SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST

SXEU31 DWAV 301800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 30.06.2020 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen:
Abseits der Küsten in der Nacht abflauender Wind. Am Mittwoch in einem breiteren
Streifen vom Westen bis nach Brandenburg und Sachsen einzelne starke bis schwere
Gewitter, später auch im Südwesten sowie am Alpenrand. In der Nacht zum
Donnerstag auf die gesamte Südhälfte ausweitend.

Synoptische Entwicklung bis Freitag 12 UTC

Aktuell … befindet sich Mitteleuropa am Rande eines Tiefdruckkomplexes über
dem Norden und Nordwesten des Kontinents, das sich sowohl in 500 hPa als auch am
Boden als ziemlich heterogen darstellt. In 500 hPa sind die Geopotentialminima
zum einen über Schottland und dem südlichen Skandinavien zu finden (jeweils als
Randtrog), zum anderen über dem Europäischen Nordmeer (als Zentrum). Daraus
resultiert über Deutschland eine recht zonale westliche bis leicht südwestliche
Strömung, die im Norden des Landes durch ein Maximum des Jets unterstützt wird.
Bodennah zeigt die Analyse von 12 UTC die zu den Randtrögen korrespondierenden
Tiefs über dem südlichen Irland sowie an der Südspitze Norwegens, wobei die über
den Norden Deutschlands verlaufende Okklusion besonders in den küstennahen
Gebieten etwas Regen bringt (diese Mengen sind fernab jeglicher Warnrelevanz).
Sehr wohl mit Warnungen unterfüttert ist die aktuelle Windsituation, denn der
heute tagsüber vorherrschende Gradient sorgte im Norden und Teilen der Mitte für
einzelne starke Böen, an den Küsten sowie in exponierten Lagen der Mittelgebirge
für stürmische Böen oder Sturmböen aus Südwest. Im Flachland klingt diese
Windsituation im Laufe des Abends sowie eingangs der Nacht aus, sodass die
Warnungen in den meisten Regionen auslaufen können. Ausgenommen davon sind die
höheren Mittelgebirgslagen sowie die Küstenregionen mit weiter auftretenden
starken bis stürmischen Böen, in exponierten Kammlagen können auch weiterhin
Sturmböen dabei sein (Brocken). Im Laufe der Nacht zum Mittwoch dreht die
Höhenströmung über Mitteleuropa aufgrund des sich leicht amplifizierenden
Randtroges bei Schottland zunehmend auf Südwest, zeitgleich erreicht die
Warmfront des ursprünglich damit korrespondierenden Bodentiefs die westlichen
Landesteile (die WLA-induzierten Niederschläge sind im Emsland bereits
angekommen). Nach Lesart der Modelle wird das Frontensystem zunehmend als offene
Welle abgebildet (keine Kernisobare vorhanden), die die Frontalzone über der
südlichen Nordsee sowie Norddeutschland markiert. Trogvorderseitige
Hebungsprozesse führen nun besonders ab der zweiten Nachthälfte entlang dieser
Luftmassengrenze für länger anhaltende, teils schauerartig verstärkte
Niederschläge. Die Schwerpunkte der Regenfälle werden für die Nachtstunden auf
die Regionen vom Rheinland über das Ruhrgebiet bis nach Ostwestfalen gelegt,
wobei es noch geringe Modelldiskrepanzen gibt. Nördlich davon, in der frischeren
Meeresluft, beschränken sich die Niederschläge auf einzelne Schauer. In den
südlichen Regionen verläuft die Nacht dagegen gänzlich trocken.

Mittwoch … verläuft die angesprochene Warmfront der Frontalwelle quer über den
Norden Deutschlands hinweg und geht zunächst über Benelux in die Kaltfront über
Nordfrankreich über, später verlagert sich der Wellenscheitel in den Nordwesten
Deutschlands, am Abend zu den Küstenregionen der Ostsee. In den Regionen südlich
davon kommt im Warmsektor starke WLA auf, sodass südlich des Mains bei längerem
Sonnenschein da und dort die Marke von 30 Grad erreicht oder knapp überschritten
wird. Im Nordwesten bleiben die Temperaturen bei einer 850-Grad-Isothermen von
knapp über 10 Grad und dichter Bewölkung sowie teils schauerartig verstärktem
Regen meist unter 25 Grad. Diese Niederschläge bedürfen noch einer genaueren
Analyse, denn besonders in den Vormittagsstunden sind ähnliche Regionen wie in
der Nacht betroffen (Teile NRWs). Erst mit zunehmender Verlagerung der Kaltfront
südostwärts am Nachmittag fokussieren sich nämlich die Niederschläge auf den
zentralen Mittelgebirgsraum. Im etwa 18-stündigen Zeitraum bis dahin rechnet
ICON13 im Ruhrgebiet und den angrenzenden Regionen mit etwas über 30 l/qm, EZMW
lokalisiert in einem ähnlichen Gebiet etwas geringere Mengen. GFS bevorzugt
dagegen die nördliche Variante vom Münsterland bis nach Ostwestfalen, während
EURO4 einen längeren, schmalen Streifen vom Ruhrgebiet ins südliche
Niedersachsen propagiert. Die probabilistischen Produkte rechnen in Teilen des
zentralen NRWs mit einer Überschreitungswahrscheinlichkeit von 10% für mehr als
30 l/qm. Neben den erwarteten Regenmengen darf aber auch die Gewittersituation
nicht vernachlässig werden. Entlang und knapp südlich der Frontalzone ergibt
sich aus heutiger Sicht ein Streifen, in dem sich Geschwindigkeitsscherung (20
bis 30 m/s (0 bis 6 km) bzw. 10 bis 17 m/s (0 bis 1 km)), Labilität und deutlich
erhöhte Feuchtewerte gut überlappen können. Allerdings fehlt es teilweise an
entsprechend höhenunterstützter Hebung (flach konturierte Strömung). Es ist
daher nicht verwunderlich, dass die konvektionserlaubenden Lokalmodelle die Lage
noch differenziert sehen, aber den Schwerpunkt einheitlich in einem diagonalen
Streifen vom Westen bis nach Brandenburg simulieren. Wobei darauf hingewiesen
wird, dass SuperHD teils deutlich offensiver starke Gewitter rechnet als
COMSO-D2. Diese Gewitter gehen dann lokal einher mit heftigem Starkregen, Hagel
mittlerer Korngröße und Sturmböen oder schweren Sturmböen. In den südlichen
beiden Bundesländern ist die synoptische Situation eine andere. Dort wird zwar
ebenfalls feuchtwarme und deutlich labile Luft advehiert (CAPE zwischen 100 und
500, südlich der Donau zwischen 400 und 1000, an den Alpen bis 1500 J/kg, ppws
um oder etwas über 30 mm). Zur verbreiteten Gewitterauslöse fehlen aber
großräumige Hebungsprozesse, außerdem ist die Luftmasse bis in den Nachmittag
hinein gut gedeckelt (erhöhte CIN-Werte) und die Scherung deutlich geringer als
im Norden. Daher liegt der Fokus auf orographischer Auslösung über den
südwestdeutschen Mittelgebirgen sowie am direkten Alpenrand, wobei später durch
einen flachen Kurzwellentrog in 300 hPa auch Gebiete abseits davon von starken
bis schweren Gewittern mit Starkregen, größerem Hagel und schweren Sturmböen
(inverted-V) betroffen sein können. Etwas außen vor sind damit zunächst die
Regionen zwischen der Donau und dem Main. Neben diesen konvektiven Ereignissen
kommt es außerdem in den küstennahen Regionen sowie in den höheren Lagen der
Mittelgebirge zu einzelnen starken Böen aus Südwest bis West. Am Abend und in
der Nacht zum Donnerstag verlagert sich die Kaltfront (und damit auch das
präfrontale Gewittergebiet) langsam südostwärts und erreicht ausgangs der Nacht
die Mainregion. In den synoptischen Feldern gut zu erkennen sind dabei durch die
nun vorhandenen Kurzwellentröge induzierte Hebungsgebiete, die von der Schweiz
her über den Süden nach Tschechien und Oberösterreich gesteuert werden. Damit
und mit der weiterhin feuchtwarmen und labilen Luftmasse besteht die Möglichkeit
für größere Gewittercluster, die von der Schweiz und dem westlichen Ostalpenraum
her die Regionen südlich der Donau überqueren. Die primäre Gefahr geht dann von
heftigem, teils auch mehrstündigem Starkregen aus. Im Nordwesten greift außerdem
ein Randtrog von der Nordsee her auf die küstennahen Regionen über, sodass dort
ausgangs der Nacht im Bereich etwas höhenkälterer Luft Schauer heranziehen und
der eine oder andere Blitz nicht ausgeschlossen ist. Zwischen dem Main und dem
Nordwesten klingen die Gewitter dagegen meist ab. An der Ostsee sind außerdem
einzelne starke Böen weiterhin möglich.

Donnerstag … greift der Randtrog über der Nordsee weiter auf den Nordwesten
über, die Kaltfront des nun im südlichen Schweden situierten Tiefs verläuft zum
Mittagstermin diagonal vom Schwarzwald bis nach Oberfranken. In der südöstlich
davon weiterhin feuchtwarmen und labilen Luftmasse (CAPE über 1000 J/kg,
entsprechende Lapse-Rate, ppws deutlich über 30 mm) kommt es zu starken
Gewittern oder teils schauerartig verstärktem (Stark-)Regen. Auch das
mehrstündige Kriterium sollte dabei bei entsprechender Verclusterung nicht aus
den Augen gelassen werden. Diese Situation steht aber noch unter dem Vorbehalt
der aus der Nacht heraus vorliegenden Gewittersituation, Unwetterpotential ist
allerdings weiterhin vorhanden. Der Nordwesten kann ebenfalls Schauer und ein
paar Gewitter abbekommen, wobei diese aber von der Marke Kaltluftgewitter sind.
Dazwischen ergibt sich ein Streifen mit einer Mischung aus Sonne und Wolken und
Temperaturwerten von knapp über 25 Grad. Der Wind spielt allgemein eine
untergeordnete Rolle, nur in manchen Kammlagen der Mittelgebirge kann es zu
stürmischen Böen kommen. In der Nacht zum Freitag wird die feuchtwarme Luftmasse
aus dem Südosten Bayerns endgültig abgedrängt, damit klingen die Gewitter sowie
der schauerartig verstärkte Regen langsam ab. Der Norden und die Mitte des
Landes befinden sich unter dem Langwellentrog über Nordeuropa, wobei weiterhin
mit westlicher Strömung erwärmte Meeresluft herangeführt wird. Das Warngeschehen
hält sich damit in Grenzen.

Freitag … beginnt über Westeuropa ein Abtropfprozess des Langwellentroges über
Nordeuropa. Bodennah schiebt sich ein Keil des Azorenhochs in Richtung
Mitteleuropa vor, damit ergibt sich im Süden eine leicht antizykonal, im Norden
eine eher zyklonal geprägte Westlage. Im Norden kommt es im Trogbereich zu
vereinzelten Schauern, auch im alpinen Raum ist die Auslösung solcher möglich.
In der recht frischen Meeresluft steigen die Temperaturwerte auf 20 bis 24 Grad,
außerdem gibt es meist einen Wechsel von vielen Wolken und etwas Sonne. Der Wind
ist schwach, in Böen mäßig und kommt aus westlichen Richtungen. In der Nacht zum
Samstag wird der Abtropfprozess des Höhentiefs abgeschlossen. Am Boden zieht ein
Tief von den Britischen Inseln in Richtung südwestliches Norwegen und lenkt
dabei seine Warmfront in Richtung südliche Nordsee, wobei mit der einhergehend
Gradientverschärfung an der Nordseeküste starke bis stürmische Böen möglich
sind. Außerdem verdichten sich dort im Laufe der Nacht die Wolken und auch im
alpennahen Bereich bleibt es im Einflussbereich des Höhentiefs stark bewölkt.
Sonst verläuft die Nacht oft klar und trocken.

Modellvergleich und -einschätzung

Die großräumigen Strukturen werden von den Modellen relativ ähnlich simuliert,
der Teufel steckt – wie immer bei konvektiven Lagen – im Detail. Besonders die
Verbreitung der starken, teils auch schweren Gewitter entlang der
Luftmassengrenze sowie der Zeitpunkt und die Region der Gewitterauslösung im
Südwesten und Süden am Mittwoch sind noch mit ein paar Fragenzeichen versehen –
diese wurden im Text angesprochen. Aufgrund dieser Unsicherheiten und der noch
ausreichend zur Verfügung stehenden Vorlaufzeit wird über eine mögliche
Vorabinfo am Mittwochvormittag entschieden.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Mag.rer.nat. Florian Bilgeri