SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST

SXEU31 DWAV 130800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 13.03.2020 um 08 UTC

GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: Übergang von Wz (West zyklonal) zu HM (Hoch Mitteleuropa)

Heute noch mal zyklonal und dynamisch, am Wochenende vermehrt antizyklonal (Gott
zum Gruße HELGE) und undynamisch.

Synoptische Entwicklung bis Sonntag 24 UTC

Freitag… der dreizehnte, was soll man da erwarten? Nun, auch dieser Tag dürfte
einmal mehr schlagzeilenreich und mit neuen Hiobsbotschaften zum Covid-19 über
die Bühne gehen. Aber taugt er auch, beim Wetter etwas Aufmerksamkeit zu
erregen, auch wenn das Thema dieser Tage eher in den Hintergrund gerückt ist.
Die Frage beantwortet der Verfasser trotzdem mit „ja“. Warum tut er das, können
Frau und Mann im Folgenden lesen-
Zunächst zur Ausgangssituation, die – noch! muss man sagen – stark zyklonal
geprägt ist. So befinden wir uns aktuell unter einer lebhaften westlichen
Höhenströmung, in die ein recht breit konturierter KW-Trog eingelagert ist.
Dieser wird von der Nordsee kommend noch im Laufe des Vormittags sowie der
Mittagsstunden den Norden und etwas gedämpft die Mitte des Landes ostwärts
überqueren. Dabei wird eine Portion hochreichend kalter Polarluft in die
genannten Gebiete gespült, in der die 500-hPa-Temperatur auf -30 bis -35°C
zurückgeht. Berücksichtigt man, dass im 850-hPa-Niveau die Temperatur
gleichzeitig bei -3/-4°C liegt, wird einem schnell die enorme Labilität der
Meereskaltluft bewusst. Je weiter im Norden, desto labiler die Luftmasse.
Kein Wunder also, dass vor allem an und um die Küsten herum sowie in der
Norddeutschen Tiefebene, in gedämpfter Form aber auch bis in den zentralen
Mittelgebirgsraum ausgreifend, eine rege konvektive Aktivität in Gang kommt, die
sich – wie aktuell bereits zu beobachten – staffelartig und durchaus organisiert
von Nordwesten her ostwärts ausbreitet. Für Abwechslung ist gesorgt, wird doch
die Palette möglicher Aggregatszustände ordentlich ausgereizt: Regen, Graupel,
oberhalb rund 600 m auch Schnee und dazu noch das eine oder andere kurze
Gewitter. Ach ja, und nicht zu vergessen der Wind, der seine heute unzweifelhaft
vorhandene Power sowohl aus dem Gradienten als auch aus der Höhe
(Impulstransport) bezieht.
Thema Gradient, hier ist an erster Stelle der markante Bodentrog zu nennen, der
quasi als südwestlicher Appendix eines umfangreichen Tiefkomplexes über
Nordeuropa (GIESELA und HANNA) von der Nordsee auf Deutschland übergreift und im
Laufe des Vormittags ebenso zügig wie sein Pendant in der Höhe über den Norden
ostwärts schwenkt. Da auf der Gegenseite, sprich im Süden der Luftdruck bereits
heute früh steigt (ich komme später noch mal darauf zurück), hat sich ein
veritabler Gradient aufgebaut, der sich in den nächsten Stunden vorübergehend
noch etwas verstärkt. Die entsprechenden Wind- und Sturmwarnungen sind
geschaltet und reichen weit nach Süden bis nach Bayern und BW. Einzig die tiefen
Lagen in den südlichen Teilen dieser beiden Bundesländer sind warnfrei.
Das Salz in der windigen Suppe wird aber aus der Höhe gespeist, wo mit dem Trog
im Norden ein Low-Level-Maximum durchgeht. Die Modelle simulieren Spitzen bis 50
Kt in 925 hPa und bis 60 Kt in 850 hPa, was im Falle des 925-hPa-Niveaus durch
den Mitternachtsaufstieg von Norderney auch bestätig werden konnte. So erscheint
es völlig plausibel, dass im Norden bei kräftigen Schauern oder kurzen Gewittern
eine schwere Sturmböe 10 Bft auf dem Windschreiber registriert wird, während
sonst bis weit über die Mitte nach Süden ausgreifend meist Windstärke 8 bis 9
Bft auf der Karte steht. Dass in exponierten Kamm-, Kuppen- und Gipfellagen
ebenfalls schwere Sturmböen 10 Bft, im Falle des Brockens sogar Orkanböen bis 12
Bft registriert werden, ist evident. Am Nachmittag und Abend wird der Gradient
im Zuge kräftigen und das gesamte Bundesgebiet erfassenden Druckanstiegs mächtig
auseinandergezogen, was eine von West-Südwest nach Nordost fortschreitende
deutliche Windabschwächung zur Folge hat.
Noch mal kurz in den Süden, wo die atmosphärischen Turbulenzen heute am
schwächsten ausgeprägt sind. Grund dafür ist der sich von Frankreich nach Osten
vorschiebende Hochkeil, der zunächst völlig unscheinbar wie ein ganz profanes
Zwischenhoch daherkommt, am Wochenende aber in höchstprominente Kreise aufsteigt
und für manch ZeitgenossInn vielleicht sogar so etwas wie „persona grata“ wird.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die FU Berlin einen Namen für
den Hochkeil spendiert hat. Kein Geringerer als HELGE betritt die Bühne, was den
Verfasser gleich mal an den vom ihm sehr geschätzten SCHNEIDER denken lässt.
Dass dieser auf dem Sektor Klamauk, vor allem aber Musik (Jazz!) was los hat,
ist bekannt; dass er nun auch beim Wetter mitmischt, ist neu. Spaß beiseite,
Fakt ist, dass mit dem Druckanstieg im Süden die aktuell an den Alpen noch
liegende Kaltfront allmählich nach Süden weggedrückt wird, wodurch auch die
Niederschläge mehr und mehr nachlassen. Oberhalb von rund 1000-1200 m fällt zwar
noch etwas Schnee, der richtige Bringer ist das aber nicht, so dass sogar auf
eine Warnung verzichtet werden kann. Gleiches gilt tagsüber für die Hochlagen
der Mittelgebirge, wo der fortgeschrittene Sonnenstand für ausreichend Strahlung
sorgt, um die Belagstemperaturen in einem unkritischen Bereich zu halten.
So bliebe am Ende nur noch ein Blick auf die Lufttemperatur, die sich heute
zwischen etwa 7°C auf den Inseln und bis zu 13°C im Oberrheingraben
wiederfindet.

In der Nacht zum Samstag nähert sich von Westen her ein flacher Höhenrücken, der
unseren HELGE mächtig aufpäppelt. So wird aus dem anfangs schmalen Keil ein sich
weit nach Norden aufwölbendes Hoch, dessen Zentrum am frühen Morgen laut ICON
mit etwas unter 1025 hPa über Mitteldeutschland liegt. Weitere Isobaren sucht
man über Deutschland vergebens, wenn man die Auflösung nicht zu weit
runterbrechen möchte. Von daher braucht es keine große Fantasie sich
vorzustellen, dass dem Wind – zumal auch noch der Tagesgang dazukommt – komplett
die Puste ausgeht und er dabei umlaufend wird. Interessant dabei die Tatsache,
dass hinter dem nach Osten abziehenden Trog (Boden und Höhe) ein Schwall relativ
trockener Kaltluft in den Nordosten gelangt, in der T850 in Vorpommern bis auf
-10°C zurückgeht – wow, darauf hat man im Winter vergeblich gewartet.
Wie auch immer, die Schaueraktivität wird aus verschiedenen Gründen
(Stabilisierung, Antizyklonalisierung, Tagesgang) erheblich gedämpft respektive
fällt ganz zusammen. Am längsten dürften sich ein paar Einzelexemplare (Regen,
Bergland Schnee) in den mittleren Landesteilen in die Nacht retten. Da die
Wolkendecke zunehmend, wenn auch nicht überall aufreißt, geht die Temperatur
vielerorts in den leichten Frostbereich (Luft) zurück bzw. es stellt sich
zumindest in Bodennähe leichter Frost ein. Etwas ausgenommen davon scheinen die
Tieflagen im Westen und Südwesten zu sein, wo im Laufe der Nacht hohe,
vielleicht auch mittelhohe Wolken im Vorfeld eines auf Frankreich zusteuernden
flachen Höhentrogs auftauchen. In den Frostgebieten muss dort, wo es tagsüber
oder auch in den Abendstunden noch spät Schauer gegeben hat und entsprechend die
Straßen/Wege nicht abgetrocknet sind, mit Glätte durch gefrierende Nässe
gerechnet werden. Zudem ist auch Reif nicht ausgeschlossen. Auf alle Fälle
sollte das Warnmanagement „Glätte“ auch bei Zweifeln („soll ich, soll ich
nicht“) offensiv mit sichtbaren Glättewarnungen ausgerichtet sein.

Samstag… wandert im Norden der flache Rücken ostwärts durch, während wir im
Süden den von Frankreich übergreifenden und ebenso flachen Randtrog begrüßen
dürfen. Diese etwas merkwürdig anmutende Konstellation bedingt eine Spreizung
der Isohypsen und damit eine Abnahme der westlichen Höhenströmung. Wichtiger als
das scheint aber die Tatsache, dass sich über Westeuropa ein weiterer
Höhenrücken aufspannt, der über weitaus mehr Potenzial als sein schmalbrüstiger
Vorgänger zu verfügen scheint und in den Folgetagen noch auf sich aufmerksam
machen wird.
Während die Gemengelage in der Troposphäre also noch etwas gemischt daherkommt,
zieht es den guten HELGE unter leichter Intensivierung auf über 1025 hPa im
Schwerpunkt nach Nordwestpolen, was aber wohl erst am Nachmittag der Fall sein
wird. Damit gelangen wir auf seine West-Südwestflanke in eine östliche bis
südliche Grundströmung. Obwohl der Luftdruck im Westen bereits wieder fällt und
sich damit die Annäherung einer Tiefdruckrinne ankündigt, reicht der Gradient
nicht aus, um irgendwo bei uns einen anständigen Wind ins Leben zu rufen. Am
ehesten frischt der Südostwind im Tagesverlauf über der Nordsee spürbar auf,
allerdings ist aufgrund der ablandigen Komponente die Frage, ob es bis zum Abend
irgendwo schon für steife Böen 7 Bft reichen wird (am ehesten auf Helgoland).
Ansonsten lässt sich das Wetter deutschlandweit morgen in zwei Zonen einteilen:
einem sonnigen bis locker bewölkten Norden und Osten, wo die Absinkinversion auf
etwa 900 hPa runtergedrückt wird und die Grundschicht relativ trocken ist (nur
lockere Cumulus humilis, wahrscheinlich keine Ausbreitung). Und einem wolkigen,
zeit- und gebietsweise auch stark bewölkten Süden und Westen, in dem hier und da
sogar ein paar Regentropfen fallen können. Zieht man das Bergland ab, dann
bleibt es im Nordosten trotz des Sonnenscheins am kältesten, gerade mal 6 oder
7°C sind es in Vorpommern sowie der Uckermark. In der Westhälfte dagegen wird
vermehrt die 10°C-Marke erreicht oder sogar überschritten, wobei die höchsten
Tageswerte mit punktuell 13°C im Rheintal auftreten.

Kommen wir zur Nacht auf Sonntag, in der ein schönes Downstream-Development zu
beobachten ist. So kommt es über dem nahen Ostatlantik zu einer Austrogung (die
genau genommen tagsüber schon aktiv war), demzufolge sich der o.e. stromab
befindliche Rücken weiter aufwölbt. Und da das gesamte Muster progressiv ist,
greift der mit seiner Achse nach Nordosten gerichtete Rücken alsbald auf den
Vorhersageraum über. Davon profitiert auch das Bodenhoch, das auf die
Vorderseite des Rückens gelangt (NVA) und sich dabei auf über 1030 hPa im
Zentrum verstärkt. Dass es dabei über Polen etwas von Deutschland wegrückt, muss
man akzeptieren (HELGE geht halt gerne auf Tournee). Der Abstand reicht aus, um
dem Osten und Süden sowie Teilen der Mitte eine klare oder nur gering bewölkte
Nacht zu bescheren, in der die Temperatur erneut auf etwas unter den
Gefrierpunkt sinkt. Glätte dürfte aufgrund der Abtrocknung dabei nicht mehr das
große Thema sein.
Der Westen und Nordwesten rücken etwas aus Wirkungsfeld von HELGE raus, man
interessiert sich mehr für Damen. Konkret für IRIS, einem Tiefdruckgebiet, das
in der Nacht knapp nördlich an Schottland vorbeizieht, um die Norwegische See
anzusteuern. Zwar bleibt das zugehörige Frontensystem weit draußen, trotzdem
reicht es für einige mehr oder weniger dichte Wolkenfelder (WLA), aus denen aber
höchstens ein paar wenige Tropfen fallen (die dann unten auch erst mal ankommen
müssen). Immerhin reicht die Bewölkung aus, um den Westen und Nordwesten
frostfrei zu halten. Über der Deutschen Bucht legt der Südostwind noch etwas zu,
was einigen Inseln Böen 7 Bft bringt. Auf dem Blocksberg reicht es sogar für
einige wenig überraschende 8er-Böen.

Sonntag… macht der Vorfrühling Fortschritte. Zwar wandert die
südwest-nordost-orientierte Achse des Höhenrückens langsam über den
Vorhersageraum hinweg, der nachfolgende Trog lässt aber auf sich warten. Er
steckt seine Energie weniger in Translation als vielmehr in
Amplitudenvergrößerung, was auf Kosten der Wellenlänge geht. Am Tagesende reicht
seine Längsachse von der westlichen Nordsee bis zur Iberischen Halbinsel, wo
sich unweigerlich ein Cut-Off abzeichnet. Bodennah verbleibt Deutschland
zwischen dem sich langsam in Richtung Ukraine verabschiedenden Hoch (HELGE legt
dabei auf über 1035 hPa zu) und dem zur Norwegischen See ziehenden Tief IRIS.
Der südliche, im Süden östliche Bodenwind lebt zwar etwas auf, warnwürdige Böen
7 Bft bleiben aber der offenen See, einigen Inseln, wenigen Küstenabschnitten
sowie exponierten Hochlagen (Brocken 8 Bft) vorbehalten. Ob auch in für
Südostwind anfälligen Tälern des Erzgebirges und des ostsächsischen Berglands
Windstärke 7 Bft erreicht wird, ist nicht sicher, aber möglich.
Ansonsten setzt sich in weiten Teilen des Landes die Sonne durch, lediglich der
Nordwesten wird weiterhin von meist hohen oder mittelhohen Wolkenfeldern
heimgesucht. Es bleibt aber trocken. Die Temperatur steigt nicht nur in der
unteren Troposphäre (T850 am Abend zwischen 0°C im äußersten Norden und bis zu
6°C im äußersten Süden), auch im 2m-Niveau sind Fortschritte erkennbar. Bis zu
17°C könnten es am Oberrhein werden, während man sich zwischen Frankfurt/Oder
und Sassnitz mit rund 11°C begnügen muss.

Modellvergleich und -einschätzung

Die Entwicklung ist unstrittig und wird modellübergreifend mit hoher Kongruenz
der Basisfelder simuliert.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann