SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST

SXEU31 DWAV 231800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Sonntag, den 23.08.2020 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Bis Dienstag wechselhaft mit teils markanten Gewittern vor allem vor allem im
Norden. Am Mittwoch wahrscheinlich Sturm über Deutschland.

Synoptische Entwicklung bis Mittwoch 12 UTC

Aktuell … wurde der Hochsommer passend zum Ende der Hundstage am heutigen 23.
August durch die Umstellung der Wetterlage auf eine zyklonale Westlage
(vorerst?) beendet. Zwei Protagonisten, die dabei zusammenarbeiten, lassen sich
als Hauptverantwortliche abstempeln. Da ist zum einen ein opulenter
Langwellentrog, der von Skandinavien bis weit in den Nordostatlantik reicht und
mit zwei Drehzentren ausgestattet ist. Das östliche der beiden ist knapp
westlich der norwegischen Küste gelegen, es interagiert mit dem zweiten
Hauptverantwortlichen in Persona des Tiefs „JANTRA“. Dessen Kern ist knapp
nördlich des Höhendrehzentrums zu finden, wird aber nun allmählich
achsensenkrecht, sodass der Höhepunkt des Tiefs bald überschritten sein dürfte.
Die Ausläufer des Tiefs haben Deutschland bereits nach Osten verlassen und die
ehemals heiße Luft durch einen Schwall frischerer Meeresluft vom Atlantik mit
T850 hPa von 7 bis 11 Grad ersetzt.
Am Südrand des Langwellentrogs werden Kurzwellentröge nach Osten geführt. Ein
erster zieht in den Abendstunden nach Nordosten ab, in der Nacht nähert sich ein
zweiter. Dieser erreicht morgens etwa Benelux und Nordfrankreich, im Bodenfeld
lässt sich dazu ein flaches Tief über der Deutschen Bucht ausmachen. Auf der
Vorderseite des Randtrogs wird vornehmlich aus PVA ein wenig Hebung generiert.
Dadurch kommt die in der ersten Nachthälfte auch aufgrund des fehlenden
Tagesganges nachlassende Konvektion in der zweiten Nachthälfte im Westen, vor
allem aber im Nordwesten wieder in Gang. Im Zusammenspiel mit dem warmen Meer
sind an der Nordsee einzelne Gewitter zu erwarten. Diese können vereinzelt
Starkregen mit mehr als 15 l/qm in kurzer Zeit sowie starke oder vereinzelt
stürmische Böen (Bft 7-8) bringen.
Der Wind, der tagsüber bis ins Binnenland hinein zum Teil lebhaft wehte,
schwächt sich bei etwas auffächerndem Gradienten und nachlassendem Tagesgang
meist ab, am längsten weht er noch mit starken Böen an der See.
Die Temperaturen gehen auf 16 Grad an der See bis 7 Grad in einigen Bergen
zurück.
Dabei kann vor allem im schwachgradientigen Umfeld im Süden, wo kaum noch Wind
weht, lokal Nebel auftreten.

Montag … schwenkt der Randtrog nach Deutschland und sorgt weiterhin für PVA.
Die Schauer aus dem Nordwesten breiten sich damit auf den Norden aus, nördlich
der Mittelgebirge findet man einige Regensignale. Darüber hinaus wird der Norden
von Ausläufern des Tiefs „Jantra III“ (es wird dann 3 Kerne aufweisen) mit
Zentrum über Finnland gestreift. Dieses Tief resultiert aus dem flachen Tief,
das nachts noch über der Deutschen Bucht lag und mit dem Randtrog gen Finnland
gesteuert wird.
Regensignale gibt es zwar auch in der Mitte, allerdings deutlich seltener und
mit niedrigeren Regenmengen. Dort macht sich leicht zunehmender
Hochdruckeinfluss bemerkbar, der dem Hoch „Gundmar“ mit Schwerpunkt über der
Biskaya geschuldet ist.
Im Süden bleibt es daher meist trocken und die Sonne scheint am längsten. Direkt
an den Alpen kann die Orografie jedoch ausreichen, einzelne Schauer oder
Gewitter auszulösen oder diese aus den Alpen heraus auf Deutschland übergreifen
zu lassen.
Der Gradient nimmt tagsüber kaum zu, sodass selbst mit dem Tagesgang abseits von
Schauern oder Gewittern meist keine warnrelevanten Böen vorkommen. Allerdings
muss bei Schauern oder Gewittern mit starken Böen (Bft 7) gerechnet werden
(Oberwinde in 850 hPa bei rund 30 Knoten, leichte Scherung), stürmische Böen
(bft 8) sind gering wahrscheinlich.
Die Gewitter zeigen außerdem geringe Wahrscheinlichkeiten für Starkregen,
Unwetter durch heftigen Starkregen sollten aber aufgrund der
Verlagerungsgeschwindigkeit der Zellen nicht auftreten.
Die Temperaturen in 850 hPa pendeln sich auf 5 bis 11 Grad ein, was sich durch
Höchsttemperaturen von 18 Grad im Norden bis 24 Grad im Süden äußert.

In der Nacht zum Dienstag zieht der Randtrog über den Nordosten Deutschlands
nach Osten ab. Damit kann sich Hoch „Gundmar“ mit Zentrum über Süddeutschland
bei uns stärker etablieren, für Absinken sorgen und zusammen mit der
aufkommenden WLA die Schauertätigkeit größtenteils zum Erliegen bringen. Am
längsten halten sich Schauer und Gewitter an der Ostsee, lokaler Starkregen und
starke Böen (Bft 7) nicht ausgeschlossen.
Darüber hinaus bilden sich bei meist nur noch schwachen Windbewegungen lokal
Nebelfelder.
Mit der aufkommenden WLA verdichten sich im Westen allerdings die Wolken, gegen
Morgen können vom Niederrhein bis zum Rheinland ein paar Tropfen fallen.
Die Temperaturen sinken auf 15 Grad an der See bis 7 Grad im Bergland.
Interessanter ist aber, was sich weiter westlich knapp vor den Britischen Inseln
bzw. in der zweiten Nachthälfte über den Britischen Inseln abspielt. Ein
markanter Trog, später auch als Höhentief mit warmen Kern identifizierbar,
intensiviert dort eine Frontalwelle zu einem Sturmtief („Kirsten“) mit einem
Kerndruck unter 985 hPa. Im Gegensatz zum Windfeld von Tief „Jantra“ dürfte das
Windfeld von „Kirsten“ vor allem am Mittwoch auch Deutschland treffen.

Dienstag … wandelt sich der Randtrog/Höhentief über den nördlichen Britischen
Inseln zu einem Dipol um. Der südöstlichere der beiden Kerne liegt dann über
Mittelengland achsensenkrecht über dem Sturmtief, weshalb es sich nicht weiter
verstärkt. Mit dem warmen Höhentiefkern und WLA auch noch hinter einer
möglicherweise abgesetzten Kaltfront (die sich in Theta E vor allem beim EZMW
abzeichnet), könnte das Gebilde eine Shapiro-Keyser-Zyklone werden.
Nach ICON jedenfalls erreicht die okkludierende Kaltfront den Westen
Deutschlands in den Abendstunden. Zuvor sorgt die WLA nicht nur für
mehrschichtig aufziehenden Bewölkung in den meisten Landesteilen (Ausnahme
Südosten), sondern im Westen und Nordwesten für zeitweiligen Regen. Die
Regenmengen bleiben unterhalb der Warnschwellen. Gewitter bleiben bei kaum
labilen Bedingungen und kaum vorhandenem ML-CAPE zunächst die Ausnahme. Am Abend
werden durch den Einschub eines Schwalls von Subtropikluft, die mit der
Herannahen Kaltfront herangeführt wird, die Bedingungen jedoch labiler. Sollten
dann Gewitter ausgelöst werden (gilt allerdings auch schon für tagsüber), finden
sie gute Scherung, hohe SRH und im Nordwesten niedrige Basen (400 bis 800 m)
vor. Rotierende Zellen sind daher denkbar, selbst das Potenzial für einzelne
Tornados wäre nicht ganz von der Hand zu weisen. Oberwinde bis 55 Knoten in 850
hPa stellen durch mögliches Heruntermischen auch eine Gefahr in Sachen Sturmböen
dar.
Der Gradient jedoch bleibt ansonsten noch gering, da das Tief noch weit genug
weg ist. Die skalige Böigkeit hält sich also noch in Grenzen, im Westen und an
der Nordsee allerdings kann es erste starke Böen Bft 7 geben, im Bergland
stürmische Böen Bft 8.
Durch das Rückdrehen des Windes vor dem Sturmtief wird noch einmal ein Schwall
wärmerer Luft einbezogen, der die T850 hPa auf 7 bis 14 Grad steigen lässt und
am Boden in 2 m für Höchsttemperaturen von 19 bis 26 Grad sorgt.

In der Nacht zum Mittwoch verlagern sich Höhen- und Bodentief in die Nordsee,
das zugehörige Frontensystem überquert rasch große Teile Deutschlands.
Während im Süden aber nur leichte und nur örtliche Niederschläge ausgelöst
werden, dort hält der hohe Druck noch dagegen, gibt es nach Norden hin mehr
Niederschläge. Vor allem in der Nähe zum Tiefkern, der Mittwochmorgen nahe Sylt
zu finden ist (wahrscheinlich sind es sogar zwei Kerne), und unterstützt vom
warmen Meer sind an den Küsten die höchsten Regenmengen zu erwarten. Dabei
können dort auch einzelne Gewitter eingelagert sein. Lokal ist dann Starkregen
möglich.
Der Gradient nimmt mit Heranrücken des Tiefs weiter zu. So frischt der Wind
außer im Osten und Südosten weiter auf, bis ins Tiefland gibt es starke Böen Bft
7, möglicherweise auch schon stürmische Böen Bft 8. An der Nordsee sind
Sturmböen Bft 9 oder erste schwere Sturmböen Bft 10 „drin“. Es sei aber erwähnt,
dass die Modelle noch sehr unterschiedlich simulieren. GFS beispielsweise bringt
es auf einen Kerndruck von 983 hPa, während ICON und EZMW bei 988 bzw. bei 989
hPa liegen. Vor allem die Lage des Tiefs ist auch noch nicht kongruent, sodass
noch einige Läufe abgewartet werden muss, um genauere Details festlegen zu
können.
Die Temperaturen sinken unter den dichteren Wolken auf 17 bis 11 Grad.

Mittwoch … schwenkt der Höhentrog/das Höhentief in die westliche Ostsee und
führt das Bodentief ebenfalls dorthin. Südlich und südwestlich des Kerns ist der
stärkste Gradient des Tiefs zu finden, womit das Windfeld Deutschland erfasst.
Nach bisherigen Modellergebnissen kommt es zu stürmischen Böen (Bft 8) bis ins
Flachland, exponiert zu Sturmböen (Bft 9). Im Bergland sind Sturmböen bis hin zu
orkanartigen Böen (Bft 11) auf den höchsten Gipfeln mit von der Partie. Im Süden
treten etwas schwächere Böen auf, für starke bis stürmische Böen reicht es aber
auch dort.
Wenn man schon bei Sturmböen bis ins Tiefland ist, könnte eine mögliche
Shapiro-Keyser-Entwicklung noch „einen drauf setzen“. Vor allem im Bereich des
Cold-Conveyor-Belts und absinkender trockenere stratosphärischer Luft (Dry
Intrusion) könnten bei Heruntermischen bis zum Boden im Bereich eines Sting Jets
noch stärkere Böen vorkommen. ICON hat orkanartige Böen bis 116 km/h im
Programm, EZMW bis 109 km/h. Der mögliche Sting Jet könnte sich aktuellen
Prognosen zufolge etwa ab dem Mittag über NRW und Südniedersachsen hinweg
ostwärts bewegen und auf dem Weg nach Osten an Substanz verlieren. Der
Konjunktiv der letzten Zeilen offenbart, dass die Modelle die Entwicklung bisher
keinesfalls einheitlich vorhersagen.
Neben dem Wind ist auch ein Auge auf die Gewitterentwicklung zu werfen. Außer im
Süden ist mit Schauern, vor allem im Norden auch mit Gewittern zu rechnen. Dabei
besteht Potenzial für Starkregen (die Zellen sind aber recht flott unterwegs),
bei Oberwinden von 40 bis 50 Knoten auch für Sturmböen oder sogar schwere
Sturmböen.
Während Sturm „Kirsten“ also für den wahrscheinlich ersten Herbststurm in diesem
Spätsommer über Deutschland sorgt, lassen die Temperaturen noch nicht unbedingt
den Herbst erkennen. Mit 19 bis 27 Grad wird es vornehmlich in der Südosthälfte
teilweise sogar noch einmal sommerlich warm.

Modellvergleich und -einschätzung

Die Sturmtiefentwicklung ab Dienstag wird von den Modellen noch mit größeren
Unterschieden simuliert. Details wurden bereits im obigen Text erörtert. Die
Entwicklung muss bezüglich des Warnmanagements weiter im Auge behalten werden,
vor allem auch hinsichtlich des Impacts (stark belaubte und behangene Bäume).

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Simon Trippler