SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST ausgegeben am Dienstag, den 27.10.2020 um 18 UTC

SXEU31 DWAV 271800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 27.10.2020 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Fortdauer der wechselhaften und weitgehend zyklonal geprägten Witterung bei
steigenden Temperaturen.

Synoptische Entwicklung bis Freitag 12 UTC

Aktuell … zeichnet sich die Großwetterlage durch eine enorme Wechselhaftigkeit
aus. Ein „System“ jagt das nächste, wobei aber die steuernde Strömung bei uns
hier in Mitteleuropa meist nur mäßig ausgeprägt ist, so dass unter dem Strich
keine allzu große Hektik ausbricht.
Schauen wir auf die aktuelle Druck- und Potenzialverteilung, fällt
selbstverständlich erst mal das Monumentaltief süd-südwestlich von Island ins
Auge. Es handelt sich um ein Orkantief der feineren Sorte, das seinen Höhepunkt
von etwas unter 945 hPa!! Kerndruck aber schon überschritten hat. Es füllt sich
allmählich auf, so dass morgen früh „nur noch“ rund 955 hPa auf der Karte
stehen. Hervorgegangen ist das Tief übrigens aus dem ehemaligen Hurrikan EPSILON
(daher auch der offizielle Name Ex-EPSILON). Ex-EPSILON verändert seine Position
nur noch unwesentlich, was ihn zunehmend in die Rolle eines steuernden
Zentraltiefs hievt. Dabei pumpt das Tief auf seiner Vorderseite reichlich
Warmluft nach Norden, wodurch ein flacher Rücken entstanden ist, der den
Vorhersageraum in der Nacht zum Mittwoch ost-nordostwärts überquert.
Von großartigem Zwischenhocheinfluss kann allerdings nicht die Rede sein. Zum
einen wird der Rücken wie so oft von kräftiger WLA überlaufen, zum anderen
greift relativ zügig das okkludierende Frontensystem auf unser Land über. Da
nutzt es auch nichts, dass sich am Okklusionspunkt ein kleines Teiltief bildet,
das morgen früh knapp westlich von Südnorwegen zu finden sein wird. Im
Gegenteil, die Schubkomponente wird eher noch etwas verstärkt, so dass es nicht
weiter verwundert, dass die Okklusion um 06 UTC bis zu einer Linie
Rügen-Bodensee vorankommt.
Mit der Front kommt auch der Regen, der sich auf weite Landesteile ausbreitet,
dabei aber nicht allzu kräftig ausfällt (meist unter 5 l/qm innert 12h, nur in
Staulagen Westdeutschlands lokal etwas mehr). Ein Grund für die limitierte
Intensität ist die auf die WLA rasch folgende mitteltroposphärische KLA, die
stark dämpfend auf großräumige Hebungsprozesse wirkt. Weitgehend ausgespart vom
Regen bleiben der Südosten und Osten, etwa von Oberbayern hoch nach Vorpommern.
Am Alpenrand sowie in Teilen des Alpenvorlands und Niederbayerns kühlt es bei
längerer Wolkenarmut gar bis in den leichten Frostbereich ab, außerdem kann sich
vornehmlich um die untere Donau herum gebietsweise Nebel bilden.
Noch zum Wind, der mit Annäherung respektive Passage der Front und damit
einhergehender Druckgradientverschärfung an Fahrt aufnimmt. Spürbar wird das vor
allem in höheren Lagen (Ausnahme Alpen, ostbayerische Mittelgebirge) sowie im
Lee der westdeutschen Mittelgebirge, wo es in Böen für Stärke 7-8 Bft, exponiert
9 Bft, auf dem Brocken 10-11 Bft aus Süd bis Südwest reicht. Auch an und auf der
Nordsee gibt der Wind ordentlich Gummi mit Böen 8-9 Bft, während die Ostsee
deutlich glimpflicher davonkommt (ablandiger Wind, geringerer Gradient).
Gedämpft fällt die Windverschärfung auch in tiefen Lagen bzw. dem Flachland aus.
Lediglich in Teilen West- und Nordwestdeutschlands wird hier und da die Marke
von 7 Bft mal kurzzeitig gerissen. Hinter der Front fächert der Gradient etwas
auf und der Wind lässt wieder nach.

Mittwoch … wird die Okklusion mit den leichten Regenfällen relativ zügig nach
Osten durchgewunken, während das zugehörige Teiltief (mit Ex-EPSILON II
tituliert) über das Seegebiet Viking auf das norwegische Svinöy zuzieht.
Postfrontal strömt erwärmte Meeresluft subpolaren Ursprungs heran (T850 0 bis
5°C), in der die Wolkendecke mitunter auflockert und die
Schauerwahrscheinlichkeit mangels Labilität gering bleibt.
Das ändert sich allerdings im Laufe des Tages, wenn nämlich von Westen her ein
breiter, aber nur wenig amplifizierter Höhentrog nebst korrespondierendem
Bodentrog auf uns zusteuert. Insbesondere im Nordwesten wird die Luftmasse
gesamttroposphärisch abgekühlt (T850 +1°C, T500 um
-27°C), was unter dem Strich mit einer Labilisierung (teils bis 450 hPa
hinaufreichend) einhergeht. Kurzwellige Anteile, die vorn aus dem Haupttrog
hinauslaufen sowie zunehmende PVA liefern ausreichend Hebungsimpulse, um von der
Nordsee und SH über das westliche NDS bis in den Westen NRWs konvektive
Umlagerungen bzw. schauerartigen Regen zu induzieren. Bei gut ausgeprägter
Scherung kann die Konvektion durchaus linienhaft organisiert sein (vor allem
über der Nordsee) und nicht nur Schauer, sondern auch vereinzelte Gewitter mit
Böen 7-8 Bft hervorbringen.
Ansonsten gilt es noch festzuhalten, dass der südliche bis südwestliche Wind
nach einer nur kurzen postfrontalen Pause mit Annäherung des Troges sowie
Unterstützung des Tagesgangs wieder etwas zulegt. An und auf der Nordsee sowie
in höheren Lagen bedeutet das Böen 7-8 Bft, exponierte Hochlagen 9 Bft, auf dem
Brocken zum Abend hin auch wieder 10 Bft. In tiefen Lagen liegen die Böen meist
unter der 7-Bft-Schwelle. Nur in Schauer- und Gewitternähe sind ab dem
Nachmittag im Westen und Nordwesten Böen 7-8 Bft denkbar.
Thermisch betrachtet wird es bei guter Durchmischung ein vergleichsweise milder
Endoktobertag mit Tageshöchstwerten von 10 bis 15°C, im Südwesten stellenweise
etwas darüber.

In der Nacht zum Donnerstag greifen der breite Höhentrog sowie der
korrespondierende Bodentrog auf den Vorhersageraum über, wobei der Höhentrog
etwas an Amplitude zulegt. Die von ihm ausgelösten schauerartigen und mit
einzelnen Gewittern (Norden/Mitte) durchsetzten Regenfälle breiten sich zügig
von West nach Ost aus, so dass bis zum Morgen kaum eine Region nicht mindestens
ein paar Tropfen abbekommen hat. Am ehesten trocken bleibt es im Lee einiger
Mittelgebirge, während auf der Luvseite bis zu 10 l/qm, lokal auch ein paar
Millimeter mehr fallen können.
Mit Durchgang des Bodentroges frischt der durchweg auf glatt Südwest drehende
Wind auf, was in tiefen Lagen wahrscheinlich aber nur in Verbindung mit Schauern
(Gewittern) zu ein paar steifen Böen 7 Bft reicht. Prominent dabei bleiben die
Höhenlagen bzw. höher gelegene freie Lagen (z.B. Hochebenen) mit Böen 7-8 Bft,
exponiert 9 Bft, Brocken und Hochschwarzwald 10 Bft. Und auch die Nordsee
„bringt“ es noch zu Böen 7-8 Bft, während die Ostsee auf diesem Sektor weiterhin
dem Nachbarrandmeer hinterherhinkt.
Angesichts allgemein guter Durchmischung sowie einem Überangebot an Bewölkung
sind weder Frost noch Nebel ein Thema.

Donnerstag … schwenken die beiden Tröge rasch ostwärts über Deutschland
hinweg. In der mit zonaler Strömung einfließenden erwärmten subpolaren
Meeresluft (T850 0 bis 3°C) kommt es vor allem im Osten und Süden sowie in
Küstennähe zunächst noch zu Schauern bzw. schauerartigem Regen, im Nordosten
evtl. zu kurzen Gewittern. Unmittelbar an den Alpen kann es nach Trogpassage
einige Stunden am Stück regnen, in Lagen oberhalb etwa 1600 m schneien.
Für die weitere Entwicklung gilt es seine Augen auf den nahen Ostatlantik zu
richten, wo ein gut ausgeprägtes Wellentief am Firmament auftaucht, das mit
einem Kerndruck von 980 hPa zur Mittagszeit rund 400 km nordwestlich von der
Nordküste Irlands entfernt liegt. Gesteuert wird das Tief von Ex-EPSILON, das
sich inzwischen nach Westen zurückgezogen hat und zur gleichen Zeit
west-südwestlich Islands am Südrand der Irminger See liegt. Zwar hat Ex-EPSILON
an Substanz eingebüßt, mit etwa 970 hPa im Kern ist es aber immer noch kräftig
genug, um nicht nur steuernde Fähigkeiten aufzubieten. Es zapft zudem Kaltluft
aus dem grönländischen Raum bzw. der Labradorsee an, wodurch es mitten über dem
Atlantik zu einer Austrogung kommt. Vorderseitig kräftige und weit nach Osten
ausgreifende WLA lässt über Westeuropa einen Rücken entstehen, der in der Nacht
zum Freitag auf die Nordsee übergreift.
So weit, so schön, weniger der Rücken als vielmehr die kräftige WLA auf der
Vorderseite der Warmfront des Wellentiefs drücken dem Wetter bei uns ihren
Stempel auf, so dass die anfangs schauerartigen Niederschläge alsbald und ohne
große Pause in skaligen respektive stratiformen Regen übergehen, der sich von
Frankreich und BeLux auf Süd- und Westdeutschland sowie Teile der Mitte
ausbreitet. Akkumuliert über 12 h können dabei bis zu 10 l/qm, in Staulagen
lokal etwas mehr zusammenkommen. Im Weststau des Allgäus signalisiert ICON sogar
mehr als 25 l/qm, was extern aber nicht bestätigt wird.
Der kurzzeitig auf fast glatt West, später wieder auf Südwest drehende Wind
frischt vorübergehend auf mit Böen 7-8 Bft an der See sowie im höheren Bergland,
während in tiefen Lagen 7er-Böen am ehesten in einigen Leelagen sowie hier und
da in der Norddeutschen Tiefebene auftreten. Mit Annäherung der Warmfront bzw.
Übergreifen der kräftigen WLA nimmt der Wind am Nachmittag und Abend von Westen
her vorübergehend ab. Temperaturmäßig ändert sich nicht allzu viel gegenüber dem
Vortag.

In der Nacht zum Freitag wölbt sich der o.e. Rücken über der Nordsee etwas auf,
was bei uns die Höhenströmung auf Nordwest drehen lässt. Damit wird das
Vorankommen der auf Deutschland übergreifenden Warmfront in Richtung Nordosten
zwar verlangsamt, aber nicht aufgehalten. Kurzum, die stratiformen Regenfälle
breiten sich nordostwärts aus. Bedingt durch den hohen Wasserdampfgehalt der
Warmluft (PPW vielfach über 25 mm, im Nordwesten teils über 30 mm; Anstieg T850
auf 4 bis 8°C) sowie der andauernd kräftigen WLA schüttet es gebietsweise ganz
ordentlich. Wo genau dabei allerdings der Schwerpunkt liegt, wird derzeit von
den Modellen noch unterschiedlich angegangen. ICON von 12 UTC favorisiert Ober-
und Niederbayern mit bis zu 25 l/qm, in Staulagen etwas darüber. IFS von 00 UTC
sieht Nordwestdeutschland vorn mit punktuell bis zu 20 l/qm (also dort, wo die
Luft am feuchtesten ist), GFS von 06 UTC ist allgemein defensiver aufgestellt.
Unabhängig vom Niederschlag verschärft sich der Gradient im Warmsektor des zu
den Färöers ziehenden Wellentiefs, was den Südwestwind dazu bewegt, wieder etwas
mehr aus dem Sattel zu gehen. Allerdings bleibt die Windzunahme aufgrund der
zunehmend stabilen Schichtung im Wesentlichen auf die Hochlagen sowie einige
Leegebiete beschränkt mit Böen 7-8 Bft, exponierte Kamm-, Kuppen- und
Gipfellagen 9 (10) Bft. Selbst auf der Nordsee dürfte Windstärke 7 Bft nicht
überschritten werden.
Dass eine Nacht mit derartigen Rahmenbedingungen nicht überbordend kalt wird,
ist evident. In der Westhälfte jedenfalls liegen die Tiefstwerte nicht selten im
zweistelligen Bereich.

Freitag … greift der sich weiter amplifizierende Höhenrücken langsam auf
Deutschland über, was von Süden her den Luftdruck ansteigen lässt. Derweil
schleicht sich die Warmfront mehr schlecht als recht über den Nordosten Richtung
Ostsee bzw. Polen, was den gesamten Vorhersageraum schlussendlich in einen
breiten und vor allem nach Süden hin antizyklonal konturierten Warmsektor
bringt. Die Kaltfront bleibt weit draußen über der Nordsee und wird durch eine
Neutiefbildung west-südwestlich von Irland auch nicht gerade zur Progression
animiert.
Letztlich fällt im Osten und Nordosten länger andauernder, teils mäßiger Regen
(gebietsweise 10 bis 20 l/qm in den östlichen Landesteilen), während es sonst
von Westen und Süden her mehr und mehr abtrocknet. Dabei lockert die Wolkendecke
hier und da auf, in den südlichen Regionen Bayerns und BWs bestehen sogar
Chancen auf längeren Sonnenschein. Es wird alles andere als kalt, 11 bis 16°C,
im Westen und Südwesten bis zu 18°C können sich für einen 30. Oktober absolut
sehen lassen.
Der Südwestwind frischt an der Nordsee (7 Bft) sowie in höheren Lagen (7-8 Bft)
merklich auf, bewegt sich sonst aber in moderaten Bahnen.

Modellvergleich und -einschätzung

Die Modelle simulieren sehr ähnlich. Hauptunterschiede liegen in der Intensität
und genauen räumlichen Verteilung der Niederschläge. Nicht ausgeschlossen, dass
in irgendwelchen Staulagen mal eine Dauerregenwarnung fällig wird, aufdrängen
tut sich das derzeit aber nicht.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann