SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST

SXEU31 DWAV 151800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Samstag, den 15.08.2020 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Gewittersumpflage, zahlreiche schwere Gewitter mit heftigem Starkregen.

Synoptische Entwicklung bis Dienstag 12 UTC

Aktuell … liegt ein Höhenhoch mit seinem Zentrum über dem Seegebiet zwischen
Dänemark und Südskandinavien. Am Boden liegt eine schwaches Hoch über der
Nordsee, das eine Brücke zu einem weiteren schwachen Hoch über Osteuropa
schlägt. Südlich davon herrscht über Mitteleuropa tieferes Geopotenzial und ein
schwacher Tiefdrucksumpft, der mit sehr feuchter und hochreichend labiler Luft
angefüllt ist. Diese ist vorderseitig eines Kaltlufttropfens über der Biskaya
eingeflossen. So zeigen die 12 UTC-Soundings CAPE-Werte von etwa 1000 J/kg und
dazu hochreichend feuchte, fast schon gesättigte Profile. In dieser Luftmasse
haben sich vorwiegend über der Mitte zahlreiche Gewitter gebildet, die auf Grund
der fehlenden Höhenströmung nur langsam ziehen und chaotisch, teils auch
rückwertig anbauen. Die -10 °C liegt auf etwa 6000 m, was auf effektive „warme
Regenprozesse“ durch Koagulation hindeuten (typisches Starkregensounding).
Entsprechend wenig Hagel enthalten die Zellen. Deshalb sind die berechneten
Niederschlagsmengen aus dem Radar (RH) durchaus realistisch oder teils noch
etwas zu niedrig, was in den letzten Stunden auch evaluiert werden konnte. Aus
diesem Grund wurde sich auf eine etwas aggressivere Warnstratiegie bezüglich
Unwetterwarnungen durch heftigen Starkregen entschieden.
Außen vor bleibt der Nordosten. Dort sickert
In den nächsten Stunden sind die Zellen teilweise verclustern und befinden sich
eher auf den absteigenden Ast. Dennoch muss weiterhin mit lokalen Unwettern
gerechnet werden.
COSMO-D2 ist bei der Vorhersage der weiteren Entwicklung keine allzu große
Hilfe. Es lässt die im Latent Heat Nudging assimilierten Zellen innerhalb der
nächsten Stunden rasch auflösen, ohne dass deren Outflowboundarys weitere Zellen
triggern. Auch wenn die konvektion jetzt nachlässt, erscheint dies zu schnell.
Das verclustern der Zellen wird wahrscheinlich ebenfalls unterschätzt. Die
Super-HD-simulationen und auch die neuen ICON-D2-Simulationen sehen
diesbezüglich besser aus. Demnach sollen sich die Konvektion erst im Laufe der

  1. Nachthälfte zum Erliegen kommen, wobei doch die Erfahrung der vergangenen Tag
    zeigte, dass die ganze Nacht über noch mit einzelne Zellen oder Clusterresten
    mit Starkregen gerechnet werden muss.
    Zu erwähnen ist noch, dass sich in der feuchte Luft mit Taupunkten nur knapp
    unter 20 °C besonders in den Gebieten, wo es tagsüber geregnet hat, teils
    dichter Nebel bildet.

Sonntag … Verlagert sich das Höhentief über der Biskaya zunächst östlich,
dreht dann nach Norden ein und erreicht zum Abend den Westausgang des
Ärmelkanals. Ein kurzwelliger Troganteil wandert über Ostfrankreich nach Norden,
sodass die Höhenströmung über dem Westen unsres Landes zwar zyklonal, aber recht
gleichmäßig gekrümmt verläuft. Über dem Nordosten macht sich dagegen weiterhin
das von Südschweden zum Baltikum ziehende Höhenhoch bemerkbar. Die dort lagernde
trockene Luft kommt dadurch nach Südwesten voran und erreicht bis zum Abend auch
Sachsen.
Über dem Westen lagert noch die sehr feuchte und labile Luftmasse, in der am
Nachmittag wieder zahlreiche Gewitter ausgelöst werden. Wahrscheinlich ist die
Auslösung wieder verbreiteter, als es uns die Lokalmodelle glauben machen
wollen. Vorderseitig des Höhentiefs kommt die schwache südlich Höhenströmung
zunehmend in Gang, sodass die Zelle doch eine etwas schnellere
Zuggeschwindigkeit als an den Vortagen haben (Storm Motion Vektor 15 – 22 km/h).
Heftiger Starkregen, bleibt schon auf Grund der Struktur der Vorhersagesoundings
(ähnlich, wie am Vortag) jedoch weiterhin ein Thema. Unsicher bleibt noch, wie
weit die trockene Luft aus dem Osten westwärts vorankommt. Die ICON-Schiene
rechnet die Grenze immer noch weiter östlicher, im Vergleich zu GFS, bei dem die
trockene Luft aus dem Osten deutlich weiter nach Westen (bis nach Osthessen)
vorankommt und die CAPE-Schwerpunkte über den Niederlanden und über Südbayern
liegen. Etwas dämpfend auf die Gewitterentwicklung dürfte die beginnende
niedertroposphärischer WLA wirken.

Spannender wird es am Abend und in der Nacht. Dann simulieren Super-HD und auch
AROME eine Linie, die sich vorderseitig des Kurzwellentroges bildet und von
Westen her auf Deutschland übergreift und sich bis in die Mitte ausbreitet. Die
genaue Zugbahn ist dabei noch ziemlich unsicher. Auf Grund der fehlenden
Scherung dürfte der Organisationsgrad und damit auch die Gefahr schwerer
Sturmböen weniger ein Thema sein. Konvektioserhaltend wirkt sich eine schwache
Tiefdruckrinne aus, die sich in der Nacht über die westhälfte erstreckt.

Montag … in der Nacht zum Dienstag verlagert sich das Höhentief vom Ärmelkanal
nach Nordengland. Deren stark diffluente Vorderseite begünstigt Hebungsprozesse
über Norddeutschland, so dass die westeuropäische Tiefdruckrinne weiter nach
Osten ausgreifen kann und in der Nacht in West-Ost-Richtung über der
Norddeutschen Tiefebene verläuft. Durch den Luftdruckfall und die damit über
weiten Teilen Deutschlands auf Süd- bis Südwest drehende Bodenströmung wird die
extrem feuchte Luft wieder etwas nach Nordosten gedrückt. Hierbei verläuft die
Luftmassengrenze am Nachmittag etwa entlang der Elbe, so dass es – erneut mit
Ausnahme des Nordostens – bei CAPE-Werten lokal bis knapp 1000 J/kg, PPW-Werten
bis 40 mm und durchaus vorhandener Labilität erneut mit kräftigen Gewittern bis
in den Unwetterbereich gerechnet werden muss. Insbesondere am Nachmittag sollte,
angefacht durch den dynamischen Hebungsinput und mit Unterstützung durch die
Orographie bzw. lokale Bodenkonvergenzen, die Gewitteraktivität (in erster Linie
an der Südwestflanke der Rinne) wiederaufleben. Die Scherung bleibt nach
aktueller Modelllage voraussichtlich gering, so dass die Zellen keinen
sonderlich großen Organisationsgrad aufweisen dürften. Aufgrund der geringen
Zuggeschwindigkeit steht das Thema Starkregen als Begleiterscheinung im Fokus,
schnell sind die Warnschwellen für Unwetter, vielleicht auch extrem, erreicht.
Aber auch größerer Hagel sollte (je nach Cape) in Betracht gezogen werden und
die ein oder andere Böe zwischen 80 und 100 km/h, bei einigen Systemen
vielleicht auch mehr, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen. Der Nordosten bleibt
bis zum Abend noch im Einflussbereich der trockeneren Festlandsluft, erst in der
Nacht kommt die Rinnt weiter nach Norden voran (s. o.). Inzwischen zeigen die
Modelle auch recht ähnliche Auffassungen darüber, wie weit die Gewitter genau
vorankommen. Bis zum Abend an der Elbe, bis zum Morgen an der Grenze zu
Vorpommern und zur Uckermark – darauf können sich EZMW, GFS und ICON jetzt
einigen, wenngleich GFS noch immer eine etwas zügigeren Verlagerung zeigt.
Rückseitig der Rinne gelangt eine weiterhin instabil geschichtete, allerdings
etwas kühlere und nicht mehr so energiereiche Luftmasse nach West- und
Südwestdeutschland. In der können sich ebenfalls noch einige Schauer und
Gewitter entwickeln, allerdings mit nicht mehr allzu hohem Unwetterpotenzial.
Während es präfrontal im Osten und Nordosten mit 29 bis 32 Grad noch einmal sehr
warm bis heiß wird, liegen die Höchstwerte sonst zwischen 23 und 28 Grad.

Dienstag … verlagert sich das Höhentief nach Groß Britannien und in die
Nordsee und wird von der Forntalzone eingefangen. Das zugehörige Bodentief setzt
sich über der Nordsee fest. Von Westen her breitet sich eine kühlere
(850-hPa-Temperatur 9 – 12°C) Meeresluftmasse ostwärts aus. Diese ist weniger
labil (CAPE-Werte ~ 500 – 800 J/kg). Von Westen her nähert sich ein
Kurzwellentrog, der gegen Abend auf den westen übergreift. So muss tagsüber
besonders im Westen vorderseitig des Kurzwellentroges wieder mit Gewittern
gerechnet werden. Diese sollten aber nicht mehr so häufig die Unwetterschwellen
reißen, als an den Tagen zuvor. Unter anderem, weil die Zuggeschwindigkeit durch
die zunehmende Höhenströmung schneller ist.

Modellvergleich und -einschätzung

Die Modelle sehen die Entwicklung recht ähnlich, Unterschiede wurden im Text
angesprochen. Auf das Warnmanagement haben die Unterschiede keinen Einfluss –
das läuft ohnehin im Nowcasting ab.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Christian Herold