SYNOPTISCHE UEBERSICHT MITTELFRIST ausgegeben am Dienstag, den 03.11.2020 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 03.11.2020 um 10.30 UTC

Zunächst herbstliches Hochdruckwetter, zu Wochenbeginn im Westen unbeständiger.
Insgesamt zu mild.

Synoptische Entwicklung bis zum Dienstag, den 10.11.2020

Ausgehend vom Status quo der Nordhemisphärischen Zirkulation und relevanter
Einflussfaktoren sollen mögliche Szenarien der (erweiterten) Mittelfrist näher
beleuchtet werden.

Schaut man auf die aktuelle Geopotenzialverteilung in 500 hPa (Ausschnitt
Nordhemisphäre), dann zeigt sich im wahrsten Sinne des Wortes ein gemischtes
Bild. Ausdruck dessen ist ein aktuell leicht positiver Index der Nord-Atlantik
Oszillation (NAO). Bemerkenswert ist hierbei im Vergleich zur
Potenzialverteilung vor rund zwei Wochen, dass die starke positive Anomalie des
Geopotenzials über der Arktis quasi verschwunden ist. Diese Tatsache ist dem
Umstand geschuldet, dass sich einerseits der Stratosphärische Polarwirbel (SPV,
mittlere und obere Stratosphäre) weiter verstärkt (siehe Übersicht vom
21.10.2020), andererseits funktioniert mittlerweile auch die dynamische Kopplung
des SPV mit der unteren Stratosphäre und oberen Troposphäre jahreszeitlich
bedingt deutlich besser, sodass wir momentan zonal gemittelt doch eher normale
Verteilungsverhältnisse haben. Die starke positive Anomalie des Geopotenzials
über dem Nordpazifik verlagert sich hingegen mehr in Richtung Nordamerika und
ein Langwellentrog macht sich stattdessen allmählich über dem Nordpazifik breit.
Das hat unmittelbare Folgen für den SPV und mittelbare (Spät-)Folgen für die
nordhemisphärische Zirkulation. Die Etablierung des Langwellentroges über dem
Nordpazifik sorgt vorderseitig für einen deutlich verbesserten meridionalen und
vertikalen Wärmefluss, der mit Verzögerung auch die mittlere und obere
Stratosphäre erreicht. Dort führen diese Wellenflüsse zu einer lokalen Erwärmung
und damit Schwächung des SPV (siehe Darstellung zonal gemittelter zonaler Wind
und Geopotenzial in 10 hPa ab Montag, den 10.11.2020). In der oberen
Stratosphäre etabliert sich im Bereich Nordpazifik dann ein Hochdruckgebiet,
welches den SPV wieder mehr in Richtung Arktis drängt. Andererseits wirkt sich
diese Schwächung des SPV in der erweiterten Mittelfrist (etwa um Mitte November
herum) auf den NAO aus, der wieder Richtung neutral tendiert. Das eröffnet
wiederum Chancen auf mehr großräumige blockierende Verhältnisse im
euro-atlantischen Raum. Die Cluster von IFS-EPS und GEFS (siehe weiter unten)
reagieren darauf mit Varianten für Hochdruckblockaden entweder auf dem östlichen
Nordatlantik oder aber über Skandinavien. Damit bestünde dann eine gewisse
Chance auf meridionales Ausfließen arktischer Luftmassen in Richtung
Mitteleuropa. Aber bis dahin bestehen noch einige Unsicherheiten.

Ein Blick auf den zentralen und östlichen Pazifik zeigt eine sich weiter
verstärkende negative Anomalie der Meeresoberflächentemperaturen (SST), was La
Niña geschuldet ist (derzeit moderate Abweichung).

Ein direkter Einfluss tropischer Systeme auf unser nordhemisphärisches
Wettergeschehen ist jahreszeitlich bedingt kaum mehr auszumachen.

Somit bleibt der Blick auf eine überschaubare Mittelfrist, in der
wettertechnisch in Mitteleuropa unter Hochdruckeinfluss zunächst nicht viel
passiert. Hier nun die einzelnen Tage im Überblick:

Freitag … zeigt sich im Geopotentialfeld 500 hPa eine leicht deformierte
Omegastruktur, die auf der Südwestflanke weiterhin durch das Höhentief vor der
portugiesischen Küste begleitet wird. Im Südosten (östliches Mittelmeer/ Türkei)
ist der andere Treiber des Omegas durch einen diffusen Langwellentrog mit
eingebettetem Bodentief zu finden. Der Schwerpunkt des Bodenhochs verlagert sich
bis zum Mittag über die zentralen Regionen Deutschlands bis nach Tschechien. Die
Temperatur in 850 hPa (5 bis 8, im Norden bis 10 Grad Celsius) steigt weiter an
und sorgt für die Ausbildung einer markanten Inversion am Oberrand der
planetarischen Grenzschicht. Die Folge ist teils zäher Nebel, Hochnebel oder ein
tiefer Stratus (vor allem zwischen Donau und Alpenrand), sonst lockern die
Wolken in den westlichen und mittleren Regionen im Tagesverlauf allmählich auf.
Relativ wenig Sonne erwartet die nördlichen Landesteile. Hier und da fallen auch
ein paar Tropfen heraus. Die Temperaturen steigen leicht an, im Süden und
Südosten bleibt es aber auch am Nachmittag bei längerem Nebel unter 10 Grad. Der
Wind ist anfangs noch an der Ostseeküste mit einzelnen Böen Bft 7 unterwegs,
sonst ist dieser meist schwach und kommt aufgrund der zentralen Hochdrucklage
aus unterschiedlichen Richtungen. Einzig im südwestlichen Bergland sind bei
östlichem bis südöstlichem Wind im Randbereich des Hochs (bei stärkerem
Druckgradient) und somit teils ageostrophisch ebenso zumindest Windböen Bft 7
denkbar (dieser Effekt wird bei der Inversionswetterlage nachts im höheren
Bergland durch einen Low Level-Jet an der Inversion noch verstärkt). In der
Nacht zum Samstag muss vor allem in der Südhälfte wieder mit Frost gerechnet
werden.

Samstag … orientiert sich der Höhenrücken zunehmend mit seinem Schwerpunkt in
Richtung Südpolen. Die Omegalage deformiert sich bzw. schwächt sich durch den
mauen Gegenspieler auf der Südostflanke deutlich ab. Auch am Boden lassen sich
diese Vorgänge nachvollziehen. Damit wird zumindest im Westen und Südwesten
Deutschlands der Weg frei für
leichte Warmluftadvektion, die von dem sich über dem Ostatlantik verstärkenden
Langwellentrog mit eingebetteten Randtiefs bzw. -trögen gesteuert wird, die
winkelförmig über Westeuropa nach Norden geführt werden. Dadurch steigen
einerseits die 850hPa-Temperaturen noch leicht an (meist 8 bis 10 Grad Celsius),
andererseits wird aber durch die leichten Hebungsprozesse auch die Inversion
etwas angehoben und die Durchmischung innerhalb der Grenzschicht etwas
verbessert. Das heißt dann für den Samstag im Tagesverlauf von Westen und
Südwesten deutlich mehr Sonnenanteile. Der Wind spielt keine Rolle, allerdings
kommt in den Alpen leichter Südföhn auf. Auf den Alpengipfeln sind somit
stürmische Böen (Bft 8) möglich. Die Gefahr von Nachtfrost und Nebel sinkt unter
den Wolken.

Sonntag und Montag … greift nun der Langwellentrog über dem Ostatlantik
zunehmend ins Wettergeschehen der Westhälfte ein. Gleichzeitig ziehen
kurzwellige Tröge winkelförmig nordwärts, die am Sonntag und Montag etwa vom
Saarland bis zur Nordsee gelegentlich für etwas Regen sorgen werden. Am Montag
selbst kommt einerseits der Langwellentrog bei deutlicher Wellenverkürzung
langsam weiter nord- bis nordostwärts voran, andererseits baut sich über
Skandinavien auf der Trogvorderseite eines nachrückenden Langwellentroges (LW)
über dem Nordatlantik ein neuer Höhenrücken auf. Die Temperatur in 850 hPa sinkt
mit Ausnahme des Alpenvorlandes (Föhneffekt) auf Werte um 8 Grad Celsius etwas.
Die Tagesmaxima steigen bei insgesamt besserer Durchmischung etwas an. Der Wind
spielt abseits der Alpengipfel (noch stürmische Böen mit Bft 8) keine
maßgebliche Rolle. Insgesamt sind mehr Wolken unterwegs, damit bleibt die
Nachtfrostgefahr gering. Bei Aufklaren kann sich erneut Nebel bilden.

Dienstag…zieht der weiter wellenverkürzte Trog Richtung Nordsee. Gleichzeitig
rückt über dem Nordatlantik der neue markante Langwellentrog nach und verstärkt
die zunehmend negative und blockierende Achsneigung des sich weiter ausweitenden
Höhenrückens von Skandinavien bis nach Grönland. Für das Wetter in Deutschland
bedeutet das weiterhin etwas Regen über der Westhälfte, der sich in der Nacht
auch bis in die Osthälfte ausweiten kann. Die 850 hPa-Temperaturen und auch die
Tagesmaxima ändern sich kaum. Nachts ist es frostfrei. Der Wind frischt an der
Nordsee und in den Hochlagen der Mittelgebirge auf und erreicht steife,
vereinzelt auch stürmische Böen (Bft 7 bi 8).

Für die erweiterte Mittelfrist (11. bis 14./15.November zeichnen sich mögliche
Szenarien (Clusteranalyse GEFS und IFS-EPS) als Folge des schwächelnden SPV (NAO
tendiert zu neutral, damit mehr meridionale Strömungsmuster wahrscheinlich) ab:
Könnte sich über Skandinavien der Höhenrücken festigen und damit den
meridionalen Transport arktischer Luftmassen östlich davon befördern. Das würde
voraussichtlich mit einem Kaltluftausbruch über Osteuropa einhergehen.
Der Höhenrücken kippt mit seiner Achse bzw. verlagert sich mehr in Richtung
nördlicher Ostatlantik. Das würde die Chancen auf einen Kaltluftausbruch in
Richtung Mitteleuropa mit einer denkbaren Nordostlage (zyklonal) erhöhen.
Der Höhenrücken kippt/ bewegt sich durch die Trogentwicklung auf dem Atlantik
progressiv mehr in zonale Richtung, also stromab leicht ostwärts. Das wiederum
würde für Mitteleuropa den Zustrom maritimer Polarluft über den Atlantik
(Nordwestlage) bedeuten, also eher nasskaltes Schmuddelwetter.

Insgesamt nimmt also die Spannung in der erweiterten Mittelfrist deutlich zu,
allerdings ist noch kein bevorzugtes Zirkulationsmuster zu erkennen. Aber, die
Auswirkungen eines zumindest vorübergehend etwas schwächelnden SPV liegen auf
dem Tableau zur weiteren Beobachtung und Diskussion.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die Konsistenz der letzten Läufe kann im Wesentlichen als gut beschrieben
werden. Das überwiegend antizyklonale Muster für Mitteleuropa während des
Mittelfristzeitraums ist unstrittig und wird auch von den Vorläufen ähnlich
gezeigt. Interessanter wird die Orientierung des Rückens ab dem Wochenende, die
Verlagerung des Langwellentroges samt Randtröge von Südwesteuropa nord- bis
nordostwärts sowie die Aufwölbung des neuen Höhenrückens über Skandinavien.
Ebenso hat der nachrückende Langwellentrog auf dem Nordatlantik Einfluss auf
Ausrichtung und Progressivität des neuen Höhenrückens, der sich Anfang der
nächsten Woche von Skandinavien bis in die Arktis bzw. nach Grönland erstrecken
soll. Für Deutschland hat dies voraussichtlich in der erweiterten Mittelfrist
unmittelbare Folgen.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Die verschiedenen Globalmodelle simulieren die synoptischen Basisfelder bis zum
Ende der Woche im Wesentlichen einheitlich. Zum Montag werden die Unsicherheiten
etwas größer, wenngleich die Wahrscheinlichkeit für eine insgesamt noch
antizyklonal geprägte Wetterlage in Deutschland weiterhin recht hoch ist. Den
leicht zyklonalen Einfluss im Westen ab Sonntag sehen aber alle drei
Globalmodelle (IFS, GFS, ICON) ähnlich.
Zur Wochenmitte hin nehmen die Unsicherheiten und Streuungen zwischen den
Modellen deutlich zu.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

EPS:
Die Rauchfahnen für repräsentative Orte in Deutschland zeigen zunächst ein sehr
einheitliches Bild. Der Geopotenzialanstieg erreicht seinen Höhepunkt am Freitag
bzw. im Süden am Samstag erreichen. Mit diesem in direkter Abhängigkeit steht
kräftige Warmluftadvektion in 850 hPa, wobei sich aber im November die Werte von
bis zu 10 Grad in den bodennahen Schichten nicht entsprechend auswirken werden.
Am und nach dem Wochenende folgt
dann ein sukzessiver Geopotenzialabbau, der sich auch bei der
Luftmassentemperatur wiederfinden lässt. Die Niederschlagsneigung steigt erst
zum Ende des Mittelfristzeitraum verbreiteter an.

CLUSTER IFS-EPS:
+120 … +168h: Es liegt ein Cluster vor, das zunächst für Mitteleuropa durch
den sich modifizierenden Rücken über Mittel- und Südosteuropa und dem sich neu
aufbauenden Rücken über dem Ostatlantik/ Skandinavien geprägt ist, also
Blocking). Schön zu sehen ist die Verlagerung und Modifikation des Troges über
Südwest- und Westeuropa. Zum Ende ist die markante Austrogung des neuen
LW-Troges über dem Atlantik erkennbar (damit einhergehend Deformation des
beschriebenen Höhenrückens über Skandinavien).

+192 … +240h: Es verbleibt ein Cluster mit erneut hohem Geopotenzial etwa vom
östlichen Mitteleuropa über Skandinavien bis zur Arktis/ Grönland. Flankiert
wird dieser Höhenrücken vom Langwellentrog über dem Atlantik sowie tiefem
Geopotenzial über Osteuropa.

Daraus ergeben sich die weiter oben beschriebenen Szenarien für die erweiterte
Mittelfrist.

Die hier beschriebenen Clusterlösungen des IFS-EPS werden in ähnlicher Lesart
auch von GEFS getragen.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Signifikante Wettererscheinungen werden im Mittelfristzeitraum nicht erwartet.

Basis für Mittelfristvorhersage
GEFS, IFS-EPS, ICON, MOSMIX

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Dr. Jens Bonewitz