Thema des Tages

Wie Dürre Gewittern in die Hände spielen kann

Gewitter gehen mit diversen Begleiterscheinungen einher. Wie heftig
diese ausfallen, hängt oft auch von der meteorologischen
„Vorgeschichte“ ab. Lange Trockenheit kann diese Begleiterscheinungen
oft noch verschärfen.

Gewitter sind im Sommer ein gewohntes Phänomen. Sturm, Starkregen und
Hagel gehören dabei zu den gängigen Begleiterscheinungen und können
mal mehr und mal weniger heftig ausfallen. Welches dieser Phänomene
in welcher Intensität auftritt; diese Frage ist mitunter gar nicht
einfach zu beantworten, denn dabei greifen ziemlich viele
meteorologische Zahnrädchen ineinander, verwoben in einem komplexen
Zusammenspiel. Grundlegend erforderlich sind ein gewisses Maß an
Luftfeuchte, Labilität der Luftmasse und Hebungsantrieb, der die
Labilität zur Entfaltung kommen lässt (siehe zum Beispiel auch Thema
des Tages vom 9. Mai 2021). Nicht notwendig, aber verschärfend, ist
zusätzlich noch die Scherung. Damit wird die Geschwindigkeits- und
Richtungsänderung des Windes mit der Höhe quantifiziert. Es gilt: Je
größer die Windscherung, desto „organisierter“ die Gewitter, und
desto intensiver etwaige Begleiterscheinungen.

Doch wann fällt welche Begleiterscheinung wie heftig aus? Das hängt
zunächst einmal von den Umgebungsbedingungen ab, in denen sich ein
Gewitter entwickelt. Dabei spielen die bereits erwähnte Feuchte und
die Windscherung die wichtigste Rolle. Je feuchter die Luft ist und
je geringer die Scherung, desto kräftiger ist der Starkregen und
desto langsamer bewegt sich eine Gewitterzelle. In einem solchen Fall
herrscht hohe Starkregen- und damit Überflutungsgefahr. Bei hoher
Windscherung rücken dann mögliche Sturm- oder Orkanböen eher in den
Mittelpunkt. Oft spielt Starkregen dann keine so große Rolle mehr,
weil die Zelle sich schneller bewegt und damit nicht mehr so viel
Niederschlag an Ort und Stelle abladen kann. Aber auch hier gilt:
Ausnahmen bestätigen die Regel. Hohe Windgeschwindigkeiten in der
Höhe können bei neutral oder labil geschichteter Luftmasse
„heruntergemischt“ werden, wie der Synoptiker dazu sagt. Der
dahinterstehende physikalische Mechanismus nennt sich „Vertikaler
Impulstransport“. Wie gut dieses „Herabmischen“ funktioniert, hängt
dabei wiederum viel von der Feuchte in den untersten Luftschichten ab

  • der sogenannten Grenzschicht. Oft werden hier die untersten 1 bis 2
    Kilometer betrachtet. Je trockener und labiler diese Grenzschicht
    ist, desto besser können etwaige Böen zum Boden transportiert werden.
    Ist die Grenzschicht dagegen feucht, funktioniert das Herabmischen
    nicht mehr so gut.
    Ein weiterer Faktor ist die Niederschlagsverdunstung, wenn ein
    Gewitter über eine trockene Grenzschicht zieht. In der trockenen Luft
    in Bodennähe verdunstet der Regen und kühlt dabei die Umgebungsluft
    weiter ab. Dadurch wird diese „schwerer“ beziehungsweise dichter und
    „fällt“ nach unten. Wind- und Sturm-, mitunter sogar Orkanböen sind
    dann das Ergebnis.

Dies ist nun die Stelle, wo langanhaltende Trockenheit ins Spiel
kommt. Sie sorgt oft auch für eine entsprechende Austrocknung der
Grenzschicht, da im Boden kaum noch Wasser vorhanden ist, welches
verdunsten und so die Grenzschicht anfeuchten kann. Dadurch erhöht
sich automatisch die Gefahr für heftige Windböen. Gleichzeitig ist
oft die belaubte Vegetation ausgetrocknet und brüchig. Damit besteht
zusätzlich ein hohes Risiko für gefährlichen Ast- und Baumbruch.
Fällt Starkregen, kann der ausgetrocknete Boden das Wasser kaum noch
aufnehmen. Somit erhöht sich wiederum zusätzlich die Erosions- und
Überflutungsgefahr.

Man kann also erahnen, wie hier verschiedene Umweltfaktoren Einfluss
auf andere nehmen und wie komplex das Zusammenspiel aller dieser
Faktoren ist. Diese Situationen gilt es, bei jeder neuen Gewitterlage
individuell zu beurteilen und entsprechend zu bewarnen. Entsprechend
anspruchsvoll ist mitunter der Job des Vorhersagemeteorologen.

M.Sc. Felix Dietzsch
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 25.07.2022

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