiert sich im konfluenten Strömungsbereich einer schärfer gekrümmten
Bodentiefdruckrinne, wie im jüngsten IFS Lauf mit mehr als 50 l/qm/24h und 90
l/qm/48h im Süden von Rheinland-Pfalz gezeigt. Nähere Bestimmungen eines
möglichen Stark- oder Dauerregenszenarios können daher aktuell noch nicht
gemacht werden, die allgemeinen Bedingungen sind jedoch wenigstens förderlich
für regional auftretenden, mehrstündigen Starkregen mit einem Fokus im Südwesten
und/oder über der Mitte – neben den sonst dominierenden Gewittern mit punktuell
auftretendem /eng begrenztem Starkregen.
Nach Nordwesten und Norden beruhigt sich das Wetter zum Mittwoch und es treten
nur noch örtlich Schauer und/oder Gewitter auf.

Donnerstag und Freitag erfolgt dann mit der vorübergehenden Stabilisierung eine
umfangreiche Wetterberuhigung, sieht man von einer anhaltenden Gewittergefahr am
Alpenrand ab (dort lokal weiterhin mit Starkregen). Allerdings beinhaltet diese
Beruhigung bereits zum Freitag eine allmähliche Zunahme der an die Orografie
gebundenen Konvektion, da das Geopotenzial in der Höhe wieder fällt.

Zum Ende der Mittelfrist, am Samstag, würde deutschlandweit mit Passage eines
schwachen Höhentroges die Schauer- und Gewitteraktivität wieder aufflammen und
dank der advehierten Feuchte u.a. vom Nordatlantik bestünde auch erneut
Starkregenpotenzial.
In der erweiterten Mittelfrist zeigen die beiden letzten IFS Läufe eine
durchgreifende Stabilisierung mit einer umfangreichen Keilaufwölbung über
Nordwesteuropa bis nach Skandinavien. Dessen Geometrie ist jedoch noch unsicher
und abhängig von der Intensität der zyklonalen Aktivität über dem Nordatlantik,
sodass noch keine verlässliche Aussage getroffen werden kann, wie nachhaltig
diese Stabilisierung ausfällt (Tendenz aktuell: eher brüchig). Dennoch sollten
vielerorts einige wenige recht trockene und sommerlich warme Tage möglich sein.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die Mittelfrist ist durchweg geprägt von schwachen Druckunterschieden. Diese
Lage wird bis einschließlich Freitag innerhalb der letzten IFS-Läufe homogen
gezeigt. Allerdings ergeben sich weiterhin Unterschiede bei einigen Kurzwellen,
die z.B. die Bewölkungsverteilung und Gewitteraktivität diktieren. Grundsätzlich
sollten die konvektiven Niederschläge jedoch zum Donnerstag vorübergehend
deutlich nachlassen.
Zum Ende der Mittelfrist weitet sich ein Keil nach England aus, dessen Vorstoß
jedoch im jüngsten Modelllauf etwas früher und östlicher ansetzt. Gleichzeitig
fällt mit einem von der Nordsee nahenden Trog das Geopotenzial über Deutschland,
sodass die Gewitteraktivität überall wieder zunehmen sollte.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Auch beim Blick auf die weiteren Modelle ergeben sich zunächst für Dienstag und
Mittwoch keine gröberen Diskrepanzen. Alle zeigen den seichten
Bodendruckgradienten mit einem diffusen Bodentief/einer Rinne über Bayern. In
der Höhe sind kaum Geopotenzialgradienten vorhanden, wenngleich die Strömung
auch hier über Süddeutschland etwas zyklonaler konturiert ist. Daher macht der
Weg von IFS Sinn die kräftigsten konvektiven Niederschläge im Süden und Osten
anzusetzen. Norddeutschland liegt hingegen abseits der Keilachse über Frankreich
und profitiert von der Advektion maritimer und einer etwas stabiler
geschichteter Luftmasse.

Am Donnerstag ist ICON ein bisschen der Ausreißer. Das Modell zeigt einen
schärfer ausgeprägten Trog über Osteuropa bis nach Ostdeutschland, sodass hier
die Schauer- und Gewittertätigkeit weiter anhalten würde. GFS/IFS sehen das
jedoch deutlich antizyklonaler (wenngleich auch bei GFS zahlreiche Gewitter
möglich wären, dank förderlicherer vertikaler Temperatur- und Feuchteschichtung
(aber Achtung: feuchter bias der Grenzschicht!)). Schaut man sich die
vergangenen ICON Läufe an, so fällt auf, dass der Keil über der südlichen
Nordsee im jüngsten Lauf deutlich abgeschwächt wurde und somit Raum zur Bildung
eines Troges ermöglichte. Mit dieser Abschwächung liegt ICON nun am
untersten/schwächsten Rand (der Keilachsenintensität) innerhalb der Numerik und
wird vorerst noch als zu sprunghaft angesehen. Auch GEM ist antizyklonaler und
trockener als ICON aufgestellt.

Zum Ende der Mittelfrist geht die Modellwelt auseinander. Während GFS ein
umfangreiches Höhenhoch über Westeuropa zeigt, das auch Deutschland voll
beeinflusst, bringen ICON und IFS von Freitag zum Samstag einen Trog nach
Mitteleuropa, wobei IFS die kräftigste Entwicklung sieht. IFS sieht diese
Entwicklung seit dem vorletzten 00z Lauf und hat diese im neuen Lauf zudem noch
verschärft. Für ICON kann so eine Überprüfung wegen des Vorhersagezeitraums noch
nicht durchgeführt werden.
Alle Modelle haben augenscheinlich Probleme mit dem nahenden Rossby-Wellenzug
und der Keilaufwölbung stromab. Die Geometrie des Keils bestimmt letztendlich,
ob zum Ende der Mittelfrist die Gewitteraktivität vorübergehend nochmal
aufflammen kann.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die Cluster heben die jüngste und recht beeindruckende Aussage der „Häufigkeit
für bestimmte Euro-atlantische Wetterregimes“ (mit einstimmiger Meinung
(„Blockade“)) ebenso mit einem Überhang zu „Blockierung“ hervor.
Dabei wechseln der Kontroll- und der det. Lauf im Verlauf der Mittelfrist vom
ersten in den zweiten Cluster und die Clusterzahl nimmt von 1 auf 5 zu (um sich
in der erweiterten Mittelfrist bei drei Clustern einzupendeln).
Dabei reagieren die Ensemble-Member auf die zunehmende Dynamik über dem
Nordatlantik mit einer positiven Geopotenzialanomlie, die sich von der Biskaya
bis nach Mitteleuropa erstrecken soll. Deren Geometrie jedoch variiert noch
stark von zonal bis meridional und dürfte mit ein Grund für die Zunahme der
Clusterzahl sein.
Auch in der Folge bleibt einzig die Frage, wohin sich die Blockierung verlagern
wird und ob es gar eine Brückenbildung mit einer weiteren Anomalie über Sibirien
geben könnte, was jedoch bisher kaum gestützt wird.
Die weitere Konstante bleibt ein umfangreicher, jedoch schwach ausgeprägter
Langwellentrog über Südosteuropa, der sich in keinem der Cluster von der Stelle
bewegt.

Summa summarum wird also durchweg eine eingefahrene Lage gezeigt, wobei sich
Deutschland jedoch im Randbereich des antizyklonalen Wellenscheitels befindet
und daher anfällig für Trogpassagen ist (direkt oder peripher). Somit könnte
sich trotz dieser blockierungsfreundlichen Situation ein leicht wechselhaftes
Gesamtbild für den mittelfristigen Zeitraum ergeben (u.a. bereits in dieser
Mittelfrist zwei Trogpassagen mit variablem Einfluss auf Deutschland).

Die Meteogramme zeigen kaum Variabilität bei den Temperaturwerten mit ähnlichen
Tagesgängen, sowie zeitlich schwankenden Niederschlagsmaxima. Besonders im
Norden deutet sich ein vergleichsweise trockener Donnerstag an, bevor zum
Wochenende die Ensemblespitzen beim Niederschlag wieder zunehmen. Allerdings
fällt auf, dass dann nur wenige Extremwerte beim Niederschlag vorhanden sind,
was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass Gewitter weiterhin
lokal Starkregen bringen können.

GEFS sieht die Entwicklung recht ähnlich, wenngleich es zu einige Unschärfen
kommt (Donnerstag gewittriger als beim IFS-EPS, dafür in der Folge stabiler).
Insgesamt nehmen die Signale auch im Süden für Starkregen ab bzw. verschwimmen
im klimatologischen Rauschen.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

GEWITTER/Schauer mit STARKREGEN bleiben das Hauptthema, wobei zum
Donnerstag/Freitag dieses Potenzial zunehmend an die Alpen abgedrängt wird. In
der Folge ist jedoch deutschlandweit ein erneutes Aufflammen der
GEWITTERtätigkeit nicht ausgeschlossen. Punktuell tritt dabei STARKREGEN im
markanten bis UNWETTERartigen Bereich auf.
Hervorgehoben werden sollte noch der Zeitraum Dienstag/Mittwoch. Je nach
Lage/Geometrie und Intensität des Bodentiefs über Südostdeutschland kann sich
regional eine mehrstündige STARK- oder DAUERREGENlage einstellen (Schwerpunkt
aktuell Teile Südwestdeutschlands). Diese Entwicklung ist jedoch noch sehr
unsicher.

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS, IFS-EPS, MOSMIX und GEFS

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Helge Tuschy