SYNOPTISCHE UEBERSICHT MITTELFRIST

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Sonntag, den 23.08.2020 um 10.30 UTC

Abwechslungsreich mit zwei Tiefpassagen, wovon das erste am Mittwoch
Sturmtiefcharakter hat. Wiederholt Regenfälle und Gewitter.

Synoptische Entwicklung bis zum Sonntag, den 30.08.2020

Noch eine gute Woche und der Sommer 2020 geht zu Ende – zumindest formal,
beginnt doch am 1. September der meteorologische Herbst. Obwohl sich die
Atmosphäre nicht selten einen feuchten Kehricht um derartige Formalien schert,
scheint sie aktuell nicht uninteressiert, die anthropogene Zeitleiste der
Jahreszeiten mit substanziellem Inhalt zu füllen. Genau genommen ist sie sogar
etwas zu früh dran, wenn sie uns am kommenden Mittwoch, dem Beginn des
mittelfristigen Prognosezeitraums, ein erstes frühherbstliches Sturmtief auf den
Hals hetzt. KIRSTEN heißt die „Lady“, die – korrespondierend mit einem in die
glatt konturierte Frontalzone eingebetteten Kurzwellentrog – von Nordengland
kommend erst die Nordsee und in den Mittagsstunden mit einem Kerndruck von knapp
über 990 hPa Jütland ostwärts überquert. Dabei passiert nicht nur die zugehörige
Kaltfront den Vorhersageraum von Nordwest nach Südost, die einen Schwall polarer
Meeresluft heranführt (T850 am Mittwochabend 5 bis 8°C, im äußersten Süden um
10°C). Noch wichtiger ist das Starkwind- respektive Sturmfeld, das auf Teile
Deutschlands übergreift, wobei das letzte Wort über Intensität und räumliche
Verteilung noch nicht gesprochen ist. Es kann aber als wahrscheinlich angesehen
werden, dass besonders im Norden und in der Mitte vielerorts stürmische Böen
oder Sturmböen 8-9 Bft auftreten, und selbst schwere Sturmböen 10 Bft scheinen
im Bereich des Möglichen, wobei hier nicht der Brocken oder der Fichtelberg
gemeint sind.
Am Donnerstag beruhigt sich die Lage ziemlich rasch, wenn Tief und KW-Trog unter
Abschwächung via Ostsee gen Baltikum abziehen. Dahinter folgt ein flacher
Höhenrücken, der für Druckanstieg und leichten Zwischenhocheinfluss sorgt. Damit
ist es aber am Freitag bereits wieder vorbei, wenn der Rücken nach Osten
abwandert und wir auf die Vorderseite eines neuerlichen Tiefs gelangen, das
Freitagfrüh mit einer Doppelkernstruktur über Wales sowie dem Ostausgang des
Ärmelkanals liegt. Das Tief korreliert mit einem Höhentrog, der zunächst noch
etwas kümmerlich konfiguriert ist, der aber im Laufe des Wochenendes enorm an
Struktur zulegt. Am Ende kommt ein veritabler Langwellentrog dabei heraus,
dessen Achse sich bis Sonntagmittag bis zum westlichen Mitteleuropa vorarbeitet
und somit auch den Vorhersageraum traktiert. Derweil zieht das Tief mit einem
Kerndruck irgendwo zwischen 995 und 1000 hPa über die südliche Nordsee und
Jütland nach Südschweden, wo es beginnt sich aufzufüllen. Auch dieses zweite
Tief verfügt über ein Starkwindfeld, was aber – Stand heute – etwas weniger
stark ausgeprägt ist als bei KIRSTEN. Fakt ist, dass vorderseitig des Tiefs am
Freitag vorübergehend eine Portion potenziell instabiler Subtropikluft
insbesondere in den Süden, die Mitte und den Osten angezapft wird (T850 12 bis
16°C), die am Wochenende wieder durch kühlere Meeresluft polaren Ursprungs
ausgetauscht wird (T850 am Sonntagmittag nur noch 3 bis 7°C).

Noch ein kurzer Ausblick auf die erweiterte Mittelfrist bis Mittwoch: Abzug des
Troges und nachfolgend kurzer Zwischenhocheinfluss, zum Mittwoch hin von Westen
her aber erneut zyklonal.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Dem IFS (ECMF) kann insgesamt eine recht gute Modellkonsistenz attestiert
werden. Demnach steht uns mittelfristig ein sehr abwechslungsreicher,
überwiegend tiefdruckbeeinflusster Witterungsabschnitt bevor, der am Mittwoch
mit einem echten Paukenschlag beginnt. Das erste frühherbstliche Sturmtief der
Saison steht an, wobei hinsichtlich der Details allerdings noch ein paar Fragen
offen sind. Auch im weiteren Verlauf offenbaren sich von Modelllauf zu
Modelllauf mehr oder weniger kleine Unschärfen, die aber nichts an der
Grundausrichtung der Vorhersage ändern. Grundsätzlich gilt, dass die
Temperaturprognose ziemlich sicher erscheint, während in Bezug auf
Niederschlag/Gewitter sowohl bei der Intensität als auch bei der zeit-räumlichen
Verteilung noch Spielräume gegeben sind.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Es herrscht weitgehend Einigkeit unter den etablierten Globalmodellen (ICON,
GFS, GEM, UKMO). Die Grundmuster (Mittwochstief und Wochenendtief, dazwischen
kurzer Hochdruckeinfluss) werden unisono angezeigt, einzig beim Timing sowie der
Konfiguration bzw. Geometrie der synoptischen Systeme hat jedes Modell so seine
eigene Vorstellung. Aus mittelfristiger Perspektive erscheint es wenig sinnvoll,
die Differenzen an dieser Stelle aufzuarbeiten, weil die Details nicht nur bei
IFS, sondern auch bei den anderen Modellen von Lauf zu Lauf leicht schwanken.
Somit lässt sich das Fazit ziehen, dass die mittelfristige Grundvorhersage auf
deterministisch sehr soliden Füßen steht.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die IFS-EPS-Rauchfahnen (und sehr ähnlich auch die „Kollegen“ von GFS-EPS)
verschiedener deutscher Städte zeigen über den kompletten Mittelfristzeitraum
hinweg (also bis nächsten Sonntag) eine erstaunlich enge Bündelung der Kurven,
die bei der 850-hPa-Temperatur noch etwas stärker ausgeprägt ist als beim
500-hPa-Geopotenzial. Begleitet wird das Ganze von wiederholten, teils kräftigen
RR-Signalen, wobei am Donnerstag (im Süden auch am Mittwoch) ein klares Minimum
zu erkennen ist (Zwischenhocheinfluss).
Vor dem Hintergrund des geringen Spreads überrascht es im ersten Moment etwas,
dass die Clusterung von IFS-EPS für den Zeitraum T+72…96h (Mittwoch bis
Donnerstag) und T+120…168h (Freitag bis Sonntag) vier bzw. drei Schubladen
aufmacht. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber, dass die Unterschiede für
unseren Raum marginal sind und die Gründe für eine derartige Aufteilung woanders
liegen müssen. An den grundlegenden Abläufen bestehen somit eigentlich keine
Zweifel.
Dass die Clusterzahl ab Montag (T+192…240h) trotz zunehmender Streuung in den
Rauchfahnen auf zwei abnimmt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Aber nun, es
ist wie es ist, so oder so stellt sich bei uns eine eher zyklonal gefärbte
Troglage mit Hang zur Zonalisierung ein. Soll sich einstellen…

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Die Mittelfrist wird synoptisch interessant und abwechslungsreich. Los geht es
am Mittwoch mit Sturmtief KIRSTEN, das vor allem im Norden und in der Mitte
einige Endsommer-Duftmarken hinterlässt. Böen 8-9 Bft können als wahrscheinlich
angesehen werden, vereinzelte schwere Sturmböen 10 Bft sind nicht
ausgeschlossen. In exponierten Hochlagen sind Böen 10 bis 12 Bft obligatorisch
und an der Nordsee nimmt zum Abend hin die Wahrscheinlichkeit für 10er-Böen zu.
Entsprechend der Zugbahn des Tiefs kommt der Wind erst aus Südwesten, dreht dann
aber auf West bis Nordwest.
Über den Wind/Sturm hinaus besteht insbesondere im Norden mit Passage des zum
Tief korrespondierenden KW-Troges eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für kurze,
aber durchaus knackige Gewitter, die neben Platzregen und Graupel auch von
schweren Sturmböen 10 Bft begleitet werden können.

Nach einer Wetterberuhigung am Donnerstag kommt am Freitag sowie am Wochenende
erneut „Leben in die Bude“, auch wenn die genaue Windentwicklung aufgrund der
unsicheren Zugbahn sowie der genauen Geometrie des Tiefs noch mit Fragezeichen
versehen ist. Es sprich aber Vieles dafür, dass es nicht so intensiv wird wie am
Mittwoch.
Vorderseitig des Tiefs wird kurzzeitig Subtropikluft angezapft, in der sich am
Freitag vor allem im Süden und Osten sowie in der Mitte teils kräftige Gewitter
entwickeln können. Mit Annäherung des Höhentroges sind auch im Norden und Westen
zunehmend kurze Kaltluftgewitter möglich.
Am Wochenende stellt sich dann an den Alpen sowie im Alpenvorland eine
Gegenstromlage ein, die gebietsweise markanten Dauerregen von mehr als 30 l/qm
innert 24 h bringen könnte. Die Hinweise der Numerik sind diesbezüglich noch
relativ defensiv, was aber nichts heißen muss.

Basis für Mittelfristvorhersage
MOS-Mix mit IFS-EPS und Modellmix.

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Jens Hoffmann