S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T ausgegeben am Freitag, den 27.05.2022 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 27.05.2022 um 10.30 UTC

Insgesamt unbeständiger, im Verlauf zu teils kräftigen Gewittern neigender
Wettercharakter, ab Wochenmitte deutlich wärmer.

Synoptische Entwicklung bis zum Freitag, den 03.06.2022

Zu Beginn des mittelfristigen Zeitraums am kommenden Montag wird das Wetter in
Deutschland noch von einem Komplex tiefen Geopotentials über Mittel und
Nordwesteuropa geprägt. Dieser induziert bodennah bei schwachen
Luftdruckgegensätzen eine flache Tiefdruckzone, die sich von Frankreich bis nach
Polen sowie von dem Alpenraum bis zu den Britischen Inseln erstreckt und das
Wetter auch hierzulande unbeständig gestaltet. Vor allem im Bereich der
Höhenkaltluft über die Mitte hinweg simulieren die Modelle zahlreiche Schauer
und auch einzelne Gewitter. Passend dazu wird die Wetterlage noch als zyklonale
Nordlage eingestuft. Alternativ wären auch Hoch Nordmeer zyklonal oder Trog
Mitteleuropa sinnvolle Lösungen. Dabei ist zunächst auch noch die eingeflossene
Luft polaren Ursprungs wirksam, sodass das Temperaturniveau auf 850 hPa etwas
zwischen -2 und +6 Grad liegt.

Schon am Dienstag werden Veränderungen in den Höhen- und Bodenstrukturen
sichtbar. Demnach schwenkt der Langwellentrog über dem Ostatlantik ostwärts in
Richtung Iberische Halbinsel. Gleichzeitig zieht das Höhentief aus der
nördlichen Nordsee Richtung Irland. Die WLA auf der Vorderseite des
Langwellentroges stützt einen Rücken, der sich nach Norden aufbäumt und durch
die Verlagerung des Höhentiefs im Bereich der Britischen Inseln an Amplitude
zulegen kann. Eine Achse reicht dabei vom nördlichen Mittelmeer über
Südfrankreich hinweg in den Golf von Biskaya. Bodennah korreliert der Rücken mit
einer schwachen Hochdruckbrücke, die sich von der Nordsee nach Südosteuropa
erstreckt. Zudem sind in die westliche bis südwestliche Höhenströmung
kurzwellige Anteile eingebettet, die z.B. über Südwestdeutschland ein kleines
Tief induzieren. Ausgehend von einem mächtigen Tiefdruckwirbel, der mit dem
Langwellentrog über dem Ostatlantik korreliert, zieht sich schließlich eine
Luftmassengrenze über das beschriebene kleine Tief hinweg ostwärts, die sich
dabei allmählich nordwärts schiebt. Im Umfeld der Luftmassengrenze werden
Aufgleitniederschläge erwartet, die sich auch über Süddeutschland ausbreiten.

Am Mittwoch verlagert sich die Gesamtstruktur ostwärts. Der Langwellentrog
schwenkt demnach auf die Iberische Halbinsel, während das eingebettete Höhentief
langsam nordostwärts zieht. Dabei steilt sich die Strömung über Westeuropa
weiter auf. Die zunehmende WLA kann den Rücken auf der Vorderseite ebenfalls
stärken, sodass dieser gleichermaßen seine Amplitude vergrößert. Die Achse liegt
schließlich in der Nacht zum Donnerstag etwa vom Alpenraum bis in die Nordsee.
Bodennah stützt der Rücken ein Hoch über dem östlichen Mitteleuropa. Der Trog
korreliert seinerseits mit einer breiten Tiefdruckzone über West und
Südwesteuropa mit Drehzentren über Nordwestfrankreich und dem Ostatlantik. Auf
der Ostflanke wird dabei sehr warme Subtropikluft nordwärts transportiert. Die
entsprechende Warmfront kommt auch hierzulande nordwärts voran und soll in der
Nacht zum Donnerstag nach IFS etwa über der Mitte des Landes liegen. Da der
Rücken in der Höhe noch dämpfend wirkt, sind die Niederschlagshinweise im Umfeld
der Front eher schwach. Die Temperaturunterschiede innerhalb von Deutschland
fallen aber schon markant aus. Demnach stehen in 850 hPa den 5 Grad in
Nordfriesland 21 Grad am Hochrhein gegenüber.

Am Donnerstag schwenkt die Achse des Rückens schließlich über Deutschland
hinweg, sodass das Land vollständig auf die Trogvorderseite in eine stramme
südwestliche Grundströmung gelangt. Das zum Langwellentrog mit seinen zwei
Drehzentren gehörende Bodentief verlagert sich mit der Höhenströmung über die
südwestliche Nordsee bis vor Dänemark und pumpt auf seiner Ost- Südostflanke
weiter warme, teils heiße Luft aus Südeuropa nordwärts. Deutschland liegt zur
Wochenmitte somit komplett im Warmsektor des Tiefs, sodass in 850 hPa von Nord
nach Süd Temperaturen zwischen 12 und 23 Grad zu verzeichnen sind. Während der
Südosten des Landes zunächst noch vom antizyklonalen Einfluss des Rückens
profitiert, sodass dort nur vereinzelt bevorzugt durch Orografie induziert
konvektive Niederschläge möglich sind, sorgt im Norden und Westen sowie Teilen
der Mitte PVA zusammen mit bodennahem Hebungsanterieb und teils konvergenten
Strömungsstrukturen für eine auflebende Schauer- und Gewittertätigkeit.

Am Freitag ändert sich zu den Strukturen am Donnerstag sowohl in der Höhe als
auch in Bodennähe fast nichts. Deutschland liegt weiter unter einer
südwestlichen Höhenströmung im Bereich schwacher Luftdruckgegensätze am Boden.
Die Luftmassengrenze tangiert allenfalls den äußersten Norden und zieht sich
dabei nach IFS etwa vom Baltikum über Schleswig-Holstein und die ostfriesische
Küste entlang bis nach Ostfrankreich. Demnach ist in weiten Teilen des Landes
noch die warme Subtropikluft mit Werten zwischen 11 und 23 Grad in 850 hPa
wetterwirksam. Demnach muss durch PVA, konvergenten Bodenströmungen sowie
diabatischen Antrieben nahezu im ganzen Land erneut mit teils kräftigen Schauern
und Gewittern gerechnet werden.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die großskaligen Geopotential- und Luftdruckfelder werden vergleichbar
abgebildet. Vor allem zum gestrigen 12 UTC-Lauf des IFS zeigt die aktuelle
Berechnung eine gute Übereinstimmung.

Zum gestrigen 00-UTC-Lauf sind jedoch signifikante Abweichungen zu erkennen.
Demnach verlagert sich einerseits das Höhentief über Nordeuropa nach Westen und
bildet dort mit dem Kern des weiter nach Osten amplifizierten Langwellentrog ein
Dipolduo. Die WLA auf der Vorderseite stützt gleichzeitig das mächtige Aufbäumen
eines Rückens über Mitteleuropa. Deutschland gelangt im Gegensatz zu den
Ergebnissen des letzten 00-UTC Laufes rasch auf die Trogvorderseite in eine
kräftige südwestliche Höhenströmung. Bodennah korreliert der Trog mit einem Tief
über der Iberische Halbinsel, dessen Einflussbereich bis nach Deutschland reicht
und einen Ableger über Benelux gen Nordsee schickt. Dabei soll nach derzeitigem
Stand des IFS ab Mittwoch von Süden eine Warmfront auf das Land übergreifen. Der
Donnerstag und Freitag würden dann im Warmsektor und somit im Zustrom von sehr
warmer Subtropikluft ganz im Zeichen von Konvektion stehen. Der im gestrigen
00-UTC-Lauf geführte Kurzwellentrog am Mittwoch ist wie auch die nordwestliche
Strömung zum Ende der Woche in den aktuellen Läufen nicht mehr vorhanden.

Zusammenfassend kann für das Wetter in Deutschland nicht von einer konsistenten
Vorhersage gesprochen werden. Die verschobenen und leicht abweichenden
Strukturen haben signifikante Auswirkungen.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Bis einschließlich Mittwoch stützen alle betrachteten Globalmodelle (ICON, GFS,
GEM, UKMO, etc.) die Berechnungen des aktuellen IFS-Laufes. Ab Donnerstag nehmen
die Abweichungen unten den Modellen jedoch zu, wenngleich die Grundstruktur
vergleichbar bleibt. Das deutsche ICON bleibt auf einem ähnlichen Pfad wie das
IFS, zeigt jedoch einen etwas kräftigeren und noch leicht nach Osten
verschobenen Trog. Das GFS lässt das Drehzentrum des Troges sowie das
korrelierende Bodentief in die Nordsee wandern, sodass der Trog nach Süden an
Amplitude verliert, die Strömung weniger steil ausfällt und der Wind am Boden
langsam auf West dreht. Dies macht sich auch bei den Temperaturen bemerkbar.
Während Deutschland beim ICON analog zum IFS komplett im Warmsektor verbleibt,
schiebt beim GFS schon ab Donnerstagabend rückseitig einer Kaltfront von Westen
kühlere Meeresluft ins Land.
Zudem hat das GFS am Dienstag noch einen markanten Kurzwellentrog im Programm,
den in diesem Maße weder das ICON noch das IFS simulieren. Entsprechend sind
nach Leseart des GFS schon am Dienstag nahezu landesweit konvektive
Niederschläge zu erwarten. Das UKMO stützt das IFS über den gesamten Zeitraum
mit vergleichbaren Geopotential- und Luftdruckverteilungen. Auch das GEM liegt
dem IFS und dem ICON näher als dem GFS.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die Rauchfahnen verschiedener Städte über Deutschland verteilt zeigen bei einem
geringen Spread für die Temperatur in 850 hPa und dem Geopotential in 500 hPa
bis einschließlich Montag eine hohe Vorhersagegüte. Ab Dienstag nehmen die
Unsicherheiten zu. Bis Mittwoch wird dabei der Temperaturanstieg zeitlich und
teils in der Stärke verschieden dargestellt. Der Haupt- und Kontrolllauf liegen
recht mittig im ENS.
Ab Donnerstag ist der ENS-Raum sehr weit aufgespannt. Bei Spreads von 16 Grad
bei der Temperatur und rund 15 hPa ist kaum eine seriöse Vorhersage mehr
möglich. Einigkeit besteht bei den meisten Member nur im unbeständigen
Wettercharakter.

Auch bei den Clustern zeigt sich bis einschließlich Dienstag, also im Zeitraum
+72 bis +96h, noch Einigkeit. Insgesamt werden zwar drei Muster benötigt, um
alle Unsicherheiten im Geopotential- und Luftdruckfeld ausreichend zu erklären,
dabei werden aber alle Cluster dem Schema einer negativen NAO zugeordnet. Die
Unterschiede im Detail sind ebenfalls eher gering, aber für das Wetter in
Deutschland nicht völlig unwichtig. Unsicherheiten gibt es nämlich vor allem bei
den Höhentiefs und deren Lage bzw. Stärke. Während sich der Kontrolllauf im
ersten Cluster wiederfindet und dabei das stärkste Höhentief über den Britischen
Inseln stützt, wird der Hauptlauf in das zweite Cluster einsortiert.
Im Zeitraum von +120 bis +168h beschreiben weiter drei Cluster die
Unsicherheiten im ENS-Raum des IFS. Diese sind zunächst auch noch dem Schema
einer negativen NAO zugeordnet, wechseln aber zum Ende des Zeitraums zum
Blocking oder wie bei Cluster 3 zur positiven NAO. Auch in diesem Zeitraum
liegen die wesentlichen Abweichungen im Detail. Demnach sind die größten
Unterschiede bei der Verlagerung und Intensität des Troges über Westeuropa sowie
des Drehzentrums zu verzeichnen. Bei Cluster 1 mit dem Kontrolllauf verlagert
sich das Höhentief am schnellsten nordostwärts, sodass der Trog hier am
stärksten an Amplitude verliert. Dabei wird aber nahezu ganz Deutschland von
zyklonalen Verhältnissen geprägt. Damit kommt diese Lösung der GFS-Version am
nächsten. Allerdings bleibt beim IFS-Cluster noch die Südwestströmung bestehen.
Cluster 3 zeigt das stärkste Höhentief und somit auch den markantesten Trog. Die
Strömung ist somit hier am stärksten ausgeprägt. Cluster 2 mit dem Hauptlauf
stellt eine Mittellösung zu den anderen Clustern dar.
In der erweiterten Mittelfrist im Zeitraum von +192 bis +240h werden vier
Cluster gezeigt. Während Cluster 1 zu Beginn das Schema einer positiven NAO
abbildet, um dann einen atlantischen Rücken aufzubauen, zeigen alle anderen
Cluster ein Blocking. Damit aber schon genug Gemeinsamkeit. Im Detail
unterscheiden sich die Cluster sehr stark, sodass eine genaue Vorhersage nicht
möglich ist. Dabei hängt alles an dem Höhentief, dessen Verlagerung und
Intensität. Auch das Wetter hierzulande ist von diesem beeinflusst.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Der EFI zeigt ab Mittwoch vor allem in der Südhälfte Deutschlands bezüglich des
Modellklimas überdurchschnittliche Temperaturen. Ansonsten sind keine vom
Modellklima signifikant abweichende Ereignisse zu verzeichnen.

Auch die Probabilstik zeigt bisher kaum Hinweise auf markante Ereignisse. Der
Wind bleibt abseits von auflebender Konvektion in der zweiten Wochenhälfte
schwach.

Bei den Niederschlagsmengen gibt es vom IFS-EPS ab Mittwochabend regional,
inhomogen verteilt, Signale von 10% für Mengen über 25 l/m²/12h. Dies kann
zumindest als erster Hinweis angesehen werden, dass die auftretenden Gewitter
Starkregenpotential in kurzer Zeit und mehrstündig aufweisen. Details sind mit
der groben Auflösung der Globalmodelle aber hier nicht vorherzusagen.

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS-EPS, ICON-EPS, TT anfangs MosMix

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Lars Kirchhübel