SYNOPTISCHE UEBERSICHT MITTELFRIST

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Samstag, den 23.05.2020 um 10.30 UTC

Meist trocken, Osten zeitweise leicht unbeständig. Mäßig-warm bis warm.

Synoptische Entwicklung bis zum Samstag, den 30.05.2020

Der kalendarische Sommer nähert sich mit großen Schritten und gleichzeitig sinkt
die prognostische Zuversicht beim Verfassen der Mittelfrist, denn mit dem
fehlenden Antrieb des stratosphärischen Polarwirbels nehmen die Einflüsse
variabler Quellen zu und gestalten die Prognose diffuser.

Die ENSO spielt mit ihrer Neutralität aktuell keine große Rolle (wenngleich mit
Spannung das Abdriften in Richtung „schwach La Nina“ zum Ende des Sommers mit
Blick auf eine zumeist überdurchschnittlich aktiv erwartete Atlantische
Hurrikansaison verfolgt wird).
Bleiben wir aber doch gleich in den Tropen, denn ein erster schwacher MJO von
Mitte April erreichte abgeschwächt in den vergangen 1-2 Wochen Mittelamerika/die
Karibik, hatte allerdings außer den förderlichen Hintergrundbedingungen (mehr
Höhendivergenz) für die Entwicklung des Tropensturms ARTHUR östlich von Florida
keine größeren Auswirkungen.
Nun allerdings hat sich eine kräftige konvektiv gekoppelte Kelvinwelle/mäßiger
MJO vom Indischen Ozean ostwärts in Richtung Maritimer Kontinent aufgemacht
(u.a. die Bildung der trop. Zyklone AMPHAN und MANGGA im Ind. Ozean gefördert)
und sollte nach Leseart z.B. des MJO Index vom IFS unter Abschwächung auch den
Sektor Mittelamerika/Atlantik zum Monatsende erreichen (wobei das üppige Signal
negativer Anomalien den überlappenden Resten der Kelvinwelle und dem MJO
zuzuschreiben sein dürften). Das erhöht zum Monatswechsel bzw. zum Beginn des
kommenden Monats die Chance für die Entwicklung trop. Zyklone in diesem Sektor
etwas (bereits durch erste IFS member und det. Modelllösungen gestützt), was im
Umkehrschluss je nach Zugbahn auch Auswirkungen stromab im europäischen Sektor
haben könnte.
Aber diese Entwicklung in dem Stadium ist nur sekundär von Interesse, denn eher
spielt eine andere Folgeerscheinung eine etwas größere/bedeutendere Rolle.
MJO/Kelvinwelle intensivieren im Sektor „Nordpazifik“ die Hadley-Zelle. Durch
polwärtigen Impulstransport plus zunehmender Corioliskraft wird weiterhin ein
kräftiger Nordpazifikjet gestützt mit Signalen einer westlich ansetzenden „jet
extension“ über dem zentralen Nordpazifik. Dieser im Verlauf zunehmend labil
aufgestellte Jet fördert über den USA weiterhin eine stark mäandrierende
Strömung, deren Auswirkungen sich per „downstream development“ bis in den
nordatlantischen und europäischen Sektor ausbreiten/auswirken sollten, wobei der
Impuls aus heutiger Sicht nicht ausreicht, die zur Blockierung neigenden
Strömungskonfiguration über dem Nordatlantik/Europa aufzubrechen, sondern
scheint die Konfiguration der Keile und Tröge nur verschieben zu wollen.

Bedeutet stark vereinfacht gesagt, dass sich bis zum Ende des Monats an der
allgemeinen Trog-Keil Konfiguration im nordatlantischen und europäischen Sektor
kaum etwas ändern wird. Hovmöller-Diagramme der v-Wind Analysen (200 hPa) zeigen
über dem Nordatlantik einen quasi-stationären und sich nur zögernd
abschwächenden Rossby-Wellenzug, der erst zum Monatswechsel aufbrechen bzw. sich
verschieben soll (u.a. durch eine verringerte Wellenlänge). Interessant ist (und
hier schließt sich der Kreis der langen Ausführung), dass der Ursprung dieser
neuen Wellenkonfiguration/Wellenverschiebung im Nordpazifik zu finden ist und
durch die aktuell stattfindenden Aktivitäten in den Tropen (in welchem direkten
oder indirekten Ausmaß auch immer) beeinflusst wird.

Für unsere Mittelfrist bedeutet es, dass wir im Übergangsbereich einer
beständigen positiven Geopotentialanomalie über Westeuropa und einer negativen
über Osteuropa liegen, deren jeweiligen Achsen grob bei 10-20 Grad W und 30 Grad
O zu finden sind. Da der oben angesprochene Strukturwandel erst zum Ende der
Mittelfrist geschehen soll, kann bis dahin von einer recht eingefahrenen
mittelfristigen Wetterentwicklung gesprochen werden.

„Problem“ dieser Herangehensweise ist, dass zwar große Keil-/ und Trogstrukturen
zu erkennen/verfolgen sind, Kurzwellen oder abgeschlossene Höhentiefs durchs
Raster fallen, weshalb wir nun auf die Ensembleverfahren bzw. den det. Lauf von
IFS zurückgreifen.
Die Mittelfrist ist vom Beginn (Dienstag, den 26. Mai 2020) bis zum Freitag, den

  1. Mai und somit beinahe bis zum dem Ende der Mittelfristvorhersage
    gekennzeichnet durch hohes Geopotential, das sich von Spanien über
    Westfrankreich bis nach England erstreckt sowie vergleichsweise tiefem über
    Ost-/Südosteuropas. Dabei verbleibt Deutschland durchweg zwischen den Stühlen
    beider Anomalien und wird wiederholt von kurzwelligen Impulsen tangiert, die um
    den Keil/Trog von Nord nach Süd besonders über den Osten Deutschland geführt
    werden. Große Niederschlagsereignisse sind keine zu erwarten, was einerseits am
    gehemmten dynamischen Input, andererseits aber auch an der beständigen Advektion
    vergleichsweise kühl-stabiler Luftmassen liegt, die am Ostrand eines Bodenhochs
    von Nord/Nordwest herangeführt werden. Dabei wandert dieses Bodenhoch im Verlauf
    vom Westausgang des Ärmelkanals (Dienstag) zur südlichen Nordsee und
    Norddeutschland (Donnerstag/Freitag). Auch geklärt werden sollte, dass hier mit
    „stabil“ der Blick auf hochreichende Konvektion gemeint wurde, denn ansonsten
    wird die maritime und stark modifizierte Polarluft mit diabatischem Input im
    Osten geringfügig labiler bzw. schaueranfälliger ausfallen (prädestiniert bei
    günstiger Interaktion mit schwacher Kurzwellendynamik). Die Betonung liegt aber
    auf „geringfügig“!
    Der einzig vergleichbar stärkere Frontdurchgang wird in der Nacht zum Donnerstag
    erwartet, wo eine Kaltfront Deutschland von Nord nach Süd überqueren soll. Aber
    solche Feinheiten sind noch nicht in Stein gemeißelt, was auch bei der
    normalisierten Standardabweichung des 500 hPa Geopotentials mit leicht erhöhten
    Werten gezeigt wird (ebenfalls beim Kontrolllauf erkennbar). Besonders die Frage
    „wie aktiv fällt diese Frontpassage aus“ ist noch schwer zu beantworten.

Zusammengefasst bedeutet das besonders für den Westen eine überwiegend trockene
Mittelfrist bei einem zunehmend sommerlich warmen Temperaturniveau (23-26 Grad)
und viel Sonnenschein, sieht man von lockeren Wolkenfeldern ab sowie der
schwachen Kaltfrontpassage in der Nacht zum Donnerstag, die neben dichten Wolken
auch etwas Regen bringen kann. Ähnlich sieht es im Süden aus, wobei hier am
Donnerstag die Reste der an die Alpen stoßenden Kaltfront noch viele Wolken und
einzelne Schauer bringen können. Im Südosten kann lokal leichter Frost in
Bodennähe in der Nacht zum Mittwoch eine kleine Rolle spielen, sonst ist aber
Frost kein Thema.
Im Norden und Osten hingegen sorgen mehrere schwache Frontpassagen für teils
dichtere Wolkenfelder mit einem (modellabhängig) sehr geringen bis geringen
Schauerrisiko. Zwischen den Fronten kann sich die Sonne aber auch länger zeigen.
Der Gesamtcharakter ist also auch hier ein freundlicher, wenngleich etwas
zyklonaler geprägt.

In der Folge/Ende der Mittelfrist und erweiterten Mittelfrist deutet sich über
dem Nordostatlantik allmählich die oben beschriebene Umstellung an mit einem
sich abschwächenden Keil über Westeuropa und einer neuen positiven
Geopotentialanomalie westlicher / über dem zentralen Nordostatlantik.
Mitteleuropa würde dadurch klar auf die Ostflanke dieser Anomalie gelangen und
diese Platzierung würde den Weg frei machen für großflächig gering absinkendes
Geopotential über Mitteleuropa. Wie das jedoch stattfindet, ob durch zahlreiche
abgeschlossene Höhentiefs oder eine markante Trogbildung und vor allem wo genau
ist noch sehr unsicher und daher auch die Advektionsstärke und Herkunft
potentieller wärmerer/feuchterer Luftmassen. Was gesagt werden kann ist, dass
ein Abtropfprozess bei dieser Geopotentialanomalieverteilung über Europa
grundsätzlich gefördert wird und somit langsam ziehende Höhentiefs/Tröge die
Wahrscheinlichkeit für heftige Niederschlagsereignisse regional erhöhen (bzw.
eine durch die Geopotentialanomalie über dem Nordatlantik forcierte positiv
geneigte Rossby-Wellenausrichtung mit pot. Advektion subtropisch warmer
Luftmassen). Ob davon jedoch Deutschland betroffen ist muss abgewartet werden.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die Mittelfrist ist geprägt von einer Grenzlage zwischen hohem Luftdruck über
Westeuropa und tiefem über Osteuropa. Zwar wird die Passage der Randstörungen
über dem Osten von Lauf zu Lauf mit geringen Diskrepanzen gezeigt (der neue Lauf
hat eine etwas kräftigere Kurzwellenpassage in der Nacht zum Donnerstag im
Vergleich zu den Vorläufen), aber das hat keine größeren Auswirkungen auf die
genannte Entwicklung (abgesehen von einem etwas höheren Niederschlagsrisiko bei
Kurzwellenpassage). Dabei ist den Zeitraum über keine signifikante Wind- oder
Niederschlagslage zu erwarten und das bei mäßig warmen bzw. warmen
Temperaturwerten im Nordosten bzw. Südwesten.
Zum Ende der Mittelfrist (Freitag) zeigt das neueste IFS Modell ein Höhentief
mit Zentrum über Rumänien, das aber im Vergleich zum Vorlauf keinen Einfluss
mehr auf die Wetterentwicklung in Deutschland haben soll. Stattdessen baut sich
wie auch beim IFS Lauf von vor 24h ein Höhenkeil über Deutschland auf und sorgt
auch im Osten für eine durchgreifende Wetterberuhigung.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Eine hohe Einigkeit bei den weiteren Globalmodellen herrscht auch beim Blick auf
den Dienstag und Mittwoch. In der Nacht zum Donnerstag deuten alle Modelle eine
Kurzwellenpassage an, die Deutschland mehr oder weniger stark erfassen soll.
Dabei ist IFS etwas kräftiger und schneller, GFS und ICON schwächer und etwas
langsamer. In der Folge bringen alle Modelle den Keil von Westen stärker in den
Westen Deutschlands, bevor dieser von IFS und GFS zum Samstag zügig abgebaut
wird, während ICON weiterhin einen breiten und gesunden Rücken über Mitteleuropa
belässt. Zudem gibt es ab Samstag große Variabilitäten bei der Platzierung eines
Höhentiefs über Osteuropa, wobei GFS am westlichen und ICON am östlichen Ende
des Spektrums zu finden sind (mit einer horizontalen Differenz von rund 1000
km!). Entsprechend unsicher ist noch, wie aktiv dieses Höhentief zu dem
Zeitpunkt auf den Osten von Deutschland übergreift. Nach Westen zu sollte aber
die gesamte Mittelfrist hinweg stabil verlaufen (abgesehen von der temporären
Kurzwellen-/Kaltfrontpassage in der Nacht zum Donnerstag).

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die Cluster unterstreichen das blockierende Strömungsmuster über dem
nordatlantischen und europäischen Sektor. Zum Beginn der Mittelfrist zeigen drei
Cluster mit dem klimat. Regime „Blockade“ positive Geopotentialanomalien über
Neufundland, der Biskaya und dem Westen von Russland. Dazwischen liegen ein Trog
über dem Nordostatlantik und einer über Südosteuropa. Nach allen Clustern
befindet sich Deutschland im Übergangsbereich des kräftigen Keils über
Südwesteuropa und dem breiten Trog über Südosteuropa. Daher können wiederholt
schwache Störungen besonders den Osten Deutschlands erfassen, wenngleich diese
so schwach sind, dass sie innerhalb der Cluster komplett herausgeglättet wurden.

In der Folge ist bis Freitag nur noch ein Cluster mit dem Regime „Blockade“ zu
finden. Dabei baut die positive Geopotentialanomalie über der Biskaya konstant
ab, während die über Neufundland etwas stromab über den zentralen Nordatlantik
wandert. Die quasi-stationäre Rossby-Welle über Südosteuropa bleibt vor Ort,
weitet ihren Einfluss etwas westwärts und somit nach Deutschland aus. Bedeutet,
dass den Osten auch etwas agilere Kurzwellen erfassen könnten, je nach
Ausrichtung und Platzierung des Troges. Ansonsten ist aber an allen Tagen ein
West-Ostgefälle des Geopotentials (von höheren zu tieferen Werten) über
Mitteleuropa zu sehen.

In der erweiterten Mittelfrist (Wochenende und der übernächste Wochenbeginn bzw.
Monatswechsel) etabliert sich bei drei Clustern mit dem Regime „Blockade“ eine
massive positive Geopotentialanomalie über dem Nordostatlantik und eine weitere
über dem Nordkapp bis zur Laptewsee. Alle Cluster zeigen eine „Schwachstelle“
über Mitteleuropa mit variablen Lösungen (von zahlreichen abgeschlossenen
Höhentiefs bis zu einer leicht retrograden Rossby-Wellenverlagerung über
Südosteuropa). Mit „Glück“ könnte daraus eine Konstellation entstehen, die
Deutschland regional mehr Niederschlag bringen kann, aber der Konjunktiv muss
hier dick hervorgehoben werden.

Die Meteogramme in Deutschland zeigen ein schwaches Niederschlagsmaximum in der
Nacht zum Donnerstag, das von West nach Ost zunimmt. Ansonsten deuten sich erst
zum Wochenende besonders im Osten etwas höhere Niederschlagswahrscheinlichkeiten
an mit jedoch hohen Unsicherheiten. Im Westen bleibt es meist trocken. Die
Höchstwerte liegen durchweg im mäßig-warmen bis warmen Bereich. Auch bei den
Rauchfahnen „850 hPa Temperatur“ und „500 hPa Geopotential“ ergeben sich nur
geringe Schwankungen.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Der EFI zeigt keine Ausschläge für signifikante Wetterereignisse und selbst beim
IFS-EPS ergeben sich nur sehr geringe Wahrscheinlichkeiten für einzelne
stürmische Böen im Ostseeumfeld während der jeweiligen Kurzwellenpassagen.
Je nach Modell ergeben sich zum Ende der Woche im Nordosten geringe
Wahrscheinlichkeiten für einzelne Gewitter, was jedoch vom Einfluss des
osteurop. Troges abhängt (GFS aggressiver als der Rest, abzüglich der
Grenzschichtfeuchteproblematik des Modells)

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS, IFS-ENS, MOS-MIX

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Helge Tuschy