SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST

SXEU31 DWAV 121800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Mittwoch, den 12.08.2020 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Hitze bekommt Dämpfer, teils schwere Gewitter auf dem Vormarsch!

Synoptische Entwicklung bis Samstag 12 UTC

Aktuell … Die Omega-Strukturen bröckeln! Lange konnte sich die
Geopotentialverteilung, die zunächst einem Omega in Schieflage entsprach und
schließlich richtig aufstellte das Wetter in Europa prägen. Während der Rücken
in Deutschland für heiße, langsam potentiell instabile Verhältnisse sorgte,
wirbelten die Langwellentröge inklusive eingebetteter Höhentiefs dessen Flanke
das Wetter in Südwest und Ost- bzw. Südosteuropa durcheinander.

Doch nun verliert diese Omegastruktur an Kontur. Während der Langwellentrog über
Osteuropa etwas schwächelt, nimmt das Höhentief über Südwesteuropa langsam Fahrt
auf. Am heutigen Mittwoch hat es sich im Langwellentrog schon nordwestwärts
verschoben und zusammen mit einem nachstoßenden Höhentief eine Art Dipolstruktur
eingenommen. Noch zeigt sich der Rücken stark genug, um die Annäherungsversuche
abzublocken. Erste Tendenzen zeigen jedoch, dass er am heutigen Dienstag an
Kraft einbüßte und an Amplitude verlor.

Aktuell befindet sich das Höhentief im südlichen Golf von Biskaya und steuert
auf der Ostflanke einen Kurzwellentrog über die Balearen hinweg. Entsprechende
WLA müht sich vom Mittelmeerraum auf südfranzösischen Boden, ohne bisher
irgendwelchen Einfluss auf Deutschland zu bekommen. Auch die PVA auf der
Trogvorderseite mit entsprechender Hebung beschäftigt bisher nur unseren
westlichen Nachbarn. Dagegen liegt der Rücken weiter nahezu ortsfest vom
zentralen Mittelmeerraum ausgehend über den Alpenraum sowie Deutschland und
Benelux hinweg bis zur Nordsee und Norwegen. Die Achse verläuft dabei vom
Hochrhein über Westdeutschland hinweg bis vor die Küste Norwegens. Da der Rücken
bodennah zudem ein Hoch über Skandinavien stützt, dessen Einflussbereich sich
bis in den Norden und Osten des Landes erstreckt und in diese Regionen
trockenere Luft aus Osteuropa transportiert, könnte man denken, dass hierzulande
verbreitet ruhiges und heißes Wetter vorherrscht, aber dem ist nicht so. Denn
gleich mehrere Prozesse torpedieren die Eigenschaften des Rückens bzw. des
Hochs. Mit der Trogannäherung ausgehend vom westlichen Mittelmeer verstärkt sich
z.B. der tagesgangbedingte Druckfall über Frankreich zusätzlich und die flache
Tiefdruckrinne kann sich von Frankreich her langsam bis nach West- und
Südwestdeutschland ausweiten. Auf der Vorderseite wird dabei mit einer recht
schwachen südlichen bis südöstlichen Strömung feuchtheiße Luft nordwärts
geschoben. Der Grenzbereich zwischen der trockenen Luft aus Osten und der
feuchten Luft aus Süden liegt am Abend etwa vom Emsland bis zum Erzgebirge bzw.
Bayerischen Wald. In der entsprechenden konvergenten Zone wird die Luft gehoben,
sodass sich weiter einzelne, teils kräftige Gewitter entwickeln können. Der
zweite Gewitterschwerpunkt ist auf der Rückseite der Rückenachse im Bereich der
Tiefdruckrinne zu finden. Dort erfährt die potentiell instabile heiße Luft,
teils orographisch begünstigt, teils dynamisch induziert Auftrieb, sodass vom
Aachener Raum bis zur Alb kräftige vertikale Umlagerungen einsetzen. Da die
Scherung aber ein Totalausfall ist, werden wohl teils linienhaft organisierte,
teils verclusterte Multizellen das Bild prägen. Aufgrund CAPE-Werte zwischen 750
und 2000 J/kg von NRW bis nach Bayern, sowie etwas geringeren Werten südwestlich
davon, ist als Begleiterscheinungen auch mit Hagel zu rechnen. Der Hauptfokus
sollte bei PPW-Werten zwischen 30 bis 40, in NRW bis 45 mm aber beim (heftigen)
Starkregen liegen. Zudem gibt es auch am Abend und eingangs der Nacht gewisse
Tendenzen zum „back-building“ entlang lokaler Konvergenzen, was auch mit
mehrstündigem Starkregen einhergehen kann. Da regional die vertikalen Profile
weiter eine Inverse-V Struktur ausweisen und zudem eine gute Durchmischung die
DCAPE-Werte steigen lässt, sind lokal auch Sturmböen wahrscheinlich, schwere
Sturmböen nicht ausgeschlossen. Der Norden und Nordosten bleibt dabei außen vor.
Dort wo die trockene Luft angreift, nimmt sogar die Wärmebelastung durch
signifikant kühlere Nächte vorübergehend ab.

In der Nacht zum Donnerstag verlagert sich das Höhentief nach Nordwestfrankreich
und der Trog kommt dabei bis in den westlichen Alpenraum voran. Dabei wird der
Rücken abgehobelt, sodass dieser weiter an Amplitude verliert. Zudem nimmt die
Achse Schwung auf und verlagert sich ostwärts, um am Morgen ausgehend vom
Italien über den zentralen Alpenraum und die Osthälfte Deutschlands bis nach
Skandinavien zu ziehen. Zusätzlich zu der teils noch aktiven Gewitter vom Abend,
die nordostwärts etwa den Osten NRW’s erreichen, soll ausgangs der Nacht mit
aufkommender dynamischer Hebung auf der Trogvorderseite von der Eifel bis zum
Hochrhein ein neuer Schwung konvektiver Ereignisse erreichen.
Donnerstag … schwächt sich der Höhenrücken weiter ab, übrig bleibt eine vom
Alpenraum über das Vorhersagegebiet hinweg bis zur Nordsee und nach Schottland
reichende Potenzialbrücke, die auch das Vorankommen des Höhentroges über
Frankreich etwas blockiert. Dennoch kann verstärkt dynamischer Hebungsantrieb
(aufgrund Trog vorderseitiger PVA) ins Spiel kommen. Die Tiefdruckrinne
verstärkt sich und weitet sich über die Mitte Deutschlands ostsüdostwärts aus,
wobei sie im Tagesverlauf -da sich das Hoch über Skandinavien allmählich
abschwächt- ein wenig nach Norden vorankommt. Abends reicht sie in etwa vom
Emsland bis nach Sachsen bzw. nach Ostbayern. Zudem führt das großräumiger
konvergente Windfeld zu einer verstärkten Feuchteflusskonvergenz, die den
Wassergehalt der Luftsäule in die Höhe treibt. In der Tiefdruckrinne mit der
instabilsten Luft werden daher ähnlich zum Vortag CAPE-Werte zwischen 750 und
2200 J/kg und PPW-Werte von 35 bis 45 mm simuliert. Entsprechend stehen bei
weiter wenig ausgeprägter Scherung organisierte oder verclusterte Multizellen im
Vordergrund, die überwiegend mit Hagel und (heftigem) Starkregen einhergehen.

In den äußersten Südwesten gelangt rückseitig der Rinne im Tagesverlauf bereits
eine nicht mehr ganz so warme und somit auch etwas stabiler geschichtete
Luftmasse, die die Gewitteraktivität dort etwas dämpfen könnte. Im
Einflussbereich der trockeneren und somit ebenfalls stabileren Festlandsluft
befindet sich nach wie vor auch der Nordosten und somit etwa die Regionen
entlang und nordöstlich der Elbe. Dort scheint überwiegend die Sonne und es
bleibt weitgehend trocken.

In der Nacht zum Freitag weitet sich der Trog von Frankreich her auf das
Vorhersagegebiet aus. Obwohl er zunehmend an Kontur verliert, reicht seine Kraft
aus den Rücken weiter zu glätten. Dessen Achse verlässt Deutschland nach Osten,
sodass nahezu das gesamte Bundesgebiet vom Höhentief und dessen Trog dominiert
wird. Einzig die Gallischen Regionen im Nordosten wehren sich weiter. Die
korrelierende Tiefdruckrinne am Boden kommt mit der Verlagerung des Troges
ebenfalls geringfügig nach Norden voran und verläuft morgens in etwa vom
westlichen Niedersachsen bis nach Sachsen. Vor allem im Bereich der Rinne dauert
die Gewitteraktivität durch die Hebungsimpulse der konvergenten
Strömungskomponenten kombiniert mit PVA über die Nacht hinweg weiterhin an,
Unwetterpotenzial besteht nach wie vor in erster Linie aufgrund von (heftigem)
Starkregen. Zusätzliche Gewittergefahr könnte aber von einem neuen kurzwelligen
Anteil ausgehen, der sich von Frankreich dem südwestdeutschen Raum nähert und
dort für Hebung sorgt. Allerdings findet er dort zu einem ungünstigen Zeitpunkt
auch eine Luftmasse vor, die schon viel Energie gelassen hat, sodass die
Schauer- und Gewitteraktivität wohl etwas gedämpfter ausfallen sollte. Zwischen
beiden Gewitterschwerpunkten sollten sich die vertikalen Umlagerungen
vorübergehend abschwächen. Nur lokal begrenzt sollte das MU-Cape ausreichen, die
Gewitter am Leben zu halten oder aber neue Entwicklungen zu starten.
Freitag … übernimmt der kurzwellige Anteil im Zusammenspiel mit dem nahezu
ortsfesten Höhentief zwischen England und Frankreich das Wettergeschehen in
weiten Teilen des Landes. Dabei können sich die Hebungsimpulse im Bereich der
Tiefdruckrinne, die ihren Einflussbereich kaum ändert, mit der PVA der Tröge
sowie aus diabatischer Grundlage interferieren. Nachfolgend sind die stärksten
vertikalen Umlagerungen von Niedersachsen bis zum Erzgebirge und den Alpen zu
erwarten. Vor allem vom südlichen Niedersachsen bis nach Sachsen und Bayern
weist die noch labil geschichtete Luftmasse das höchste Potential für stärkere
Gewitterentwicklungen auf. Für Hagel sprechen z.B. CAPE-Werte bis 1300 J/kg und
für heftigen Starkregen PPW-Werte von 30 bis 45 mm. Mangels Zuggeschwindigkeit
sowie einer nach wie vor vorhandenen Tendenz zum „back building“ ist auch
mehrstündiger, teils extremer Starkregen ein Thema. Auf der Rückseite des
kurzwelligen Anteils kann sich ein flacher Höhenrücken von Frankreich her nach
Süddeutschland ausweiten. Vor allem im Südwesten und ganz im Westen sollte
dieser für eine gewisse Stabilisierung sorgen, so dass es dort nur noch einzelne
Schauer und Gewitter gibt. Durch die etwas kühleren Temperaturen nimmt im Westen
und Süden auch die Wärmebelastung ab. Außen vor von dieser Entwicklung sind nach
wie vor der äußerste Nordosten und Osten, dorthin sickert weiterhin trockene
Festlandsluft.

In der Nacht verändern sich die Verhältnisse kaum. Potentielle stabilisierende
Tendenzen aufgrund des Tagesgangs könnten im Bereich der Rinne zunehmend zu
schauerartig verstärkten, teils konvektiv durchsetzten Regenfällen führen. Der
Westen und Südwesten profitiert zudem verstärkt von einem schwachen Höhenkeil,
der sich vom westlichen Mittelmeerraum bis nach Ostfrankreich aufbäumt, sodass
dort weiter Wetterberuhigung das Bild bestimmt.
Samstag … kann sich ausgehend vom Höhentief über dem Ostatlantik eine Brücke
tiefen Geopotentials nach Osten bis hin zum Langwellentrog über Osteuropa
ausbilden. Diese zieht sich über die Nordhälfte Deutschlands hinweg und
korreliert am Boden weiter mit der Tiefdruckrinne, die jedoch zunehmend zonal
ausgerichtet ist. Beide zusammen mit kurzwelligen Anteilen und eine noch
ausreichend labile Luftmasse lassen vom Emsland und der Nordsee bis nach Sachsen
und Brandenburg erneut die teils kräftigen Gewitter sprießen. Aufgrund weiterhin
fehlender Scherung und ebenfalls geringer Verlagerungstendenzen bleiben
Multizellen mit „back Building“ das Stilmittel der Konvektion. Der Fokus liegt
bei PPW-Werten über 35 mm erneut beim (heftigen) Starkregen. Genügend CAPE für
Hagel ist mit Werten bis 1300 J/kg in Ostsachsen am ehesten gegeben. Neben den
Multizellen rückt aber auch der schauerartig verstärkte und allenfalls mit
einzelnen Gewittern durchsetze Regen mehr und mehr in den Vordergrund.
Im Süden setzt sich dagegen auf der Vorderseite eines Rückens bodennah hoher
Luftdruck durch. Entsprechend beruhigt sich das Wetter etwa südlich von Model
und Main zusehends. Allenfalls im Südosten und Osten Bayerns kann ein
kurzwelliger Anteil, der die Geopotentialbrücke abläuft für Hebung sorgen, die
dort einzelne Gewitter etwas wahrscheinlicher machen. *

Modellvergleich und -einschätzung

Die Modelle simulieren die großskaligen Entwicklungen des Geopotenial- und
Luftdruckfeldes vergleichbar. Im Detail sorgen aber geringe Abweichung z.B. bei
der Intensität des Höhentiefs zwischen England und Frankreich oder auch der
Ausprägung und die Lage des kurzwelligen Anteils im Süden zum Freitag für
unterschiedliche Hebungsschwerpunkte und somit eine veränderte räumliche
Einordnung der Gewitter und differenzierte Stärke dieser. Am Samstag lässt das
ECMWF zudem die Geopotentialbrücke offen, sodass ein schwacher Rücken die
Konvektion im Vergleich zum ICON vor allem im Nordwesten, Westen und der Mitte
zusätzlich dämpft.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Lars Kirchhübel