SXEU31 DWAV SYNOPTISCHE UEBERSICHT KURZFRIST

SXEU31 DWAV 150800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 15.10.2019 um 08 UTC

GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: SWz

Abends und in der Nacht zum Mittwoch im Nordwesten markante Gewitter und
Starkregen, strichweise Unwetter wenig wahrscheinlich. Auch am Alpenrand
kräftiger Regen bei absinkender Schneefallgrenze. Im Süden Druckwellenpassage
mit teils stürmischen Böen. Mittwoch im Nordosten anhaltender Regen, östliche
Tiefland zeitweise böiger Südwestwind, Bergland durchweg stürmisch. Nacht zum
Donnerstag im Südosten leichter Frost in Bodennähe wenig wahrscheinlich.

Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 24 UTC

Dienstag… weist die Höhenströmung über West- und Mitteleuropa ein stark
mäandrierendes Muster auf. Dies ist einem markanten Höhentrog geschuldet, der
aktuell (zur Vormittagszeit) mit seiner Achse von der Bretagne bis zum Löwengolf
reicht. Dieser Trog schwenkt bis zum Abend nach Ostfrankreich und die Schweiz.
An den Trog gekoppelt ist eine Luftmassengrenze in Form einer zögernd ostwärts
ziehenden und zeitweise auch wellenden Kaltfront, die besonders durch einen
niedertroposphärisch ausgeprägten thermischen Temperatur- und Feuchtegradienten
ins Auge sticht. Stromab dieses Troges wölbt sich ein umfangreicher Höhenrücken
über Mitteleuropa auf, dessen Achse im Tagesverlauf allmählich nach
Südschweden-östliche Polen wandert. Stromauf hingegen bläht sich ein Sturmtief
südlich von Island immer weiter auf und weist einen beständig fallenden
Kerndruck auf. Dessen einziger Einfluss auf das mitteleuropäische Wetter wird
eine zunehmende positive Schichtdickenadvektion in der Höhe sein (was wiederum
zu einer Amplitudenverkürzung und einer beginnenden Zunahme der
Zuggeschwindigkeit des Troges über Frankreich nach Nordost führt), während
jegliche Keilaufwölbung in der Höhe über Nordwesteuropa vergleichsweise gering
ausfällt.
Sei noch kurz ein näherer Blick auf den Höhentrog über Frankreich erlaubt. Er
weist aktuell bereits eine negative Achsenneigung auf und behält diese bis zum
Abend bei. Zudem hebt sich der Trog durch eine beeindruckende PV-Anomalie
hervor, deren Reservoir bis zum Abend nur zögernd abgebaut wird. Die
einhergehend zu erwartende markante Tropopausenfaltung ist sehr gut im WV 7.3 zu
erkennen und ist auch beim Soundingvergleich im Süden Englands nicht zu
übersehen (00Z von Camborne mit einer Tropopause bei rund 400 hPa und in
Herstmonceux bei rund 250 hPa). Daher ist es trotz der augenscheinlich nur
langsamen Verlagerung des Troges und dessen beginnenden Wellenverkürzung ein
sehr dynamisches System, das sich durch einen peripher sehr kräftigen Höhenjet
und intensive Hebung abhebt (per Querschnitt mit maximaler Hebung, die im
Tagesverlauf entlang der Frontfläche von rund 400 auf 600 hPa absinkt und sich
allmählich abschwächt).
Zuletzt sei noch eine schwach bis mäßig ausgeprägte Föhnsituation entlang des
nördlichen Alpenhauptkamms erwähnt, die jedoch zum späten Nachmittag und Abend
mit Kaltfrontpassage von Westen zusammenbricht. Dennoch nicht uninteressant für
die heutige Entwicklung, da sich ein (wenigstens teilweise daraus
resultierendes) thermisch induziertes Leetief zum Abend mit Annäherung des
Troges von Westen zunehmend in ein dynamisch gestütztes Bodentief umwandelt, das
nach Norden (in Richtung östliches Deutschland) zieht.

Fügen wir all diese Informationen zusammen beginnt die erste Tageshälfte in
weiten Bereichen Deutschlands unter dem Höhenkeil zunächst vergleichsweise
ruhig. Besonders im Südosten halten sich die nächtlichen Nebelfelder (teils mit
Sichtweiten von unter 150 m) noch zäh bis weit in den Vormittag, während sonst
meist die Sonne von einem locker bewölkten Himmel scheint. Einzig im Westen
(Oberrhein, Saarland bis Ostfriesische Inseln) verdichtet sich die Bewölkung mit
Annäherung der Front rasch und vom Saarland bis zum Niederrhein kann es bis zum
Mittag bereits leicht regnen. Zum Nachmittag und Abend drückt die Kaltfront
immer weiter nach Osten rein und kommt in etwa bis zu einer Linie
Bremen-Spessart-Allgäu voran. Dabei regnet es dank der anafrontalen Struktur
postfrontal in einem breiten Streifen leicht bis mäßig, strichweise auch
konvektiv verstärkt, wobei 6-std. Niederschlagsmengen von 5 bis 15 l/qm erwartet
werden. Von Bayern bis zur Ostsee bleibt es neben teils ausgedehnten
Wolkenfeldern weiterhin sehr freundlich, gebietsweise auch sonnig und bis zum
Abend trocken.
Bleibt noch der Übergangsbereich beider Luftmassen (präfrontal „subtropisch“,
postfrontal stark modifiziert „subpolar“) zu erwähnen und da vor allem der
Bereich vom Nordhessischen Bergland, Ostwestfalen bis ins westliche
Niedersachsen. Dort baut sich eine ausgeprägte Feuchteflusskonvergenz auf
(forciert durch das entlang der Kaltfront nordwärts wandernde Bodentief), die
unter einer gekoppelten Höhenwindsignatur liegt. Die Zutaten (hohe niedertrop.
Feuchte unter leicht labilen lapse rates in der Höhe) ermöglichen rund 400 bis
800 J/kg (meist abgehobene) CAPE und somit ist hier bereits das eine oder andere
Gewitter nicht auszuschließen. Bei hochreichender Scherung von 15 bis 20 m/s
kann teils größerer Hagel (unwetterartig) nicht ausgeschlossen werden, zumeist
fallen diese Gewitter jedoch durch Starkregen und einzelne stürmische Böen
markant aus. Weiter südlich (Richtung nördliche Baden-Württemberg) ist zwar auch
Labilität vorhanden, allerdings hält dort kräftiges Absinken die
Wahrscheinlichkeiten für Gewitter im isolierten Bereich.
Der stramme Südostwind im Umfeld der Flensburger Förde schwächt sich im
Vormittagsverlauf rasch unter die Warnschwellen ab, sodass bis zum späten
Nachmittag nur der Südföhn mit Böen Bft 8 bis 9 auf den Alpengipfeln bewarnt
werden muss. Zeitweise kann der Föhn mit Böen Bft 7 bis in prädestinierte
tiefere Tallagen durchdringen. Die Höchstwerte liegen je nach Sonnenscheindauer
und Föhnunterstützung zwischen 19 und 25 Grad und verbleiben im Westen und im
Küstenumfeld bei rund 17 Grad.

In der Nacht zum Mittwoch kommt der Trog von Ostfrankreich immer zügiger nach
Nordosten voran und erreicht ausgangs der Nacht den Osten Deutschlands. Die
bereits angesprochene Struktur und Dynamik des Troges ermöglicht über dem
gesamten Nordwesten und Norden Deutschlands kräftige Höhendivergenz. Zusammen
mit üppiger DPVA und der sehr kräftigen niedertrop. Feuchteflusskonvergenz
(weiterhin durch das Bodentief forciert) fällt der Bereich vom Nordhessischen
Bergland, dem Nordosten von NRW bis nach Niedersachsens ins Auge, da hier die
labile und mit PPWs von über 30 mm auch sehr feuchte Luftmasse liegt. Unklar ist
noch etwas, wie der finale Gewittermodus ausfällt (ob eher ziehend oder temporär
anbauend). Zündende Gewitter vom Abend heraus sind sehr wohl in einer
Scherungsumgebung, die einzelne kräftigere und auch rotierende Aufwinde zulässt,
sodass anfangs noch örtlich großer Hagel trotz der insgesamt geringen
Labilitätswerte nicht ausgeschlossen werden kann. Interessant ist, dass im
direkten Frontbereich in einem begrenzten Streifen auch bis in die Grenzschicht
fußende Konvektion nicht ausgeschlossen werden kann, sodass neben Sturmböen auch
ein leicht erhöhtes Tornadopotential nicht komplett ausgeschlossen ist
(niedriges Hebungskondensationsniveau und starke Richtungsscherung). Insgesamt
jedoch zeigen die Vorhersagehodographen oberhalb von 850 hPa eine
unidirektionale Scherung, sodass im Verlauf der ersten Nachthälfte mit einer
zunehmenden Verclusterung zu rechnen ist. Dieser Cluster, mit gewittrigem
Starkregen durchsetzt, sollte dann nach Lesensart der meisten Modelle in den
genannten Regionen markanten mehrstündigen Starkregen bringen und in Richtung
Deutsche Bucht ziehen. Ob dieser Starkregen wirklich strichweise unwetterartig
ausfällt bleibt noch abzuwarten, da vieles eher für eine progressive Verlagerung
spricht und die Spitzen in den konvektionserlaubenden Modellen eher auf die
beginnenden/diskreten Zellen zurückzuführen sein dürften.
Im Süden geht die Frontpassage niederschlagstechnisch deutlich ruhiger über die
Bühne, wenngleich südlich der Donau durch den schleifenden Charakter der Front
12-std. Mengen von rund 10 l/qm, am Alpenrand von rund 15 l/qm erwartet werden
können. Als Randnotiz sei erwähnt, dass inneralpin die Schneefallgrenze
allmählich auf 1800 bis 1500 m sinkt und dort einige Zentimeter Neuschnee
möglich sind. Über der Mitte fallen die Mengen mit 1 bis 5 l/qm deutlich
geringer aus und östlich der Elbe bleibt es bei zunehmender Bewölkung gänzlich
trocken. In Richtung Oder und Rügen kann es das eine oder andere Nebelfeld
geben.
Bleibt noch der Wind zu erwähnen, denn dem Süden Deutschlands steht mit dem
nordwärts abziehenden Leetief und einem von der Schweiz nordostwärts
aufwölbenden Bodenhochkeil eine Druckwellenpassage bevor. Diese bringt den
Bereichen südlich der Donau verbreitet Böen Bft 7, exponiert auch Bft 8 aus
Südwest mit Sturmböen auf den Bergen. Direkt am Alpenrand können kurzzeitig
sogar verbreitet stürmische Böe Bft 8 auftreten. In der zweiten Nachthälfte wird
davon unter Abschwächung auch die östliche Mitte erfasst. Ansonsten weht der
Südwestwind schwach bis mäßig. Die Tiefstwerte liegen zwischen 14 Grad im
Küstenumfeld und sonst 13 und 6 Grad.

Mittwoch… gestaltet sich insgesamt ruhiger als der Vortag. Der Höhentrog
wandelt sich zunehmend in eine progressive Kurzwelle um, die abends die südliche
Ostsee überquert. Dabei wird die wellende Kaltfront über den Osten und Nordosten
Deutschlands geführt. Die anhaltende günstige Dynamik sowie die präfrontal über
dem Nordosten noch liegende feuchte und leicht labile Luftmasse sorgt von
Schleswig-Holstein bis in den Norden Brandenburgs für skalige Niederschläge
(örtlich gewittrig), die mäßiger bis teils kräftiger Natur sind. Dabei weisen
das Bodentief und die Kurzwelle weiterhin eine starke Achsenneigung zueinander
auf, sodass daraus eine fortschreitende Intensivierung des Bodentiefs über der
südlichen Ostsee resultiert und sich die herumgeholte Okklusion längere Zeit
über dem Nordosten aufhalten kann. Daher wird der Schwerpunkt der Niederschläge
mit 12-std. Mengen von 15 bis 25 l/qm in Richtung Mecklenburg-Vorpommern und
Nordbrandenburg gelegt. Dies wäre an der unteren Schwelle zu einer markanten
Dauerregenwarnung. Auch wenn einzelne Modelle (z.B. GFS mit 40 l/qm/12h)
deutlich höhere Mengen zeigen, so sehen die Wahrscheinlichkeiten für Dauerregen
aus heutiger Sicht zu gering aus (u.a. progressive Natur des Bodentiefs). Diese
Entwicklung muss in der Folge bezüglich der Option einer Warnung auf jeden Fall
im Auge behalten werden. In Richtung Schleswig-Holstein sind ähnliche Mengen zu
erwarten, die aus dem nächtlichen Cluster und der Frontpassage resultieren,
während sonst im Osten und Südosten nur geringe Niederschlagsmengen auftreten.
Im Südwesten und nachmittags auch im Südosten bleibt es unter schwachem
Zwischenhocheinfluss meist trocken und sonnig. Im Westen und Nordwesten hingegen
verdichtet sich die Bewölkung im Zuge eines Warmfrontaufzugs zeitnah und im
Nachmittagsverlauf beginnt es im Westen leicht zu regnen. Die Höchstwerte liegen
im Dauerregen im Nordosten bei rund 14 Grad und sonst zwischen 16 und 21 Grad.
Der von Südwest auf Süd drehende Wind weht bis zum frühen Nachmittag entlang der
östlichen Mittelgebirge und in Richtung Oder noch böig, im Bergland stürmisch,
bevor sich gestützt durch WLA im Nachmittagsverlauf das Windmaximum ins Bergland
verlagert (Bft 8, exponiert Bft 9).

In der Nacht zum Donnerstag zieht die Kurzwelle zügig nach Nordosten ab und
rückseitig beeinflusst ein Keil Deutschland. Allerdings weist dessen Westseite
eine leicht zyklonal geprägte Krümmung auf, in der eine Okklusion und dieser
vorgelagert eine Warmfront den Westen und Nordwesten Deutschlands erfassen.
Daher regnet es im Westen und Norden längere Zeit mit leichter bis mäßiger
Intensität (12-std. Mengen von 5 bis 10 l/qm). Im Süden und Osten überwiegt zwar
der Hochdruckeinfluss, allerdings verdichtet sich auch hier die Bewölkung von
Westen. Niederschlag fällt keiner. Die Tiefstwerte liegen je nach Bewölkung (von
Nord nach Süd) zwischen 13 und 3 Grad, wobei in Richtung Alpenrand leichter
Frost in Bodennähe nicht ausgeschlossen werden kann. Der Süd- bis Südwestwind
weht im Bergland zeitweise stürmisch (exponiert auf dem Brocken mit schweren
Sturmböen) und sonst im Tiefland schwach bis mäßig.

Donnerstag… gelangen wir in den direkten Einflussbereich des sich allmählich
auffüllenden Sturmtiefs vor Irland und verbleiben in einer mäßigen und diffluent
geprägten Höhenströmung. Darin eingebettet zieht eine Okklusion nur sehr langsam
nach Osten und bringt dem Südwesten, der Mitte und dem gesamten Norden zeitweise
etwas Regen. Im Südosten bleibt es mit leicht föhniger Unterstützung bis zum
Abend freundlich und trocken. Die Höchstwerte liegen zwischen 15 und 20 Grad,
entlang des Oberrheins und am direkten Alpenrand auch etwas darüber. Der Süd-,
im Norden Südwestwind weht schwach bis mäßig mit einzelnen Windböen in Leelagen
der Mittelgebirge und mit Sturmböen auf dem Brocken.

In der Nacht zum Freitag ändert sich an dieser Wolken-, Niederschlags- und
Windverteilung wenig. Im Südosten kann bei längerem Aufklaren örtlich Nebel
auftreten. Die Tiefstwerte liegen zwischen 11 und 6 Grad.

Modellvergleich und -einschätzung

Die gesamte synoptisch-skalige Entwicklung wird innerhalb der Numerik
einheitlich erfasst. Die einzigen Unschärfen bestehen bei der Randtrog- bzw. im
weiteren Verlauf Kurzwellenpassage. In der Nacht zum Donnerstag findet immerhin
eine Phasenverschiebung von rund 200 km statt (ICON das langsamste, IFS das
schnellste Modell). Diese Unschärfen äußern sich jedoch meist nur durch eine
geringfügige zeitliche Verschiebung der Niederschlagfelder. Ähnliches ist bei
der Bodentiefpassage über dem Osten Deutschlands in Richtung südliche Ostsee zu
erkennen, wobei GFS die langsamste Verlagerung zeigt. Dies wiederum äußert sich
in maximalen (markanten Dauer-) Niederschlägen über dem Nordosten Deutschlands
(Mittwoch und in der Nacht zum Donnerstag). Da dies jedoch bisher eine
Außenseiterlösung darstellt werden diese hohen Mengen (rund 40 l/qm/12h) erstmal
mit Vorsicht behandelt.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Helge Tuschy