SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST

SXEU31 DWAV 261800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Mittwoch, den 26.08.2020 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Nach Abzug von Sturmtief KIRSTEN am Donnerstag Zwischenhocheinfluss. Ab Freitag
das nächste Tief (LYNN), das weniger durch Wind als vielmehr durch teils
ergiebigen Regen (Süddeutschland) auffällt.

Synoptische Entwicklung bis Samstag 12 UTC

Aktuell … befinden wir uns noch immer unter der Ägide des Endsommersturmtiefs
KIRSTEN, das um 15 UTC mit einem Kerndruck von etwas über 995 hPa knapp westlich
der dänischen Insel Falster analysiert werden konnte. Inzwischen hat aber
Druckanstieg den gesamten Vorhersageraum erfasst, der einen Hochkeil von
Frankreich her bis nach Süd- bzw. Südwestdeutschland vorrücken lässt. Er sorgt
in den genannten Gebieten für eine Gradientauffächerung, die wiederum eine
Abschwächung des SW-W-Windes zur Folge hat, was man im Südwesten aktuell auch
schon ganz gut beobachten kann.
Im weiteren Verlauf des Abends respektive in der Nacht zum Donnerstag zieht
KIRSTEN dicht an der polnischen Grenze gen Litauen, wobei es sich aufgrund
seines immer noch warmen Kerns nur ganz langsam auf etwas unter 1000 hPa
auffüllt. Im Schlepptau des Tiefs folgt aber noch ein markanter Bodentrog nach,
der um 18 UTC über der Deutschen Bucht liegt, um von dort über Norddeutschland
ostwärts zu schwenken. Während der auf W bis NW drehende Wind im Achsenbereich
des Troges ein Minimum aufweist, frischt er rückseitig noch mal auf. Für die
Deutsche Bucht nebst Inseln und Küste bedeutet das in der ersten Nachthälfte
noch mal ein Auffrischen des Windes mit Böen 8-9 Bft, bevor es nach Mitternacht
zu einer spürbaren Abschwächung kommt. Ansonsten verlagert sich das Starkwind-
bzw. Sturmfeld mehr und mehr in den Osten und Nordosten. Dabei treten Böen 7
Bft, anfangs auch noch 8 Bft, vereinzelt 9 Bft auf. Gegen Morgen sollten
stürmische Böen 8 Bft dann aber nur noch an der Küste MVs sowie in exponierten
Hochlagen der östlichen und südöstlichen Mittelgebirge und des Brockens
registriert werden.
Wettertechnisch lohnt es sich noch einen Blick in die Höhe zu werfen, wo in der
mittlerweile stark geglätteten west-nordwestlichen Höhenströmung ein flacher
Sekundärtrog erkennbar ist, der von der nördlichen Nordsee kommend den äußersten
Norden und Nordosten überquert. Er sorgt dort für weitere Schauer und auch
einzelne Gewitter, die mit Böen der Stärke 8-9 Bft einhergehen können.
Akkumuliert über 12 h sind vor allem an der Küste MVs 10 bis 15, lokal
vielleicht auch um 20 l/qm möglich.
Im großen Rest des Landes macht die Wetterberuhigung weiter Fortschritte. Bis
zum Morgen verteilt sich die rückseitig es Tiefs einfließende erwärmte
Meeresluft polaren Ursprungs auf den gesamten Vorhersageraum, bis 06 UTC sinkt
die 850-hPa-Temperatur auf 5°C im Nordwesten und bis zu 10°C am Alpenrand bzw.
an der Grenze zur Schweiz. Bei längerem Aufklaren und einschlafendem Wind kühlt
es in der Mitte und im Süden z.T. auf Werte um 10°C, in einigen Tälern und
Senken gar bis zu 6°C ab.

Donnerstag … greift von Westen her ein flacher Rücken über, der dem o.e.
Bodenhochkeil soweit auf die Füße hilft, dass er sich bis nach Norddeutschland
ausweiten kann. Da die gute KIRSTEN aber nur sehr schleppend, ja man könnte fast
meinen widerwillig den Weg von Litauen nach Belarus geht, bleibt im Nordosten
zunächst ein leidlicher Restgradient vorhanden, der mit Unterstützung des
Tagesgangs den W-NW-Wind noch mal etwas aufleben lässt (Böen 7 Bft,
vorpommersche Küste sowie einige Hochlagen im Osten 8 Bft). Am Nachmittag geht
der Wind dann aber mehr und mehr in die Knie.
Ansonsten gilt es zu konstatieren, dass der Zwischenhocheinfluss für ruhiges
Fahrwasser sorgt. Abgesehen von anfänglichen Schauern und kurzen Gewittern im
äußersten Nordosten treten über weite Strecken des Tages kaum noch Niederschläge
auf. Dagegen ist die Sonnenscheinverteilung eher ungerecht verteilt. Während die
Sonne etwa südlich von Main und Mosel in der abgetrockneten Meeresluft relativ
häufig zu sehen sein wird (garniert von einigen Quellungen, die sich in der bis
etwa 800-750 hPa reichenden Grundschicht bilden), tut sie sich weiter nördlich
in der dort feuchteren Nordseeluft schwerer, sich in Szene zu setzen. Zwar
zeigen die tiefen Wolken auch dort zunehmende Auflösungstendenzen, dafür greift
im Tagesverlauf von Westen her den flachen Rücken überlaufende WLA auf den
Vorhersageraum über, die die Zufuhr hoher und mittelhoher Wolken fördert.
Vielleicht fallen zum Abend hin daraus im Nordwesten ein paar Tropfen Regen.
Blieben abschließend noch die Temperaturen, die mit maximal 17 bis 22°C im Osten
und Norden eher kühl bis mäßig warm daherkommen, während es nach Süden hin mit
22 bis 25°C, lokal vielleicht 26°C spätsommerlich warm wird.

In der Nacht zum Freitag setzt sich die bereits zuvor eingeleitete Austrogung
über dem nahen Ostatlantik bzw. UK/Irland weiter fort. Vorderseitig verstärkt
sich die WLA noch etwas, wodurch sich der Rücken noch etwas aufwölbt. Allerdings
ändert das nichts daran, dass das gute Stück bis zum Morgen den Vorhersageraum
weitgehend hinter sich gelassen hat. Damit dreht die Höhenströmung zurück auf
Südwest, wobei sie zunächst noch leicht antizyklonal konturiert ist.
Im Bodendruckfeld schwächt sich das Zwischenhoch ab bzw. wird der Bodenkeil
langsam nach Osten abgedrängt. Damit kommen wir zusehends auf die Vorderseite
eines elliptischen und wahrscheinlich mit zwei Kernen ausgestatten Tiefs (LYNN),
von denen der eine um 06 UTC über Wales und der andere über der südwestlichen
Nordsee liegt. Die zugehörige teilokkludierte Kaltfront greift in den
Frühstunden auf den Westen und Nordwesten über. Bereits im Vorfeld setzen der
WLA folgend schauerartige Regenfälle ein, die sich über den Westen und
Nordwesten sowie die östliche Mitte langsam nordostwärts ausweiten. Ob es auch
für ein oder zwei Gewitter reicht, ist trotz präfrontaler Einsteuerung etwas
feuchterer Warmluft und Bildung von etwas MU-CAPE fraglich, weil die Luftmasse
insgesamt nicht ausreichend labil geschichtet ist.
Fakt ist, dass der auf Süd bis Südost rückdrehende Wind im Westen und Nordwesten
allmählich wieder in Gang kommt. Böen der Stärke 7 Bft oder mehr sind aber
lediglich über der Deutschen Bucht sowie in exponierten Hochlagen der westlichen
und nördlichen Mittelgebirge zu erwarten. Während die Nacht im Westen unter den
dichten Wolken ziemlich mild bleibt (um 15°C), kühlt es im Osten und Südosten
bei länger klarem oder nur gering bewölktem Himmel z.T. bis in den einstelligen
Bereich ab.

Freitag … arbeitet der leicht positiv geneigte Höhentrog über west- und
Südwesteuropa weiter an seiner Amplitudenvergrößerung, was freilich auf Kosten
seiner Progression geht. Immerhin schafft es das Drehzentrum des Troges nebst
korrespondierendem Bodentief LYNN (es handelt sich um den östlichen Kern des
Dipols), bis Tagesende die mittlere Nordsee zu erreichen. Dabei deutet sich eine
leichte Vertiefung des Tiefs bis auf knapp unter 994 hPa an.
Relevanter als der BMI des Tiefs scheint allerdings die Tatsache, dass die
zugehörige Okklusion bzw. Kaltfront im Norden vergleichsweise zügig über den
Vorhersageraum gesteuert wird, während sie nach Süden hin aufgrund ihrer
zunehmend höhenströmungsparallelen Exposition merklich ins Schleifen kommt, ja
es evtl. sogar zur Wellenbildung kommt. Während sich rückseitig der Front in
weitem Bogen um den Tiefkern herumgeholte erwärmte Meereskaltluft ausbreiten
kann (T850 um 9°C), wird präfrontal vorübergehend noch mal eine Portion warmer,
aber nicht überbordend labiler Warmluft mediterranen Ursprungs angezapft (T850
11 bis 14°C). Modellübergreifend herrscht Einigkeit dahingehend, dass in dieser
Luftmasse konvektiv nicht viel bis gar nichts geht. Gründe dafür gibt es
mehrere: schlechte Qualität der Luftmasse (zu stabil), keine oder nur geringe
CAPE-Bildung durch frühzeitige Bewölkungszunahme, unzureichende Hebungsimpulse,
um nur einige zu nennen. Möglicherweise geht gewittertechnisch direkt an der
Front etwas, wo ein wenig CAPE simuliert wird. Sicher ist das aber keinesfalls,
vielleicht reicht es auch „nur“ zu schauerartigen Regenfällen.
Bereits am Vormittag deutet sich im Süden BWs von Frankreich und der Schweiz her
eine Niederschlagsintensivierung. Ausgelöst wird diese von einer flachen
Frontalwelle, die für skaligen Regen sorgt, welcher sich auf weite Teile Bayerns
ausbreitet (ausgenommen wahrscheinlich Unter- und Oberfranken) und in der Nacht
zum Samstag andauert. Aufsummiert bis Samstagfrüh kommen in Südbaden und in
Oberschwaben, evtl. auch im Allgäu gebietsweise 30 bis 40 l/qm zusammen,
allerdings schwanken die Modelle noch hinsichtlich Intensität und genauer
räumlicher Platzierung (ICON von 12 UTC ist z.B. auf unter 30 l/qm
zurückgerudert). Auf alle Fälle können die Regenfälle der Auftakt zu einem bis
in den Sonntag anhaltenden markanten Dauerniederschlagsereignis sein (40 bis 60
l/qm innert 48 h), das sich bis zum östlichen Alpenrand sowie auf weite Teile
des Alpenvorlands ausweitet. In alpinen Staulagen sind nach Lesart der
verschiedenen EPS-Produkte auch noch höhere Mengen möglich (Unwetter).
Vom Süden in den Nordwesten, wo die erwärmte Meereskaltluft durch Einsteuerung
von etwas Höhenkaltluft (Nähe zum Höhentief) im Tagesverlauf allmählich labiler
wird. Hinzu kommt etwas synoptisch-skalige Hebung unter dem linken Ausgang eines
von Frankreich bis nach Norddeutschland gerichteten Jetstreaks. Kurzum, mit
Hilfe des Tagesgangs entwickeln sich einige Schauer und auch kurze Gewitter, die
mit steifen bis stürmischen Böen 7-8 Bft, Graupel und insbesondere an der
Nordsee auch mit Platzregen um 15 l/qm binnen kurzer Zeit einhergehen können.
Zwischen den Schauern im Nordwesten und dem Regen im Süden etabliert sich ein
breiter, vom Südwesten bis hinüber zur deutsch-polnischen Grenze reichender
Korridor, in dem niederschlagsmäßig wenig bis nix passiert und die Wolkendecke
hin und wieder auflockert. Während der Wind über und an der Nordsee mit
Annäherung des Tiefkerns abnimmt, frischt er im Westen und Nordwesten sowie in
Teilen der Mitte zeitweise böig auf. Inwieweit daraus warntechnischer
Handlungsbedarf erwächst, steht noch nicht fest. In puncto Wind jedenfalls kann
die gute LYNN ihrer Vorgängerin KIRSTEN das Wasser bei Weitem nicht reichen.
Die Temperatur erreicht Höchstwerte von 19 bis 24°C, im äußersten Südosten
präfrontal vielleicht noch mal 25°C, bei Dauerregen im Südwesten etwas weniger.

In der Nacht zum Samstag tut sich vergleichsweise wenig an der Großwetterlage.
Im Süden und Südosten kommt es im Bereich der nur sehr zögerlich nach Südosten
weichenden Front zu weiteren, gebietsweise ergiebigen Regenfällen. Im Nordwesten
sorgt der Tagesgang für abebbende Konvektion, lediglich über und an der immer
noch recht warmen See schauert und gewittert es weiter.

Samstag … verbleiben wir auf der Vorderseite des nach wie vor positiv
geneigten Höhentrogs, dessen Hauptachse um 12 UTC etwa von Katalonien bis knapp
vor die norwegische Westküste reicht. Darin eingelagert ist weiterhin ein
eigenständiges Drehzentrum über der Nordsee, das mit dem Bodentief LYNN
korrespondiert. Dieses zieht sich wieder zur südwestlichen Nordsee zurück, wo es
vorher schon mal war. Bereits kurz vorher hat über dem westlichen Mittelmeer
eine schwache Zyklogenese eingesetzt. Das resultierende Tief ist mit wenig unter
1005 hPa recht flach und breitet sich bis nach Norditalien aus.
Südlich der Donau bis hinüber zum Bayerischen Wald, evtl. bis zum Fichtelgebirge
dauern die Regenfälle an, wobei sich nun auch eine leichte Gegenstromlage
einstellt (unten O-SO-Wind vs. Südwestwind oben). Gebietsweise fallen 10 bis 20,
im Allgäu und in Schwaben lokal bis zu 30 l/qm.
Im großen Rest des Landes stellt in der erwärmten Meereskaltluft (T850 um 8°C)
wechselnde bis starke Bewölkung ein, bei der sich die Schauerneigung in Grenzen
hält. Je näher man der Nordsee und den Benelux-Staaten kommt, desto
wahrscheinlicher, dass es doch mal ´ne Husche auf die Birne gibt. In Nordseenähe
ist auch ein kurzes Gewitter nicht ausgeschlossen. Der südliche bis südwestliche
Wind lebt mitunter zwar etwas auf, Warnungen (also mindesten Windstärke 7 Bft)
dürften aber kaum fällig werden. Die Temperatur erreicht erneut Höchstwerte
zwischen 19 und 24°C, bei Dauerregen im Süden etwas darunter.

Modellvergleich und -einschätzung

Die Modelle simulieren die geschilderte Entwicklung sehr ähnlich. Unklar ist
derzeit noch, wie die ab Freitag im Süden erwarteten, teils ergiebigen
Regenfälle warntechnisch verpackt werden.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann