SYNOPTISCHE UEBERSICHT MITTELFRIST ausgegeben am Donnerstag, den 12.11.2020 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 12.11.2020 um 10.30 UTC

Milde Südwest- bis Westlage, zunächst eher zyklonal, zu Beginn kommender Woche
eher mit antizyklonalem „Touch“. An den Küsten und auf den Bergen zeitweise
Sturmböen, am Sonntag eventuell auch in den Niederungen Westdeutschlands.

Synoptische Entwicklung bis zum Donnerstag, den 19.11.2020

Die Wetterentwicklung im gesamten Mittelfristzeitraum wird dominiert von einem
sich immer wieder regenerierenden blockierenden Höhenrücken über dem ost- bzw.
nordosteuropäischen Raum, der eine rege Tiefdrucktätigkeit (positiver NAO-Index)
über dem Nordatlantik gegenübersteht. Daraus resultiert für Mitteleuropa eine
Melange aus westgeprägten Großwetterlagen (SW, W, WW), die mal mehr zyklonal,
vor allem zu Beginn kommender Woche auch mal antizyklonal konturiert sind.
Zu Beginn des Mittelfristzeitraumes, am Sonntag, greift von den Britischen
Inseln her ein Höhentrog auf die Nordsee und in der Nacht zum Montag auch auf
das Vorhersagegebiet über. Die Kaltfront eines mit dem Trog korrespondierenden
Bodentiefs bei Schottland erreicht in den späten Nachmittags- und Abendstunden
den Westen Deutschlands und überquert mit schauerartigen Regenfällen in der
Nacht zum Montag das gesamte Vorhersagegebiet ostwärts. Vor allem im Westen ist
die Frontpassage zumindest nach Lesart des IFS an einen scharfen Druckgradienten
gekoppelt, so dass es dort bis in die Niederungen Sturmböen aus Südwest bis West
geben könnte. Ansonsten beschränken sich markante Böen (Bft 8 bis 9, auf
exponierten Gipfeln mehr) auf die Berggipfel und die Küstenregionen. Im Bereich
eines an die Achse des Höhentroges gekoppelten Bodentroges kann es in der Nacht
zum bzw. am Montagvormittag im Nordseeumfeld vorübergehend Sturm-, eventuell
sogar schwere Sturmböen geben. Präfrontal scheint (zumindest außerhalb einiger
beständiger Nebelfelder entlang der Donau und in der Oberpfälzer Senke) im Süden
und Osten am Sonntag tagsüber noch längere Zeit die Sonne und es wird mit 12 bis
17 Grad generell sehr mild (bei Dauernebel allerdings kaum 5 Grad). Mit
Frontpassage bzw. vor allem auch mit Trogpassage kann es bevorzugt im Westen und
Norden auch einzelne Gewitter geben.
Am Montag schwenkt der Höhentrog weiter ins östliche Mitteleuropa, wird dort
aber durch den markanten Höhenrücken weiter östlich blockiert und verliert an
Wellenlänge. Ihm folgt ein breit angelegter Höhenrücken, der in der Nacht zum
Dienstag von Frankreich über die Nordsee bis nach Südwestnorwegen reicht und
durch kräftige WLA gestützt wird.
Das mit dem Trog korrespondierende Bodentief zieht über die mittlere Nordsee
nach Südschweden und füllt sich allmählich auf. Ihm folgt ein Hochkeil, der sich
von Frankreich her nach Südwestdeutschland, in der Nacht zum Dienstag dann auch
auf die mittleren Landesteile ausweitet, wobei sich eine abgeschlossene
Hochdruckparzelle über dem Alpenraum etabliert.
Mit Durchschwenken der Trogachse gibt es zunächst noch Schauer, eventuell auch
kurze Gewitter, dazu zumindest auf den Bergen und anfangs auch an den Küsten
stürmische Böen oder Sturmböen aus West. Abends und nachts beruhigt sich das
Wetter von Südwesten her allmählich, die Schauer ziehen ab, der Wind flaut ab
und die Wolken lockern stärker auf. Lediglich im Nordosten und an den Alpen kann
es noch bis in die Frühstunden letzte Schauer geben. Bereits in der zweiten
Nachthälfte oder morgens macht sich im Nordwesten aber wieder stärkere
WLA-Bewölkung bemerkbar. Vor allem im Südwesten und in der Mitte klart der
Himmel gebietsweise auf, dann kann es innerhalb der eingeflossenen maritimen
Polarluft in ungünstigen Lagen leichten Frost geben.
Am Dienstag und in der Nacht zum Mittwoch schwenkt der nach wie vor durch
kräftige WLA vorderseitig eines sich über den nahen Ostatlantik Richtung Kanaren
ausweitenden Höhentroges gestützte Höhenrücken allmählich nach Mitteleuropa bzw.
zur Ostsee. Das Bodenhoch über den Alpen bzw. Süddeutschland verlagert seinen
Schwerpunkt allmählich etwas nach Osten und nimmt Verbindung zum kräftigen Hoch
über Nordwestrussland (über 1045 hPa Kerndruck) auf.
Während es im Norden und Nordwesten aufgrund anhaltender WLA eher dichter
bewölkt bleibt – Regen fällt aber kaum -, setzt sich im Südwesten und Süden bis
in die mittleren Landesteile gebietsweise die Sonne durch, am ehesten an den
Alpen und im Alpenvorland sowie im Schwarzwald. Die WLA setzt sich zunächst nur
mitteltroposphärisch durch (T850 hPa am Abend zwischen -1 Grad an der Oder und
+8 Grad ganz im Westen), dennoch wird es mit Höchstwerten zwischen 9 und 14 Grad
relativ mild.
Am Mittwoch tropft der ostatlantische Höhentrog knapp westlich der Kanaren ab,
der Resttrog greift in der Nacht zum Donnerstag auf die Britischen Inseln über,
wodurch der Höhenrücken allmählich Richtung Osteuropa bzw. Nordwestrussland
abgedrängt wird.
Ein mit dem Trog korrespondierendes Bodentief über Schottland zieht bis
Donnerstagfrüh über die nördliche Nordsee nach Südnorwegen. An dessen Südflanke
dauert die WLA über dem Vorhersagegebiet weiter an, so dass es in der Nordhälfte
meist stark bewölkt bleibt, Regen fällt aber kaum. In der Mitte und im Süden
kann sich außerhalb teils beständiger Nebelfelder zeitweise die Sonne
durchsetzen, am ehesten an den Nordrändern der Mittelgebirge sowie an den Alpen.
Dabei gelang niedertroposphärisch sehr milde Meeresluft subtropischen Ursprungs
vor allem in die Westhälfte (T850 hPa zwischen 12 Grad im Westen und 4 Grad im
Südosten), so dass es außerhalb beständiger Nebelfelder erneut sehr mild wird
mit Werten teils über 15 Grad im Lee der Mittelgebirge. Dazu weht auf einigen
Berggipfeln vor allem der nördlichen Mittelgebirge stürmischer Südwestwind,
eventuell auch an exponierten Küstenabschnitten.
Am Donnerstag greift der Höhentrog von den Britischen Inseln auf die Nordsee
über und erreicht in der Nacht zum Freitag das Vorhersagegebiet. Das Bodentief
zieht zum Skagerrak, dessen Kaltfront überquert Deutschland bis Freitagfrüh
ostwärts. Vor allem mit Frontpassage kann es auch in den Niederungen
vorübergehend stürmische Böen geben und im nachfolgenden Trogbereich auch kurze
Gewitter. Dem Trog folgt ein Schwall Meeresluft polaren Ursprungs, bis
Freitagfrüh sinkt die Temperatur in 850 hPa auf etwa -2 Grad.
In der erweiterten Mittelfrist – am Freitag und zum kommenden Wochenende hin –
schwenkt der Trog weiter ins östliche Mitteleuropa, wo er erneut blockiert wird.
Ihm folgt ein Höhenrücken, der sich am Sonntag, 00 UTC über die Nordsee bis nach
Skandinavien aufwölbt. Dabei reicht ein Bodenhoch über Frankreich bis nach
Süddeutschland und im Vorhersagegebiet stellt sich eine antizyklonale Nordwest-
bis Westlage ein.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Dem aktuellen IFS-Lauf kann eine sehr gute Konsistenz zu seinen beiden
Vorgängern bescheinigt werden.
Die Trogpassage in der Nacht zum und am Montag und das Übergreifen des
Höhenrückens am Dienstag/Mittwoch haben alle Läufe vom Timing her nahezu
identisch auf der Agenda. Allerdings simuliert der aktuelle Lauf die Kaltfront
am Sonntagabend im Westen mit einem etwas schärferen Gradienten ausgestattet als
die beiden Vorläufe und somit auch bis in die Niederungen Westdeutschlands
stürmische Böen bzw. Sturmböen.
An den Trogvorstoß auf die Britischen Inseln und die Nordsee am Donnerstag ist
im gestrigen 12 UTC-Lauf des IFS eine etwas markantere Bodentiefentwicklung über
Südnorwegen gekoppelt als im aktuellen Lauf, auch wird die Kaltfrontpassage
progressiver simuliert. Vor allem in der Nacht zum und am Donnerstag stünde nach
Lesart des 12 UTC-Laufes eine ausgewachsene Nordweststurmlage auf der Agenda,
während es im aktuellen Lauf wohl lediglich an den Küsten und auf den Bergen für
stürmische Böen bzw. Sturmböen reichen dürfte.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Bis einschließlich Dienstag lassen sich keine signifikanten Unterschiede
zwischen den vorliegenden Globalmodellen ausmachen. Lediglich im Detail ergeben
sich Differenzen, in erster Linie, was die Windentwicklung an der am
Sonntagabend auf das Vorhersagegebiet übergreifenden Kaltfront angeht. Diese hat
das IFS am markantesten auf der Agenda, nach Lesart des GFS und ICON würde es
wohl nur für maximal stürmische Böen in den Niederungen Westdeutschlands
reichen.
Erst Richtung Wochenmitte beginnen die Modelle auseinanderzulaufen, wobei grob
zwei Varianten auszumachen sind: ICON und IFS simulieren in der Nacht zum und am
Mittwoch einen Cut-Off-Prozess nordwestlich der Kanaren, wobei der Resttrog in
der Nacht zum Donnerstag auf die Britischen Inseln und am Donnerstag – nach ICON
etwas progressiver als nach IFS – auf Mitteleuropa übergreift. GFS und auch das
kanadische GEM haben den Abtropfprozess dagegen gar nicht auf der Agenda; der
vorgelagerte Höhenrücken wird am Mittwoch rasch abgebaut bzw. nach Osten
abgedrängt und bereits in der Nacht zum Donnerstag, also etwa 18 bis 24 Stunden
früher als nach IFS, greift der Höhentrog von den Britischen Inseln über die
Nordsee auf Mitteleuropa über, die vorgeschaltete Kaltfront erreicht den Westen
Deutschlands bereits am Mittwochnachmittag und erreicht Donnerstagfrüh die Alpen
bzw. das deutsch-polnische Grenzgebiet.
Am Donnerstag bzw. in der Nacht zum Freitag erfolgt dann nach Lesart des GFS und
GEM von Nordwesten her der nächste Trogvorstoß Richtung Nordsee bzw.
Mitteleuropa, wobei vor allem GFS am Freitag zum Abtropfen über Mitteleuropa
tendiert. Den Vorstoß eines markanten Höhenrückens Richtung Britische
Inseln/Nordsee und Skandinavien zu Beginn der erweiterten Mittelfrist am
übernächsten Wochenende hat das GFS etwas weiter westlich auf der Agenda und
fährt – das Wetter im Vorhersagegebiet betreffend – insgesamt eine etwas
zyklonalere Variante als das IFS.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die Clusteranalyse zeigt zu Beginn der Mittelfrist (T+72-96 Stunden) vier
Cluster, die sich bzgl. der Wetterentwicklung über Mitteleuropa allerdings kaum
unterscheiden. Auch in den Rauchfahnen für diverse Gitterpunkte im
Vorhersagegebiet spiegelt sich die Front- und Trogpassage am Sonntag und Montag
gut anhand der Verlauf der Kurvenschar der 850 hPa-Temperaturen der einzelnen
Member wider, wobei der Temperaturrückgang in der Nacht zum Montag (von etwa 5
bis 8 Grad auf 0 bis -3 Grad) in einem sehr engen Spread verläuft. Auch ein
deutlicher Niederschlagspeak (Mengen meist um 5 mm in 6 Stunden) ist dann
auszumachen.
Im nächstfolgenden Zeitraum (T+120 bis 168 h) verteilen sich die 49 ENS-Member,
Haupt- und Kontrolllauf auf 5 Cluster (jeweils 14, 14, 11, 7 und 5 Member),
wobei sich Haupt- und Kontrolllauf in Cluster 2 befinden. Allen Clustern gemein
ist ein markanter blockierender Höhenrücken über weiten Teilen Osteuropas.
Ähnlich wie im Hauptlauf tendiert der vom mittleren Nordatlantik zum Ostatlantik
vorstoßende Höhentrog in Cluster 1, 2, 4 und 5 am Mittwoch und Donnerstag etwa
im Seegebiet nördlich der Kanaren abzutropfen. Cluster 3 ähnelt dagegen der
GFS-Variante und hat den Cut-Off-Prozess nicht auf der Agenda, so dass der Trog
bereits in der Nacht zum Donnerstag Richtung Mitteleuropa vorstoßen kann.
Cluster 5 hat sowohl den Cut-Off-Prozess als auch den Trogvorstoß Richtung
Nordsee zum Donnerstag hin etwas progressiver auf der Agenda als der Hauptlauf.
Diese größer werdenden Differenzen zwischen den Einzelmembern zeigen sich auch
in den Rauchfahnen, wobei der Spread der 850 hPa-Temperatur-Kurvenschar bereits
am Mittwoch deutlich größer wird. Die meisten Member folgen aber noch dem
Hauptlauf und zeigen einen deutlichen Temperaturanstieg, gefolgt von einem
Rückgang mit dem Trogvorstoß in der Nacht zum und am Freitag. Einige Member
haben diesen Rückgang aber bereits in der Nacht zum Donnerstag auf der Agenda.
In der erweiterten Mittelfrist lassen sich drei Cluster ausmachen (jeweils 23,
17 und 11 Member, Hauptlauf in Cluster 3). Der Block über Nordosteuropa bleibt
in Cluster 1 und 2 deutlich erhalten, in Cluster 3 wird er allmählich abgebaut.
Cluster 1 hat einen markanten Trogvorstoß Richtung Mitteleuropa und in weiterer
Folge in den zentralen Mittelmeerraum auf der Agenda, gefolgt von einem
Höhenrücken, der sich zum übernächsten Sonntag hin Richtung Nordsee aufwölbt.
Nach Lesart von Cluster 2 schwenkt der Trog über Mitteleuropa hinweg südostwärts
und weitet sich Richtung Ägäis aus, wobei sich zum übernächsten Wochenende hin
von Südwesteuropa ein Höhenrücken Richtung Mitteleuropa aufwölbt.
Cluster 3 mündet nach Trogpassage am Freitag zunächst in eine antizyklonale
Nordwestlage mit einem markanten Höhenrücken über dem Ostatlantik bzw. über
Westeuropa. In weiterer Folge erfolgt dann ein Trogvorstoß nach Skandinavien und
auch im Vorheersagegebiet stellt sich dann erneut eine Nordwestlage mit
zyklonalerem „Touch“ ein.

Fazit:
Bis Dienstag kommender Woche steht die Wetterentwicklung einigermaßen fest. Der
Fronten- und Trogpassage am Sonntag und Montag folgt ein markanter Höhenrücken
am Dienstag. Ob dieser dann bereits in der Nacht zum Donnerstag oder erst etwa
24 Stunden später durch einen erneuten Trogvorstoß verdrängt wird und wie
intensiv dieser dann ausfällt, ob es tatsächlich mal für eine ausgewachsene
Sturmlage Ende kommender Woche reicht (was aus aktueller Modellsicht allerdings
eher unwahrscheinlich ist), muss noch abgewartet werden.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Als signifikante Wettererscheinung steht mittelfristig lediglich die
Windentwicklung auf der Agenda. Mit Front- und Trogpassage sind am Sonntag und
Montag vor allem an den Küsten sowie in den Kamm- und Gipfellagen der
Mittelgebirge, vorübergehend auch der Alpen stürmische Böen oder Sturmböen (Bft
8 bis 9), auf dem Brockenplateau auch schwere Sturmböen (Bft 10) zu erwarten.
Sowohl der deterministische IFS-Lauf als auch die Probabilistik des IFS
(ECMWF-EPS) deuten für den Sonntagabend mit Kaltfrontpassage im Westen
Deutschlands leicht erhöhte Wahrscheinlichkeiten für stürmische Böen bis in die
Niederungen an, der deterministische Lauf hat sogar Sturmböen auf der Agenda.
ICON-EU-EPS simuliert allerdings deutlich geringere Wahrscheinlichkeiten dafür.
Nach kurzer Wetterberuhigung greifen dann am Donnerstag der nächste Trog bzw.
korrespondierende Frontensysteme auf das Vorhersagegebiet über mit leicht
erhöhten Wahrscheinlichkeiten für markante Böen an den Küsten, insbesondere der
Nordsee, und auf den Bergen. Diese steigen zum Freitag hin im Nordwesten noch
etwas an. Ob das Ganze dann tatsächlich in eine ausgewachsene Sturmlage mündet,
wie vom gestrigen 12 UTC-Lauf angedeutet, mündet oder doch nur maximal als
„Stürmchen“, wenn überhaupt, endet, bleibt noch abzuwarten.

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS, IFS-EPS, MOSMIX

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Jens Winninghoff