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S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 08.04.2021 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Im Norden unbeständig und zeitweise stürmisch, ansonsten bis Freitag ruhiges
Wetter. Am Wochenende Grenzwetterlage mit Schneeoptionen auf der kalten und
Gewitteroptionen auf der warmen Seite. An den Alpen Föhn.

Synoptische Entwicklung bis Sonntag 12 UTC

Aktuell … kommen wir nach den ganzen spätwinterlichen Eskapaden der letzten
Tage in vorübergehend (!) ruhigeres Fahrwasser, bevor sich ab dem Wochenende
eine synoptisch hochinteressante und aus Sicht des Warnmanagements komplexe
Grenzwetterlage einstellt.

Zwischen dem nach Osteuropa abziehenden Langwellentrog und einem neuen Trog, der
sich vom Nordmeer nach Schottland und Skandinavien ausweitet, schwenkt in der
nordwestlichen Höhenströmung über Deutschland zunächst ein Rücken hinweg. Das
korrespondierende Hoch PEGGY zieht mit seinem Schwerpunkt zum Balkan ab.
Nachfolgend stellt ich an der Südflanke des letztgenannten, breit laufenden
Höhentroges eine westliche Strömung ein, die nach Süden zu antizyklonal, im
Norden leicht zyklonal konturiert ist.

Unter der Absinkinversion kam tagsüber nochmal flache Konvektion in Gang. Im
Osten und Südosten reichte es in der bis 700 hPa reichenden labilen Schicht noch
für schwache Regen-, Schneeregen- und Schneeschauer. Nach Westen zu stießen sich
die Quellwolken schon bei 800-850 hPa den Kopf und liefen dort breit, ohne, dass
es zu nennenswerten niederschlagsbildenden Prozessen kam.

Mit weiterer Stabilisierung und absinken der Inversion fällt die Konvektion nun
aber immer mehr in sich zusammen. Im Süden und Südosten wird es danach eine
meist klare Nacht. Auch zur Mitte hin ist es zunächst oft gering bewölkt, im
Laufe der Nacht kommt aber – bedingt durch aufkommende WLA – hohe und mittelhohe
Bewölkung auf. Dennoch reicht es in der Südhälfte wieder fast flächendeckend für
leichten, im Süden und Südosten auch mäßigen Frost. Sogar strenger Frost ist
über Schnee besonders in Alpentälern möglich. Glätte spielt derweil keine große
Rolle, kann aber vor allem im südostlichen und östlichen Bergland, wo es am
Abend noch zu Schauern kam, nicht ausgeschlossen werden.

Im Norden gestaltet sich das Wetter dagegen wieder zunehmend zyklonal. Die
Ausläufer des mit dem nordeuropäischen Trog korrespondierenden, nach Schweden
ziehenden Tiefs VINCENT greifen zunächst in Form einer Warmfront, gegen
Freitagmorgen in Form der Kaltfront über und bringen dichte Wolken und vor allem
im Nordseeumfeld auch zeitweise leichten Regen. Warnwürdig ist der Niederschlag
nicht, im Gegensatz zum Wind: An der See muss nämlich mit steifen, an der
Nordsee, später auch exponiert an der Ostsee mit einzelnen stürmischen Böen
gerechnet werden. In Nordfriesland sind Sturmböen nicht ausgeschlossen. Auch auf
exponierten Mittelgebirgsgipfeln (Brocken …) muss wieder mit Sturm gerechnet
werden.

Freitag … weitet sich der Langwellentrog über Nord- und Nordwesteuropa mit
hochreichendem Drehzentrum über Nordskandinavien Richtung Irland aus und beginnt
mit einem Höhentief bei den Azoren zu interagieren. Die Höhenströmung dreht über
Westeuropa auf Südwest, bei uns stellt sich eher eine zyklonale westliche
Strömung ein. Im Bodendruckfeld bildet sich zwischen dem Tief bei den Azoren und
dem nordeuropäischen Tiefkomplex eine Rinne, die sich nachmittags und abends in
den Nordwesten hereinschiebt. Vorderseitig verstärkt sich die Advektion milderer
Luft aus Südwesteuropa in die Südhälfte Deutschlands, während sich im Norden
temperaturtechnisch zunächst wenig tut, eher gehen dort die Werte hinter der
über dem Norden schleifenden Kaltfront wieder etwas zurück. Entsprechend baut
sich ein veritables Süd-Nord-Gefälle der T850er aus (+5°C im Süden, -7°C ganz im
Norden).

An der im Norden schleifenden Kaltfront regnet es zeitweise leicht. Anfangs weht
der Wind dabei vor allem an der See in Böen noch stark bis stürmisch.
Vorübergehend sind auch im angrenzenden nord- und nordostdeutschen Binnenland
mit Passage eines Bodentroges einzelne steife Böen möglich. Auf
Mittelgebirgsgipfeln (v.a. Brocken) treten Sturmböen auf. Mit Übergreifen der
Rinne lässt der Wind im Tagesverlauf aber deutlich nach.

Ansonsten bleibt es trocken und mit jedem Kilometer nach Süden nehmen die
Sonnenanteile zu. Erst zum Abend greift von Südwesten wieder kompaktere
Bewölkung über, die mit Warmluftadvektion im Vorfeld eines weiteren, sich in der
Tiefdruckrinne ausbildenden Astes der Frontalzone über Westeuropa zusammenhängt.

Die Höchsttemperaturen liegen zwischen 7 Grad postfrontal der Kaltfront ganz im
Norden und an der See und 18 Grad am Oberrhein.

In der Nacht zum Samstag greift der südliche Ast der Frontalzone in Form einer
Warmfrontwelle eines Tiefs über der Biskaya von Westen her über. An ihr
verschärfen sich die Temperaturgegensätze, da die sich Zufuhr kalter Luft im
Norden verstärkt, während die Temperaturen im Südwesten noch leicht steigen.
Entsprechend der frontogenetischen Situation verstärken sich die Hebungsvorgänge
an der Warmfront und teils recht kräftige Regenfälle breiten sich von Belgien
und Nordostfrankreich über den Westen und die Mitte nach Osten aus. Im Westen
sind 12-stündig stellenweise 10 bis 15 mm möglich.

Über dem Norden liegt weiter die schleifende Kaltfront und bringt auch dort
leichten Regen. Im Süden bleibt es bei teils aufgelockerter Bewölkung
gebietsweise trocken.

Frost ist am ehesten im Südosten, wo es teilweise gering bewölkt oder klar
bleibt, zu erwarten. Aber auch im Norden, wo postfrontal wieder größere
Auflockerungen zu finden sein sollten, kann es in der frischen Kaltluft unter
den Gefrierpunkt abkühlen.

Samstag … zieht sich der Trog über Nordwesteuropa eher noch etwas in die
Länge, als dass er Boden nach Südosten gut macht. Er kippt in seinem Westteil
nach Süden, richtet seine (positiv geneigte) Achse also weiter auf, wodurch die
Strömung über uns nach Südwest rückdreht. Vorderseitig liegt die Tiefdruckrinne
mit mehreren Drehzentren, welche vom Kap Finisterre über die Biskaya und
Frankreich bis in die Mitte Deutschlands reicht. Vor allem das von der Biskaya
nach Nordfrankreich ziehende Tief kann sich durch PVA vorderseitig eines
kurzwelligen Troganteiles vergleichsweise gut entwickeln, sodass aus der Rinne
im Verlauf eher eine stark ovale Tiefdruckzone wird. Die Kaltfront im Norden und
die wellende Front über der Mitte verschmelzen derweil zu einer markanten
Luftmassengrenze, die subtropische Warmluft in der Südosthälfte (T850: +4 bis
+8°C) von maritimer Polarluft im Norden trennt (T850 0 bis -6°C).

Entlang der Luftmassengrenze zieht zunächst die o. e. Warmfrontwelle ostwärts
durch und bringt vor allem der Mitte und dem Osten noch zeitweise Regen (meist 5
bis 10 mm). Nachmittags erreicht die Warmfront des Tiefs über Frankreich den
Westen, sodass sich die Regenfälle nach kurzer Abschwächung dort erneut
intensivieren (ebenfalls 5 bis 10 mm, Richtung Benelux auch etwas mehr).

Die Warmluft im Süden wird zwar allmählich instabiler, zum einen durch
Überströmung der Alpen (Südwestföhn), zum anderen durch Advektion. Allerdings
ist die Luft zu trocken, sodass weder am Rande der Niederschlagszone noch
abgesetzt davon mit konvektiven Umlagerungen zu rechnen ist. Demnach bleibt es
im Süden und Südosten trocken mit längeren sonnigen Abschnitten.

Auch im Norden fällt kaum Niederschlag bei zeitweiligem Sonnenschein. Dort ist
es aber sehr kühl mit Maxima von kaum 10 Grad. Im Regen werden meist 10 bis 15
Grad, im Süden 15 bis 18, in Föhntälern eventuell bis 20 Grad erreicht.

Auf der warmen Seite der Luftmassengrenze lebt der Wind in tiefen Lagen aus Süd
bis Südwest auf, ohne warnrelevant zu werden, auf einigen Berggipfeln sind Bft 7
bis 8 möglich, aber auch da drängen sich Warnungen nicht auf. In den Alpen wird
es durch aufsteilende Strömung leicht föhnig mit Sturmböen auf einigen Gipfeln
und eventuell nahe 20 Grad in einigen Föhntälern.

In der Nacht zum Sonntag erreicht das o. e. Tief nach IFS- und GFS-Lesart den
Westen Deutschlands, nach ICON degeneriert das Tief eher wieder zu einer Rinne,
die vom Westen bis in den Nordosten Deutschlands reicht. So oder so, die (im
wahrsten Sinne des Wortes) wellenschlagende Luftmassengrenze tendiert in der
weiter aufsteilenden Strömung sich eher etwas nach Norden zu verschieben, wobei
sich auf der kalten Seite durch die sich verstärkenden bodennahen Nordostwinde
eine klassische Gegenstromlage einstellt. Entsprechend fallen in einem breiten
Streifen vom Westen und Nordwesten bis in den Norden und Nordosten länger
anhaltende Niederschläge (verbreitet 10-15 mm wahrscheinlich, stellenweise auch
mehr). Bei Temperaturen um oder knapp unter 0 Grad in 850 hPa sowie isothermer
Schichtung könnte am Nordrand des Niederschlagsgebietes der Regen in Schnee
übergehen. Die probabilistischen Modelle liefern zwar noch geringe
Wahrscheinlichkeiten für markante Neuschneemengen (>10 cm/12 h), doch das ist
wohl eher den Prognoseunschärfen geschuldet. Zudem sind die Modelle
(insbesondere ICON) noch sehr verhalten bei der Ausbildung einer Schneedecke. In
jedem Fall scheinen Schneefallwarnungen aber wahrscheinlicher als
Dauerregenwarnungen zu sein.

Auch im Bereich der Rinne bzw. des Tiefkerns werden Niederschläge über dem
Südwesten, Westen und in der Mitte generiert, die aber natürlich als
(schauerartig durchsetzter) Regen fallen und keine Warnrelevanz besitzen. Nach
Südosten zu bleibt es trocken und aufgelockert bewölkt.

Leichter Frost ist allenfalls bei Schneefall im Norden sowie bei längerem
Aufklaren im Südosten möglich, ansonsten bleibt es bei Minima zwischen 8 und 2
Grad frostfrei.

Der Ost- bis Nordostwind frischt an den Küsten auf, mit einigen steifen Böen an
der westliche Ostsee und auflandig an der Nordsee (Ostfriesland). Auch die
Mittelgebirgsgipfel kriegen ihre kräftigeren Böen, hier allerdings aus Südwest
mit Bft 7 bis 8, Brocken 9. In den Alpen sind durch leichten Föhn auch mal die
Bft 10 nicht ausgeschlossen.

Sonntag … rückt der Trog weiterhin nur langsam südostwärts vor und richtet
seine Achse noch etwas auf, sodass Deutschland vorderseitig unter
südsüdwestlichen Höhenströmung verbleibt. Bei ICON neigt der Trog über
Südwestengland abzutropfen, wodurch sein Vorankommen nochmal etwas mehr
verzögert wird als bei IFS und GFS. Vorderseitig des designierten Cut-Offs
bildet sich bei ICON ein weiteres Tief über Frankreich, das die Luftmassengrenze
über dem Norden und Nordwesten Deutschlands zurückhält. Bei IFS und GFS steigt
der Luftdruck in der Westhälfte Deutschlands durch kräftige KLA bereits an,
sodass die Luftmassengrenze Schub nach Südosten bekommt.

Bei IFS und GFS würden auf der kalten Seite der Luftmassengrenze aufgrund
beständiger Gegenstrombedingungen in der Nordwesthälfte weiter länger anhaltende
Niederschläge fallen, die langsam südostwärts vorankämen und durch die kräftige
KLA zunehmend in Schnee übergingen (markante Neuschneemengen möglich!). Bei ICON
kämen erst zum Abend mit aufkommender WLA vor dem Tief über Frankreich
kräftigere Niederschläge im Westen und Nordwesten auf, die dann aber zunächst
eher als Regen fielen. Dafür labilisiert die Warmluft im deutschen Modell
stärker (vom föhnigen Alpenrand abgesetzt nur schwach „gedeckelte“ 200-400 J/kg
ML-CAPE), sodass sowohl am Rand des Niederschlaggebietes als auch abgesetzt
davon Konvektion ausgelöst werden könnte, die sich bei mäßiger Scherung durchaus
auch organisieren und mit Hagel und Starkregen (PPW’s 20-25 mm) einhergehen
könnte.

Abseits etwaiger Konvektion präsentiert sich der Süden und Südosten aber
modellübergreifend freundlich bis sonnig.

Unsicherheiten hin oder her, in einem sind sich die Modelle einig: Der
Temperaturkontrast zwischen Südost und Nordwest wird sehenswert: rund 20 K, oder
in absoluten Zahlen: round about 0 bis 20 Grad.

Als weiteres Warnelement tritt der Wind in Erscheinung: Um die Rinne oder das
Tief herum einzelne steife Böen, in der Warmluft aus Südwest, in der Kaltluft
insbesondere an der See aus Nordost. In den Alpen stehen föhnbedingt auf Gipfeln
(schwere) Sturmböen, in Föhntälern steife bis stürmische Böen auf der Agenda.

Modellvergleich und -einschätzung

Bis Samstag sind sich die vorliegenden Modelle ziemlich einig: also erst
Wetterberuhigung (mit Ausnahme der teils windigen bis stürmischen
Küstengebiete), zum Wochenende dann Grenzwetterlage.
Zum Sonntag bestehen dann größere Unterschiede bezüglich der Ausprägung der
Rinne bzw. der kleinräumigen Tiefdruckgebiete und damit der Position der
eingelagerten Luftmassengrenze. Die prognoserelaventen Differenzen wurden im
Text bereits angesprochen.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Adrian Leyser