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Thema des Tages

Lawinenkunde Teil 1 – Gefahren und Prävention

Der erste Teil der mehrteiligen Lawinenkunde beschäftigt sich mit allgemeinen Voraussetzungen und Prävention rund um die „weiße Gefahr“, die jeden Winter in den Alpen droht.

Für viele Wintersportler aus dem Flachland beginnt im Januar die Skisaison und erreicht Anfang Februar für die meisten im Februar mit dem Start der Winterferien ihren Höhepunkt. Doch bei aller Freude auf die weiße Pracht bei den rasanten Abfahrten auf den alpinen Skipisten oder den anspruchsvollen Skitouren sollte die Gefahr, die besonders abseits der Pisten durch Lawinenabgänge droht, nicht unterschätzt werden.

Im Schnitt werden in jedem Winter sowohl in den schweizer als auch österreichischen Alpen etwa 25 Tote durch Lawinenunglücke gezählt. So wurden im letztjährigen schneereichen Winter 2018/2019 in der Schweiz 25 und in Österreich 19 Lawinentote erfasst. Und auch in diesem Winter forderte beispielsweise eine Lawine im Schnalstal in Südtirol, die tragischerweise auf die Teufelsegg-Piste niederging, das Leben einer Frau und zwei junger Mädchen.
Doch was definiert überhaupt eine Lawine? Welche Voraussetzungen braucht es zur Entstehung von Lawinen? Welche Arten von Lawinen gibt es überhaupt? Welche Prozesse finden innerhalb einer Schneedecke statt? Auf diese Fragen zur Schnee- und Lawinenkunde soll es in den nächsten zwei Wochen in einer mehrteiligen Reihe Antworten geben.

Es gibt vier primäre Faktoren, die die Lawinensituation direkt beeinflussen und die in aller Regel in direktem Zusammenhang stehen und stets variieren. Dazu zählen die Schneeverhältnisse, das Wetter, das Gelände und der Mensch. Das komplexe Zusammenwirken dieser Faktoren gilt es durch die Lawinenwarndienste bei der Beurteilung der Lawinengefahr zu berücksichtigen.

Generell unterscheidet man zwischen einem Schneerutsch und einer Lawine. Dabei spricht man ab raschen Schneebewegungen über einer Länge von 50 Metern und einem Volumen von 500 m3 von einer Lawine, darunter von einem Schneerutsch. Das bedeutet, es muss sich genügend Schnee in einem ausreichend steilen, oft vegetationsarmen Gelände ansammeln und in Bewegung geraten. Eine Hangneigung von mindestens 30° ist in aller Regel notwendige Voraussetzung.

Aber auch der Aufbau einer Schneedecke, die sich meist aus mehreren Schichten zusammensetzt, ist entscheidend für die Lawinenlage. Die vorhandenen Schneedecken werden während verschiedener
Niederschlagsereignisse aufgebaut. Jede dieser Schichten besitzt dabei unterschiedliche Eigenschaften durch die meteorologischen Bedingungen während ihrer Entstehung. Einige Schichten wurden zum Beispiel bei kalten Temperaturen durch lockeren Pulverschnee gebildet, andere sind porös durch starke Winderosion. Außerdem finden zwischen den verschiedenen Schichten stets Umwandlungsprozesse (Metamorphosen) statt. Umso unterschiedlicher die Eigenschaften der Schichten sind, desto instabiler ist der gesamte Schneedeckenaufbau.

Damit aber eine Lawine entsteht, braucht es noch einen Auslöser. Das kann eine plötzliche Zusatzbelastung sein – z.B. durch Skifahrer, Tourengeher, Schneeschuhwanderer. Aber auch Tiere oder ein Felssturz können Auslöser sein. Zusätzlich können natürliche Prozesse Initialzünder für Lawinen sein wie durch einen langsamen und stetigen Anstieg des Gewichts durch Schneefall, Regen oder eine starke Durchfeuchtung der Schneedecke durch Sonneneinstrahlung.

Lawinen sind vor allem im freien Gelände, d.h. abseits von Pisten oder Skirouten, eine Gefahr für Ski- und Snowboardfahrer sowie für Tourengänger. Dabei sorgen Mitreiß- und Absturzgefahr bei vielen Lawinenopfern für schwere Stürze und sorgen u.a. oft für Verletzungen an der Halswirbelsäule. Doch als häufigste Todesursache von Lawinenopfern gelten die Gefahren von Erstickung und Unterkühlung nach der Verschüttung durch die teils enormen Schneemassen. Neben der Verstopfung der Atemwege können die Schneemassen einen enormen Druck auf den Brustkorb des Verschütteten ausüben. So kann alleine 1 m³ Lawinenschnee eine Masse von 200-800 kg erreichen. Zudem besteht ohne eine ausreichend große Atemhöhle nur eine geringe Überlebenschance. So fällt der Sauerstoffanteil durch die Atmung schnell ab und eine lebensbedrohliche CO2-Vergiftung droht, die innerhalb weniger Minuten zu irreparablen Gehirnschädigungen oder zum Gehirntod führen kann. Eine schnelle Rettung innerhalb weniger Minuten ist daher
unabdingbar, denn nach 15 Minuten sinkt die Überlebensrate drastisch. Rund 46 % der Lawinenopfer sterben an Erstickung.

Ist eine ausreichend große Atemhöhle vorhanden, dann beginnt nun der Wettlauf gegen die Zeit. Denn bereits ab 35 Minuten
Verschüttungsdauer kann die Unterkühlung durch die niedrigen Temperaturen innerhalb der Schneemasse bereits ein kritisches Level erreichen.

Um lebensbedrohliche Situationen möglichst zu vermeiden, empfiehlt es sich daher vor dem Aufbruch ins offene Gelände den Lawinenbericht unbedingt aufmerksam zu studieren und funktionsfähige
Lawinenausrüstung mitzuführen. Derzeit herrscht in den Bayerischen, Tiroler und Schweizer Alpen verbreitet eine geringe Lawinengefahr (Links unter diesem Text). Nur vereinzelt kann es zu
Selbstauslösungen von Gleitschneelawinen und durch große
Zusatzbelastung zu Schneebrettlawinen kommen.

In der Fortsetzung am kommenden Montag widmen wir uns genauer den Umwandlungsprozessen innerhalb der Schneedecke und welche teils negativen Auswirkungen diese auf die Lawinenbildung haben können. Daran anknüpfend sollen in weiteren Teilen die verschiedenen Lawinenarten: Schneebrett-, Locker-, Gleitschnee- und Staublawine detaillierter vorgestellt werden.

M.Sc. Sebastian Altnau
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 14.01.2020

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