SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST

SXEU31 DWAV 151800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 15.09.2020 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
An den Küsten auflebender Wind um Nord mit steifen, exponiert auch stürmischen
Böen. Im Westen und Südosten einzelne starke Gewitter möglich.

Synoptische Entwicklung bis Freitag 12 UTC

Aktuell … ist die Strömung in 500 hPa über Europa geprägt durch einen
markanten Höhenrücken über Mittel- und Osteuropa, wobei das korrespondierende
Bodenhoch im Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Rumänien auszumachen ist. Der
Rücken schwächt sich allmählich ab. Da auch über Frankreich das Geopotential
sinkt, bleibt zum Morgen als Residuum des Rückens eine Geopotentialzunge
bestehen, die sich in einem weiten Bogen vom Schwarzen Meer über die Ukraine und
Südpolen bis in den Südwesten Deutschlands erstreckt. Damit gelangt der Norden
zunehmend auf die Vorderseite eines Langwellentroges, dessen Achse, vom
Nordatlantik kommend, ausgangs der Nacht die norwegische Küste erreicht.
Trogvorderseitig (und entwicklungsgünstig im Lee der Skanden) intensiviert sich
ein kleinräumiges Tief. Dieses erreicht zum Morgen Mittelschweden, wobei sein
Kerndruck von knapp unter 1015 hPa auf unter 1005 hPa sinkt. Auf seiner
Rückseite (und damit auch auf der Vorderseite eines sich im Seegebiet zwischen
Island und Schottland intensivierenden Hochs) wird die Frontalzone in Form einer
Kaltfront nach Süden gedrückt, sie kommt ausgangs der Nacht bis in den Bereich
der nördlichen Nordsee voran. Damit bleibt Deutschland im Bereich sehr warmer
subtropischer Luftmassen, zum Datumswechsel liegen die Temperaturen in 850 hPa
zwischen 15 und 18 Grad. Die Luftdruckgegensätze sind insgesamt gering, im
Norden und Nordwesten dreht der Wind mit Übergreifen einer vom Tief ausgehenden
schwachen Rinne auf westliche bis nordwestliche Richtungen und lebt an der See
geringfügig auf, ohne dabei auch nur annähernd Warnrelevanz zu zeigen. In der
einsickernden feuchteren Nordseeluft steigt die Nebel- und Hochnebelneigung
etwas, auch im Südosten sind gebietsweise Nebel- und Hochnebelfelder zu
erwarten. Sonst gibt es nur etwas Cirrus und eine geringe Wahrscheinlichkeit für
Nebel.

Mittwoch … wandert der Trog über Skandinavien nach Osten und das entsprechende
Tief unter Intensivierung nach Finnland. Die bis dato wetterbestimmende
Hochdruckzone entfernt sich unter Abschwächung nach Südwestrussland bzw. zur
östlichen Ukraine. Dafür kräftigt sich das Hoch über dem Nordatlantik weiter,
was dem Absinken auf der Vorderseite eines Höhenrückens westlich von Island
geschuldet ist. Dabei verlagert das Hoch seinen Schwerpunkt etwas nach Südosten.
Zwischen dem Hoch über dem Nordatlantik und dem Tief über Finnland gelangt mit
nördlicher Strömung in Form der o.e. Kaltfront kühlere Luft nach Süden. Sie
erfasst nachmittags den äußersten Norden, am Abend verläuft sie etwa auf einer
Linie Vorpommern – Emsland. Die Kaltfront zeigt sich wenig wetteraktiv, da die
beteiligten Luftmassen trocken sind und der Tiefausläufer von Kaltluftadvektion
überlaufen wird. Entsprechend simulieren die meisten Modelle praktisch keinen
Regen an der Front. Allerdings lebt mit der Front der nördliche bis
nordwestliche Wind auf, an den Küsten können steife Böen auftreten, auch
einzelne stürmische Böen sind exponiert möglich. Außerdem sinken die
Temperaturen, zum Abend sollen die 850er-Werte im Norden nur noch bei 11 Grad
liegen, während sie im Süden bei bis zu 17 Grad verharren (was Höchstwerte
zwischen etwa 20 Grad an den Küsten und bis 32 Grad im Westen bedeuten könnte).
Präfrontal kann sich etwas Cape aufbauen, wobei die höchsten Werte im Westen
(etwa von der Eifel und dem Niederrhein bis zum Rothaargebirge) und im Süden
(südliches Baden-Württemberg und Bayern) simuliert werden. Dabei liegen bei
COSMO-D2 wie auch bei ICON-EU die Spitzen lokal um 1500 J/kg. Da die flache
Rinne, die am Vortag den Nordwesten erreicht hat, nunmehr über uns nach Osten
schwenkt und auch im 850-hPa- und 500-hPa-Niveau Trogstrukturen erkennbar sind,
resultiert über Mitteleuropa auch leichte Hebung. Dennoch wird es schwer mit der
Auslöse; die Luftmasse ist stark abgetrocknet und der Deckel ist durch das
vorherige Absinken noch ziemlich stark. Vor allem die hochauflösenden Modelle
(COSMO-D2 und EURO4) deuten aber über dem Westen die Möglichkeit einzelner
Gewitterzellen an, ab den Abendstunden und in der Nacht zum Donnerstag auch im
Südosten. Bei PPW-Werten bis knapp 30 mm und geringer Scherung sollte es sich
maximal um markante Entwicklungen mit kleinem Hagel, Starkregen und stürmische
Böen oder Sturmböen handeln. Unwetter sind bei geringer Zuggeschwindigkeit der
Zellen nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich.

In der Nacht zum Donnerstag drängt das Hoch allmählich in die Nordsee hinein und
die Kaltfront des Tiefs über Südfinnland kommt bis etwa nach Rheinhessen und an
den Main voran. Durch einen kurzwelligen 850er-Trog und leichte Frontogenese
werden von einigen Modellen an der Kaltfront auch leichte skalige Regenfälle
angedeutet, vor allem in Mitteldeutschland (ICON und EZMW, laut GFS auch weiter
westlich). Die Gewitter im Westen oder Südwesten, so denn welche da waren, sind
bald Geschichte, die mögliche Konvektion im Südosten könnte länger durchhalten,
da sie von einem Höhentief über der Adria gestützt wird und eventuell in
schauerartigen Regen übergeht. Postfrontal fließt in den Norden trocknere Luft
subpolaren Ursprungs ein. Die 850er Temperaturen sinken in Vorpommern auf Werte
um 3 Grad, während die entsprechenden Werten in Südwesten sich noch um 15 Grad
halten. Die 10-Grad-Isotherme verläuft in etwa deckungsgleich mit der Kaltfront.
Durch massives Absinken über dem Norden lockert die Bewölkung dort auf und die
Temperatur sinkt auf einstellige Werte. Für Bodenfrost wird es wohl nicht
reichen, Mos Mix ist aber mit Minima um 2 Grad nicht weit entfernt davon. In
Gipfellagen nördlich des Mains sind einzelne steife Böen nicht ausgeschlossen.
An der See weht der Wind weiterhin stark böig, er dreht dabei nach Nord bis
Nordost. ICON hat an der Ostsee sogar einzelne Bft 8 im Programm, meist sollte
es aber bei 7er Böen bleiben. Im Verlauf der Nacht lässt der Wind an den Küsten
von Westen her nach.

Donnerstag … zieht der Trog mit dem zugehörigen Tiefdruckgebiet rasch nach
Nordosteuropa ab. Es folgt ein ausgeprägter Höhenkeil, der von der Nordsee nach
Lappland gerichtet ist. An der Südostflanke des zugehörigen Nordsee-Bodenhochs,
das einen kräftigen Keil über den Osten Deutschlands hinweg nach Südpolen und
ins Böhmische Becken ausgreifen lässt, stellt sich zumeist eine Nordost- bis
Nordströmung bei uns ein. Mit ihr fließt kühle und sehr trockene Luft in den
Norden und Osten ein. Durch diese Entwicklung kommt die Kaltfront noch etwas
nach Süden voran, sie erreicht etwa Niederbayern, Nordschwaben und Nordbaden.
Der Süden und Südwesten befinden sich somit weiter im Bereich der „alten“
subtropischen Luftmasse mit 850-hPa-Temperaturen bis 15 Grad an Ober- und
Hochrhein. Dem gegenüber setzt über dem Nordosten eine Erwärmung ein, zum Abend
liegen die 850-hPa-Temperaturen in Vorpommern schon wieder um 7 Grad, und die
10-Grad-Isotherme verläuft etwa vom Vogtland bis zur Emsmündung. Somit schwächt
sich die Kaltfront im thermischen Feld etwas ab. Im Süden kann sich präfrontal
erneut etwas Cape aufbauen und es sind, mit orografischer Unterstützung,
weitere, wenig ergiebige konvektive Niederschläge möglich, die nunmehr von der
Mehrheit der Modelle angeboten werden, wenn auch in unterschiedlicher regionaler
Verteilung (so sind die Schauer und Gewitter bei ICON auf den Alpenrand
beschränkt, bei EZMW betreffen sie weite Teile des Südostens). Auch einzelne
Gewitter sind wohl nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. Der Gradient
über dem Norden fächert weiter auf, warnwürdige Böen stehen nicht mehr auf der
Tagesordnung. Die Luft erwärmt sich im Norden auf 17 bis 21 Grad, sonst liegen
die Temperaturen, trotz leichten Rückgangs im Vergleich zum Vortag, weiter auf
warmen Level mit 20 bis 28 Grad.

In der Nacht zum Freitag halten sich im Süden ein paar Wolken in feuchterer
Luft, die Schauer klingen ab. Sonst klart es verbreitet auf. Im Norden und Osten
sinken die Temperaturen gebietsweise auf Werte um 4 Grad. Insbesondere im
Bereich der Divergenzachse des Hochkeils, also von der Nordsee bis zur Neiße,
ist am Erdboden leichter Frost und auch Nebel möglich. Nebel ist auch im Süden
ein Thema. Dort bleibt es aber mit Tiefstwerten zwischen 12 und 7 Grad milder.

Freitag … wölbt sich der Höhenrücken anfangs vom westlichen Mittelmeer über
die Nordsee bis zur Kola-Halbinsel. Er verlagert sich am Tage und in der Nacht
über Deutschland hinweg nach Osten. Dadurch verschiebt sich auch der Schwerpunkt
des Bodenhochs weiter ostwärts von Norddeutschland ins Riesengebirge, er bleibt
aber über eine schmale Hochdruckbrücke mit einem größeren Hoch über dem
Nordatlantik verbunden. Da die Brücke über Schleswig-Holstein hinweg verläuft,
dreht bei uns die Strömung auf Süd bis Südost und unter antizyklonalem Einfluss
wird wieder etwas wärmere Luft herangeführt. Die 10-Grad-Isotherme in 850 hPa
erreicht bis zum Abend die Nord- und Ostsee. Der Tag ist daher meist sonnig und
trocken und im Südwesten sind erneut sommerliche Werte über 25 Grad zu erwarten,
während die Maxima im Norden um 20 Grad liegen. Nachts liegen die Minima
zwischen 11 und 3 Grad mit lokaler Bodenfrostgefahr.

Modellvergleich und -einschätzung

Die Modelle simulieren die Abläufe der kommenden Tage recht ähnlich.
Warnrelevante Unterschiede ergeben sich insbesondere bezüglich der Verteilung
der potentiellen Gewitter am Mittwoch, wobei deren Intensität aber wiederum sehr
einheitlich beurteilt wird.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Martin Jonas