SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST

SXEU31 DWAV 271800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 27.08.2020 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Vereinzelt Windböen. Einzelne Gewitter, vor allem im Westen und Nordwesten und
im Frontbereich. Im Süden ab der Nacht zum Samstag beginnende Dauerregenlage, im
Allgäu Unwetter.

Synoptische Entwicklung bis Sonntag 12 UTC

Aktuell … befindet sich Deutschland im Bereich einer relativ glatt
konturierten westlichen bis leicht nordwestlichen Höhenströmung. Westlich des
Vorhersagegebietes greift ein Langwellentrog vom nahen Ostatlantik auf die
Britischen Inseln über. Bedingt durch Warmluftadvektion wölbt sich vorderseitig
des Troges ein Höhenrücken auf, dessen Achse rasch von der Nordsee über
Deutschland hinweg schwenkt. Dabei stützt der Rücken einen Bodenhochkeil, der
sich ebenfalls über Deutschland hinweg ostwärts verlagert. Zwischen diesem
Bodenhochkeil und dem von Lettgallen in Richtung der Waldaihöhen abziehenden
ehemaligen Sturmtief KIRSTEN findet sich noch ein einigermaßen passabler
Luftdruckgradient, sodass es anfangs an der vorpommerschen Küste noch einzelne
steife Böen aus nordwestlicher Richtung geben kann. Diese sind dann allerdings
alsbald passé.
In der Nacht zum Freitag erreicht die Achse des Rückens das östliche
Mitteleuropa und wir gelangen auf die Trogvorderseite. Das mit dem
Langwellentrog korrespondierende Tief über den Britischen Inseln nimmt zunehmend
elliptische Form an und weist zum Morgen zwei Kerne (Kerndruck etwas unter 1000
hPa) auf: einen über Wales bzw. der Cardigan Bay und einen über der
südwestlichen Nordsee bzw. Dogger. Die zugehörige, teilweise okkludierte
Kaltfront greift in der zweiten Nachthälfte auf den Westen und Nordwesten über.
Bereits präfrontal regnet es, im Frontumfeld auch schauerartig verstärkt. Nach
Westen, zum Morgen auch nach Südwesten hin sind einzelne Gewitter nicht
ausgeschlossen, wird doch etwas MU-CAPE (50 bis maximal 200 J/kg) simuliert und
die frontale Hebung zusätzlich durch etwas PVA unterstützt. Jedoch zeigen
abgesehen von COSMO-D2 die weiteren hochauflösenden Modelle keine Hinweise
darauf. Aufgrund zunehmend höhenströmungsparalleler Lage kommt die Kaltfront vor
allem im Süden kaum noch voran, sodass es südlich der Donau trocken bleibt. Auch
im Nordosten kommen die Niederschläge noch nicht an. Dort, wo die Nacht mit
aufgelockerter Bewölkung einhergeht, gehen die Minima teils in den (oberen)
einstelligen Bereich zurück, sonst bleibt es mit 16 bis 11 Grad milder.
Erwähnenswert ist noch der Wind, der mit Frontannäherung in der Deutschen Bucht
mit steifen Böen auffrischt. Ob es neben Helgoland tatsächlich für Windwarnungen
auf den Nordseeinseln reicht, bleibt wegen der südöstlichen und somit ablandigen
Windrichtung abzuwarten. Ansonsten springen nur einige Mittelgebirgsgipfel
(Feldberg, Brocken, Ochsenkopf) mit einzelnen stürmischen Böen an, was
wahrscheinlich nicht mit einer Warnung bedacht werden muss.

Freitag … weitet sich der Trog nach Südwesten aus, kommt aber kaum ostwärts
voran. So erreicht sein Drehzentrum abends die ostenglische Küste. Damit
einhergehend steilt die südwestliche Höhenströmung hierzulande noch etwas auf
und wird leicht diffluent. Auch das korrespondierende Bodentief (im Tagesverlauf
alsbald nur ein Kern) bleibt quasistationär, vertieft sich aber noch
geringfügig. Die Kaltfront bleibt weiterhin höhenströmungsparallel und gerät
damit über Süddeutschland ins Schleifen. Im Bereich der Front gibt es
gebietsweise schauerartige Regenfälle, bei denen vereinzelt die Schwelle zum
mehrstündigen Starkregen überschritten werden kann. Hinweise darauf liefern vor
allem ICON, EURO4 und COSMO-D2 relativ deckungsgleich für den Südwesten
Baden-Württembergs. Die (DWD-) Probabilistik unterstützt dies mit
Wahrscheinlichkeiten von knapp 30 % für mehr als 20 mm innerhalb von sechs
Stunden. Etwas CAPE wird an der Front zumindest gebietsweise simuliert, sodass
eingelagerte Gewitter nicht auszuschließen sind. Das wird auch von den
hochauflösenden Modellen gezeigt, wobei SuperHD am offensivsten ist. Apropos
Gewitter: Postfrontal gelangt erwärmte Meeresluft Meeresluft (T850 zwischen 7
und knapp 11 °C) in den Norden und Westen. Diese ist durch die Einsteuerung
höhenkälterer Luftmassen (T500 zwischen -16 und -20 °C) zunehmend labil
geschichtet. Somit entwickeln sich dort bei ML-CAPE-Werten bis rund 500 J/kg
Schauer und auch Gewitter. Als Begleiterscheinungen lassen sich dabei Starkregen
um 15 bis 20 mm in kurzer Zeit (PPW-Werte um 25 mm), kleinkörniger Hagel bzw.
Graupel und stürmische Böen aufführen. Sollte es auch im Gebiet mit erhöhter
Scherung (Eifel bis Ostniedersachsen) Gewitter geben, sind Sturmböen nicht
auszuschließen. In den präfrontalen Bereich gelangt noch einmal ein Schwall
wärmerer Luft (T850 10 bis 15 °C), allerdings sollte es dort ziemlich stark
bewölkt sein und kaum CAPE aufgebaut werden können, wodurch Gewitter
unwahrscheinlich erscheinen. In einem breiten Streifen zwischen der Front und
den Schauern im Westen und Norden – sprich in etwa von Rheinland-Pfalz und dem
Saarland bis nach Brandenburg passiert wettertechnisch relativ wenig. Insgesamt
gesehen bewegen sich die Höchstwerte zwischen 18 und 24 Grad, in der Lausitz
kann mit knapp über 25 Grad evtl. auch noch einmal ein Sommertag erreicht
werden. Anzusprechen wäre darüber hinaus noch der Wind, der im Umfeld der
Kaltfront zeit- und gebietsweise mit steifen Böen aus Südwest auffrischen kann,
am ehesten dürften die bei Südwestwind anfälligen Lagen anspringen. Auf
exponierten Gipfeln wie beispielsweise dem Feldberg im Schwarzwald oder dem
Ochsenkopf im Fichtelgebirge kann es zu einzelnen 8er, auf dem Brocken auch mal
zu einer 9er Böe reichen.
In der Nacht zum Samstag weitet sich der Höhentrog bis zur Iberischen Halbinsel
aus, was seine Ostprogression behindert. Gleichwohl erstreckt sich das Gebiet
seiner Drehzentren von der Themsemündung bis nach Seeland. Die schleifende
Kaltfront kommt allmählich südostwärts voran und erreicht schließlich die Alpen.
Durch eine Tiefentwicklung über Oberitalien stellt sich eine Gegenstromlage ein,
wodurch sich die Niederschläge intensivieren. Sowohl von der Deterministik als
auch von der Probabilistik gibt es erste deutlichere Hinweise auf
Stark-/Dauerregen, wobei die Regionalität noch nicht ganz klar ist (Allgäu oder
Alpen). Im Nordwesten und Norden gibt es bedingt durch die Nähe zum Trog bzw. im
Dunstkreis des sich kaum auffüllenden Tiefs weitere Schauer, Gewitter sind aber
wahrscheinlich auf den Wasserflächen der Nord- und Ostsee begrenzt, wo die
diabatische Komponente (unsere Hausmeere haben immerhin noch um die 20 °C
Oberflächentemperatur) unterstützend wirkt. Sonst passiert nicht viel, teilweise
zeigen sich größere Wolkenlücken. Die Temperatur geht auf Werte zwischen 14 und
8 Grad zurück, lediglich an der Nordsee und in der Lausitz bleibt es noch etwas
milder.

Samstag … weitet sich der Trog noch weiter nach Süden aus, wobei seine Achse
abends vom Nordpolarmeer über die Nordsee und Westeuropa hinweg bis zum
Alboránmeer reicht. Als Drehzentrum lässt sich die Region Westflandern
ausmachen. Das Bodentief weist im Tagesverlauf Kerne auf (über der westlichen
Nordsee, über dem Kattegat und nördlich von Öland) und nimmt mehr und mehr
Rinnenstruktur an. Das nach wie vor schleifende bzw. wellende Frontensystem
verläuft in etwa von Tschechien über Oberösterreich und den zentralen Alpenraum
bis zu den Balearen. Bedingt durch die Ausbildung eines flachen und schmalen
Hochkeils über Süddeutschland verstärkt sich die Gegenstromlage (in der Höhe
Südwest, am Boden Ostnordost) an den Alpen und in den südlich der Donau
gelegenen Gebieten. Die damit einhergehenden Niederschläge haben gebietsweise
durchaus das Potenzial für eine Dauerregenwarnung zu sorgen, zumal sie sich bis
weit in den Sonntag hinein halten. Akkumuliert man die Niederschläge bei
mehreren Modellen einmal bis Montag 00 UTC, kristalliert sich relativ klar das
Allgäu heraus, wo in Staulagen insgesamt um 100 mm, sonst eher 50 bis 80 mm
(Unwetter) fallen können, was auch von den probabilistischen Verfahren
unterstützt wird. Was die übrige Ausdehnung nach Norden und Osten angeht, gibt
es durchaus noch größere Unsicherheiten, wobei es aber aus derzeitiger Sicht
eher bei markanten Warnungen bleiben dürfte. Der große Rest des Landes befindet
sich im Einflussbereich der erwärmten Meeresluft (T850 zwischen 6 und knapp 10
°C). Im Nordwesten ist die Luftmasse einigermaßen labil geschichtet und auch
feucht, sodass sich am ehesten im Nordseeumfeld einzelne Gewitter bilden können.
Ansonsten wechseln sich Sonne und lockere Quellwolken ab und es bleibt – bis auf
leichte Schauer (die v.a. von IFS und GFS simuliert werden) – überwiegend
trocken. Im Süden und Südosten bleibt es unter den dichten Wolken und bei Regen
mit Höchstwerten zwischen 15 und 19 °C recht frisch, sonst werden 19 bis 24 °C
erreicht.

In der Nacht zum Sonntag tut sich nur wenig. Der Höhentrog verschmälert sich
etwas und seine Achse weist von Benelux über Frankreich südwärts zum Löwengolf.
Auch die Luftmassengrenze mit Durchzug flacher Wellen bleibt quasistationär,
wobei die intensivsten Niederschläge auf der kalten Seite fallen und die
Dauerregenlage fortdauert (Mengen siehe oben). Vor allem an der Nordsee kann es
noch Schauer, mit geringer Wahrscheinlichkeit auch ein kurzes Gewitter geben.
Sonst verläuft die Nacht abgesehen von lokalen Nebelfeldern (schließlich nähern
wir uns dem Herbst) ruhig bei Tiefstwerten zwischen 13 und 7 °C.

Sonntag … ändert sich weiter nicht viel an der Gesamtkonstellation. Das
Drehzentrum des Troges erreicht die Loire. Von ihm aus schwenkt im Tagesverlauf
ein kurzwelliger Anteil nach Deutschland und befeuert im Zusammenspiel mit
Wellentiefs die Niederschläge auf der kalten Seite der weiterhin quasistationär
liegenden Front. Damit bleibt es bei der Dauerregenlage im Süden. Nach Lesart
des ICON-EU greifen die Niederschläge dann auch etwas weiter in Richtung
Baden-Württemberg und später auch sehr weit nach Norden bis nach Brandenburg
aus, sodass die Ausgabe von Stark- oder Dauerregenwarnungen in weiteren Gebieten
nicht ausschließen lässt. Von den anderen Modellen wird dies allerdings nicht
gezeigt. Auch im Westen und Nordwesten kann es wegen des unmittelbaren
Trogeinflusses zu schauerartigem Regen und einzelnen Gewittern kommen, was vor
allem IFS und GFS zeigen. ICON ist da deutlich zurückhaltender, zeigt es doch
gerade über dem Nordwesten einen Rücken in 500 hPa. Dort, wo es längere Zeit
regnet, werden meist nur 15 bis 18 °C, sonst meist um 20 °C und im Nordosten bis
23 °C erreicht.

Modellvergleich und -einschätzung

Die Modelle simulieren die Lage recht ähnlich, jedoch gibt es immer noch
Unschärfen, vor allem bzgl. der Regionalität des Dauerregens über Süddeutschland
am Wochenende. Über das Allgäu herrscht relative Einigkeit. Inwieweit
Dauerregenwarnungen nördlich und östlich davon (und am Sonntag ggf. auch in
anderen Regionen) ausgegeben werden müssen, bleibt noch offen. Hinsichtlich
Schauern und Gewittern im Nordwesten ist ICON am Wochenende eher defensiv, IFS,
aber auch GFS hingegen deutlich offensiver.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
M.Sc. Met. Stefan Bach