SYNOPTISCHE UEBERSICHT MITTELFRIST

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 03.12.2019 um 10.30 UTC

Zyklonale Westlage: Unbeständig, nass und mild. An der See und im Bergland
zeitweise stürmisch. In der erweiterten Mittelfrist Tendenz zur leichten
Abkühlung und „Berglandwinter“.

Synoptische Entwicklung bis zum Dienstag, den 10.12.2019

In der Mittelfrist stellt sich eine zyklonale Westwetterlage ein, die uns
unbeständiges, zeitweise nasses, windiges und zunächst auch ziemlich mildes
Wetter bringt. Des Winterfreundes Leid ist es Synoptikers Freud‘, denn nach
tagelangem „Gammel“ darf die Wetterentwicklung zumindest aus synoptischer Sicht
als nicht unspannend bezeichnet werden.

Zu Beginn der Mittelfrist am kommenden Freitag ist die Zonalisierung der
Großwetterlage quasi abgeschlossen. Die leicht mäandrierende Frontalzone
verläuft aber noch recht weit nördlich, etwa von Neufundland über die Britischen
Inseln und Südskandinavien bis nach Nordwestrussland. Ein kurzwelliger Trog
stößt über Großbritannien zur Nordsee vor und stützt auf dessen Vorderseite ein
Tief, das bis zum Abend nach Mittelschweden zieht. Rückseitig wird die
Frontalzone dabei in Form einer auf Kaltfront etwas nach Süden gedrückt,
erreicht mit schauerartigen verstärkten Niederschlägen bis zum Abend etwa die
Mitte Deutschlands. Bei T850 zwischen +3 und +7 Grad (hinter der Kaltfront nur
leicht zurückgehend) ist zumeist Regen. Da wir in den Mittelgebirgen aus der
Nacht heraus leicht frostig starten kann vor allem in geschützten Muldenlagen
(je nach Timing) Glatteis nicht ganz ausgeschlossen werden. Wahrscheinlich sorgt
der zunehmende Wind (Bft 8-9 im höheren Bergland und an exponierten
Küstenabschnitten) dafür, dass sich die milde Meeresluft auch bodennah rasch
durchsetzt.
Zwischen der Frontalzone und einen von den Azoren bis zum zentralen
Mittelmeerraum reichenden Höhentiefkomplex profitiert der Süden nochmal von
einem Rücken, sodass dort ein ruhiger und trockener, fernab zäher Nebel- und
Hochnebelfelder auch ein freundlicher Tag ins Haus steht.

Am Samstag schwenkt der Trog über Deutschland hinweg, gefolgt von einem Rücken,
dessen Achse bis Sonntagfrüh die Nordsee erreicht. Die Kaltfront des nach
Karelien ziehenden Tiefs erreicht mit leichten Regenfällen den Süden, wo es
zuvor regional nochmal leichten Frost geben kann, sodass nochmal eine gewisse
Glättegefahr auf den Plan ruft. Da Vorderseitig des Rückens ein Keil nach
Süddeutschland vorschießt, ist die Kaltfront aber bereits in Auflösung
begriffen. Hinter der Kaltfront strömt maritime Polarluft ein (T850 auf +1 bis
-4 Grad sinkend), in der unter mäßiger Höhenkaltluft einzelne Schauer auftreten,
die im höheren Bergland als Schnee runterkommen. Dort gehen die Temperaturen
nachts auf frostige Werte zurück, sodass es glatt werden kann, ansonsten bleibt
es nach milden Tag wohl weitestgehend frostfrei. Das liegt u.a. auch am Wind,
der in der Nacht zwar nachlässt, aber nicht ganz einschläft. Tagsüber treten im
Norden, vor allem im Küstenumfeld mit Durchschwenken des Bodentroges sowie auf
den Bergen Sturmböen auf.

Am Sonntag schwenkt der Rücken recht zügig über Deutschland hinweg. Ihm folgt
ein deutlich markanterer Höhentrog, der in der Nacht zum Montag Deutschland von
Westen erreicht. Das okkludierende Frontensystem des korrespondierenden
Tiefkomplexes, das sich mit seinen Kernen vom Seegebiet zwischen Island und
Schottland Richtung Nordsee und Jütland verlagert, zieht mit neuerlichen
Regenfällen ostwärts über Deutschland hinweg. Im Trogbereich (T500 <-30 Grad)
muss schließlich mit Schauern, vielleicht auch einzelnen Gewittern gerechnet
werden. Einem Schwall wärmerer Luftmassen, folgt rückseitig der Kaltfront wieder
maritime Polarluft, bei T850 zwischen +2 und -3 Grad dürfte Schnee und/oder
Glätte nur in Kammlagen zeitweise ein Thema sein, ansonsten bleibt es frei von
Frost und jeglichen Glätteerscheinungen. Der Wind weht zunächst schwach und
dreht auf Süd rück, um mit Durchschwenken des Frontensystems wieder auf West zu
drehen und deutlich aufzufrischen. Bevorzugt im Bergland und an der Nordsee
kommt es zu stürmischen Böen oder Sturmböen.

Der Montag präsentiert sich unter dem nur zögerlich nach Osten ziehenden Trog
unbeständig mit vielen Schauern und vereinzelten kurzen Graupelgewittern. Der
weiterhin lebhafte, auf den Bergen stürmische Westwind ermöglicht bei recht
einheitlichen T850 um -3 Grad milde Temperaturen am Boden, wenngleich es nach
Schauern vorübergehend spürbar abkühlen kann. In der Nacht zum Dienstag
stabilisiert es vorderseitig eines nach Frankreich und zur westlichen Nordsee
schwenkenden Rückens von Westen, sodass die Schauer weniger werden. Aufgrund der
vorübergehend von Nordwest drehenden Strömung kommt es Richtung Alpen allerdings
noch zu leichten Stauniederschlägen, die, was die Mengen angeht, wahrscheinlich
nicht warnwürdig sind, sehr wohl aber, was die Phase angeht (Schnee in hohen,
möglicherweise mittleren Lagen). Auch in den Mittelgebirgen ist bei zum Teil
leichtem Frost mit Glätte nach Schneeschauern oder durch Überfrieren zu rechnen.

Am Dienstag schwenkt der Rücken nach Lesart des 00-UTC-Laufes von IFS recht
zügig über Deutschland hinweg. Von Westen folgt ein neuer, etwas breiter
angelegter Höhentrog mit korrespondierendem, okkludierten Frontensystem und
Regen-, im höheren Bergland (T850 zwischen +1 und -4 Grad) Schneefällen.
In der erweiterten Mittelfrist bleibt Deutschland bis auf weiteres im
Einflussbereich des sich regenerierenden Höhentroges. Die Frontalzone wird
weiter nach Süden gedrückt und verläuft meist südlich den Alpenbogens. Nördlich
davon erwartet uns nasskaltes Schauerwetter. Da zunächst wohl noch recht gute
Durchmischung herrscht und die herangeführte Polarluft maritimen Charakter
aufweist, bleibt es wohl erst mal nur bei „Berglandwinter“.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die Konsistenz der jüngsten IFS-Modellläufe kann über weite Strecken der
Mittelfrist getrost als gut bezeichnet werden. Die Umstellung zu einer
zyklonalen Westwetterlage, die zeitweise windig, vor allem an der See und im
Bergland auch stürmisch und mitunter nass daherkommt, ist sicher. Dass sich im
mittelfristigen Prognosezeitraum gewisse Unterschiede in Amplitude und Phase des
Trog-Rücken-Musters aufbauen, versteht sich von selbst und wird an dieser Stelle
daher nicht im Detail besprochen.
Nennenswert sind die Diskrepanzen am ehesten noch zum kommenden Montag, wo der
gestrige 12-UTC-Lauf eine für Deutschland relevante starke Sturmtiefentwicklung
über der südlichen Nordsee und der Deutschen Bucht simulierte, wovon der
gestrige 00-UTC-Lauf und der jüngste IFS-Lauf von heute aber nichts wissen
wollen.
Im weiteren Verlauf sollte nach Lesart der gestrigen Modellberechnungen die
Westdrift vorübergehend etwas ins Stocken geraten und Deutschland in eine 2 bis
3 Tage andauernde, nasskalte, bis in mittlere Lagen vorübergehend winterliche
Troglage geraten. Dieses Szenario hat der neue IFS-Lauf von heute insofern
verworfen, als dass der Tröge und Rücken zunächst unverändert zügig über das
Land hinwegschwenken und zunächst meist erwärmte, maritime Polarluft
wetterwirksam bleibt.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Die an dieser Stelle typischerweise betrachteten renommierten Globalmodelle
(GFS, ICON, GEM, UKMO) haben alle einen ersten, schwächeren Trogvorstoß Fr/Sa
und einen zweiten, stärkeren Trogvorstoß So/Mo auf der Agenda. Insbesondere der
zweite Trog wird in Phase und Amplitude unterschiedlich simuliert. Die
Diskrepanzen wirken auf den ersten Blick nicht sonderlich groß, dennoch haben
sie signifikanten Einfluss auf die Tiefentwicklungen mit Prognoserelevanz für
das hiesige Wettergeschehen. Bei ICON und GFS folgt nämlich eine
Sturmtiefentwicklung über der Nordsee (GFS) bzw. der Deutschen Bucht (ICON), was
vergleichbar ist mit der Simulation des gestrigen 12-UTC-Laufes von IFS.
Auffällig sind dabei markante Bodentröge, die an der Westflanke der Tiefs über
Deutschland gesteuert werden sollen und für Sturmböen auch im Binnenland sorgen
können.
Im weiteren Verlauf schaukeln sich Phasen- und Amplitudendifferenzen des
Trog-Rücken-Musters weiter auf, wenngleich bei allen Modellen die Frontalzone
tendenziell immer weiter nach Süden gedrängt wird.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Das EPS des IFS bestätigt im Wesentlichen die Aussagen aus der deterministischen
Modellbetrachtung. So zeigen alle Member beim Geopotenzial und T850 das für eine
Westlage typische Auf- und Abschwingen bei gleichzeitig omnipräsenten,
signifikanten Niederschlagssignalen. Einem schwächerer Trogvorstoß Fr/Sa folgt
ein stärkerer am So/Mo, was dazu führt, dass bei linearer Regression eine
Abnahme des Geopotenzials und der 850-hPa-Temperatur zu verzeichnen ist. Die
Unsicherheiten bezüglich Phase und Amplitude des Trog-Rückenmusters
manifestieren sich in einem nicht zu vernachlässigendem Spread. Auffällig sind
recht große „Boxplots“ beim 10m-Wind am Montag, wenige Member simulieren eine
markantere Sturmlage.
Zum Ende der Mittelfrist nimmt der Spread weiter zu. Ein Teil der Member sieht
eine länger anhaltenden Troglage (inklusive deterministischem Lauf und
Kontrolllauf) bei gleichzeitig sukzessivem, wenn auch nur geringem
Temperaturrückgang (im Mittel auf um -5 Grad auf 850 hPa), der andere Teil macht
weiter wie bisher (zyklonale Westlage).

Das IFS-Clustering liefert für den Zeitraum T+72-96h stolze 6 Cluster, die aber
alle die Transformation der Großwetterlage von Wa nach Wz vollziehen, ohne, dass
sich prognoserelevante Unterschiede für Deutschland ausmachen lassen.
Im Zeitraum T+120-168h schrumpft das EPS auf 3 Cluster. Alle rechnen die schon
mehrfach erwähnten beiden Trogvorstöße Fr/Sa und So/Mo, mit allerdings leichten
Phasenunterschieden.
Für T+192-240h hat man die Auswahl zwischen 5 Clustern. Dabei dominieren
ausschließlich die Klassen „Negative NAO“ und „Atlantic Ridge“, was schon ein
Fingerzeig darauf ist, dass es mit der Zonalität der Wetterlage nicht mehr ganz
so weit her ist. Vor allem bei den Clustern 2, 3 und 5 (insg. 21 Member) wird
der Aufbau eines atlantischen Höhenrückens in Angriff genommen, was für
Deutschland eine Troglage und den Vorstoß kälterer Polarluft bedeutet. Bei den
Clustern 1 und 4 klappt das nicht so richtig, sodass kurzwelligere Tröge und
Rücken in rascher Abfolge über den Kontinent geführt werden können.

FAZIT: Die zyklonale Westlage haben alle Modelle im Programm, der unbeständige,
teils nasse und erstmal milde Wetterabschnitt scheint somit sicher. Die Frage
nach einer eventuell markanteren Sturmlage am So/Mo bleibt aber offen, genauso
wie die Frage nach einer möglicherweise länger andauernden, nasskalten und im
Bergland winterlichen Troglage in der erweiterten Mittelfrist.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

STURM: Insbesondere am Freitag und Samstag, sowie ab Sonntagabend und am Montag
an der See und im höheren Bergland Sturmböen wahrscheinlich. Geringe
Wahrscheinlichkeit (COMSO-LEPS, IFS-EPS) für bis in das Norddeutsche Tiefland
ausgreifende Sturmböen am Samstag und verbreitete Sturmböen am Montag.
Nachfolgend insgesamt langsam abnehmende Gefahr vor Sturmböen, dann noch am
ehesten in Kammlagen.

GLATTEIS:
Mit langsamen Übergreifen der frontalen Regenfälle am Freitag in windgeschützten
Lagen der Mittelgebirge, am Samstag im Süden und Südosten durch gefrierenden
Regen örtliches Glatteis nicht ausgeschlossen.

DAUERREGEN:
Geringe Wahrscheinlichkeiten für Niederschlagsmengen >30 mm/24 h in Staulagen
der westlichen Mittelgebirge bis Samstagfrüh (ICON-EU-EPS).
Geringe Wahrscheinlichkeiten für Niederschlagsmengen >30 mm/24 h an den Alpen
bis Dienstagfrüh (IFS-EPS).

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS det., IFS-EPS, IFS-MIX

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Adrian Leyser