SYNOPTISCHE UEBERSICHT MITTELFRIST

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 06.08.2020 um 10.30 UTC

Heiße und meist trockene Hundstage der GWL-Marke HNFa (Hoch
Nordmeer-Fennoskandien antizyklonal) bzw. SEa (Südost antizyklonal). Nur lokale
Hitzegewitter.

Synoptische Entwicklung bis zum Donnerstag, den 13.08.2020

Für alle, die es mit Hitze, Sonne satt und allem, was daran hängt, halten, gibt
es gute Nachrichten. Für alle anderen – bitte hier schon aussteigen und nicht
weiterlesen. Keine Frage, das zonal geprägte Strömungs- respektive
Zirkulationsmuster mit oszillierendem Azorenhochkeil, das uns quasi über die
vergangenen zwei Monate begleitet hat, ist inzwischen einer deutlich
meridionaleren Anordnung gewichen. Dabei hat die Potenzialverteilung, sprich die
Anordnung von Trögen und Rücken, eine Wellenlänge angenommen, die wenig
Progression (und somit wenig Veränderung) verspricht – eine stehende Welle
sozusagen, in der Mitteleuropa respektive Deutschland kurz- und mittelfristig
überwiegend antizyklonal beeinflusst werden.

Steigen wir ein am kommenden Sonntag, wo sich ein breiter, nach Norden hin
allerdings spitz zulaufender Höhenrücken von Nordwestafrika bis hoch nach
Fennoskandien bzw. noch weiter bis zur Barentssee erstreckt. Flankiert wird der
Rücken von Langwellentrögen, von denen der westliche weite Teile des
Ostatlantiks überdeckt, während „Numero zwo“ über dem nahen Osteuropa sowie dem
östlichen Mittelmeer zu finden ist. Im Grunde bleibt diese Konstellation über
den gesamten Mittelfristzeitraum bestehen, wobei der Rücken sogar leicht
retrograd wird. Dabei kommt es an seinen Flanken immer mal wieder zu Attacken
kurzwelliger Troganteile, die flügge und voller Tatendrang aus ihren
„Muttertrögen“ herauslaufen, sich schlussendlich aber am mächtigen Rücken die
Hörner abstoßen.

Von der Höhe in die bodennahen Gefilde, wo sich das in der Kurzfrist über dem
Baltikum einnistende Hoch DETLEF im Laufe des Wochenendes schwächelt.
Gleichzeitig steigt der Luftdruck über dem Europäischen Nordmeer von Südwesten
her und es etabliert sich ein neuer Hochschwerpunkt (wahrscheinlich EMIL), der
sich zu Wochenbeginn auf das skandinavische Festland verlagert. Kompensatorisch
dazu fällt der Luftdruck über Teilen West- und Südwesteuropas, was zur Bildung
einer von der Iberischen Halbinsel bis nach Frankreich reichenden breiten
Tiefdruckrinne führt. Teils bedingt durch Absinken, teils advektiv steigt die
Temperatur in der unteren Troposphäre ordentlich an, am Abend reicht die Spanne
der 850-hPa-Temperatur von 14°C rund um Usedom bis zu 21°C in der Pfalz. Dass
das bei reichlich Einstrahlung nicht ohne Folgen auf die für die Menschheit
relevantere 2m-Temperatur bleibt, ist evident. So wird von wenigen Ausnahmen
abgesehen (höhere Lagen, die meisten Inseln sowie Küstenabschnitte mit
auflandigem Wind) die 30°C-Marke nicht nur am Sonntag, sondern auch an den
Folgetagen z.T. deutlich überschritten; vor allem im Westen und in der Mitte
sowie knapp südlich der Norddeutschen Tiefebene geht´s gar hoch auf 35 bis 38°C

  • puh! Nun sind Tageswerte über 30°C das eine, unangenehm wird´s in dem Moment,
    wo es nachts nicht mehr richtig abkühlt. Und genau dieses Phänomen droht, wenn
    nämlich die Temperatur mehrere Nächte hintereinander vielerorts nicht unter 20°C
    sinkt (sogenannte Tropennacht) und somit die nächtliche Regeneration von Körper
    und Seele erheblich gestört wird (herzlichen Glückwunsch, nein, besser Beileid
    an alle, die ihr Bett in einer schlecht gedämmten Dachgeschosswohnung stehen
    haben).

Zurück von den Befindlichkeiten zu den synoptischen Fakten, wo vor allem noch
die Frage nach möglichen Regenfällen oder Gewittern zu klären wäre. Dünn, liebe
Leute, sehr, sehr dünn sieht es diesbezüglich aus. Nennenswerte Regenfälle
bezogen auf Fläche UND Intensität sind – logischerweise – bei einer derartigen
Großwetterlage nicht zu erwarten. Wahrscheinlicher sind da schon aus der
Überhitzung der Luftmasse resultierende, häufig von der Orografie (Bergland)
ausgelöste Gewitter. Anfangs steht dabei mit Rückweichen des Höhenrückens eher
der Osten im Fokus, bevor zur Wochenmitte hin mit leichter Annäherung der o.e.
Tiefdruckrinne der Westen und Südwesten in den Blickpunkt rücken. Der Alpenrand
ist eigentlich permanent einer latenten Gewitterbereitschaft ausgesetzt. Wo es
schlussendlich krachen wird, muss von Tag zu Tag neu bewertet werden.

Ob es zum Wochenende (erweiterte Mittelfrist) zu einer marginalen Entspannung
der Hitzewelle kommt, wie vom Hauptlauf apostrophiert, muss abgewartet werden.
Ja, ja, da sind sie nun die Hundstage, die im Volksmund als die heißesten des
Sommers gehandelt werden. Bleibt zu hoffen, dass sie für einige von uns nicht
auch noch hundsgemein werden…

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die Konsistenz der letzten Modellläufe von IFS (ECMF) kann summa summarum als
gut bezeichnet werden. Danach steht der bereits im Kurzfristbereich einsetzenden
Hitze- und Trockenheitswelle nichts im Wege. Unsicher ist lediglich, wann und wo
mal ein oder auch mehrere Gewitter hochschießen. Der neueste Lauf von heute 00
UTC ist diesbezüglich eher wieder etwas zurückgerudert. Vor allem in der
gestrigen 12-UTC-Version waren für den kommenden Donnerstag auch mal großflächig
schauerartiger Regen und Gewitter vorgesehen, die nun wieder fast vollständig
herausgerechnet wurden.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Die an dieser Stelle für gewöhnlich begutachteten Globalmodelle von ICON über
das nordamerikanische „Konsortium“ GFS und GEM bis hin zum Modell des britischen
Wetterdienstes (UKMO) sind allesamt an einer Hitzewelle interessiert. Oder
anders ausgedrückt, die Basisfelder unterscheiden sich nicht großartig
voneinander. Was leicht divergiert, ist die jeweilige Geometrie des Höhenrückens
und damit auch die Anfälligkeit für zyklonale Störungen an den Flanken, was
wiederum Konsequenzen auf mögliches konvektives Geschehen hat. Ein wirklich
anderslautendes Szenario ist aber nicht erkennbar.

FAZIT: Die bevorstehende Hitzewelle erfährt deterministisch einen hohen
modellübergreifenden Zuspruch. Unsicherheiten bestehen vornehmlich hinsichtlich
potenzieller Überentwicklungen, aber warum sollte das mittelfristig besser
laufen als kurzfristig.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die EPS-Rauchfahnen sowohl von IFS als auch von GFS zeigen bis Mitte nächster
Woche einen eng gebündelten Verlauf auf hohem Temperatur- und Potenzialniveau
(T850 und Pot500). Dabei gibt es – egal in welcher Region – durchaus ein paar
RR-Signale, die in Einzelfällen sogar recht kräftig (Starkregen) ausfallen. Die
Mehrheit der Ensembles offeriert aber trockene Lösungen. Nach Wochenmitte nimmt
die Streuung der Kurvenscharen zu, wobei tendenziell ein allmählicher
Abwärtstrend bei vermehrt auftretenden Niederschlagspeaks zu erkennen ist.
Haupt- und Kontrolllauf tun sich allerdings schwer, sich von der Hitze zu
verabschieden, sie markieren den oberen Rand der Kurvenscharen.
Die IFS-EPS-Clusterung startet mit einem einzigen Cluster von Sonntag auf Montag
(T+72…96h), der weitgehend dem Hauptlauf entspricht. Ab Dienstag (T+120…168h)
erhöht sich die Anzahl der Cluster auf vier, die aber große Ähnlichkeiten
aufweisen und alle dem Klimaregime „Blocking“ zugeordnet sind. Unterschiede
offenbaren sich am ehesten in der Konfiguration des über Mittel- und Nordeuropa
positionierten Höhenrückens, was prognostisch für Deutschland von bedingter
Relevanz ist. Von Freitag bis Sonntag (T+192…240h) nimmt die Diversität der
Ensemblelösungen zu, was sich in der Maximalzahl von sechs Clustern
widerspiegelt. Dabei sind alle vom ECMF vorgegebenen Strömungsklassifikationen
von NAO positiv über NAO negativ und „Atlantic Ridge“ bis hin zu „Blocking“
vertreten. Die Numerik scheint also sehr unsicher, wie es erweitert
mittelfristig weitergeht. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass die Atmosphäre
einen auf Erhaltungsneigung macht und sich gar nicht viel verändert, was
weiterhin derbes Schwitzen bedeuten würde.

FAZIT: Die mittelfristige Entwicklung steht (viel Sonne, heiß, trocken)
abzüglich einiger Randdetails wie z.B. konvektiver Umlagerungen. Der Trend in
Richtung übernächstes Wochenende ist unsicher.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Bei der Betrachtung möglicher signifikanter Wetter- und Witterungserscheinungen
stehen eindeutig die Themen Hitze und Trockenheit im Vordergrund. Beide
Parameter betreffen weite Teile des Vorhersageraums, allerdings mit
unterschiedlichen Auswirkungen. Das gilt vor allem für die Trockenheit (im Sinne
nicht-fallenden Niederschlags), die sich im gerade erst mit Regen satt
gesegneten Süden ganz anders auswirkt als in chronisch unterversorgten Gebieten
der Mitte und des Westens, gebietsweise aber auch des Nordens und Ostens.
Etwaige lokale Gewitter, die in den nächsten Tagen bzw. in der kommenden Woche
auf den Plan gerufen werden, taugen wenig bis nichts, die hydrologische
Situation in den Trockengebieten zu entstressen, auch wenn sie in Einzelfällen
durchaus kräftig ausfallen können.

Basis für Mittelfristvorhersage
MOS-Mix mit IFS-EPS und Modellmix.

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Jens Hoffmann