#DWD -> SYNOPTISCHE UEBERSICHT MITTELFRIST Sonntag, den 06.06.2021 um 10.30 UTC

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Sonntag, den 06.06.2021 um 10.30 UTC

Zunehmende Wetterberuhigung und sommerlich warm.

Synoptische Entwicklung bis zum Sonntag, den 13.06.2021

Die Mittelfrist (Mittwoch, der 9. Juni bis Sonntag, der 13. Juni) verläuft, wie
bereits gestern dargestellt, vergleichsweise überschaubar.

Die variablen Oszillationen und Indizes haben sich zu gestern kaum verändert mit
einer recht inaktiven MJO in Phase 7, einer NAO, die trotz einiger positiver
Ausreißer eher um die Nulllinie oszilliert (und insgesamt nach „unten“ gedrückt
wurde) sowie einer positiven AO, die es die Mittelfrist auch durchweg bleiben
sollte. In den Tropen sind momentan auch keine außertropischen Umwandlungen bzw.
Tropenstürme zu berücksichtigen.

Weiterhin ist in den Vorhersagen der kräftige Rossby-Wellenzug (RWZ, engl. RWT)
zu erkennen, der sich momentan über dem pazifisch-kanadischen Sektor nach Osten
in Richtung Nordatlantik bewegt und dort zum Ende dieser Mittelfrist eintreffen
soll. Dabei baut sich laut des Zeit-Längengrad Diagramms vom EZMW eine imposante
Geopotenzialanomalie des Ensemblemittels um den Nullmeridian auf, die sich real
in Form einer umfangreichen Subtropenhochdruckzelle über Nordwestafrika äußert.
Diese wandert während der Mittelfrist allmählich retrograd in Richtung
Ostatlantik und beschert der westlichen Mittelmeerregion wenigstens phasenweise
nun immer heißere Bedingungen.
Die gestern angesprochene stehende Welle bei rund 30/40 Grad Ost, die im Mai
2021 vom Nahen Osten bis nach Kasachstan und Russland erhebliche positive
Temperaturabweichungen (u.a. 2m, 850 hPa etc.) mit Höchstwerten im Nahen Osten
von teils 40 bis über 50 Grad gebracht hatte bzw. noch bringt, wird nach IFS
(und auch GFS) nun im Verlauf der Mittelfrist aktiver/barokliner und beginnt
sich allmählich etwas nach Osten zu verlagern – dies aber wohl erst ab Mitte
Juni. Dennoch ein Zeichen, dass der von Westen einlaufende RWZ doch recht
intensiv ausfällt und ja – die in diesen Regionen teils beobachtete Rekordhitze
wird nun allmählich etwas gedrückt/abgeschwächt, wenngleich sich dieses
Grundmuster in den „extended forecasts“ des IFS leider ab Mitte Juni erneut
(allerdings abgeschwächt) andeutet.

Ein weiterer, für uns interessanter Aspekt ist der, dass Anfang Juni im
Grenzbereich USA/Kanada eine ungewöhnlich heftige Hitzewelle mit unzähligen
neuen Rekordwerten auftrat, die aktuell allmählich beendet wird. Diese sehr
höhenmilde Luftmasse (z.B. Glasgow, Montana mit Temperaturwerten von zeitweise
nur etwas unter dem Gefrierpunkt in 500 hPa) wird nun im Zuge des RWZ nach Osten
advehiert und sorgt während der Mittelfrist vom Nordostatlantik bis zeitweise
nach Skandinavien reichend für anormal hohes Geopotenzial (Keilaufwölbung).
Dieser Keil tritt zudem zeitweise in Verbindung mit der positiven Anomalie über
Nordwestafrika.

Grundsätzlich also ein sehr schönes Blockierungsmuster über dem Atlantik.
Allerdings nimmt die Baroklinität in der oberen Troposphäre mit Advektion der
höhenmilden Luftmasse ebenso rasch zu (von aktuell klimanormalen Werten der
Windgeschwindigkeit im 250 hPa Niveau über dem Nordostatlantik auf 1 bis 3 Sigma
(plus) zum Modellklima). Diese Wellendynamik und zahlreiche Bruchstellen in der
Keilachse machen spätestens die erweiterte Mittelfrist spannend/sehr unsicher,
wann und wo welcher Trog wie weit nach Süden ausgreifen kann.

Wie verläuft nun aber unsere Mittelfrist in Deutschland? Dabei wird der det.
Lauf bis einschließlich Freitag stark gewichtet, bevor in der Folge eher auf das
Ensemblemittel gewechselt wird, da der Haupt- und Kontrolllauf bei der 2m/850hPa
Temperatur am obersten Ende der Ensembleschar liegen und sich beim Geopotenzial
(Rauchfahne) eher im oberen Mittelfeld einordnen. Sprich, der Hauptlauf ist ab
dem Wochenende im Vergleich zum Ensemble sehr optimistisch bezüglich des
sommerlichen Wetters.

Am Mittwoch überwiegt im Osten und Süden noch die feucht-labile Luftmasse mit
zahlreichen Schauern und Gewittern inklusive anhaltendem Starkregenpotenzial.
Von Nordwesten sickert jedoch bereits eine etwas stabiler geschichtete marine
Atlantikluft ein, sodass der Tag dort freundlich verläuft.

Nach einer Nacht mit häufigem Nebel gestaltet sich der Donnerstag recht ähnlich,
wenngleich die die Schauer und Gewitter im Süden bezüglich Häufigkeit weiter
zurückgehen bzw. schwächer ausfallen. Punktuell muss bei Gewittern weiterhin mit
Starkregen gerechnet werden. Ansonsten wird es ein freundlicher Tag, wenngleich
es unterhalb einer Inversion im mittleren Bereich der Troposphäre (höhenmilde
Luftmasse vom Atlantik) dem Tagesgang folgend kräftig quellen wird bzw. im
Norden auch immer wieder WLA Gewölk durchzieht. Dank der hoch gelegenen
Inversion kann sich auch im Norden/Westen von Deutschland hier und da ein
kurzer, an die Orografie gebundener Schauer entwickeln.

Am Freitag ändert sich wenig, wenngleich die Inversion auf rund 3km AGL absinkt.
Daher quillt es sicherlich erneut sehr eifrig, doch insgesamt nimmt die
Schauergefahr weiter ab – meist bleibt es trocken. Davon ausgenommen sind
Sachsen und der Alpenrand, wo einzelne Schauer und Gewitter auftreten können.

Samstag und Sonntag würden nach dem det. Lauf unter Hochdruckeinfluss freundlich
bis sonnig und abgesehen von einem orografisch forcierten Gewitterrisiko trocken
verlaufen mit sommerlichen, teils auch hochsommerlichen Höchstwerten. Aber wie
gesagt, die Entwicklung der Wellen entlang der Frontalzone diktiert, wie lange
der hohe Druck vorherrscht – um es vorweg zu nehmen, mindestens 65% der Member
des IFS-EPS sehen es deutlich pessimistischer.

Die Höchstwerte verbleiben im sommerlichen Bereich und mit diesem Lauf wäre am
Oberrhein zum Wochenende auch die eine oder andere 30 Grad-Meldung nicht
ausgeschlossen. Am Mittwoch und Donnerstag kann es im Osten unter viel Gewölk
auch kaum über die 20 Grad hinausgehen. Die Tiefstwerte verbleiben meist im
zweistelligen Bereich.

In der erweiterten Mittelfrist deutet sich allmählich eine
dynamischere/progressivere Lage mit von Westen nahenden Trögen an, doch sind zum
aktuellen Zeitpunkt die Modellunsicherheiten zu groß, als dass man sich auf ein
Szenario festlegen könnte.

Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs

Die vergangenen beiden Läufe des IFS zeigen mittlerweile recht einheitliche
Lösungen und zwar in Form eines umfangreichen Keils, der sich über Mitteleuropa
aufbauen soll.
Ein Trog, der zum Freitag Mitteleuropa überqueren sollte (00Z Lauf vom 5. Juni)
ist mittlerweile in den beiden letzten Läufen nicht mehr vorhanden. Stattdessen
baut sich ein umfangreicher Keil auf, sodass diese Mittelfrist vergleichsweise
ruhig verläuft. Dennoch muss man weiterhin mit variabler Gewittertätigkeit
inklusive lokalem Starkregen rechnen – besonders zum Beginn der Mittelfrist im
gesamten Osten.

Vergleich mit anderen globalen Modellen

Die anderen Globalmodelle befinden sich da weniger im Einklang. Bereits am
Donnerstag zeigt GFS einen deutlich schwächer ausgeprägten Keil als ICON/IFS mit
einer zyklonal geprägten Höhenströmung im Nordosten. Daher belässt GFS bis weit
in den Tag hinein noch viele Schauer/Gewitter im gesamten Osten Deutschlands,
während sich ICON/IFS tendenziell eher auf die Region südlich der Donau
konzentrieren.

Zum Freitag etabliert sich jedoch auch bei GFS der Keil soweit, dass auch hier
von einer durchgreifenden Wetterberuhigung gesprochen werden kann. Dennoch fällt
die Schichtdicke im Vergleich zu IFS/ICON niedriger aus, sodass GFS (neben dem
Grenzschicht bias der Feuchte) nicht unbegründet weitere Gewitter im Osten
andeutet.

Ab dem Samstag macht sich die angesprochene unsichere Entwicklung der
Wellendynamik sehr deutlich bemerkbar. GFS lässt einen Langwellentrog über
Skandinavien bis nach Nordostdeutschland ausgreifen und lenkt eine Kaltfront
nach Deutschland. ICON sieht dies deutlich westlicher über England und auch
schwächer (da näher am Geopotenzialmaximum des Keils gelegen), während IFS eine
mächtige Höhenantizyklone über West-/Mitteleuropa aufbläht.
Die Diskrepanzen dauern auch am Sonntag weiter an mit teils deutlich mehr als 5
Kelvin Unterschied in 850 hPa über Deutschland.

Schaut man sich die Konsistenz der jeweiligen Modelle an, so fällt die daraus
gewonnene Erkenntnis eher ernüchternd aus. Mit dem jüngsten GFS Lauf kommt es zu
einer markanten Wellenverschiebung über Nordeuropa im Vergleich zu den beiden
Vorläufen. Statt eines Keils über der Ostsee thront nun zum Wochenende in
demselben Gebiet ein markanter Trog. Persistenz sieht anders aus. Schaut man
sich die Einzelmember und da die durchschnittliche Anomalie des 500 hPa
Geopotenzials für Samstagabend an, so erkennt man, dass der det. Lauf des GFS
ein Ausreißer ist. Andere Member zeigen meist deutlich schwächere Lösungen bzw.
einen weiterhin vorherrschenden Keil. Die Standardabweichung (500 hPa
Geopotenzial) ist mit Blick auf Europa in dieser Region maximal. Es verwundert
auch nicht, denn die Advektion höhenmilder Luftmassen von Nordamerika wird auch
in diesem Ensemble noch schwer erfasst. Mittlerweile liegt im Ensemble die
Wahrscheinlichkeit für Temperaturwerte in 500 hPa über -10 Grad bei
beeindruckenden 70% (über England/Schottland und Irland)! Dass diese
Warmanomalie Auswirkungen auf das downstream development hat ist
nachvollziehbar.

ICON und IFS sind da in sich momentan konsistenter, da beide den nach
Skandinavien gerichteten Keil ähnlich intensiv zeigen, aber auch hier gibt es
teils erhebliche Lauf-zu-Lauf Diskrepanzen bezüglich der von Westen einlaufenden
Wellen.

Fazit: Es wird auch in naher Zukunft sicherlich innerhalb der Numerik weitere
Sprünge geben, solange die Dynamik des RWZ noch nicht richtig erfasst wurde. Vom
Grundmuster allerdings (kräftige positive Geopotenzialanomalie über dem
Ostatlantik und der zunehmenden Dynamik im Nordatlantik) würde mich ein etwas
progressiveres Muster in der erweiterten Mittelfrist für Mitteleuropa nicht
verwundern – oder dank der eingespeisten Dynamik ungewöhnlich weit nach Süden
ausgreifende Langwellentröge, was weniger progressive wäre. Es bleiben also
viele Fragezeichen.

Bewertung der Ensemblevorhersagen

Die Cluster weisen während der Mittelfrist erneut einen Überhang des
klimatologischen Regimes „Blockierung“ auf. Dabei nimmt die Anzahl der Cluster
sukzessive von einem auf drei und in der erweiterten Mittelfrist auf 4 zu. Der
Kontrolllauf befindet sich bis zum Wochenende im ersten Cluster, während der
det. Lauf von dem ersten in den zweiten Cluster wechselt und somit in den
Cluster, der zum Wochenende eine kräftige Antizyklone über Mitteleuropa zeigt.
Die Mehrheit der Member (Cluster 1) deuten jedoch einen Trog über Skandinavien
an, was mit GEFS gut bezüglich Lage, weniger gut bezüglich der Intensität
übereinstimmt. Daher wird der zweite Cluster und somit auch der det. Lauf vom
aktuellen IFS-Lauf mit Vorsicht behandelt. Ansonsten findet sich aber in allen
Clustern ein sehr ähnliches Grundmuster wieder.

In der erweiterten Mittelfrist zeigen die vier Cluster variable Lösungen, je
nachdem wie sich die Wellen über Nordwest- und Nordeuropa aufbauen. Von einer
Nordwest- bis Südströmung ist alles gegeben.

Die Meteogramme in Deutschland zeigen wie gestern kaum eine Änderung der
Tagesamplituden, wobei die Unsicherheiten zum Wochenende rasch und nachhaltig
zunehmen. Das betrifft vor allem den Norden und Osten, die eher peripher der
Keilachse liegen und anfälliger sind für Frontpassagen aus Nord/Nordwest.
Gröbere Niederschlagsereignisse werden keine gezeigt, meist gibt es nur sehr
geringe Ausschläge bei der Memberschar. Das deutet darauf hin, dass selbst bei
Frontpassagen der anderen Ensemblemember (mit kühleren Temperaturwerten) keine
größeren Niederschläge zu erwarten wären. Allerdings werden Gewitter hier
natürlich nicht aufgelöst.
Gewitter und Schauer inklusive Starkregen halten sich im Süden bis in den
Mittwoch, in Richtung Alpen bis zum Donnerstag, bevor das Risiko auch hier
nachhaltig abebbt.
Ein Großteil der Member liegt in der Rauchfahne des 500 hPa Geopotenzials
unterhalb des HRES. Diese Member deuten eher eine Fortdauer der aktuellen
gradientarmen Lage an, wenngleich auf einem etwas höhere Niveau und somit
„konvektiv gesehen“ etwas stabiler.
Bei der 850 hPa Temperaturfahne deuten einige IFS-Member einen Kaltluftvorstoß
zum Wochenende an, was jedoch von der Mehrheit nicht getragen wird und, wie oben
angedeutet, noch eher als „Außenseiterlösung“ behandelt wird – wenigstens so
markant und so weit westlich ausgreifend. Dieses Szenario wird aktuell vom
GFS00Z Lauf gestützt, der jedoch ebenfalls im Ensemble des GEFS kaum
Unterstützung findet.

GEFS wurde bereits behandelt. Zum Wochenende nehmen die Unterschiede mit Blick
auf Phasenverschiebung der synoptisch-skaligen Wellen zu, bis dahin verlaufen
beide Ensembles recht homogen.

Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen

Wie bereits gestern zeigt der EFI keine signifikanten Abweichungen vom
Modellklima.
Dennoch muss man anfangs in Verbindung mit den GEWITTERN im Süden und Osten
punktuell mit STARKREGEN (markant/UNWETTERartig) rechnen.
In den Nächten kann zudem gebietsweise NEBEL auftreten.

Basis für Mittelfristvorhersage
IFS, IFS-EPS, GEFS, GFS, ICON und MOSMIX

VBZ Offenbach / Dipl. Met. Helge Tuschy